Von der antiken zur neuzeitlichen Knechtschaft: Wie sich die Versklavung des Menschen über Jahrtausende wandelte und welche Rolle Herkunft, Glaube und Sprache dabei spielten
Screenshot youtube.comDie Geschichte der Unfreiheit ist so alt wie die Geschichte der menschlichen Zivilisation selbst, und doch unterscheidet sich die neuzeitliche Form der Versklavung in grundlegender Weise von ihren antiken und mittelalterlichen Vorläufern. Wer den Bogen von den Sklavenmärkten des alten Rom über die mittelalterlichen Handelsplätze Konstantinopels und der Iberischen Halbinsel bis zu den Plantagen der amerikanischen Kolonien spannt, stößt auf eine Vielzahl von Übergängen, Brüchen und Fortschreibungen, die das Verständnis dieser Institution tiefgreifend verändern. Die Frage, ob es einen historischen Einschnitt zwischen der antiken und der neuzeitlichen Knechtschaft gibt oder ob es sich um eine bloße Fortsetzung alter Muster unter veränderten Vorzeichen handelt, beschäftigt die Geschichtswissenschaft seit Generationen. Der folgende Text zeichnet diese Entwicklung nach und zeigt, wie sich die Kriterien dafür, wer versklavt werden durfte und wer nicht, im Laufe der Jahrhunderte verschoben. Dabei wird deutlich, dass die sprachliche, religiöse und schließlich die äußerliche Zuordnung der Versklavten eine entscheidende Rolle spielte und dass der Übergang von der einen zur anderen Form der Unfreiheit fließender war, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Die These von der Fortsetzung antiker Muster
Ein bedeutender Altertumsforscher des neunzehnten Jahrhunderts, der in seinem umfangreichen Werk über die römische Geschichte auf den transatlantischen Sklavenhandel zu sprechen kam, war weit davon entfernt, hier einen Bruch zu sehen. Er vertrat vielmehr die Auffassung, dass der neuzeitliche Sklavenhandel einen antiken Mechanismus reproduziere und die Plantagenwirtschaft der amerikanischen Südstaaten dem Latifundienbetrieb in Italien seit dem zweiten Jahrhundert vor der Zeitenwende vergleichbar sei. Die Ausbeutung der versklavten Menschen, die auf das Leben und die Fortpflanzung wenig Rücksicht nahm, erforderte in beiden Fällen stets neue Kriege und eine anhaltende Jagd auf Menschen. Da die Kriege allein nicht ausreichten, um die Nachfrage der Sklavenmärkte zu befriedigen, musste die Beschaffung auf andere Weise fortgesetzt werden. Der Altertumsforscher stellte zudem die Vermutung an, dass die gesamte Summe der Leiden der neuzeitlichen Versklavten im Vergleich zur römischen Sklavenherrschaft möglicherweise nur einen Tropfen darstelle.
Das scheinbar verdunkelte Detail der Herkunft
Auf den ersten Blick scheint diese Gleichsetzung ein entscheidendes Detail zu verdunkeln, denn die römische Sklaverei schöpfte mit allen Mitteln aus sämtlichen Völkern, die als Barbaren galten, ohne dabei nach äußerlichen Merkmalen oder einer bestimmten Herkunft zu unterscheiden. Die Sklavenaufstände in der Antike trugen einen multiethnischen und multikonfessionellen Charakter, da sie von Menschen getragen wurden, die aus Germanien, Thrakien, dem Nahen Osten oder den fernen Steppen des Nordens stammten. Die versklavten Menschen auf den amerikanischen Plantagen hingegen wurden ausschließlich nach einem einzigen äußerlichen Merkmal ausgewählt und einer einzigen Herkunft zugeordnet. Es gäbe also doch einen historischen Einschnitt zwischen der antiken und der neuzeitlichen Knechtschaft, wobei nur letztere eine ausschließlich nach einem äußerlichen Kriterium definierte Bevölkerung versklavte. Die Frage, wie es damit im Mittelalter als einer Übergangszeit stand, ist für das Verständnis dieses Wandels von zentraler Bedeutung.
Das Mittelalter als Bindeglied zwischen zwei Epochen
Mittlerweile gilt in der Geschichtswissenschaft als gesichert, dass es zwischen der antiken und der neuzeitlichen Sklaverei das Zwischenstadium einer mittelalterlichen Sklaverei gab und dass der transatlantische Sklavenhandel dort seine Wurzeln hat. Die Sklaverei des europäischen Spätmittelalters wird als der unmittelbare Vorläufer jener Sklaverei betrachtet, die durch die Kolonialwirtschaft unbedingt geboten erschien. Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches ist in einem langen Prozess die Leibeigenschaft allmählich an die Stelle der Sklaverei getreten. Letztere war jedoch nicht völlig verschwunden, denn einzelne Brennpunkte der Sklaverei haben überall in Europa fortbestanden, von Russland bis Lissabon. Die Voraussetzungen für eine Zuordnung der Sklaverei nach äußerlichen Merkmalen wurden somit bereits im Mittelalter gelegt, auch wenn sie dort noch nicht die ausschließliche und systematische Form annahmen, die sie in der Neuzeit erreichten.
Die Fortdauer der Sklaverei im oströmischen Reich
Eine unmittelbare Fortsetzung fand die antike Sklaverei insbesondere im christlichen Reich des Ostens, dessen Hauptstadt Konstantinopel nicht nur die größte Stadt des Mittelalters war, sondern auch ein wichtiger Umschlagplatz für versklavte Menschen blieb. Bis die Stadt im Jahr 1453 in die Hände der Osmanen fiel, blieb die detaillierte Sklavengesetzgebung des Kaisers Justinian aus dem sechsten Jahrhundert in Kraft. Die rechtlichen Regelungen, die den Status der Unfreien betrafen, wurden über Jahrhunderte hinweg angewandt und bildeten ein stabiles Fundament für den fortgesetzten Handel mit Menschen. Konstantinopel fungierte dabei als Drehscheibe zwischen den verschiedenen Handelsrouten und versorgte sowohl den östlichen als auch den westlichen Mittelmeerraum mit versklavten Menschen. Diese Kontinuität der Gesetzgebung und der Praxis zeigt, dass die Sklaverei im Osten niemals jene Unterbrechung erfuhr, die im Westen durch den Übergang zur Leibeigenschaft entstand.
Die Iberische Halbinsel als Schauplatz der Knechtschaft
Auch auf der Iberischen Halbinsel war die Sklaverei eine mittelalterliche Wirklichkeit, die nichts Anekdotisches an sich hatte. Der einfache Grund für das verstärkte Auftreten der Unfreiheit in dieser Region lag darin, dass sie zusammen mit den Balearen die einzige Gegend Europas war, in der über fast acht Jahrhunderte hinweg große Teile des Landes von Muslimen bewohnt und beherrscht wurden. Die christliche Welt stand in direktem und permanentem Kontakt mit dem Islam, und die Sklaverei war auf beiden Seiten üblich. Sobald der Zufall der Waffen eine Veränderung der Grenze mit sich brachte, was in den vier Jahrhunderten der Rückeroberung häufig geschah, oder sobald einer der beiden Gegner auf Kosten des anderen einen kühnen Raubzug unternahm, fanden sich christliche Gefangene als Sklaven bei den Muslimen oder Muslime als Sklaven bei den Christen wieder. Diese beständige Grenzziehung und Überschreitung schuf einen permanenten Nachschub an versklavten Menschen, der die Institution der Unfreiheit auf der Halbinsel lebendig hielt.
Die ethnische Vielfalt der mittelalterlichen Versklavten
Was die Herkunft der versklavten Bevölkerungen betrifft, so handelte es sich vor allem um Muslime, Juden und orthodoxe Christen, um Slawen, Griechen und Bulgaren. Fast alle der im mittelalterlichen Abendland ausgebeuteten Sklaven waren entweder Mauren aus der islamischen Welt oder Slawen aus den heidnischen Gebieten Nord- und Osteuropas. An diese Tatsache erinnert auch der Umstand, dass sich in zahlreichen modernen europäischen Sprachen das Wort für den unfreien Menschen vom lateinischen Begriff für den Slawen ableitet. Vorderasien wäre im Mittelalter somit geblieben, was es bereits zu Zeiten des Römischen Reiches war, und die slawische Welt stellte weiterhin ein riesiges potenzielles Reservoir an versklavbaren Menschen dar. Die Geschichtsschreibung verweist darauf, dass die ethnische Vielfalt der mittelalterlichen Sklaven jener der antiken Zeit in nichts nachstand und dass keine Zuordnung nach äußerlichen Merkmalen stattfand.
Der Bedeutungswandel vom Diener zum Unfreien
Auch die mittelalterliche Wirtschaft kannte und nutzte Formen abhängiger Arbeit, vor allem auf dem Land, und bediente sich zur Bezeichnung lange derselben Ausdrücke, die das Lateinische verwendete, um von Unfreien zu sprechen. Wie jedoch die historische Forschung gezeigt hat, verbarg sich hinter der sprachlichen Übereinstimmung ein immer radikalerer Bedeutungswandel, der tiefgreifende Veränderungen der wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Inhalte offenbarte. Zwischen dem vierten und dem neunten Jahrhundert entwickelte sich ein Prozess, der die Geschichte der Arbeit in Europa und die soziale Landschaft des ländlichen Raumes von Grund auf veränderte. Die neuen Leibeigenen hatten so wenig mit den antiken Sklaven zu tun, dass dort, wo die ursprüngliche Sklaverei römischen Typs ein peripheres Nachleben entfaltete, wahrscheinlich vom zehnten Jahrhundert an ein neues Wort verwendet wurde. Dieses neue Wort spielte eindeutig auf die ethnische Herkunft der Opfer an und gab der Unfreiheit eine Konnotation, die in der antiken Praxis eher im Schatten geblieben war.
Der zivilisatorische Wandel und die zwei Begriffe
Der fragliche zivilisatorische Wandel, ein jahrhundertelanger Prozess, bezeichnet den Übergang von der antiken Zivilisation, die vor allem auf der Arbeit der Unfreien gründete, zu einer Zivilisation, die auf dem Wege war, sich von der Sklaverei zu befreien. In dieser neuen, zunächst mittelalterlichen Zivilisation erschienen die Überreste oder das Wiederauftauchen der antiken Versklavung als Unregelmäßigkeiten, als Archaismen oder als Überbleibsel einer vergangenen Unterdrückung. Um den Unterschied zwischen dem starren, fortdauernden Überrest der Sklavenarbeit und der neuen sozialen Form auf dem Wege der Befreiung deutlich zu machen, wurden vom zehnten Jahrhundert an zwei verschiedene Bezeichnungen verwendet. Die eine benannte das alte, archaische, je nach Zeit und Ort mehr oder weniger beharrliche Überbleibsel, die andere benannte die neue, zweifellos noch gehemmte, aber aktive Form, die mit der bürgerlichen Umwälzung zur freien Arbeit unter der Bedingung des Kapitals führen würde. So entstand die Unterscheidung zwischen dem Unfreien, dessen Bezeichnung sich vom lateinischen Wort für den Slawen ableitete, und dem Leibeigenen, dessen Bezeichnung vom lateinischen Wort für den Diener stammte.
Der sprachliche Kreuzschritt und seine Bedeutung
Es gab dabei eine Art Kreuzschritt oder sprachliche Asymmetrie: Die antike Sklaverei hat sich in Sachen sozialer Ordnung tatsächlich in Richtung Leibeigenschaft entwickelt, sodass das alte Wort, das den Unfreien bezeichnete, nun eine neue Form teilweise freier oder halbfreier Arbeit benannte. Umgekehrt bezeichnete ein neues Wort die alte Form der vollständigen Unfreiheit, und dieses neue Wort war etymologisch nichts anderes als die Bezeichnung für den Slawen. Die neuzeitliche Sklaverei bekam so bis in ihren Namen hinein eine Zuordnung nach äußerlichen Merkmalen, die in der antiken Praxis eher im Schatten geblieben war oder völlig fehlte. Diese sprachliche Asymmetrie verdeckt die Spur eines Zivilisationswandels und löscht sie gleichsam aus, wenn in modernen Sprachen das alte lateinische Wort mit dem neuen Begriff übersetzt wird. Die semantische Verschiebung ist somit nicht bloß ein sprachgeschichtliches Phänomen, sondern der Ausdruck einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzung.
Der Sklave als Fremder: eine uralte Gleichsetzung
Das Wort für den Unfreien, dessen neuzeitlicher Gebrauch im zehnten Jahrhundert aufkam, verweist auf die Fortdauer einer gleichsam unvordenklichen sozialen und sprachlichen Praxis: Der Sklave ist ein Fremder. In die großen Märkte Kleinasiens strömten Unfreie aus aller Herren Länder, und ihr Status ging letztlich immer auf die Stellung von Kriegsgefangenen oder von Leuten zurück, die von Plünderern entführt worden waren. Nach den Beinamen der Versklavten zu urteilen, die oft ethnische Bezeichnungen trugen, stellte Kleinasien umfangreiche Kontingente. Unter diesen Bedingungen ist verständlich, dass der Unfreie mit einem Fremden gleichgesetzt wird und Ortsnamen oder besondere Namen trägt. Es gibt zwei Reihen von Bezeichnungen, die manchmal zusammenfallen können: die des Kriegsgefangenen und die des Unfreien im engeren Sinn.
Die slawische Wurzel des Wortes
Bei dem neuzeitlichen Wort für den Unfreien handelt es sich eigentlich um den Namen der Slawen in südslavischer Form, aus dem sich eine griechisch-byzantinische Gestalt ableitete, die wiederum in der gesamten westlichen Welt die verschiedenen Formen des Wortes hervorbrachte. Eine Parallele dazu bietet sich in der angelsächsischen Welt an, in der ein bestimmtes Wort für den Unfreien eigentlich den Kelten bezeichnet, also den Angehörigen des unterworfenen Volkes. Und noch eine andere, diesmal mittelalterliche Parallele findet sich beim Vasallen, der eine niedere und untergebene Stellung einnimmt und dessen Bezeichnung eine Entlehnung aus der keltischen Sprache ist. Somit entlehnt jede Sprache die Bezeichnung des Unfreien aus einer anderen, und ein Volk gibt dem Unfreien den Namen eines benachbarten Volkes, wenn dieses unterworfen ist. Diese sprachliche Praxis bestätigt, dass die Gleichsetzung von Unfreiheit und Fremdheit ein übergreifendes Muster darstellt, das weit über den Einzelfall hinausreicht.
Die religiöse Grenze als Ersatz für die ethnische
Was nun spezifischer die slawischen Völker betrifft, so wird ihre massenhafte Bekehrung zum Christentum im zehnten Jahrhundert ihre Versklavung keineswegs beenden, da sie sich der griechischen und nicht der lateinischen Kirche anschlossen. Den unterworfenen Gebieten wurden weiterhin Menschen entzogen, unter dem Vorwand, dass ein Schismatiker einen guten Unfreien ergeben könne. Als Glaubensspalter oder Ketzer wurden die Slawen auf die andere Seite der zivilisatorischen Grenze verwiesen, zusammen mit den Juden, den Mauren und später den indigenen Völkern der Neuen Welt. Die Opfer dieser mittelalterlichen Sklaverei waren im Wesentlichen Heiden, Muslime, Juden sowie orthodoxe Christen. Die sächsischen Könige des zehnten Jahrhunderts hatten bereits Slawen in großer Zahl gefangengenommen, und zu jener Zeit wurde das Wort für den Slawen im Sinne eines seiner Freiheit beraubten Gefangenen verwendet.
Die Gleichsetzung von Ungläubigem und Unfreiem
Analog zu den muslimischen Eroberern haben die Christen des Mittelalters hauptsächlich zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterschieden, mögen Letztere nun Mauren, Juden oder Slawen gewesen sein. Beide Religionen, Christentum und Islam, setzten auf diese Weise die griechisch-römische Unterscheidung zwischen Bürgern des Gemeinwesens und Barbaren fort. Die Christen des Ostens wurden damals im Westen ganz allgemein als Glaubensspalter und sogar als Feinde betrachtet, was ihre Versklavung legitimierte. Das Kriterium zur Unterscheidung von Personen, die man versklaven oder weiter in Unfreiheit halten konnte, war nicht äußerlicher Natur, sondern zivilisatorischer oder religiöser Art. Man betrachtete die Versklavten als Ungläubige, entweder in Bezug auf die Kirche Christi oder in Bezug auf den Propheten des Islam, und diese Zuordnung bestimmte ihren rechtlichen und sozialen Status.
Die bunte Vielfalt der mittelalterlichen Sklavenmärkte
In der Zeit, als die meisten großen italienischen Städte versuchten, mit Venedig zu wetteifern, traf man auf italienischem Boden und in geringerem Maße auch auf der Iberischen Halbinsel eine sehr heterogene Schar von versklavten Menschen an. Es handelte sich um Russen, Tscherkessen, Tataren, Bulgaren, Slowenen, Bosnier, Albaner, Griechen, Kreter, Sarden, Korsen, die Ureinwohner der Kanarischen Inseln und Muslime aus Spanien und Nordafrika. Zu diesen Versklavten kamen seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts auch einige Menschen aus dem südlichen Afrika hinzu, die in der Südsahara von berberischen oder arabischen Händlern gekauft worden waren. Seit der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts wurden auch Menschen direkt an der Westküste Afrikas eingefangen. Diese Aufzählung zeigt, dass die mittelalterliche Sklaverei keineswegs auf eine einzige Herkunft beschränkt war, sondern aus einer Vielzahl von Quellen schöpfte.
Der Übergang zur ausschließlich afrikanischen Versklavung
Wenn Vorderasien vom antiken Rom bis zu den mächtigen italienischen Stadtstaaten des zwölften bis fünfzehnten Jahrhunderts eine unerschöpfliche Quelle für versklavte Menschen darstellte und wenn die Sklaverei des europäischen Spätmittelalters der unmittelbare Vorläufer jener Sklaverei war, die durch die Kolonialwirtschaft geboten erschien, gäbe es gleichwohl einen beachtenswerten Unterschied. Dieser Unterschied besteht zwischen der multiethnischen Sklaverei in Antike und Mittelalter, bei der Barbaren verschiedenster Herkunft versklavt wurden, und einer neuzeitlichen Sklaverei nach dem Jahr 1492, deren Kriterium offensichtlich ausschließlich und systematisch geworden ist. Der in die Kolonien verschleppte Unfreie ist von diesem Zeitpunkt an immer ein Mensch aus dem subsaharischen Afrika. Diese Ausschließlichkeit stellt das eigentliche Novum dar und unterscheidet die neuzeitliche von allen vorherigen Formen der Knechtschaft. Die Frage, ob es sich um eine neuzeitliche Sklaverei handelt, die gleichzeitig mit einer Weltwirtschaft entstand, lässt sich mit guten Gründen bejahen.
Die Gefahr der Vereinheitlichung Afrikas
Wenn man in Bezug auf den transatlantischen Sklavenhandel darin fortfährt, Millionen von Afrikanern unter eine einzige Kategorie zu fassen, während die vorderasiatischen Europäer von der Geschichtsschreibung in ihrer ethnisch-kulturellen Vielfalt benannt werden, hieße das nicht, die Vielfältigkeit Afrikas zu verkennen? Oder schlimmer noch, hieße es nicht, das äußerliche Vorurteil weiter zu bedienen, das die Grundlage der Versklavung bildete? Die Menschen des afrikanischen Kontinents sind gewiss nicht homogener als die Europäer, und die ethnisch-kulturelle Vielfalt der einen bildet ein genaues Gegenstück zu der der anderen. In genau diesem Sinne weist der afrikanische Kontinent in der Tat Ähnlichkeiten mit Vorderasien auf, wie sie der eingangs erwähnte Altertumsforscher bemerkt hatte. Die Reduktion eines gesamten Erdteils auf eine einzige äußerliche Eigenschaft verkennt die Wirklichkeit und schreibt die Logik der Versklavung fort.
Die römische Versorgung durch Eroberungskriege
Bei den Römern waren es Eroberungen von Gebieten im Norden, Westen, Süden und Osten, mit denen sie ihre Versorgung mit versklavten Menschen sicherstellten. Die Zahl der Unfreien, die in Rom anfangs ziemlich begrenzt war, stieg mit den Eroberungskriegen sprunghaft an. Gleichzeitig mit Gold und Silber kamen massenhaft Kriegsgefangene an, die versklavt wurden: Zehntausende Verbündete Hannibals, Zehntausende Einwohner von Tarent, Zehntausende Karthager, Tausende Makedonen, Gefangene aus Korsika und Sardinien, Hunderttausende Makedonen und Epiroten, Zehntausende nach der Eroberung Karthagos und Hunderttausende Kimbern und Teutonen. Die Liste ließe sich bis zu Cäsars Gallischem Krieg fortsetzen, der eine Million Gallier einbrachte. Diese Aufzählung zeigt, dass die römische Sklaverei aus einer Vielzahl von Quellen schöpfte und keine Beschränkung nach Herkunft oder äußerlichen Merkmalen kannte.
Die mittelalterliche Beschaffung aus allen Quellen
Auch die christlichen wie muslimischen Kaufleute des Mittelalters versorgten sich aus allen möglichen Quellen, wobei das Kriterium zur Unterscheidung nicht äußerlicher, sondern zivilisatorischer oder religiöser Natur war. Die Versklavten wurden als Ungläubige betrachtet, und diese Zuordnung bestimmte ihren Status, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Aussehen. Mit dem transatlantischen Sklavenhandel ist dieses Kriterium hingegen offensichtlich zu einem äußerlichen geworden, und zwar insofern, als sämtliche Versklavten aus dem subsaharischen Afrika verschleppt wurden. Die religiöse Grenze, die Jahrhunderte lang die Unterscheidung zwischen Freien und Unfreien bestimmt hatte, wurde durch eine Grenze ersetzt, die sich an der Herkunft und am Aussehen festmachte. Dieser Wandel stellt den eigentlichen historischen Einschnitt dar, der die neuzeitliche Sklaverei von allen vorherigen Formen unterscheidet.
Die abschließende Frage nach dem Kriterium
Um dieses Kriterium als ein ausschließlich äußerliches nachzuweisen, müsste man sich versichern, dass der Sklavenhandel nur deshalb ausschließlich das subsaharische Afrika betraf, weil dort Menschen leben, deren Hautfarbe dunkel ist. Doch trifft das überhaupt zu, oder ist diese Vereinfachung selbst ein Erbe der Logik, die man untersuchen will? Die Frage bleibt offen und verweist auf die Notwendigkeit, die Geschichte der Versklavung in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten, ohne sie auf ein einziges Merkmal zu reduzieren. Die sprachlichen, religiösen und wirtschaftlichen Wurzeln der Sklaverei reichen weit tiefer als die bloße Zuordnung nach äußerlichen Merkmalen, und wer diese Tiefe ignoriert, verkennt die eigentlichen Mechanismen der Unfreiheit. Die Geschichte der Knechtschaft ist somit nicht nur eine Geschichte der Opfer, sondern auch eine Geschichte der Begriffe, der Grenzen und der wechselnden Kriterien, nach denen Menschen zu Menschen erklärt oder aus der Menschlichkeit ausgeschlossen wurden.
















