Indien, China und Japan im asiatischen Aufbruch
Screenshot youtube.comDer wirtschaftliche Aufstieg Asiens verläuft nicht nach einem einheitlichen Muster. Indien ringt mit Armut, Korruption und tiefen gesellschaftlichen Gegensätzen, China verbindet rasantes Wachstum mit strenger politischer Kontrolle, während Japan nach seinem früheren Aufstieg mit wirtschaftlichen und demografischen Problemen kämpft. Zugleich verändert sich die Stellung des Westens: Asiatische Staaten gewinnen an Einfluss, und ihre Unternehmen, Hochschulen und kulturellen Einrichtungen treten selbstbewusster auf. Die folgenden Beobachtungen geben die Perspektive der frühen 2010er-Jahre wieder und zeigen, wie vielfältig und widersprüchlich die Entwicklung der Region schon damals war.
Indiens Aufstieg und fortbestehendes Elend
Das wirtschaftliche Wachstum der vorangegangenen Jahre hatte Indien weniger gleichmäßig erfasst als China. Weit verbreitetes Elend blieb bestehen, und die Zahl der Landlosen nahm zu. Selbstmorde verschuldeter Kleinbauern waren ein besonders erschütterndes Zeichen der Not. Für Besucher zeigte sich die Armut nicht als abstrakte Größe, sondern im Alltag der Straßen und Dörfer.
Während wohlhabende Inder auf voll besetzten Motorrädern und in Geländewagen unterwegs waren, wurden Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer oft rücksichtslos behandelt. Verletzte Menschen blieben liegen, und das Leid armer Bürger schien viele Passanten kaum zu berühren. Auch Berichte über brutale Übergriffe gegen Frauen drangen nach und nach stärker in die Öffentlichkeit. Der damalige Text zeichnete ein Bild extremer Armut, die einen großen Teil der Bevölkerung betreffe, und schilderte eine Gleichgültigkeit gegenüber sichtbarem Elend.
Im Vergleich dazu wurde China als Staat beschrieben, der seine große Bevölkerung ernähren und fast allen Menschen ein Dach über dem Kopf verschaffen konnte. Solche Gegenüberstellungen machten die Unterschiede zwischen den beiden Ländern besonders scharf. Sie sagten jedoch wenig darüber aus, wie Armut gemessen wurde oder wie stark sich Lebensbedingungen innerhalb der jeweiligen Staaten unterschieden. Für den Besucher blieb vor allem der Kontrast zwischen Indiens sichtbarer Not und dem wirtschaftlichen Selbstbewusstsein seiner aufsteigenden Schichten in Erinnerung.
Der Gegenwind für Indiens Dienstleistungswirtschaft
Auch die Gewinner des indischen Wachstums waren nicht vor Schwierigkeiten geschützt. Ein Teil des Erfolgs beruhte darauf, dass westliche Unternehmen Dienstleistungen nach Indien verlagerten. Wenn Banken, Versicherungen und Beratungsfirmen in London und anderen westlichen Zentren selbst unter Druck gerieten, konnten sie weniger Aufträge an indische Fachkräfte vergeben. Die Nachfrage nach günstig erstellten Schriftsätzen, Rechenblättern und Auswertungen war daher abhängig von der Lage der westlichen Wirtschaft.
Hinzu kamen hausgemachte Probleme, vor allem Korruption. Skandale folgten aufeinander, und hohe Geldbeträge verschwanden nach dem Eindruck vieler Bürger in undurchsichtigen Geschäften. Der neue Reichtum konzentrierte sich in den Händen weniger einflussreicher Industriellenfamilien, die ihren Wohlstand teilweise mit provokanter Prunksucht zur Schau stellten. Dadurch verschärfte sich der Gegensatz zwischen einer wohlhabenden Führungsschicht und der großen Zahl armer Menschen.
Religiöse Spannungen und politische Vielfalt
Die soziale Spaltung war nicht die einzige Bruchlinie Indiens. Religiöse Gegensätze führten wiederholt zu Gewalt, bei der Moscheen und hinduistische Tempel angegriffen oder in Brand gesetzt wurden. Zu den schwersten Ausschreitungen gehörten die Gewalttaten im Bundesstaat Gujarat im Februar 2002. Nationalistische Hindus töteten dabei nach damaligen Schätzungen etwa 2.000 Muslime, nachdem ein Angriff auf hinduistische Pilger Racheaktionen ausgelöst hatte.
Die Gewalt führte zugleich zu einer intensiven öffentlichen Auseinandersetzung mit der Frage nach Verantwortung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Auch spätere Anschläge, etwa die Terrorangriffe in Mumbai im Jahr 2008, heizten religiöse Spannungen erneut an. Dennoch war die politische Machtverteilung in Indien nicht ausschließlich an Religion oder Herkunft gebunden. Das Land blieb von zahlreichen Konflikten geprägt, ohne dass sich daraus automatisch eine geschlossene religiöse Front entwickelte.
Unterschiede als Gegengewicht
Indien ist sprachlich, ethnisch, religiös und sozial stark zersplittert. In vielen Staaten können solche Unterschiede eine Quelle schwerer Konflikte sein, doch in Indien wirkten sie nach der damaligen Analyse teilweise auch ausgleichend. Trennlinien wie Sprache, Religion und Kastenzugehörigkeit decken sich nicht immer; sie überschneiden sich und verhindern damit häufig, dass sich eine Gruppe gegen alle anderen zusammenschließt. Keine einzelne Ethnie kann das Land dauerhaft beherrschen, ohne auf die Interessen anderer Gruppen Rücksicht nehmen zu müssen.
Dieses Gleichgewicht geriet mit dem Aufstieg des Hindu-Nationalismus seit den 1990er-Jahren unter Druck. Zu seinen wichtigsten Trägern zählten nach der damaligen Einschätzung besser gebildete und wohlhabendere Bevölkerungsschichten, die den Verlust ihrer gesellschaftlichen Vorrechte fürchteten. Minderheitenschutz hatte auch Nicht-Hindus Möglichkeiten eröffnet, wirtschaftlich und politisch aufzusteigen. Die nationalistische Bewegung gewann vor allem in städtischen und gesellschaftlich beweglichen Kreisen an Einfluss.
Mit zunehmender Verstädterung und größerer Beweglichkeit der Bevölkerung könnten solche Konflikte stärker hervortreten. Zugleich hatte sich die indische Demokratie trotz ihrer schwierigen Ausgangslage behauptet. Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft und den anschließenden Abspaltungskriegen war nicht selbstverständlich gewesen, dass ein so großes und vielfältiges Land demokratisch zusammenbleiben würde. Das Militär stand weiterhin unter ziviler Kontrolle und hatte keinen erfolgreichen Putschversuch unternommen.
Wahlen und Aufstieg der Dalit
Die politische Macht wurde durch regelmäßige, freie Wahlen vergeben. Die Wahlbeteiligung war auf ungefähr 60 Prozent gestiegen. Besonders bemerkenswert war, dass auch die Dalit, die untersten Gruppen des Kastensystems, ihr Wahlrecht mit Ausdauer nutzten. Ihre Stimmen ermöglichten es Angehörigen dieser Gruppen, hohe politische Ämter zu erreichen.
Mayawati, die langjährige und stark umstrittene Regierungschefin des bevölkerungsreichsten Bundesstaates Uttar Pradesh, galt als bekanntes Beispiel für diesen Aufstieg. Sie war Dalit und verdankte einen Teil ihrer politischen Macht der Unterstützung ihrer Wähler. Zugleich wurde sie mit Vetternwirtschaft und Korruptionsvorwürfen in Verbindung gebracht. Ihr Werdegang zeigte, dass politische Repräsentation soziale Schranken überwinden kann, ohne automatisch eine saubere oder gerechte Regierung hervorzubringen.
Ein selbstbewusstes Bild indischer Vielfalt
Zu den bekannten Stimmen eines selbstbewussten Indien zählte der Schriftsteller und frühere Mitarbeiter der Vereinten Nationen Shashi Tharoor. Er verwies auf die religiöse und gesellschaftliche Vielfalt in der politischen Führung des Landes. 2004 machte die katholische Politikerin Sonia Gandhi den Weg für den Sikh Manmohan Singh als Ministerpräsident frei; dessen Amtseid nahm der muslimische Präsident Abdul Kalam entgegen. In einem Land, dessen Bevölkerung zu ungefähr 82 Prozent hinduistisch war, wurde diese Konstellation international als Beispiel gelebter Vielfalt wahrgenommen.
Doch neben diesem eindrucksvollen Bild bestanden erhebliche Spannungen fort. Für 2025 wurde damals erwartet, dass Indien mit etwa 1,4 Milliarden Einwohnern China als bevölkerungsreichstes Land der Erde überholen würde. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung waren jünger als 25 Jahre. Dieser hohe Anteil junger Menschen konnte Indien als Handelspartner attraktiv machen, stellte das Land aber zugleich vor die Aufgabe, genügend Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten bereitzustellen.
Junge Menschen und politische Enttäuschung
Viele junge Inder fühlten sich von einer politischen Führung nicht vertreten, deren Spitzenämter überwiegend von älteren Männern besetzt waren. Selbst junge Menschen mit Arbeit und persönlichen Zukunftsaussichten konnten den Eindruck gewinnen, politisch kaum gehört zu werden. Regelmäßige Korruptionsskandale verstärkten die Enttäuschung. 2011 organisierte eine aktive Zivilgesellschaft eine landesweite Bewegung gegen Korruption, zu deren bekanntesten Symbolfiguren der Aktivist Anna Hazare wurde.
Die Unzufriedenheit speiste sich nicht allein aus der Korruption. Junge Menschen sahen sich mit alten politischen Strukturen, ungleichen Chancen und tief verwurzelten gesellschaftlichen Regeln konfrontiert. Der wirtschaftliche Aufstieg veränderte den Alltag und den Konsum, beseitigte aber nicht automatisch die Machtverhältnisse, die soziale Zugehörigkeit und Aufstiegschancen bestimmten. In vielen Lebensbereichen blieb die Kluft zwischen dem modernen Selbstbild des Landes und der Erfahrung seiner Bürger deutlich.
Geschlechterungleichgewicht und soziale Regeln
Besonders schwer wog das zahlenmäßige Missverhältnis zwischen Männern und Frauen. Jahrzehntelange Abtreibungen weiblicher Föten und die Tötung neugeborener Mädchen hatten nach der damaligen Einschätzung dazu geführt, dass Millionen Frauen fehlten. Anders als in China ging dieses Ungleichgewicht nicht auf eine staatlich vorgeschriebene Familienpolitik zurück. Es beruhte auf tief verwurzelten Vorstellungen über den geringeren Wert von Töchtern und auf der finanziellen Belastung, die Familien mit der Mitgift bei einer Heirat verbanden.
Der damalige Text brachte die hohe Zahl junger Männer ohne Aussicht auf eine Ehe auch mit dem verbreiteten sexuellen Missbrauch von Frauen in Verbindung. Eine solche Verknüpfung erklärt Gewalt jedoch nicht allein durch das Geschlechterverhältnis und kann die Verantwortung der Täter verdecken. Die wirtschaftliche Unsicherheit spielte ebenfalls eine Rolle: Für viele Männer erschwerten Arbeitslosigkeit und geringe Einkommen die Gründung einer Familie. Zugleich begrenzten gesellschaftliche Normen die Selbstbestimmung von Frauen und hielten überkommene Abhängigkeiten aufrecht.
Kaste und wirtschaftlicher Wandel
Der wirtschaftliche Aufschwung der vorangegangenen Jahrzehnte veränderte Indiens Einnahmen und Konsummöglichkeiten, aber nicht im selben Maß die gesellschaftliche Ordnung. Das Kastensystem blieb trotz seiner verfassungsrechtlichen Abschaffung wirksam und verschärfte sich in manchen Bereichen sogar. Jede Kaste brachte ihre eigenen Gruppen mit bescheidenem Wohlstand hervor, doch die Gesellschaft blieb entlang religiöser, ethnischer und sozialer Grenzen zersplittert.
Indien präsentierte sich gern als größte Demokratie der Welt, als weltoffene Gesellschaft und als Land mit großer Erfahrung im Umgang mit dem Westen. Die englische Sprache und die Verbindung zum britischen Staatenbund unterstützten dieses Selbstbild. Doch die Offenheit, die man in bestimmten städtischen und gebildeten Kreisen erleben konnte, erreichte nicht alle Lebensbereiche. Vorstellungen über Heirat, die Rolle der Frau, die Bedeutung der Kaste und den Wert des Einzelnen schränkten die Freiheit vieler Menschen weiterhin ein.
Der Aufstieg Indiens wurde dadurch nicht nur von außen gebremst. Korruption, Misswirtschaft und tiefe soziale Brüche behinderten die Entwicklung ebenso wie die überkommenen Machtverhältnisse. Das Land verfügte über eine aktive Demokratie und eine große, junge Bevölkerung, doch diese Voraussetzungen reichten nicht aus, um die gesellschaftlichen Gegensätze aufzulösen. Wirtschaftliche Stärke und soziale Gerechtigkeit entwickelten sich nicht im Gleichschritt.
Vietnam und Kambodscha aus der Sicht des Reisenden
Ein anderes Bild boten kleinere Schwellenländer wie Vietnam. Der Reisende nahm dort eine Haltung wahr, die sich von der Klage über koloniale Ausbeutung, die er manchen Indern zuschrieb, und vom nationalen Selbstbewusstsein, das er in China erlebt hatte, unterschied. Vietnam musste sich im Schatten des mächtigen Nachbarn China behaupten, der sich wiederholt in die Politik des kommunistischen Bruderstaaten eingemischt hatte. Auch Kambodscha war von Krieg und äußerem Druck geprägt.
Die Menschen in Vietnam und Kambodscha erschienen dem Beobachter trotz ihrer schwierigen Geschichte stärker darauf konzentriert, die eigene Lage praktisch zu verbessern, als über historische Schuld zu sprechen. Besonders an Hochschulen nahm er eine große Freude an Diskussionen wahr. Diese Gesprächsbereitschaft kontrastierte in seiner Darstellung mit dem Verhalten von Studenten an den mächtigen Spitzenhochschulen Pekings, die er eher als apathisch und auf das Lernen beschränkt erlebte.
Solche Eindrücke blieben persönliche Beobachtungen und erlaubten keine umfassende Bewertung ganzer Gesellschaften. Asien war ebenso vielfältig wie Europa und ließ sich nicht durch eine einzige Erklärung erfassen. Ob die Region das junge Jahrhundert wirtschaftlich und politisch bestimmen würde, ließ sich nicht in wenigen Sätzen beantworten. Auch längere Reisen vermittelten nur einen begrenzten Einblick in die unterschiedlichen Gesellschaften.
Chinas Sorge um den territorialen Zusammenhalt
Für China stellte die Gefahr einer territorialen Aufspaltung eine besondere Sorge dar, die über die Tibetfrage hinausreichte. Ein im Dezember 2000 veröffentlichter Bericht des amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes hatte mögliche Risiken für den Zusammenhalt des Landes untersucht und dabei auch einen Zerfall nach sowjetischem Vorbild erwogen. Vor diesem Hintergrund reagierte die chinesische Führung empfindlich auf politische Unterstützung für den Dalai Lama, etwa im Europäischen Parlament. Für Peking ging es dabei nicht nur um Menschenrechte, sondern vor allem um die Einheit des Staates.
Die Unruhen in Tibet im Frühjahr 2008 und ihre Ausbreitung in muslimisch geprägte westliche Gebiete, in denen Uiguren leben, wurden im Westen häufig als Menschenrechtskonflikt beschrieben. Die chinesische Führung betrachtete sie dagegen als Gefahr für den territorialen Zusammenhalt. Die Kommunistische Partei hielt das weite Land durch eine mächtige Verwaltung zusammen. Wer in den Beziehungen zu China ausschließlich auf Handelszahlen und wirtschaftliche Kennziffern blickte, konnte deshalb die Bedeutung von Geschichte, nationalem Selbstverständnis und politischer Kontrolle unterschätzen.
Selbstgenügsamkeit und Abschottung
Die Sorge vor einer weiteren Schwächung der Vereinigten Staaten berührte auch die chinesischen Devisenreserven, die zu großen Teilen in amerikanischen Anlagen gehalten wurden. Wenn deren Wert stark sinke, könnten Vorbehalte gegenüber dem Ausland wieder zunehmen. Die Große Mauer erscheint in dieser Perspektive als Sinnbild einer langen Geschichte des Rückzugs und des Wunsches, das eigene Reich vor äußeren Einflüssen zu schützen. China könnte stärker auf den Binnenmarkt, die eigene Nachfrage und heimische Technik setzen, vom Weltraumwesen bis zu neuen Energieformen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges errichteten viele Staaten keine großen Grenzmauern mehr, um sich gegen Nachbarn abzuschotten. In Krisenzeiten kehrten jedoch andere Schutzmaßnahmen zurück, darunter Zölle und strenge Einreisevorschriften. Auch wirtschaftliche Selbstständigkeit kann zu einem politischen Abwehrmittel werden. Die chinesische Führung verband damit die Aussicht, äußere Abhängigkeiten zu verringern und den Einfluss ausländischer Staaten zu begrenzen.
China als Reich und Zivilisation
China verstand sich traditionell nicht nur als Staat, sondern als eigenständige Zivilisation. Der chinesische Name Zhongguo lässt sich als Reich der Mitte wiedergeben und drückt ein starkes Bewusstsein für die zentrale Stellung des Landes aus. Selbst in Zeiten politischer Zersplitterung und ausländischer Einflussnahme blieb China für viele Menschen der wichtigste Bezugspunkt regionaler Legitimität. In dieser Hinsicht erinnerte das chinesische Reich für den europäischen Beobachter an die lange historische Rolle des Heiligen Römischen Reiches.
Diese Selbstwahrnehmung beeinflusste auch die Begegnungen mit ausländischen Besuchern. Der Beobachter meinte, dass westliche Gesellschaften den Niedergang der amerikanischen Führungsrolle möglicherweise bedauern würden, wenn er tatsächlich eintrete. Europa und die Vereinigten Staaten unterschieden sich zwar in vielem, teilten aber historische und kulturelle Wurzeln. Europäische Auswanderer brachten Religionen und Traditionen nach Amerika, und auch die wachsende hispanische Bevölkerung der Vereinigten Staaten prägte eine Gesellschaft, die weiterhin stark vom christlichen Erbe und vom Individualismus beeinflusst war.
Chinas Hochschulen und neue Fachkräfte
Besonders beeindruckend erschien dem Reisenden der schnelle Ausbau des chinesischen Bildungswesens. Nach der Kulturrevolution der 1960er-Jahre war das Hochschulwesen stark beschädigt. Danach wuchs vor allem der private Bildungsbereich rasch. Bei der Bewertung von Hochschulranglisten war jedoch Vorsicht geboten, denn Plagiate, Betrug und der Verkauf von Zeugnissen und Diplomen kamen nach den damaligen Berichten an chinesischen Schulen und Hochschulen vor.
Trotz dieser Probleme schienen die chinesischen Arbeitskräfte erheblich besser ausgebildet zu sein als noch 12 Jahre zuvor. Der Aufbau von Hochschulen und die Erweiterung des Bildungssystems veränderten den Arbeitsmarkt. China verfügte über eine wachsende Zahl von Menschen mit höherer Ausbildung, die in Industrie, Forschung und Dienstleistungsbereichen eingesetzt werden konnten. Damit verbesserte das Land seine Wettbewerbsfähigkeit nicht nur durch niedrige Kosten, sondern auch durch den Ausbau eigener Kenntnisse.
Flugverkehr und asiatische Dienstleistung
Auch im Luftverkehr veränderte sich das Kräfteverhältnis. Früher hatten erfahrene Reisende Fluggesellschaften außerhalb Europas oft mit Geringschätzung betrachtet. Nun gerieten traditionsreiche Unternehmen wie Lufthansa und Air France unter Druck. Fluggesellschaften aus den arabischen Golfstaaten, der Türkei und Ostasien konkurrierten mit europäischen und nordamerikanischen Anbietern um Preise, Strecken und vor allem um die Qualität der Bedienung an Bord.
Bei der Sicherheit hatten die Fluggesellschaften nach der damaligen Einschätzung weitgehend gleichgezogen. Es gab nur wenige Hersteller großer Verkehrsflugzeuge, und gut ausgebildete Piloten, die in den Vereinigten Staaten oder Europa ihre Stelle verloren, konnten nach Osten wechseln. Luftfahrt und Hotellerie zeigten besonders deutlich, wie entscheidend freundliche und verlässliche Bedienung für den Erfolg sein kann. In diesen Bereichen bewiesen asiatische Anbieter eine bemerkenswerte Fähigkeit, hohe Ansprüche zu erfüllen.
Konfuzius-Institute als Kulturdiplomatie
China baute seine kulturellen Vertretungen im Ausland mit Geschick aus. Die Konfuzius-Institute verbreiteten Sprachunterricht und chinesische Kulturveranstaltungen und gewannen binnen kurzer Zeit an Bedeutung. Ein Teil der Finanzierung kam von den jeweiligen Gastländern; der damalige Text bezifferte diesen Anteil auf 50 Prozent. Häufig wurden die Institute in Hochschulen untergebracht, statt kostspielige eigene Gebäude zu errichten.
Die Leitung übernahmen oft Professoren aus dem Gastland, die erklärten, die chinesischen Botschaften beeinflussten das Programm nicht unmittelbar. Zugleich organisierte die chinesische Seite die Vereinbarungen und leistete eigene finanzielle Beiträge. In afrikanischen Staaten, in denen China als bedeutender Geldgeber auftrat, wurden manche Institute vollständig aus China finanziert. Die Initiative ging auf Lu Qiutian zurück, einen früheren chinesischen Botschafter in Berlin.
Das erste Konfuzius-Institut wurde 2004 in Seoul eröffnet. 2010 gab es knapp 200 Institute und Konfuzius-Hörsäle in rund 80 Staaten. Damit entwickelte China neben seinem wirtschaftlichen Einfluss auch eine systematische Kulturdiplomatie. Bemerkenswert war die Wahl des Namens, denn Konfuzius war während der Kulturrevolution selbst angegriffen und seine Lehre unterdrückt worden.
Indiens kulturelle Reichweite
Indien entwickelte eine eigene Form der Kulturdiplomatie durch seine Filmindustrie. Bollywood verbreitete mit Fernsehserien, täglichen Unterhaltungsreihen und großen Spielfilmen indische Geschichten weit über die Landesgrenzen hinaus. Die Anziehungskraft reichte bis nach Afghanistan. Indische und chinesische Medienunternehmen kauften außerdem kleinere Verlage und Fernsehsender auf.
Bei chinesischen Geschäften mit Medien in Taiwan ging es nicht nur um wirtschaftliche Gewinne. Taiwan präsentierte sich als freies China, und eine stärkere Beteiligung chinesischer Unternehmen konnte auch politischen Einfluss auf die öffentliche Meinung der Insel ermöglichen. Medienbesitz wurde damit zu einem Instrument, das kulturelle Ausstrahlung und politische Interessen miteinander verband.
Japans Aufstieg und wirtschaftlicher Rückschlag
In den 1980er-Jahren galt Japan vielen Beobachtern als die nächste aufsteigende Weltmacht. 35 Jahre später war das Land nicht mehr die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, sondern wies nach der damaligen Darstellung eine Staatsverschuldung von etwa 200 Prozent seiner Wirtschaftsleistung auf. 2011 erschütterte eine schwere Naturkatastrophe mit Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima das Land. Die langfristigen Folgen für Mensch und Umwelt waren damals noch nicht absehbar.
Ein Teil der Erklärung wurde in der hierarchischen Unternehmenskultur gesucht. Der Energiekonzern Tepco, der lange für technische Leistungsfähigkeit gestanden hatte, sei von mangelnder Kritikfähigkeit geprägt gewesen. Mitarbeiter im Kraftwerk hätten vor zu niedrigen Schutzmauern gewarnt, während andere Kritiker schon vor dem Unglück auf Probleme bei Wartung und Krisenvorsorge hingewiesen hätten. Ihre Warnungen seien nicht ausreichend beachtet worden.
Schulden, Alterung und gesellschaftliche Abschottung
Intransparenz und enge Verbindungen zwischen Staat und Wirtschaft hatten bereits während der Bankenkrise von 1997 eine wichtige Rolle gespielt. Faule Kredite, Vetternwirtschaft und Verbindungen zwischen Politik und Unternehmen belasteten die Wirtschaft. Nach dem Platzen von Vermögensblasen geriet Japan in eine lange Phase sinkender Preise und schwachen Wachstums. Die Weltwirtschaftskrise von 2008 verschärfte die Schwierigkeiten.
Hinzu kam die rasche Alterung der Bevölkerung. Zugleich entschieden sich immer mehr berufstätige Frauen gegen Heirat und Kinder, weil sie in einer stark hierarchischen Gesellschaft benachteiligt wurden. Einwanderung wurde nur begrenzt als Antwort auf fehlende Arbeitskräfte oder den wachsenden Pflegebedarf betrachtet. Die Anforderungen an ausländische Bewerber, darunter schwierige Sprach- und Landesprüfungen, machten den Zugang zum Arbeitsmarkt schwer.
Die damalige Analyse deutete die strenge Einwanderungspolitik als Ausdruck einer nationalistischen Vorstellung von gesellschaftlicher und kultureller Homogenität. Japan habe sich lange als den Nachbarn überlegen verstanden. Diese Haltung wurde auch mit der Allianz mit Deutschland im Zweiten Weltkrieg und mit der japanischen Expansion in China und Korea in Verbindung gebracht. Die Besetzung der Mandschurei 1931 blieb ein wichtiger Teil dieser konfliktreichen Geschichte.
Unbewältigte Geschichte und nationale Symbole
Die Erinnerung an japanische Kriegsverbrechen belastete die Beziehungen zu China und Korea weiterhin. Die Frage, ob offizielle Entschuldigungen ausreichend gewesen seien, blieb umstritten. Besuche japanischer Politiker an Schreinen, in denen auch Kriegstote und verurteilte Kriegsverbrecher geehrt werden, lösten regelmäßig scharfe Reaktionen aus. Gleiches galt für neue Schulbücher, denen eine Verklärung der japanischen Kriegszeit vorgeworfen wurde.
Seit 2002 verschärften sich die Konflikte zwischen Japan und China auch wegen ungeklärter Gebietsansprüche. Beide Staaten beanspruchten eine Inselgruppe im Chinesischen Meer: In Japan wurde sie Senkaku genannt, in China Diaoyu. Rund um die Inseln wurden Erdgasvorkommen vermutet. Japanische Erkundungen weckten in China den Verdacht, Tokio wolle durch praktische Schritte Tatsachen schaffen, bevor eine Einigung erzielt werde.
Damit verbanden sich alte nationale Ressentiments mit den Interessen einer aufsteigenden chinesischen Militärmacht und den Beziehungen der Vereinigten Staaten zu ihren Verbündeten in Asien, darunter Vietnam und die Philippinen. Die Auseinandersetzung um die Inseln war deshalb mehr als ein Streit um abgelegene Felsen und Rohstoffe. Sie berührte das historische Gedächtnis, die Sicherheitsordnung der Region und die Frage, wie weit sich China in seinem Umfeld durchsetzen würde.













