Die Scherben der Geschichte und die Suche nach neuer Orientierung

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Gesellschaften geraten besonders dann in Bewegung, wenn vertraute Sicherheiten schwinden und die Zukunft nicht mehr als berechenbare Fortsetzung der Gegenwart erscheint. Wirtschaftliche Krisen, politische Konflikte, technische Umbrüche und kulturelle Spannungen können das Vertrauen in bestehende Ordnungen erschüttern. In solchen Zeiten wächst das Bedürfnis nach Heimat, Überschaubarkeit und festen Wertvorstellungen, während zugleich die Versuchung zunimmt, komplexe Entwicklungen mit einfachen Erklärungen zu versehen. Die Gegenwart wirkt dann wie ein Übergang, obwohl erst spätere Generationen beurteilen können, ob tatsächlich eine neue Epoche begonnen hat.

Die Rückkehr des Bedürfnisses nach Geborgenheit

Angesichts spürbarer Unsicherheiten entsteht beim Menschen das feste Verlangen nach Geborgenheit, nach innerer Erdung und nach einer Umgebung, die wieder verlässlich erscheint. Das Heimatgefühl gewinnt an Bedeutung und verbindet sich teilweise mit einem neuen Konservatismus.

Diese Entwicklung zeigt sich in der Entstehung entsprechender politischer Bewegungen ebenso wie in der Radikalisierung verschiedener Glaubensrichtungen. Menschen suchen nach festen Bezugspunkten, wenn wirtschaftliche Not, soziale Unübersichtlichkeit und politische Ohnmacht den Eindruck verstärken, keinen Einfluss mehr auf die eigene Zukunft zu besitzen.

Ein Blick nach Osten kann dabei manche Zusammenhänge sichtbar machen. Nationalreligiöse Israelis, Muslimbrüder, orthodoxe Russen und nationalistische Hindus verbinden das Säkulare erneut mit dem Sakralen und machen Religion zu einem politischen Ordnungsprinzip.

Die einen füllen das Vakuum, das wirtschaftliche Schwierigkeiten und die Einschränkung gewohnter Konsummöglichkeiten hinterlassen, mit radikalem Nationalismus. Die anderen schaffen sich eine geistige Heimat in einer neu erwachten Frömmigkeit, die Halt, Gemeinschaft und eine klare Deutung der Welt verspricht.

Heimat, Kleidung und sichtbare Zugehörigkeit

Auch im Alltag zeigt sich die Suche nach Identität. In Österreich gewinnt die Trachtenkultur neue Aufmerksamkeit, in Großbritannien wächst die Nostalgie nach vergangenen Zeiten und die besondere Popularität der Königin verstärkt das Bedürfnis nach einer vertrauten nationalen Symbolwelt.

Darüber hinaus ist ein allgemeiner Wunsch erkennbar, durch Kleidung, Auftreten und Lebensstil sich selbst und anderen eine erkennbare Identität zu geben. In einer Gesellschaft, die nahezu jede Form persönlicher Darstellung zulässt, wird die sichtbare Zugehörigkeit zu einer Gruppe wieder wichtiger.

Wer sich als junger Mensch von der Masse abheben möchte, kann konservative Werte als Ausdruck des Widerspruchs wählen. Früher galten lange Haare, Lederjacken oder Tätowierungen als Zeichen der Auflehnung gegen die bürgerliche Ordnung.

Heute ist beinahe jede äußere und persönliche Abweichung gesellschaftlich möglich. Gerade deshalb kann die Hinwendung zu Ordnung, Disziplin, Familie, Religion und Überlieferung als bewusste Abgrenzung erscheinen.

Der neue Rückzug ins Private

Wer die eigene Ohnmacht verspürt und den Eindruck gewinnt, ohnehin nichts verändern zu können, richtet sich möglicherweise in einer neuen Form des Biedermeier ein. Dieser Rückzug ins Private unterscheidet sich jedoch von jenem des Vormärz im 19. Jahrhundert.

Der damalige Rückzug war stärker politisch geprägt, weil staatliche Zensur, Überwachung und fehlende Mitwirkungsmöglichkeiten den öffentlichen Raum eng begrenzten. Heute ist der Rückzug vor allem persönlich motiviert.

Die Menschen verfügen über Lebensmöglichkeiten, die früheren Generationen nicht offenstanden. Sie können eine Religion praktizieren oder auf Glauben verzichten, in einer Familie oder allein leben, eine Patchworkfamilie bilden oder sich bewusst für Treue, Entbehrung und dauerhafte Bindung entscheiden.

Viele Lebensformen sind heute ohne unmittelbares gesellschaftliches Stigma möglich. Diese weitgehende Individualisierung löst persönliche Erwartungen zunehmend von den früheren Vorstellungen der Gesamtgesellschaft.

Freiheit erweitert dadurch die Möglichkeiten, kann aber zugleich die Orientierung erschweren. Wenn nahezu jede Entscheidung als persönliche Wahl gilt, fehlt vielen Menschen ein allgemein anerkannter Rahmen, an dem sie sich ausrichten können.

Der Verlust der Planbarkeit

Hinter dieser Entwicklung steht ein wachsender Verlust an Planbarkeit. Zukunft und Gegenwart scheinen ineinander überzugehen, während langfristige Erwartungen immer schwieriger zu bilden sind.

Ein Grund dafür liegt auch in der technischen Ausstattung jüngerer Menschen. Wer dauerhaft mit digitalen Geräten verbunden ist, erlebt Zeit möglicherweise nicht mehr als klar voneinander getrennte Abschnitte.

Nachrichten, Bilder, Gespräche und Ereignisse aus verschiedenen Teilen der Welt erreichen den Einzelnen ohne erkennbare Unterbrechung. Vergangenheit, Gegenwart und erwartete Zukunft erscheinen dadurch als gleichzeitiger Strom.

Diese ständige Verbindung kann den Zugang zu Informationen erleichtern, erzeugt aber auch eine dauerhafte innere Unruhe. Es gibt kaum noch einen Augenblick, in dem die Außenwelt vollständig schweigt.

Der Mensch verliert dadurch nicht unbedingt den Kontakt zur Welt, wohl aber den Abstand, der notwendig wäre, um Ereignisse zu ordnen und ihnen eine Bedeutung zu geben.

Der politische Islam als Gegenentwurf

Der Aufstieg des politischen Islam während der 1980er- und 1990er-Jahre hatte unterschiedliche Ursachen, die je nach Land und sozialem Umfeld betrachtet werden müssen. Das neue muslimische Selbstverständnis verstand sich in vielen Ausprägungen als Antwort auf die Globalisierung.

Globalisierung wurde dabei häufig mit einer amerikanisch geprägten Lebensweise gleichgesetzt. Für Menschen, die sich als Verlierer dieser Entwicklung empfanden, bot der politische Islam einen Gegenentwurf zur kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Dominanz des Westens.

Viele arabische und muslimische Gesellschaften erlebten, wie einheimische Wirtschaftsformen unter Druck gerieten, politische Systeme ihre Glaubwürdigkeit verloren und westliche Lebensbilder durch Medien, Handel und Technik in den Alltag eindrangen.

Der politische Islam versprach eine Rückkehr zu einer religiös begründeten Ordnung. Er verband soziale Kritik, nationale Selbstbehauptung und religiöse Identität zu einem umfassenden politischen Anspruch.

Wie viele religiöse Ideologien war auch dieser Gegenentwurf jedoch von Widersprüchen geprägt. Der Westen wurde dämonisiert, amerikanische Fahnen wurden verbrannt und westliche Einflüsse öffentlich verurteilt, während Mobiltelefone, das Internet und die englische Sprache selbstverständlich genutzt wurden.

Widersprüche der modernen Abgrenzung

Die technische und wirtschaftliche Verflechtung ließ sich nicht einfach zurückweisen. Selbst jene Bewegungen, die sich am schärfsten gegen die westliche Welt richteten, nutzten deren Kommunikationsmittel, medizinische Verfahren und wirtschaftliche Möglichkeiten.

Die politische Ablehnung des Westens bedeutete deshalb nicht automatisch eine vollständige Abkehr von seinen technischen Errungenschaften. Vielmehr entstand eine selektive Aneignung: Die Technik wurde übernommen, während die kulturelle und politische Herkunft dieser Technik zurückgewiesen wurde.

Diese Spannung findet sich auch in anderen Formen des Nationalismus. Viele Bewegungen berufen sich auf eine vergangene Reinheit, sind aber zugleich auf internationale Märkte, moderne Verkehrsmittel und weltweite Nachrichtenverbindungen angewiesen.

Die Sehnsucht nach einer geschlossenen Gemeinschaft steht damit im Widerspruch zu den Bedingungen, unter denen diese Gemeinschaften tatsächlich leben. Abgrenzung wird mit Mitteln betrieben, die eine weltweite Verflechtung voraussetzen.

Die Finanzkrise als Beschleuniger

Manche Entwicklungen deuten auf eine längere Zeitenwende hin. Der Beginn der Finanzkrise im August 2007, ausgelöst durch das Platzen der amerikanischen Immobilienblase, verstärkte politische und gesellschaftliche Strömungen, die bereits zuvor vorhanden waren.

Dazu gehörten separatistische Bewegungen, der wachsende Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen und der Rückzug in nationale oder regionale Identitäten. Die Krise zeigte, dass die weltweite wirtschaftliche Verflechtung nicht nur Wohlstand, sondern auch gemeinsame Verwundbarkeit erzeugt.

Im vergangenen Jahrzehnt wurde häufig behauptet, die Anschläge vom 11. September 2001 hätten eine völlig neue Epoche eingeleitet. Dieses Datum war zweifellos von großer Bedeutung, doch seine historische Wirkung wird möglicherweise überschätzt.

Weitreichender waren die militärischen Abenteuer in Afghanistan und im Irak, die 2001 beziehungsweise 2003 begannen. Sie veränderten die internationale Politik, führten zu langwierigen Kriegen und verursachten Kosten, deren Folgen die öffentlichen Haushalte über Jahre belasteten.

Die finanziellen Lasten dieser Kriege wirkten sich auch auf die Stabilität des amerikanischen Staatshaushalts aus. Die anhaltende Haushaltskrise bildete wiederum einen Bestandteil jener wirtschaftlichen Unsicherheit, die eine langwierige Rezession begünstigte.

Zwischen Integration und Zerfall

Es wäre nicht das erste Mal in der jüngeren Geschichte, dass sich internationale Beziehungen zwischen den Polen der Integration und der Fragmentierung neu ordnen. Globalisierung und regionale Zusammenarbeit können wachsen, während gleichzeitig Staaten zerfallen und politische Gemeinschaften auseinanderbrechen.

Nach 1920 entstand mit dem Völkerbund und dem Versuch, ein System gemeinsamer Sicherheit in Europa zu schaffen, eine fruchtbare Phase multilateraler Diplomatie. Die Hoffnung bestand darin, dass internationale Einrichtungen künftige Konflikte eindämmen und die Zusammenarbeit zwischen Staaten dauerhaft sichern könnten.

Mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 veränderte sich die politische Atmosphäre jedoch grundlegend. Autoritäre Regime gewannen an Einfluss, wirtschaftliche Abschottung nahm zu und nationale Interessen verdrängten die Bereitschaft zur gemeinsamen Verantwortung.

Auch Regierungen, die auf demokratischem Weg an die Macht gekommen waren, konnten autoritäre Strukturen entwickeln. Die politische Unsicherheit führte zu einer Rückkehr des Machtdenkens, der einseitigen Außenpolitik und der wirtschaftlichen Abgrenzung.

Die Entwicklung mündete schließlich in ein neues Kriegsgeschehen. Damit zeigte sich, dass internationale Einrichtungen allein nicht genügen, wenn die beteiligten Staaten ihre eigenen Interessen über die gemeinsamen Regeln stellen.

Die offene Frage nach der Zukunft

Es stellt sich die Frage, ob die Zukunft durch die weitere Zersplitterung bestehender Staaten und die Suche nach Ausgleich über einzelne Vereinbarungen bestimmt werden wird. Ebenso denkbar ist eine stärkere Integration, die aus den gemeinsam erfahrenen Gefahren hervorgeht.

Die Existenz internationaler Organisationen, der Ausbau regionaler Bündnisse und die weltweite wirtschaftliche und technische Verflechtung sprechen für eine zunehmende Zusammenarbeit.

Viele Probleme lassen sich von keinem Staat allein lösen. Dazu gehören die Weltwirtschaftskrise, die Energieversorgung, die Bekämpfung internationaler Kriminalität und des Terrorismus sowie die Folgen veränderter Umweltbedingungen.

Staats- und Regierungschefs bekennen sich bei internationalen Gipfeltreffen und in der Vollversammlung der Vereinten Nationen regelmäßig zu gemeinsamer Verantwortung und multilateraler Diplomatie.

Die Umsetzung solcher Bekenntnisse scheitert jedoch häufig am Beharren auf nationalen Positionen. Sobald konkrete Interessen betroffen sind, werden gemeinsame Grundsätze zurückgestellt und politische Vorteile im eigenen Land höher bewertet.

Der neue wirtschaftliche Patriotismus

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist in vielen Volkswirtschaften vom wirtschaftlichen Patriotismus die Rede. Frankreich versucht, strategisch wichtige Unternehmen zu schützen, Russland verstaatlichte seit 2003 wesentliche Teile seiner Erdöl- und Erdgaswirtschaft, und die Vereinigten Staaten greifen immer dann zu Schutzmaßnahmen, wenn Stahl- oder Landwirtschaftsbereiche durch unerwünschte Konkurrenz bedroht werden.

Obwohl der Freihandel eine wichtige Grundlage der europäischen Einigung bildet, breitet sich der Schutz nationaler Schlüsselbereiche aus. Regierungen betrachten bestimmte Wirtschaftsgüter, Unternehmen und Rohstoffe als so wichtig, dass sie dem freien Wettbewerb entzogen werden sollen.

Verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage, wächst der Wunsch, die nationalen Märkte abzuschirmen und Arbeitslosigkeit einzudämmen. Wenn die wirtschaftliche Temperatur sinkt, nimmt auch der nationale Eigennutz zu.

Die Zusammenarbeit zwischen Staaten und die Ideale des offenen Marktes geraten dann in den Hintergrund. Regierungen versprechen Schutz vor ausländischer Konkurrenz, während sie gleichzeitig die Vorteile internationaler Verflechtung bewahren möchten.

Diese Verbindung ist widersprüchlich. Ein Staat kann nicht unbegrenzt von offenen Märkten profitieren und sich zugleich vor allen Folgen des internationalen Wettbewerbs abschirmen.

Öffnung und Abschottung zugleich

Phasen wirtschaftlicher Öffnung und Phasen politischer und wirtschaftlicher Abschottung wechseln sich in der Geschichte regelmäßig ab. Sie folgen jedoch nicht immer chronologisch aufeinander.

Gegenläufige Entwicklungen können gleichzeitig stattfinden. Seit den 1990er-Jahren weitete sich die europäische Integration durch neue Mitglieder und größere Märkte aus, während gleichzeitig Staaten zerfielen, die zuvor gemeinsame Wirtschaftsgebiete gebildet hatten.

Die jugoslawische Föderation zerbrach ebenso wie die Sowjetunion. Während sich Teile Europas enger zusammenschlossen, zerfielen andere politische Räume in kleinere Staaten und neue nationale Einheiten.

Gewinne und Verluste scheinen sich in der Geschichte häufig die Waage zu halten. Fortschritte in einem Bereich können mit schweren Rückschritten in einem anderen verbunden sein.

Globalisierung kann Wohlstand und Austausch fördern, aber auch Ungleichheit und Abhängigkeit verstärken. Nationale Abgrenzung kann kurzfristig Schutz versprechen, langfristig jedoch wirtschaftliche Isolation und politische Spannungen verschärfen.

Die offenen Fragen des Nationalismus

Der britische Historiker Tony Judt beschäftigte sich ausführlich mit den politischen und sozialen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Dabei untersuchte er die Gewinne und Verluste der Globalisierung ebenso wie die emotionalen Grundlagen des Nationalismus.

Im Mittelpunkt stehen Fragen nach den Kräften, die Weltkriege ermöglichen, totalitäre Weltanschauungen hervorbringen und Gesellschaften in eine zerstörerische Dynamik treiben können.

Die entscheidenden Fragen richten sich an jede Generation: Was kann aus der Geschichte gelernt werden, und worin besteht ein gutes Leben?

Manchmal führt die Übersättigung einer wohlhabenden Gesellschaft zu Arroganz und Selbstüberschätzung. In anderen Fällen entsteht der Aufstand aus wirtschaftlicher Not, politischer Ausgrenzung und fehlenden Zukunftsaussichten.

Auch Naturereignisse können gesellschaftliche Ordnungen erschüttern. Dürren, Überschwemmungen und Missernten haben in der Geschichte immer wieder politische Unruhen, Wanderungsbewegungen und Zusammenbrüche ausgelöst.

Die alte Angst vor dem Untergang

Früher kündigten Propheten die Vernichtung der bekannten Welt an. Heute entwerfen Sachverständige Untergangsszenarien, die aus einer Währungskrise, einer sozialen Katastrophe oder einer umfassenden Umweltkrise hervorgehen sollen.

Der Mythos der Sintflut findet sich in zahlreichen Religionen und Kulturen. Von Indien bis zu den Kulturen Mittelamerikas erzählen Überlieferungen von einer zerstörerischen Wassergewalt, die eine alte Welt vernichtet und zugleich eine neue Ordnung ermöglicht.

Die zerstörerische und reinigende Kraft des Wassers prägt diese Symbolik. Untergang bedeutet dabei nicht ausschließlich Ende, sondern auch Übergang.

Das Gilgamesch-Epos, eines der ältesten großen Werke der Menschheit, enthält viele Motive, die später auch in biblischen Überlieferungen erscheinen. Dazu gehören die Erschaffung des Menschen, die Auseinandersetzung zwischen Göttern und Menschen sowie die Bestrafung durch Naturgewalten.

Die Vorstellung einer bevorstehenden Apokalypse scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst. Bestimmte Zeitpunkte, besonders der Übergang in ein neues Jahrtausend, können kollektive Ängste, Pilgerreisen und Hamsterkäufe auslösen.

Fortschrittsglaube und Kulturpessimismus

Menschen, die große Umbrüche selbst erlebt und zugleich geistig verarbeitet haben, beschreiben ihre Zeit häufig mit besonderer Eindringlichkeit. Stefan Zweig erinnerte an ein Europa, das sich zunächst von gewaltigen geistigen und technischen Leistungen getragen fühlte und danach in unvorstellbare Abgründe stürzte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte eine starke Aufbruchsstimmung. Der technische Fortschritt vermittelte den Eindruck, dass nahezu alles machbar sei.

Dieser Fortschrittsglaube erzeugte ein enormes Selbstbewusstsein. Wer vor den Gefahren der Entwicklung warnte, wurde leicht als rückständig, ängstlich oder verräterisch betrachtet.

Zu den Skeptikern gehörte Oswald Spengler. Er betrachtete Geschichte als einen Kreislauf von Aufstieg, Reife und Niedergang und versuchte, aus dieser Sichtweise Erkenntnisse für seine eigene Gegenwart zu gewinnen.

Spenglers Deutung wurde von vielen Zeitgenossen abgelehnt. Dennoch zeigt sie, dass Kulturpessimismus nicht immer aus Unwissenheit entsteht. Mitunter erkennt der Pessimist Entwicklungen, die andere wegen ihrer Begeisterung für den Fortschritt nicht wahrhaben wollen.

Das lange 19. Jahrhundert und das kurze 20. Jahrhundert

Der britische Historiker Eric Hobsbawm prägte die Vorstellung eines langen 19. und eines kurzen 20. Jahrhunderts. Nach dieser Einteilung begann das 19. Jahrhundert 1789 mit der Französischen Revolution und endete 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Das blutige Zeitalter der Extreme dauerte demnach von 1914 bis 1989 und endete mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Diese Einteilung macht deutlich, dass historische Zeit nicht ausschließlich nach Kalenderjahren verstanden werden kann.

Politische, wirtschaftliche und geistige Umbrüche bestimmen den Charakter einer Epoche oft stärker als der Wechsel einzelner Jahreszahlen. Ein Jahrhundert kann im historischen Sinn länger oder kürzer sein, als es der Kalender vermuten lässt.

Die große Veränderung liegt nicht immer in einem einzigen Ereignis. Häufig entsteht sie aus einer Kette von Krisen, technischen Neuerungen, Kriegen und politischen Entscheidungen.

Erst im Rückblick lassen sich diese Entwicklungen zu einer scheinbar klaren Epoche verbinden.

Die Sicherheit vor 1914

Die lange Epoche vor 1914 war neben ihrer Dynamik auch ein Zeitalter der Sicherheit. Staatliche Verwaltung, wirtschaftlicher Aufstieg und das Gefühl, in einem geordneten Vielvölkerstaat zu leben, vermittelten vielen Menschen Stabilität.

Diese Sicherheit galt als erstrebenswertes Ziel. Wer sie infrage stellte, wurde als Kulturpessimist betrachtet.

Zu den Kulturpessimisten zählte in den Augen vieler Zeitgenossen und späterer Leser Oswald Spengler. Dabei sah er womöglich nur etwas deutlicher, was andere nicht wahrhaben wollten.

Eine Warnung kann sich als richtig erweisen, auch wenn ihr zunächst niemand glaubt. Die Seherin Kassandra aus der griechischen Überlieferung ist dafür das bekannteste Beispiel.

Die Trojaner öffneten die Tore ihrer Stadt selbst für jenes hölzerne Pferd, das ihren Untergang brachte. Viele Mächte, die zuvor als unbesiegbar galten, haben auf ähnliche Weise die Voraussetzungen für ihren Niedergang selbst geschaffen.

Die gegenwärtige Untergangsstimmung

Wer sich einen Überblick über die gegenwärtigen Deutungen einer Zeitenwende, eines möglichen Niedergangs des Westens, eines asiatischen Zeitalters und eines Zerfalls Europas verschaffen möchte, begegnet einer neuen Stimmung des Untergangs.

Die Globalisierung, die für manche lange als Antwort auf alle politischen und wirtschaftlichen Probleme galt, scheint vorerst an ihre Grenzen zu stoßen. Dabei war die Welt schon früher global verflochten, wenn auch unter anderen technischen und kulturellen Bedingungen.

Handelswege, Wanderungsbewegungen und kultureller Austausch verbanden Kontinente bereits in früheren Jahrhunderten. Die heutige Vernetzung unterscheidet sich vor allem durch ihre Geschwindigkeit, ihre technische Reichweite und die unmittelbare Verfügbarkeit von Informationen.

Die Vorstellung, unsere Zeit sei völlig einzigartig, kann deshalb ebenso irreführend sein wie die Behauptung, alle früheren Entwicklungen würden sich unverändert wiederholen.

Wirtschaftliche Verflechtung verhindert keinen Krieg

Wirtschaftliche Verflechtung allein garantiert keine friedliche Koexistenz. Vier Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs veröffentlichte der britische Ökonom Norman Angell eine Untersuchung, in der er erklärte, ein Krieg in Europa sei angesichts der wirtschaftlichen Verflechtung kaum vorstellbar.

Seine Überlegung beruhte auf der Annahme, dass ein Krieg wegen der engen Handelsbeziehungen allen Beteiligten schaden müsse und deshalb politisch unvernünftig wäre.

Die Ereignisse bewiesen jedoch, dass wirtschaftliche Vernunft nicht automatisch über nationale Leidenschaften, militärische Pläne und politische Feindbilder siegt. Trotz einer damals weit entwickelten internationalen Verflechtung brach der Krieg aus.

Die alte europäische Ordnung, die den Welthandel beherrscht hatte, zerfiel. Handel und gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit konnten den militärischen Konflikt nicht verhindern.

Die Geschichte zeigt damit, dass wirtschaftliche Nähe allein nicht ausreicht, um Kriege unmöglich zu machen. Politische Entscheidungen können wirtschaftliche Interessen überlagern, wenn Staaten Sicherheit, Ehre oder nationale Größe höher bewerten.

Die Vollkaskomentalität

Ähnlich wie vor einem Jahrhundert ist auch heute eine umfassende Absicherungsmentalität verbreitet. Besonders im angelsächsischen und deutschsprachigen Raum besteht die Vorstellung, nahezu jedes Risiko müsse versicherbar sein.

In den 1990er-Jahren erzielten Versicherungen mit Lebensversicherungen große Gewinne und entwickelten sich zunehmend zu wichtigen Finanzakteuren. Sinkende Zinsen erschwerten später jedoch die Erzielung jener Renditen, mit denen viele Verträge ursprünglich beworben worden waren.

Trotzdem genießen Versicherungsunternehmen besonders im deutschsprachigen Raum weiterhin großes Vertrauen. Das Ansehen der Banken ist dagegen deutlich gesunken.

Viele Menschen sind überzeugt, dass ihr Vermögen, ihre Altersversorgung und ihre langfristigen Ansprüche unverrückbar gesichert seien. Diese Gewissheiten könnten durch Währungskrisen, Bankenpleiten oder sogar einen Staatsbankrott erschüttert werden.

Die Vorstellung vollständiger Sicherheit ist ebenso trügerisch wie der Glaube, politische und wirtschaftliche Systeme könnten ohne größere Brüche fortbestehen.

Die Diagnosegesellschaft

Historiker, Essayisten und andere Menschen, die öffentlich das Wort ergreifen, verspüren häufig den Drang, ihrer Zeit eine umfassende Diagnose zu geben. Vielleicht leben wir bereits in einer Diagnosegesellschaft, in der findige Autoren für nahezu jeden Lebensbereich eine neue Epoche ausrufen.

Solche Deutungen erzeugen für kurze Zeit Aufmerksamkeit. Von den Ereignissen überholt, wirken manche Veröffentlichungen und Thesen jedoch bald hohl.

Das Ende der Geschichte trat nicht ein. Auch der große Kulturkampf, den manche Beobachter erwartet hatten, blieb aus. Ebenso entstand keine dauerhaft friedliche Weltordnung, in der internationales Recht von allen Staaten gleichermaßen geachtet wurde.

Auch die postindustrielle Gesellschaft, die Soziologen zu Beginn der 1970er-Jahre ankündigten, verwirklichte sich nicht in der erwarteten Form. Industrielle Produktion verschwand nicht, sondern verlagerte sich, veränderte ihre Verfahren und verband sich mit neuen technischen Bereichen.

Der Wert einer historischen Diagnose hängt deshalb davon ab, ob sie offen genug bleibt, um Überraschungen zuzulassen. Wer die Zukunft zu genau beschreiben will, verwechselt häufig eine gegenwärtige Tendenz mit einem unumkehrbaren Gesetz.

Die willkürlichen Grenzen der Epochen

Vom griechischen Gott Chronos leitet sich das Wort Chronologie ab, also die Ordnung und Messung zeitlicher Abläufe. Seit jeher verspüren Geschichtsschreiber den Drang, die Zeit einzuteilen und Epochen voneinander abzugrenzen.

Solche Kategorien können hilfreich sein, doch sie werden der Wirklichkeit nicht immer gerecht. Die Einteilung in Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne mit ihren zahlreichen Unterabschnitten enthält manche künstliche Grenze.

Wer in Mitteleuropa während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zwischen Krieg, Seuchen und Hunger zu überleben versuchte, wusste nicht, dass spätere Historiker seine Lebenszeit als Epoche des Dreißigjährigen Krieges bezeichnen würden.

Für die Menschen selbst bestand die Geschichte nicht aus klar voneinander getrennten Abschnitten. Sie erlebten Veränderungen schrittweise, oft widersprüchlich und ohne zu wissen, welche Bedeutung spätere Generationen ihren Erfahrungen geben würden.

Auch unsere Gegenwart wird von späteren Generationen vermutlich anders eingeteilt werden, als wir es heute erwarten.

Welche Überschrift erhält unsere Zeit?

Es ist ungewiss, unter welcher Überschrift spätere Generationen unsere Gegenwart einordnen werden. Werden sie von einem langen Übergang sprechen, von einer politischen Neuordnung, von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch oder von einer unerwarteten Erneuerung?

Viele Menschen empfinden Unbehagen, andere hoffen, noch grundlegende Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu erleben. Sie wünschen sich einen Weg aus Krise, Korruption und wachsender Ungerechtigkeit.

Vielleicht nimmt vieles trotz aller Spannungen noch lange seinen bisherigen Verlauf. Die Verknappung wichtiger Rohstoffe, die schwierige wirtschaftliche Lage und die Wut vieler Menschen können zu einer politischen Wende führen, müssen es aber nicht.

Geschichte verläuft selten geradlinig. Entwicklungen können sich lange hinziehen und dann durch ein scheinbar nebensächliches Ereignis beschleunigt werden.

Ebenso möglich ist, dass manche Befürchtungen übertrieben sind und sich das politische System an neue Bedingungen anpasst, ohne vollständig zusammenzubrechen.

Warum die Zukunft offen bleibt

Die Frage, ob eine Kultur dem Untergang geweiht ist oder ob die Welt sich von einem europäischen zu einem asiatischen oder später afrikanischen Zeitalter bewegt, wird immer wieder gestellt.

Eine endgültige Antwort ist nicht möglich. Es bleibt jedoch sinnvoll, aktuelle Entwicklungen in historische Erfahrungen einzuordnen und zugleich daran festzuhalten, dass das Leben voller Überraschungen ist.

Erfindungen können jahrzehntelange Erwartungen umkehren. Angesagte Katastrophen können ausbleiben, während unerwartete Gefahren entstehen.

Ende des 19. Jahrhunderts warnten Zeitgenossen davor, dass Paris in den folgenden Jahrzehnten im Pferdemist versinken werde. Die Erfindung des Automobils veränderte jedoch die Verkehrsordnung, und der verbliebene Pferdemist wurde als Dünger genutzt.

Im 14. Jahrhundert schien die massive Abholzung in Mitteleuropa das Verschwinden großer Waldgebiete anzukündigen. Der verstärkte Bau mit Stein und die spätere Nutzung der Kohle als Brennstoff veränderten die Entwicklung erneut.

Diese Beispiele zeigen, dass Prognosen häufig von den technischen Möglichkeiten ihrer Zeit begrenzt sind. Menschen können Probleme lösen, indem sie die Voraussetzungen selbst verändern.

Brüche statt gerader Linien

Es wäre daher falsch, an eine völlig lineare Entwicklung zu glauben. Brüche können durch politische Entscheidungen, technische Neuerungen, soziale Bewegungen oder Naturgewalten entstehen.

Auch die Natur hat in der Geschichte stets ein eigenes Wort mitgeredet. Dürren, Überschwemmungen, Erdbeben, Seuchen und Veränderungen des Klimas können politische Ordnungen erschüttern und ganze Gesellschaften vor neue Aufgaben stellen.

Am Ende sind es jedoch Menschen, die mit ihrem Wissen, ihrer Hoffnung und ihrer Unerschrockenheit die Richtung der Geschichte beeinflussen.

Sie können Irrtümer korrigieren, technische Lösungen entwickeln, politische Bündnisse verändern und aus Krisen neue Formen der Zusammenarbeit hervorbringen.

Eine Zeit des Übergangs muss deshalb nicht zwangsläufig in Niedergang enden. Sie kann ebenso eine Vorstufe zu einer neuen Ordnung sein, deren Gestalt sich erst langsam herausbildet.

Das Bild der zerbrochenen Spiegel

Eine persische Erzählung veranschaulicht diesen Gedanken. Als der persische Schah Nasr-Eddin Mitte des 19. Jahrhunderts Europa besuchte, soll ihn der Spiegelsaal von Versailles so beeindruckt haben, dass er zahlreiche Spiegel für seinen Palast bestellte.

Als die Kisten mit der empfindlichen Ware in Teheran eintrafen, waren die Spiegel jedoch nur noch Scherben. Die Handwerker am Hof des Herrschers ließen sich davon nicht entmutigen.

Sie nahmen die Glassplitter und schmückten damit die Hallen des weitläufigen Golestan-Palastes. Aus dem zerbrochenen Material entstand etwas Neues, auch wenn es ganz anders aussah als das ursprünglich geplante Werk.

Dieses Bild lässt sich auf politische und gesellschaftliche Umbrüche übertragen. Ordnungen können zerbrechen, Erwartungen können sich als falsch erweisen und vertraute Strukturen können ihre frühere Form verlieren.

Dennoch müssen die Bruchstücke nicht wertlos sein. Aus ihnen können neue Verbindungen, neue Institutionen und neue Formen gemeinsamer Verantwortung entstehen.

Möge es gelingen, aus den gegenwärtigen Turbulenzen und den zahlreichen politischen und territorialen Veränderungen etwas Neues zu schaffen, das seine eigene Gestalt entwickelt und auf seine Weise in die Geschichte hineinwirkt.

 

How to whitelist website on AdBlocker?

How to whitelist website on AdBlocker?

  1. 1 Click on the AdBlock Plus icon on the top right corner of your browser
  2. 2 Click on "Enabled on this site" from the AdBlock Plus option
  3. 3 Refresh the page and start browsing the site