Die Illusion des Fortschritts und die Realität des Leidens in menschlichen Gemeinschaften
Screenshot youtube.comDie menschliche Zivilisation hat über die Jahrtausende hinweg gewaltige Bauwerke errichtet, komplexe Wirtschaftssysteme erschaffen und tiefgreifende gesellschaftliche Ordnungen etabliert. Oft betrachten wir diese Entwicklungen als unumstößliche Beweise für den steten Aufstieg unserer Spezies und den unaufhaltsamen Triumph des menschlichen Geistes. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein tiefer Widerspruch zwischen den messbaren Erfolgen unserer kollektiven Netzwerke und dem tatsächlichen Wohlergehen der einzelnen Lebewesen. Es lohnt sich daher, die grundlegenden Mechanismen unserer Zusammenarbeit kritisch zu hinterfragen und den Schleier der gemeinschaftlichen Erzählungen zu lüften.
Die messbaren Erfolge fiktiver Systeme
Geteilte Vorstellungen und gemeinsame Mythen ermöglichen es uns erst, in riesigen Gruppen zusammenzuarbeiten und komplexe Vorhaben zu stemmen. Der unweigerliche Preis für diese enorme Kooperationsfähigkeit besteht darin, dass eben diese erfundenen Konstrukte auch die Ziele unseres gemeinsamen Handelns vorgeben. Folglich besitzen wir hochgradig ausgeklügelte Strukturen, die jedoch ausschließlich fiktionalen Interessen und imaginären Zweckbestimmungen dienen. Innerhalb der selbstgeschaffenen Logik erscheinen diese Gefüge überaus funktionsfähig und erfolgreich, solange man lediglich die internen Maßstäbe anlegt. Ein religiöser Gelehrter könnte etwa stolz verkünden, dass sein Glaubenssystem brillant funktioniert, weil weltweit eine unvorstellbar große Menge an Anhängern die heiligen Schriften studieren und sich den göttlichen Vorgaben beugt.
Die Fragwürdigkeit unserer Erfolgsmaßstäbe
Die entscheidende Fragestellung bleibt dabei jedoch völlig unbeantwortet, ob genau diese Kennzahlen tatsächlich die einzig richtigen Maßstäbe für eine Bewertung des Erfolgs darstellen. Ebenso würde ein Schulleiter voller Stolz darauf verweisen, dass sich die Prüfungsergebnisse seiner Anstalt in den vergangenen Jahren um einen signifikanten Wert verbessert haben. Es bleibt jedoch mehr als fraglich, ob sich der wahre Wert einer Bildungseinrichtung ausschließlich an solchen trockenen Leistungsdaten messen lässt. Ein hoher Verwaltungsbeamter im alten Ägypten hätte zweifellos betont, dass sein Gefüge hervorragend arbeitet, da man mehr Abgaben eintreibt, mehr Bewässerungskanäle gräbt und gewaltigere Monumente errichtet als jede andere Kultur der bekannten Welt. Tatsächlich nahm das Reich der Pharaonen in all diesen Bereichen eine absolute Vormachtstellung ein, doch dies sagt noch lange nichts über den wahren Wert dieser Leistungen aus.
Der verborgene Preis des zivilisatorischen Aufstiegs
Die menschliche Existenz umfasst vielfältige materielle, soziale und emotionale Grundbedürfnisse, die oft völlig unberücksichtigt bleiben. Es ist alles andere als sicher, dass die ackerbauenden Bevölkerungsschichten im alten Ägypten mehr Zuneigung oder tiefere soziale Bindungen erlebten als ihre früheren Vorfahren, die noch als Jäger und Sammler durch die Landschaft zogen. Hinsichtlich der Nahrungsmittelversorgung, der allgemeinen Gesundheit und der Sterblichkeit von Kindern hatte sich ihre individuelle Lebenssituation sogar spürbar verschlechtert. Ein erhaltenes Schriftstück aus der Regierungszeit eines bestimmten Pharao, der einst einen gewaltigen See anlegen ließ, berichtet von einem wohlhabenden Mann, der seinen Sohn zur Schreibschule brachte. Auf dem Weg dorthin schilderte der Vater das elende Dasein der Feldarbeiter, Soldaten und Handwerker, um den Knaben zum fleißigen Lernen zu bewegen und ihn vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren.
Das unerbittliche Los der arbeitenden Massen
Folgt man den Ausführungen dieses antiken Zeugen, so war der Alltag eines besitzlosen Feldarbeiters von unermesslicher Mühsal und ständiger Entbehrung geprägt. In zerlumpte Gewänder gehüllt, schuftete dieser Mensch den gesamten Tag, bis seine Hände von dicken Schwielen überzogen waren. Danach erschienen die Beamten des Herrschers und verschleppten ihn, damit er an völlig anderen Orten Zwangsarbeit verrichten musste. Der einzige Lohn für diese unvorstellbare Plackerei war körperliches Siechtum und völlige Erschöpfung, selbst wenn er den Heimweg überlebte. Das Los der Bauern mit eigenem Land war kaum besser, da sie tagtäglich schwere Eimer mit Wasser vom Fluss auf ihre Äcker schleppten.
Die körperliche Zerstörung durch monotone Schwerstarbeit
Diese enorme Last krümmte ihren Rücken und ließ ihren Nacken auf unnatürliche Weise anschwellen. Am frühen Morgen mussten sie ihre Lauchbeete bewässern, am Nachmittag die Dattelpalmen und am Abend die Kräuterfelder. Irgendwann brachen die Menschen unter dieser erdrückenden Last zusammen und starben einen vorzeitigen Tod. Dieses alte Schriftstück mag die damaligen Verhältnisse absichtlich in düsteren Farben malen, doch es trifft den Kern der Sache. Das ägyptische Großreich war zwar die mächtigste Herrschaft seiner Epoche, aber für den gewöhnlichen Landbewohner bedeutete diese staatliche Macht keineswegs medizinische Versorgung oder soziale Absicherung.
Die globale Realität der Ausbeutung durch die Geschichte
Stattdessen spürte der einfache Mann lediglich die drückende Last der Abgaben und die Willkür der Zwangsarbeit. Diese tiefe Kluft zwischen staatlicher Prachtentfaltung und individuellem Elend findet sich keineswegs nur am Nil. Trotz der unermesslichen kulturellen und technischen Errungenschaften der chinesischen Kaiserreiche, der ausgedehnten muslimischen Imperien und der europäischen Großmächte war das Dasein des gewöhnlichen Einwohners im Jahre 1850 keineswegs besser. Möglicherweise ging es dem Durchschnittsmenschen in dieser Epoche sogar deutlich schlechter als den frühen Jägern und Sammlern der Vorzeit. Im genannten Jahr malochte ein chinesischer Ackermann oder ein Textilarbeiter in einer englischen Industriestadt weitaus länger als seine urzeitlichen Vorfahren.
Der Vergleich zweier völlig unterschiedlicher Lebensentwürfe
Ihre tägliche Verrichtung war körperlich weitaus zermürbender und geistig deutlich weniger befriedigend als das Leben in der freien Natur. Gleichzeitig war ihre Kost weniger abwechslungsreich, die hygienischen Umstände waren katastrophal und ansteckende Krankheiten traten viel häufiger auf. Man kann sich diese Diskrepanz gut an einem fiktiven Vergleich zweier Urlaubsangebote verdeutlichen. Das erste Angebot führt den Reisenden tagelang durch unberührte Urwälder, lässt ihn an Flüssen lagern und von Einheimischen die Kunst des Fischfangs und der Pilzsuche lehren. Das zweite Angebot zwingt den Urlauber hingegen dazu, tagtäglich viele Stunden in schmutzigen Fabriken oder an Supermarktkassen zu stehen und danach in überfüllten Mietshäusern zu nächtigen.
Die Perspektive bestimmt den Wert der Geschichte
Abschließend würde man dann von den Einheimischen lernen, wie man ein Bankkonto eröffnet und langwierige Vertragsformulare ausfüllt. Die Entscheidung für eines dieser Angebote fällt angesichts der beschriebenen Umstände denkbar leicht aus. Will man also menschliche Gemeinschaften und ihre Kooperationsnetzwerke fair bewerten, hängt alles von den gewählten Maßstäben und der eingenommenen Perspektive ab. Betrachtet man das Pharaonenreich unter dem Gesichtspunkt der reinen Produktion, der Nahrungsmittelverteilung oder der gesellschaftlichen Harmonie, ergeben sich völlig andere Schlussfolgerungen. Richtet man den Fokus auf die herrschende Elite, das einfache Landvolk oder gar die Tiere am Nil, entfaltet sich ein buntes Spektrum an völlig unterschiedlichen Geschichtserzählungen.
Die Blindheit der Systeme gegenüber echtem Leid
Die geschichtliche Überlieferung besteht niemals aus nur einer einzigen Erzählung, sondern setzt sich aus zahlreichen alternativen Perspektiven zusammen. Indem wir uns bewusst dafür entscheiden, nur eine bestimmte Version der Geschichte zu erzählen, verdammen wir alle anderen Stimmen automatisch zum Schweigen. Menschliche Zusammenschlüsse bewerten ihre eigenen Errungenschaften üblicherweise anhand von Kriterien, die sie selbst erschaffen haben. Daher verwundert es kaum, dass diese Netzwerke sich selbst regelmäßig hervorragende Noten ausstellen. Besonders jene Gemeinschaften, die im Namen erfundener Instanzen wie Göttern, Staaten oder Wirtschaftsunternehmen agieren, messen ihren Erfolg fast immer aus der Sicht dieser imaginären Gebilde.
Die Unterscheidung zwischen realen und imaginären Wesenheiten
Eine Glaubensgemeinschaft gilt demnach als erfolgreich, wenn sie die göttlichen Vorschriften penibel einhält, während ein Staat als glorreich bezeichnet wird, sobald er die eigenen nationalen Interessen fördert. Ein Wirtschaftsunternehmen feiert seinen Triumph, sobald es große Mengen an Münzen und Scheinen anhäuft. Untersucht man die Historie solcher Netzwerke, ist es dringend ratsam, regelmäßig innezuhalten und das Geschehen aus der Sicht einer echten, fühlenden Wesenheit zu betrachten. Die Methode zur Unterscheidung von realen und fiktiven Entitäten ist dabei verblüffend einfach. Man muss sich lediglich fragen, ob das betreffende Gebilde überhaupt in der Lage ist, Schmerz und Leid zu empfinden.
Die unbestechliche Realität des physischen Schmerzes
Wenn wütende Massen einen antiken Tempel in Schutt und Asche legen, empfindet die dort verehrte Gottheit keinerlei Qualen. Verliert eine Währung an Kaufkraft, spürt das Geldstück selbst keinen Schmerz, und geht ein Geldhaus in die Brüche, leidet die Institution als solche nicht. Erleidet ein Staatsgebilde in einem bewaffneten Konflikt eine Niederlage, ist das ebenfalls nur eine bildhafte Umschreibung ohne physische Leidensfähigkeit. Ganz anders verhält es sich, wenn ein Soldat auf dem Schlachtfeld eine schwere Verletzung erleidet oder ein verarmter Landbewohner hungert. Auch ein Rind, das von seinem frisch geborenen Nachwuchs getrennt wird, empfindet echten und unmissverständlichen Schmerz.
Die gefährlichen Auswirkungen gemeinsamer Mythen
Natürlich kann auch das Leid der realen Wesenheiten direkt durch unseren Glauben an fiktive Konstrukte ausgelöst werden. Der feste Glaube an nationale Überlegenheit oder religiöse Dogmen kann blutige Konflikte entfesseln, in denen zahllose Individuen ihr Zuhause, ihre Gesundheit und ihr Leben verlieren. Der Auslöser für solch grausame Ereignisse ist dabei rein gedanklicher Natur, doch die daraus resultierenden Qualen sind absolut greifbar und real. Genau aus diesem Beweggrund heraus müssen wir stets penibel darauf achten, die Grenze zwischen erdachten Geschichten und der physischen Wirklichkeit nicht zu verwischen. Fiktionale Erzählungen sind an sich keineswegs bösartig, sondern stellen im Gegenteil ein überlebenswichtiges Werkzeug dar.
Die Instrumentalisierung erfundener Regeln
Ohne allgemein akzeptierte Geschichten über abstrakte Dinge wie Tauschmittel, Staatsgrenzen oder Handelsbetriebe könnte eine hochkomplexe menschliche Gesellschaft nicht existieren. Niemand könnte ein einfaches Ballspiel austragen, wenn nicht alle Teilnehmer an dieselben erfundenen Spielregeln glauben würden. Ebenso wenig ließen sich Märkte oder gerichtliche Instanzen nutzen, ohne dass ähnliche gedankliche Konstrukte im Hintergrund wirken. Diese Erzählungen sind jedoch lediglich nützliche Hilfsmittel und dürfen niemals zu den eigentlichen Lebenszielen oder absoluten Maßstäben erhoben werden. Vergessen wir ihren rein fiktionalen Charakter, verlieren wir sofort den Boden der Tatsachen unter den Füßen.
Die drohende totale Kontrolle durch neue Technologien
Dann beginnen wir, uns gegenseitig zu bekämpfen, nur um die Gewinne fiktiver Unternehmen zu mehren oder imaginäre nationale Interessen durchzusetzen. Wirtschaftsunternehmen, Währungen und Staatsgebilde existieren ausschließlich in unserem kollektiven Vorstellungsvermögen. Wir haben diese Konzepte erschaffen, damit sie uns als Werkzeuge dienen, und nicht, um uns für sie aufzuopfern. Im aktuellen Jahrhundert werden wir noch viel mächtigere Fiktionen und weitaus umfassendere Glaubenssysteme hervorbringen als je zuvor in der Geschichte. Mithilfe der Biotechnik und digitaler Rechenverfahren werden diese neuen Konstrukte nicht nur jeden einzelnen Augenblick unseres Daseins überwachen.
Die Notwendigkeit zur ständigen kritischen Reflexion
Sie werden zudem in der Lage sein, unseren physischen Körper, unseren Verstand und unser Bewusstsein tiefgreifend zu verändern. Gleichzeitig werden sie vollkommen künstliche und virtuelle Lebensräume erschaffen, die von der realen Welt nicht mehr zu unterscheiden sind. Es wird daher in Zukunft immer schwieriger, aber gleichzeitig auch immer zwingender notwendig werden, die erdachten Mythen von der greifbaren Wirklichkeit zu trennen. Nur wer die Mechanismen seiner eigenen Gemeinschaften durchschaut, kann verhindern, dass die Diener wieder zu den Herren werden. Das Überleben der echten, fühlenden Wesenheit hängt letztlich davon ab, ob wir die Werkzeuge unserer Vorstellungskraft als das erkennen, was sie wirklich sind.















