Der große Pakt der Moderne: Zwischen Machtstreben und dem Verlust des kosmischen Sinns
Screenshot youtube.comDie menschliche Zivilisation durchläuft in der heutigen Epoche einen tiefgreifenden Wandel, der das gesamte Dasein des Einzelnen und der Gesellschaft neu definiert. Dieser Übergang in die moderne Weltordnung basiert auf einem stillschweigenden Vertrag, der das alltägliche Handeln, die wirtschaftlichen Systeme und das wissenschaftliche Streben gleichermaßen bestimmt. Um die Mechanismen unserer heutigen Zeit zu begreifen, muss man die historischen Wurzeln dieser Entwicklung und den Tausch von Sinn gegen Macht genau untersuchen.
Der unsichtbare Vertrag des Daseins
Die Moderne basiert auf einer stillschweigenden Übereinkunft, die jeder Mensch an seinem Geburtstag unterzeichnet und die sein Dasein bis zum letzten Atemzug bestimmt. Nur verschwindend wenige Individuen vermögen diesen Pakt jemals zu kündigen oder sich vollständig von seinen Fesseln zu lösen. Dieser unsichtbare Vertrag diktiert unsere Ernährung, lenkt unsere berufliche Laufbahn und formt unsere tiefsten Sehnsüchte. Er legt fest, an welchem Ort wir leben, mit wem wir unsere Zuneigung teilen und auf welche Weise wir dereinst aus dem Leben scheiden.
Die Essenz des modernen Paktes
Auf den ersten Blick erscheint diese Vereinbarung als ein überaus komplexes Konstrukt, dessen wahre Natur sich dem flüchtigen Betrachter meist gänzlich entzieht. Man gleicht einem Nutzer, der eine umfangreiche Anwendung installiert und einen endlosen Lizenzvertrag in unverständlicher Fachsprache blindlings akzeptiert, ohne ihn je zu lesen. In Wahrheit verbirgt sich hinter dieser Fassade jedoch ein überraschend simples Tauschgeschäft, das sich auf einen einzigen Kernsatz reduzieren lässt. Die Menschheit willigt darin ein, auf die Suche nach einem höheren Sinn zu verzichten, und erhält im Gegenzug dafür ungeahnte Macht über die materielle Welt.
Der Verlust des kosmischen Drehbuchs
In den vergangenen Epochen waren die meisten Kulturen von der festen Überzeugung beseelt, dass jedes Individuum eine feste Rolle in einem gewaltigen kosmischen Schauspiel einnimmt. Dieser universelle Plan wurde von allmächtigen Gottheiten oder ewigen Naturgesetzen entworfen und ließ sich von sterblichen Wesen nicht nach Belieben umschreiben. Jener göttliche Entwurf verlieh dem menschlichen Dasein eine tiefe Bedeutung, bremste jedoch gleichzeitig den individuellen Handlungsspielraum der Menschen massiv aus. Die Sterblichen glichen Schauspielern auf einer Bühne, deren Texte und Gesten streng vorgegeben waren und deren Verlassen der Bühne zu jeder beliebigen Zeit strengstens untersagt war.
Der psychologische Schutz der Vorherbestimmtheit
Im Tausch gegen diesen massiven Machtverzicht empfanden die Menschen der früheren Epochen ihr Dasein als tiefgründig und sinnvoll. Es spielte eine entscheidende Rolle, ob man im Kampf mutig war, den rechtmäßigen Herrscher unterstützte oder sich an die religiösen Speisevorschriften hielt. Jenes Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein, bot einen enormen psychologischen Schutzschild gegen die unberechenbaren Schicksalsschläge des Daseins. Brachen Kriege aus oder wüteten Seuchen, trösteten sich die Menschen mit der Gewissheit, dass selbst das größte Leid einen festen Platz in der göttlichen Ordnung einnimmt und am Ende alles eine höhere Fügung besitzt.
Das Erwachen in einem ziellosen Universum
Die heutige Kultur erteilt dem Glauben an einen solchen universellen Masterplan eine radikale Absage. Wir betrachten uns nicht länger als Darsteller in einem Theaterstück, das größer ist als unser eigenes Dasein. Nach unserem wissenschaftlichen Weltbild gleicht das Weltall einem blinden und ziellosen Prozess, der von Lärm und Wildheit geprägt ist, aber jegliche tiefere Bedeutung vermissen lässt. Während unseres winzigen und vergänglichen Aufenthalts auf einem unbedeutenden Himmelskörper gehen wir unseren eigenen Regungen nach, bevor wir für immer in der Versenkung verschwinden.
Die Befreiung durch die Sinnlosigkeit
Da es kein vorgegebenes Drehbuch gibt und die Menschheit keine festgeschriebene Rolle in einem größeren Drama spielt, können uns schreckliche Dinge zustoßen, ohne dass eine höhere Instanz uns rettet oder dem Leid einen tieferen Sinn verleiht. Es wird kein vorherbestimmtes glückliches oder tragisches Finale geben, sondern die Ereignisse reihen sich einfach nur aneinander. Die moderne Welt glaubt nicht an einen übergeordneten Zweck, sondern lediglich an eine Kette von Ursachen und Wirkungen. Fehlt jedoch ein verbindlicher Sinn, sind die Menschen auch nicht mehr an starre Rollenbilder gebunden und können ihr Schicksal nach eigenem Ermessen formen.
Der unendliche Fortschritt als Ersatzreligion
Seuchen und Dürren besitzen keinen kosmischen Hintergrund, aber die Menschheit besitzt die Werkzeuge, um diese Plagen schlichtweg auszumerzen. Kriege gelten nicht mehr als unvermeidbare Schritte auf einem Weg zu einer besseren Zukunft, sondern als Probleme, die durch friedliche Abkommen gelöst werden können. Fließt ausreichend Kapital in die wissenschaftliche Forschung, beschleunigen bahnbrechende Erkenntnisse den technologischen Fortschritt in einem atemberaubenden Tempo. Neue Erfindungen treiben das wirtschaftliche Wachstum an, was wiederum noch mehr Mittel für zukunftsweisende Studien freisetzt und den Wohlstand stetig mehrt.
Der Preis der grenzenlosen Macht
Eines Tages wird das Wissen derart umfassend und die Technik derart fortgeschritten sein, dass die Menschheit die Mittel für ewige Jugend und dauerhaftes Glück synthetisieren kann. Jene moderne Übereinkunft stellt für die Menschen somit eine enorme Versuchung dar, die jedoch untrennbar mit einer kolossalen Gefahr verbunden ist. Vor uns erstreckt sich die verlockende Aussicht auf Allmacht, während direkt unter unseren Füßen der Abgrund der völligen Sinnlosigkeit klafft. Das moderne Dasein besteht aus einem ständigen Streben nach Einfluss in einem Universum, das jeglichen höheren Zweck verweigert.
Die Symbiose aus Wissenschaft und Wirtschaft
Das unermüdliche moderne Streben nach Macht wird maßgeblich durch das Bündnis zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Wachstum befeuert. In der historischen Rückschau bewegte sich die Wissenschaft über lange Zeiträume im Schneckentempo vorwärts, während die wirtschaftliche Entwicklung völlig erstarrt war. Wuchs die menschliche Bevölkerung, führte dies lediglich zu einem entsprechenden Anstieg der Produktion, ohne die grundlegenden Lebensumstände nennenswert zu verbessern. Herrschende und Untertanen gingen fest davon aus, dass der Wohlstand einer Gesellschaft eine feste Obergrenze besitzt und man sich nur auf Kosten anderer bereichern kann.
Die Fessel der finanziellen Stagnation
Jene wirtschaftliche Erstarrung resultierte in hohem Maße aus den massiven Schwierigkeiten bei der Finanzierung neuer und innovativer Projekte. Ohne die nötigen finanziellen Mittel war es schier unmöglich, Sümpfe trockenzulegen, Brücken zu errichten oder völlig neue Handelsrouten zu erschließen. Das Kapital war extrem knapp, weil es kaum Kredite gab, was wiederum daran lag, dass die Menschen nicht an ein zukünftiges Wachstum glaubten. Dieser Teufelskreis aus fehlendem Vertrauen und stagnierender Wirtschaft perpetuierte sich über Jahrhunderte hinweg selbst und ließ jede wirtschaftliche Dynamik erstarren.
Das Dilemma des mittelalterlichen Forschers
Stell dir vor, du lebst in einer mittelalterlichen Stadt, in der regelmäßig eine tödliche Seuche wütet, und du beschließt, ein Heilmittel zu entwickeln. Du benötigst dringend Geld, um eine Werkstatt einzurichten, seltene Kräuter zu kaufen und Gehilfen zu bezahlen, während du gleichzeitig deine eigene Familie ernähren musst. Da du über kein nennenswertes Vermögen verfügst, bittest du den örtlichen Holzfäller und Bäcker um Vorschüsse, die du nach der Entdeckung des Mittels zurückzahlen willst. Die Handwerker werden dieses Risiko jedoch ablehnen, da sie ihre Familien täglich ernähren müssen und an keine Wundermittel glauben.
Der Durchbruch durch das Vertrauen
In der Folge musst du dein Vorhaben aufgeben, die Seuche wütet weiter und keine einzige Münze wechselt den Besitzer, wodurch die Wirtschaft eingefroren bleibt. Dieser erstickende Kreislauf wurde erst in der Neuzeit durch das wachsende Vertrauen in die Zukunft und das daraus resultierende Kreditwunder durchbrochen. Ein Kredit ist nichts anderes als die ökonomische Manifestation von Vertrauen in zukünftige Entwicklungen. Wenn heute ein Forscher ein neues Medikament entwickeln will, erhält er problemlos Kapital von Banken oder Investoren, die fest an den zukünftigen Erfolg glauben.
Die Kommerzialisierung der Krise
Als im Sommer des Jahres 2014 in Westafrika eine tödliche Epidemie ausbrach, reagierten die Menschen nicht mehr mit frommen Gebeten, sondern mit finanziellen Spekulationen. Die Aktienkurse jener Pharmaunternehmen, die fieberhaft an Impfstoffen arbeiteten, schossen in kürzester Zeit in ungeahnte Höhen. Für die modernen Finanzmärkte stellt selbst eine tödliche Seuche eine hervorragende geschäftliche Gelegenheit dar, an der sich immense Gewinne erzielen lassen. Gelingen genügend neue Unternehmungen, wächst das Vertrauen in die Zukunft, die Kredite fließen reichlich und die Wirtschaft entfaltet eine gewaltige Dynamik.
Die evolutionären Wurzeln des Misstrauens
Auf dem Papier klingt dieser Mechanismus denkbar einfach, doch die Menschheit musste Jahrtausende warten, ehe das Wirtschaftswachstum diese enorme Fahrt aufnahm. Die Menschen vertrauten früher nicht in das Wachstum, weil dies ihrem evolutionären Erbe und der natürlichen Funktionsweise der Welt fundamental widerspricht. Die meisten ökologischen Systeme befinden sich in einem starren Gleichgewicht, und der Kampf ums Überleben gleicht einem Spiel, bei dem der Gewinn des einen zwangsläufig den Verlust des anderen bedeutet. In einem Tal wächst jährlich nur eine begrenzte Menge Gras, die eine feste Population von 10000 Kaninchen und 100 Füchsen erhält.
Das Gesetz der begrenzten Ressourcen
Ist ein Fuchs besonders geschickt und erbeutet mehr Kaninchen als seine Artgenossen, muss zwangsläufig ein anderer Fuchs verhungern. Selbst wenn alle Füchse zeitweise mehr Beute machen, bricht die Population der Kaninchen zusammen, was im folgenden Jahr zum Massensterben der Räuber führt. Langfristig können die Raubtiere nicht davon ausgehen, dass sie jährlich drei Prozent mehr Beute erjagen werden, da die natürlichen Ressourcen strikt begrenzt sind. Zwar kennen manche ökologischen Nischen komplexere Abläufe, doch der grundlegende Überlebenskampf bleibt ein Spiel mit verteilten Rollen.
Die blutigen Kredite der Nachttiere
Die berühmtesten Kreditgeber der Natur sind die Vampirfledermäuse, die in riesigen Höhlen hausen und nächtlich auf die Jagd nach Blut gehen. Findet eine Fledermaus kein Opfer, kehrt sie hungrig heim und bittet einen erfolgreicheren Artgenossen um eine Spende des gestohlenen Blutes. Die Tiere erinnern sich exakt an ihre Schulden und revanchieren sich, wenn der Gläubiger selbst einmal leer ausgeht. Im Gegensatz zu menschlichen Bankern verlangen die Fledermäuse jedoch keine Zinsen und finanzieren auch keine neuen Geschäftsideen.
Die Illusion des natürlichen Wachstums
Das Blut wird von anderen Tieren produziert, weshalb die Fledermäuse keine Möglichkeit besitzen, die Gesamtmenge des verfügbaren Blutes aktiv zu steigern. Sie können nicht davon ausgehen, dass es im Jahr 2016 mehr Beute geben wird, und glauben folglich nicht an ein ewiges Wachstum. Über Jahrmillionen der Evolution lebten die Menschen unter exakt denselben Bedingungen wie jene Fledermäuse, Füchse und Kaninchen. Insofern ist es für den menschlichen Geist bis heute eine enorme Herausforderung, an ein unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum zu glauben.
















