Die Erschaffung der fiktiven Wirklichkeit und die Macht der organisatorischen Netzwerke

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Die Menschheit hat im Laufe ihrer Entwicklung eine einzigartige Realität erschaffen, die weit über die physische Umwelt hinausgeht. Während andere Lebewesen ausschließlich mit der sie umgebenden Natur und ihren eigenen inneren Empfindungen interagieren, hat der Mensch eine dritte Ebene der Existenz hervorgebracht. Diese Ebene besteht aus gemeinschaftlich geteilten Erzählungen, die das Zusammenleben und die Gestaltung der Erde maßgeblich bestimmen.

Die dreifache Wirklichkeit der menschlichen Spezies

Tiere wie Wölfe oder Menschenaffen bewegen sich in einer doppelten Realität, die einerseits aus objektiven Gegebenheiten wie Bäumen und Flüssen und andererseits aus subjektiven Empfindungen wie Angst und Freude besteht. Die menschliche Spezies bewohnt hingegen eine dreifache Wirklichkeit, in der neben Bäumen und Gefühlen auch Erzählungen über Währungen, Glaubensvorstellungen, Staatsgebilde und Wirtschaftsunternehmen existieren. Im Laufe der Epochen nahm der Einfluss dieser fiktiven Konstrukte stetig zu, während die reine Naturgewalt zurückgedrängt wurde.

Der unaufhaltsame Aufstieg der fiktiven Konstrukte

Es gibt nach wie vor viele Gewässer auf der Erde, und die Menschen werden weiterhin von ihren tiefsten Ängsten und Sehnsüchten angetrieben. Doch die erfundenen Größen haben die Flüsse eingedämmt, genutzt und gelernt, wie man die menschliche Psyche gezielt beeinflusst. Da neue Technologien diese Fiktionen in der Gegenwart noch wirkungsvoller machen, muss man begreifen, wie solche Erzählungen derart an Macht gewinnen konnten. Die Menschen glauben oft, sie würden selbst die Geschichte lenken, doch in Wahrheit kreist das Geschehen um dieses Geflecht aus erdachten Geschichten.

Die Anfänge der gemeinschaftlichen Erzählungen

Die grundlegenden Fähigkeiten der Menschen haben sich seit der Steinzeit kaum verändert, und das Geflecht aus Geschichten ist immer stärker geworden. Alles begann vor etwa 70000 Jahren, als eine kognitive Entwicklung es ermöglichte, über Dinge zu sprechen, die nur in der Vorstellung existierten. In den folgenden 60000 Jahren flochten die Menschen zahlreiche fiktive Netze, die jedoch klein und lokal begrenzt blieben. Der Geist eines verehrten Ahnen war bei den Nachbarn völlig unbekannt, und Muscheln, die an einem Ort wertvoll waren, verloren ihren Wert, sobald man die nächste Bergkette überquerte.

Die Grenzen der steinzeitlichen Kooperation

Diese frühen Erzählungen über Ahnengeister und wertvolle Muscheln verschafften einen enormen Vorteil, weil sie Hunderten oder sogar Tausenden von Individuen eine effektive Zusammenarbeit ermöglichten. Solange die Menschen jedoch Jäger und Sammler blieben, konnten sie nicht wirklich massenhaft kooperieren, denn es war unmöglich, eine Stadt allein mit dem Sammeln von Nahrung zu ernähren. Folglich waren die Geister und Dämonen der Steinzeit relativ schwache Wesenheiten, die keine großen Reiche steuern konnten.

Die landwirtschaftliche Wende und ihre Folgen

Die landwirtschaftliche Revolution, die vor ungefähr 12000 Jahren begann, lieferte die erforderliche materielle Grundlage, um die gemeinschaftlichen Netzwerke zu vergrößern. Der Ackerbau ermöglichte es, Tausende von Personen in dicht besiedelten Städten und unzählige Soldaten in disziplinierten Heeren zu versorgen. Doch dann standen die fiktiven Geflechte vor einer neuen Hürde, denn die frühen Bauern mussten sich auf die Datenverarbeitungsfähigkeiten des menschlichen Gehirns verlassen, welche recht begrenzt waren.

Die Götter der Antike als frühe Wirtschaftsunternehmen

Die Bauern glaubten an Geschichten über große Götter, für die sie Tempel errichteten, Feste abhielten und Opfer darbrachten. In den ersten Städten im antiken Sumer vor rund 6000 Jahren waren die Tempel nicht nur Zentren der Verehrung, sondern auch die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Knotenpunkte. Die Götter erfüllten eine ähnliche Funktion wie moderne Marken und Konzerne, denn sie waren fiktive Rechtspersonen, die über Eigentum verfügten, Kredite vergaben und Arbeiter beschäftigten.

Die Anhäufung von Macht durch unsterbliche Fiktionen

Da die Götter nie starben und keine Kinder hatten, die sich um das Erbe streiten konnten, häuften sie immer mehr Besitz und Macht an. Eine zunehmende Zahl von Sumerern stand nun in Diensten dieser Fiktionen, bestellte deren Land und zahlte Abgaben. So wie in einer modernen Stadt der eine Angestellte für ein großes Suchmaschinenunternehmen arbeitet und die Nachbarin für einen Softwarekonzern, so war in der Antike der eine Diener des Gottes Enki, während die andere für die Göttin Inanna tätig war.

Die Grenzen der menschlichen Verwaltung

Natürlich betrieben die Götter ihre Geschäfte nicht selbst, da sie nur in der Fantasie existierten, sondern die Priester wickelten die alltäglichen Aktivitäten ab. Doch als die Götter immer mehr Besitz bekamen, konnten die Priester nicht mehr mithalten, da sie als fehlbare Sterbliche Mühe hatten, alle Ländereien und Schulden im Kopf zu behalten. Dies war einer der Hauptgründe, warum sich die Kooperationsnetzwerke in Sumer selbst Jahrtausende nach der landwirtschaftlichen Revolution nicht weiter ausdehnen konnten.

Die Erfindung der Schrift und des Geldes

Dieses Hindernis wurde vor rund 5000 Jahren aus dem Weg geräumt, als die Sumerer sowohl die Schrift als auch das Geld erfanden. Diese beiden Erfindungen durchbrachen die Schranken, die dem menschlichen Gehirn bei der Datenverarbeitung gesetzt waren. Schrift und Geld machten es von nun an möglich, von Hunderttausenden Menschen Abgaben einzutreiben, komplexe Verwaltungen aufzubauen und riesige Reiche zu gründen.

Der Pharao als lebendige Marke

In den sumerischen Reichen wurden die Königreiche im Namen der Götter von menschlichen Priesterkönigen verwaltet, während im benachbarten Niltal die Menschen den Priesterkönig mit dem Gott zu einer lebendigen Gottheit verschmolzen. Den Ägyptern galt dieser Herrscher als richtiger Gott, dem das gesamte Land gehörte und dem sämtliche Menschen gehorchen mussten. Wie in den Tempeln Sumers leitete auch im Niltal die Gottheit ihr Geschäftsimperium nicht selbst, sondern die praktische Aufgabe wurde Tausenden von lese- und schreibkundigen Beamten überlassen.

Die algorithmische Struktur der Verwaltung

Der biologische Herrscher war von geringer Bedeutung, denn der wahre Machthaber war ein imaginäres Konstrukt, das in den Geschichten existierte, die sehr viele Menschen einander erzählten. Während der Herrscher in der Hauptstadt Trauben aß, waren die Beamten unentwegt im Königreich unterwegs, um Abgaben zu berechnen und auf langen Papyrusrollen zu verzeichnen. Selbst wenn die lebendige Gottheit starb und einbalsamiert wurde, funktionierte die Verwaltung weiter, da die Beamten weiterhin ihre Rollen beschrieben und Befehle verschickten.

Der Vergleich mit modernen Berühmtheiten

Erinnern die Götter der Sumerer an heutige Unternehmensmarken, so lässt sich der lebendige Gott des Niltals mit modernen Personenmarken berühmter Sänger vergleichen. Genau wie der Pharao verfügte auch ein berühmter Sänger über einen biologischen Körper voller Bedürfnisse, doch die Marke war weit wichtiger als dieser Körper. Zu Lebzeiten verdiente die Marke sehr viele Geldeinheiten, doch das Meiste erledigte eine kleine Armee aus Agenten und Produzenten, und nach dem Tod des biologischen Körpers kaufte die Anhängerschaft weiterhin Platten und pilgerte zum Anwesen des Künstlers.

Die Überwindung der gedanklichen Grenzen

Vor der Erfindung der Schrift waren den Geschichten durch die eingeschränkte Kapazität menschlicher Gehirne Grenzen gesetzt, da man keine übermäßig komplexen Erzählungen erfinden durfte. Doch mit Hilfe der Schrift wurden plötzlich extrem lange und verwickelte Geschichten möglich, die auf Tafeln und Papyri gespeichert wurden. Kein Mensch kennt alle Verträge eines berühmten Sängers oder alle Gesetze eines europäischen Bündnisses, doch all diese Details sind schriftlich festgehalten und definieren die Macht dieser Konstrukte.

Die Gesellschaft als riesiges Rechenwerk

Die Schrift hat die Menschen somit in die Lage versetzt, ganze Gesellschaften nach Art eines Rechenverfahrens zu organisieren, also einer methodischen Abfolge von Schritten zur Lösung von Problemen. In schriftlosen Gesellschaften vollziehen die Menschen sämtliche Berechnungen im Kopf, doch in schreibkundigen Gesellschaften ist jeder Mensch nur ein kleiner Schritt in einem riesigen Rechenwerk. Das ist der Wesenskern der Bürokratie, die sicherstellt, dass die Persönlichkeit oder die momentane Stimmung der handelnden Personen irrelevant sind.

Das Krankenhaus als modernes Beispiel

Man denke beispielsweise an ein modernes Krankenhaus, wo einem Neuankömmling am Empfang ein Standardformular ausgehändigt und die Antworten mit den Regularien abgeglichen werden. Der diensthabende Arzt folgt einem strengen Protokoll, um zu entscheiden, auf welche Station die Überweisung erfolgt, und Experten analysieren die Ergebnisse anhand bekannter Datenbanken. Diese algorithmische Struktur stellt sicher, dass das Schicksal des Patienten in den Händen des Systems liegt und nicht in den Händen von Personen aus Fleisch und Blut.

Die monumentalen Bauprojekte der Antike

Was für Krankenhäuser gilt, galt auch für Armeen und antike Königreiche, denn im alten Ägypten wurden die meisten Entscheidungen von einem Netzwerk aus Beamten getroffen, die durch Papyri verbunden waren. Dieses Netzwerk organisierte die menschliche Gesellschaft neu und gestaltete die Natur um, indem es beispielsweise einen riesigen Kanal anlegte, der den Fluss mit den Sümpfen einer Senke verband. Ein ausgeklügeltes System aus Dämmen und Stauseen lenkte Wasser in das Sumpfgebiet und schuf dort einen künstlichen See, der 50000000000 Kubikmeter Wasser fasste.

Die wahre Quelle der antiken Wunder

Zum Vergleich: Der größte künstlich angelegte Stausee in den Vereinigten Staaten enthält höchstens 35000000000 Kubikmeter Wasser. Das Bauprojekt verschaffte den Herrschern die Möglichkeit, den Fluss zu regulieren, Überschwemmungen zu verhindern und das Land in Zeiten der Dürre zu versorgen. Aus dem Sumpfgebiet wurde die Kornkammer des Reiches, und an den Ufern entstand eine neue Stadt, die von einem Tempel des Krokodilgottes beherrscht wurde.

Die Pflege der heiligen Tiere

Der Tempel beherbergte ein heiliges Krokodil, das als lebende Inkarnation des Gottes galt und von den Priestern liebevoll mit Nahrung und Spielzeug versorgt wurde. Man zog dem Reptil goldene Umhänge über und setzte ihm Kronen auf, denn es war die Marke der Priester, von der ihre Autorität abhing. Als das Tier starb, wurde sofort ein neues Krokodil erwählt, während das tote Reptil sorgsam einbalsamiert und mumifiziert wurde.

Die organisatorische Meisterleistung ohne moderne Technik

Zu jener Zeit verfügten die Ägypter weder über große Baumaschinen noch über Sprengstoff, und ein Großteil der Bauarbeiten wurde mit Werkzeugen aus Stein und Holz verrichtet. Viele Menschen behaupten, die großen Bauprojekte müssten von Fremden aus dem All vollbracht worden sein, da eine Kultur ohne Räder und Eisen solche Wunder nicht vollbringen könne. Die Wahrheit ist jedoch, dass die Ägypter diese Werke dank überragender organisatorischer Fertigkeiten und der Rekrutierung von Zehntausenden von Arbeitskräften errichteten.

Der Glaube als treibende Kraft der Veränderung

Wenn Zehntausende von Arbeitskräften über mehrere Jahrzehnte zusammenarbeiten, können sie einen künstlichen Stausee selbst mit Werkzeugen aus Stein bauen. Der Herrscher selbst rührte natürlich keinen Finger, doch die Menschen glaubten, dass nur Gebete zu den erfundenen Wesenheiten das Tal vor verheerenden Überschwemmungen bewahren konnten. Weil sehr viele Menschen an diese Fiktionen glaubten und gemeinsam Dämme errichteten, wurden die Naturgewalten tatsächlich eingedämmt.

Die Zuschreibung von Macht an Fiktionen

Im Vergleich zu den Geistern der Steinzeit waren die Götter des alten Ägypten wahrhaft mächtige Wesen, die Städte gründeten und Armeen aufstellten. Es mag seltsam klingen, imaginären Wesenheiten den Bau von Dingen zuzuschreiben, doch heute sprechen wir ganz selbstverständlich davon, dass ein Staat eine Atombombe baut oder ein Technologiekonzern ein selbstfahrendes Auto entwickelt. Warum also sollten wir nicht sagen, dass der Pharao einen Staudamm baute und der Krokodilgott einen Kanal anlegte?

 

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