Die erschaffene Wirklichkeit und die Macht gemeinsamer Erzählungen
Screenshot youtube.comDie menschliche Geschichte ist geprägt von dem ständigen Ringen um das Verständnis der eigenen Existenz und der Beschaffenheit der Welt. Über Jahrhunderte hinweg haben sich Gesellschaften Systeme geschaffen, um das Zusammenleben zu regeln und dem Dasein eine Richtung zu geben. Diese Systeme basieren oft auf Annahmen, die bei genauerer Betrachtung nicht der physischen Natur entspringen, sondern aus dem kollektiven Denken der Gemeinschaft erwachsen. Um die Triebkräfte historischer Entwicklungen und gegenwärtiger gesellschaftlicher Umbrüche zu begreifen, muss man sich mit der Natur dieser erschaffenen Ordnungen auseinandersetzen.
Die zwei bekannten Ebenen der Wirklichkeit
Der menschliche Geist tut sich überaus schwer damit, das Konzept der erdachten Ordnungen zu durchdringen, da er gewöhnlich von lediglich zwei Daseinsformen ausgeht. In der gegenständlichen Wirklichkeit existieren Dinge völlig unabhängig von menschlichen Überzeugungen oder Empfindungen. Die Anziehungskraft der Erde ist ein solches Beispiel, denn sie wirkte schon lange vor der Entdeckung durch die Naturforschung und betrifft alle Lebewesen gleichermaßen.
Das persönliche Empfinden als eigene Wahrheitsform
Die gefühlte Wirklichkeit hingegen hängt ausschließlich von den individuellen Überzeugungen und Empfindungen einer einzelnen Person ab. Wenn jemand heftige Kopfschmerzen verspürt und eine umfassende ärztliche Untersuchung samt Blutprobe, Urinanalyse, Erbguttest, Röntgenaufnahme, Herzstromkurve und Kernspintomografie keinerlei Beschwerden zeigt, bleibt der Schmerz für die leidende Person dennoch völlig real. Obwohl alle messbaren Parameter Gesundheit anzeigen und niemand außer der Person selbst das Leid spürt, ist diese Empfindung zu 100 Prozent echt.
Die dritte Ebene des gemeinsamen Glaubens
Die meisten Menschen nehmen an, die Wirklichkeit sei entweder gegenständlich oder gefühlt, und es gebe keine weitere Möglichkeit. Sobald sie sich damit abgefunden haben, dass etwas mehr als nur das eigene subjektive Empfinden ist, schlussfolgern sie zwingend auf eine gegenständliche Existenz. Wenn unzählige Personen an höhere Wesen glauben, wenn Währungen die Weltwirtschaft lenken und wenn Nationalismus Kriege auslöst, erscheinen diese Dinge nicht mehr als bloße Einbildung.
Der Wert des gemeinschaftlichen Vertrauens
Es existiert jedoch eine dritte Ebene der Wirklichkeit, nämlich die zwischenmenschlich geteilte. Solche Phänomene hängen von der Kommunikation zwischen vielen Menschen ab und nicht von den Gefühlen Einzelner. Ein Geldschein besitzt keinen gegenständlichen Wert, denn man kann ihn weder essen noch als Kleidung tragen. Solange jedoch Abermillionen von Menschen an seinen Wert glauben, lässt sich damit Nahrung und Bekleidung erwerben.
Der schnelle Zerfall von Währungsversprechen
Verliert der Bäcker urplötzlich den Glauben an den Schein und verweigert die Herausgabe eines Laibes Brot, kann man einfach zum nächsten Händler gehen. Verweigern jedoch alle Händler und Märkte die Annahme, löst sich der Wert der Währung in Luft auf. Solche Ereignisse geschehen in der Geschichte regelmäßig, wie das Beispiel einer asiatischen Regierung zeigt, die im November 1985 überraschend bestimmte Geldscheine für ungültig erklärte.
Die Willkür der Währungsreform
Die Bürger hatten keinerlei Möglichkeit, ihr Papiergeld umzutauschen, und lebenslange Ersparnisse verwandelten sich in wertloses Altpapier. Als Ersatz führte die Führung neue Scheine ein, die angeblich zu Ehren des Geburtstages des Herrschers geschaffen wurden. Kurze Zeit später wurden weitere Scheine ausgegeben, weil der Machthaber an die mystische Kraft bestimmter Zahlen glaubte.
Die plötzliche Entwertung von Staatsgeld
Wenig später verkündete dieselbe Regierung den kompletten Wertverlust aller neu geschaffenen Scheine. Der Wert von Geld ist nicht das einzige Konstrukt, das sich auflöst, sobald das Vertrauen der Masse schwindet. Dasselbe Schicksal kann Gesetze, Götter und ganze Imperien ereilen, die gerade noch die Welt prägten und im nächsten Augenblick verschwinden.
Das Ende von Götterreichen und Staatenbünden
Antike Göttergestalten waren einst mächtige Kräfte im Mittelmeerraum, doch heute fehlt ihnen jegliche Autorität, weil niemand mehr an sie glaubt. Ein gewaltiger Staatenbund des 20. Jahrhunderts war einst in der Lage, die gesamte Menschheit zu zerstören, doch mit einem einzigen Federstrich hörte er auf zu existieren. An einem Dezembertag im Jahr 1991 unterzeichneten die Staatsoberhäupter mehrerer Republiken in einem Landhaus Vereinbarungen, die das Ende dieses Bundes besiegelten.
Die Auflösung geopolitischer Konstrukte
In diesem Dokument stellten die Gründerstaaten fest, dass der Bund als Völkerrechtssubjekt und als geopolitische Realität nicht mehr existierte. Damit war der Staatenbund Geschichte und existierte nur noch in den Erinnerungen der Zeitgenossen. Dass es sich beim Geld um eine zwischenmenschlich geteilte Wirklichkeit handelt, ist relativ leicht einzusehen.
Die Suche nach dem tieferen Lebenssinn
Ebenso gehen die meisten Menschen davon aus, dass antike Götter und untergegangene Imperien nur in der Fantasie existieren. Dennoch wollen wir nicht akzeptieren, dass unsere eigenen Götter, Nationen oder Werte bloße Fiktion sind, denn diese Dinge verleihen unserem Dasein Bedeutung. Wir möchten glauben, dass unser Leben einen gegenständlichen Sinn besitzt und unsere Opfer für etwas Größeres dienen.
Das gewebte Netz der gemeinsamen Bedeutung
In Wahrheit besitzt das Leben der meisten Menschen nur in dem Geflecht der Geschichten einen Sinn, die sie sich gegenseitig erzählen. Bedeutung entsteht, wenn viele Menschen zusammen an einem gemeinsamen Netz aus Erzählungen weben. Eine bestimmte Handlung erscheint nur deshalb sinnvoll, weil die Mitmenschen, die Nachbarn und die Bewohner ferner Länder dieselbe Ansicht teilen.
Die sich selbst erneuernde Bestätigungsschleife
Die Menschen bestärken in einer sich ständig erneuernden Schleife fortwährend die Überzeugungen des jeweils anderen. Jede Runde wechselseitiger Bestätigung lässt das Netz noch engmaschiger werden, bis man kaum mehr eine andere Wahl hat, als das zu glauben, was alle glauben. Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte löst sich dieses Geflecht jedoch auf, und an dessen Stelle wird ein neues Netz gesponnen.
Der Glaube an den himmlischen Lohn
Im zwölften Jahrhundert besiegte ein berühmter Feldherr die Truppen der Kreuzfahrer und eroberte eine heilige Stadt. Als Reaktion darauf rief das Oberhaupt der Kirche einen neuen Feldzug aus, um die Stadt zurückzuerobern. Ein junger englischer Adliger war der festen Überzeugung, sein Tun habe einen gegenständlichen Sinn und sein Tod im Kampf würde ihn direkt in den Himmel führen. Er wäre zutiefst erschüttert gewesen, hätte er erfahren, dass Himmel und Seele nichts anderes als von Menschen erdachte Geschichten sind.
Die tiefe Verwurzelung im Glaubensnetz
Der junge Mann glaubte fest an diese Visionen, weil er in ein äußerst dichtes und wirkmächtiges Netz eingebunden war. Seine frühesten Erinnerungen galten dem rostigen Schwert eines Vorfahren, der auf einem früheren Feldzug gefallen war und nun als Beschützer über die Familie wachte. Wenn Musikanten zu Besuch waren, sangen sie Lieder über tapfere Kämpfer, und in der Kirche betrachtete er gläserne Fenster, die fromme Helden und verdammte Sünder zeigten.
Die Botschaft der Priester und die Mobilmachung
Der örtliche Priester erklärte fast jeden Sonntag auf der Kanzel, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gebe und dass Gott die Feinde in die Hölle schicken würde. Eines Tages, als der Jüngling gerade 18 Jahre alt geworden war, verkündete ein erschöpfter Bote die Niederlage der eigenen Truppen und den Ruf des Kirchenoberhauptes. Die Menschen ringsum wirkten erschüttert, doch das Gesicht des jungen Mannes überzog ein verklärtes Leuchten, und er verkündete seinen Entschluss, in den Kampf zu ziehen.
Der Abschied und die Reise ins Ungewisse
Seine Mutter trocknete ihre Tränen und nahm ihn stolz in den Arm, während sein Vater ihm zustimmend auf die Schulter schlug und die Ehre der Familie beschwor. Beim Verlassen des Anwesens winkten die Dorfbewohner, und auf dem Weg über den Kontinent schlossen sich ihm ganze Gruppen fremder Kämpfer an. Im Zielgebiet angekommen, bemerkte er mit Erstaunen, dass selbst die feindlichen Kämpfer das Grundprinzip eines himmlischen Lohns für gefallene Helden akzeptierten.
Das unsichtbare Geflecht der mittelalterlichen Welt
Auf diese Weise spann die damalige Zivilisation an ihrem Netz der Bedeutung, in dem sich der junge Kämpfer und seine Zeitgenossen wie Insekten verfingen. Für ihn war es unvorstellbar, dass all diese Erzählungen nur Ausfluss der Fantasie waren, denn seine gesamte Umwelt bestätigte ihn ständig. Vielleicht hatten seine Verwandten unrecht, aber die Sänger, die Freunde, der Priester und sogar die Feinde teilten dieselbe Grundüberzeugung.
Der Wandel der Werte über die Jahrhunderte
Die Jahre zogen dahin, und der Historiker beobachtet, wie sich das alte Netz auflöst und ein neues gesponnen wird. Die Verwandten starben, das Schloss brannte nieder, und beim Wiederaufbau fand sich keine Spur mehr von den alten Reliquien. Die gläsernen Fenster zerbrachen, und die neuen Bilder zeigten nicht mehr fromme Helden, sondern die Siege irdischer Könige.
Die moderne Wahrnehmung vergangener Ideale
Der örtliche Geistliche sprach nicht mehr ehrerbietig vom Oberhaupt der Kirche, und in der nahen Universität flüsterten Gelehrte, dass es so etwas wie eine unsterbliche Seele womöglich gar nicht gebe. Wo einst das Anwesen stand, befindet sich heute ein Einkaufszentrum, und auf den Treppenstufen vor der Kirche spielen Jugendliche mit ihren tragbaren Bildschirmen. Sie betrachten bewegte Bilder im weltweiten Netz, während ein Straßenkehrer seiner Arbeit nachgeht und aus einem Radiogerät die Nachrichten von anhaltenden Konflikten dröhnen.
Der unverständliche Wandel der Heldentaten
Würde sich plötzlich ein Jugendlicher erheben und verkünden, er wolle in den Kampf gegen die Ungläubigen ziehen, hielte man ihn für geisteskrank. Im Mittelalter wusste kein Mensch, was universelle Menschenrechte sind, und der Gedanke, das Leben für den Schutz von Fremden zu riskieren, galt als absoluter Wahnsinn. Heute hingegen gilt derjenige als Held, der in Krisengebiete reist, um die Rechte der Vertriebenen zu schützen.
Die Einzigartigkeit der menschlichen Vorstellungskraft
Dies ist der Gang der Geschichte, denn Menschen weben am Netz des Sinns, das sich früher oder später immer wieder auflöst. Die besondere Gattung der Menschen beherrscht den Planeten, weil nur sie ein solches zwischenmenschliches Netz erzeugen kann. Dieses Netz aus Gesetzen, Kräften und Orten existiert ausschließlich in der gemeinsamen Fantasie und ermöglicht die Organisation gewaltiger Bewegungen.
Die Grenzen tierischer Vorstellungskraft
Auch andere Tiere stellen sich manche Dinge vor, denn eine Katze an einem Mausloch kann sich sehr gut vorstellen, wie die Beute aussieht und schmeckt. Doch soweit wir wissen, können sich Tiere nur Dinge ausmalen, die es auf der Welt tatsächlich gibt. Dinge, die sie nie gesehen oder gerochen haben, wie Währungen, große Konzerne oder Staatenbünde, können sie sich nicht ausdenken.
Die Erschaffung völlig neuer Wirklichkeiten
Während Tiere auf den gegenständlichen Bereich beschränkt sind und ihre Kommunikation lediglich zur Beschreibung der Wirklichkeit nutzen, erschaffen Menschen mit Hilfe der Sprache völlig neue Wirklichkeiten. In den vergangenen 70000 Jahren wurden diese erfundenen Realitäten immer einflussreicher, sodass sie heute den Planeten beherrschen. Ob die wilden Tiere und die Gletscher das aktuelle Jahrhundert überleben, hängt von den Wünschen solcher Gebilde ab, die nur in unserer gemeinsamen Fantasie existieren.
Die wahre Quelle der menschlichen Macht
Kein anderes Lebewesen kann uns das Wasser reichen, nicht weil es ihm an einem Geist mangelt, sondern weil ihm die notwendige Vorstellungskraft fehlt. Löwen können rennen und beißen, aber sie können kein Bankkonto eröffnen oder vor Gericht ziehen. In der heutigen Zeit ist ein Angestellter, der weiß, wie man eine Klage einreicht, um ein Vielfaches mächtiger als das wildeste Raubtier in der Steppe.
Die Trennung der wissenschaftlichen Disziplinen
Diese Fähigkeit zur Erschaffung geteilter Entitäten unterscheidet nicht nur den Menschen von den Tieren, sondern auch die Geisteswissenschaften von der Biologie. Historiker versuchen die Entwicklung von Göttern und Nationen zu verstehen, während Biologen die Existenz derartiger Dinge oft nicht wirklich anerkennen. Manche Forscher glauben, dass wir sämtliche Geheimnisse der Menschheit kennen werden, sobald wir das Erbgut entschlüsselt und jede Nervenzelle erfasst haben.
Die Reduktion menschlichen Handelns auf Biologie
Wenn Gedanken und Emotionen lediglich biochemische Abläufe sind, sollte die Biologie eigentlich sämtliche Wechselfälle menschlicher Gesellschaften erklären können. Aus dieser Sicht waren historische Feldzüge lediglich Gebietsstreitigkeiten, die von den Zwängen der Evolution bestimmt wurden. Die Geisteswissenschaften verweisen jedoch auf die entscheidende Bedeutung der erfundenen Geschichten, die sich nicht auf Hormone reduzieren lassen.
Die Macht der erzählten Fiktionen
Historisch zu denken bedeutet, den Inhalten unserer erdachten Geschichten reale Macht zuzuschreiben, selbst wenn objektive Faktoren wie Klimaveränderungen ebenfalls eine Rolle spielen. Die Unterschiede zwischen zwei geteilten Staaten auf derselben Halbinsel liegen nicht in den Genen oder der Geographie, sondern in den völlig unterschiedlichen Fiktionen, die sie bestimmen. Vielleicht werden bahnbrechende Erkenntnisse der Neurobiologie eines Tages in die Lage versetzen, historische Bewegungen nach rein biochemischen Maßstäben zu erklären.
Die Verschmelzung von Fiktion und Realität
Doch davon sind wir sehr weit entfernt, und im aktuellen Jahrhundert wird die Grenze zwischen Geschichte und Biologie vermutlich unscharf werden. Dies geschieht nicht, weil wir biologische Erklärungen für historische Ereignisse finden, sondern weil ideologische Fiktionen das Erbgut neu schreiben und politische Interessen das Klima verändern. Wenn menschliche Fiktionen in genetische und elektronische Zeichenfolgen übersetzt werden, wird die zwischenmenschliche Wirklichkeit die gegenständliche verschlingen.
Die Entschlüsselung der Zukunft
Die Fiktion könnte somit zur wirkmächtigsten Kraft auf Erden werden, wirkmächtiger noch als unberechenbare Himmelskörper und die natürliche Auslese. Wenn wir unsere Zukunft verstehen wollen, wird es deshalb nicht ausreichen, Erbgut zu entschlüsseln und über Zahlen zu brüten. Wir müssen die Erzählungen entschlüsseln, die der Welt ihren Sinn verleihen, um zu begreifen, wohin die Reise der Menschheit als Nächstes führt.















