Asiens Aufstieg und Europas Selbstzufriedenheit

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Im frühen 21. Jahrhundert verschoben sich wirtschaftliche Kräfteverhältnisse spürbar, und in Gesprächen mit Studenten und Kollegen wurde Europa zunehmend mit asiatischem Ehrgeiz verglichen. Manche junge Inder sahen Europäer als bequem, wenig arbeitswillig und allzu sehr auf Freizeit bedacht. Diese Kritik traf einen empfindlichen Punkt: Wohlstand und politische Sicherheit sind wertvoll, können aber auch Selbstzufriedenheit fördern. Während asiatische Gesellschaften ihre Zukunft entschlossen zu gestalten schienen, wirkte Europa oft damit beschäftigt, erreichte Ansprüche zu verteidigen.

Europäische Bequemlichkeit im Spiegel asiatischer Gesprächspartner

In Indien wurde die europäische Arbeitsmoral in manchen Gesprächen scharf beurteilt. Europäer, so lautete der Vorwurf, arbeiteten nur 30 Stunden in der Woche, machten Urlaub oder streikten. Die Gesprächspartner machten aus ihrer Geringschätzung für die vermeintlich dekadente Lebensweise Europas keinen Hehl. Ob sich darin auch Verbitterung über koloniale Ausbeutung oder der selbstbewusste Nationalismus hinduistischer Gesprächspartner ausdrückte, ließ sich aus solchen Begegnungen nicht sicher ableiten.

Auch der Autor der ursprünglichen Beobachtung wollte aus einer begrenzten Zahl von Gesprächen keine allgemeingültige Erklärung machen. Dennoch ärgerten ihn die Vorwürfe über europäische Faulheit, gerade weil sie einen wunden Punkt berührten. In Gesprächen in China, Vietnam oder Iran seien solche Anschuldigungen nicht so offen geäußert worden. Das bedeutete jedoch nicht zwingend, dass sie dort niemand teilte; vielleicht wurden sie lediglich höflicher vorgetragen.

Wohlstand ohne Aufbruch

Die Menschen in Europa leben im Vergleich zu vielen anderen Regionen privilegiert. Grundversorgung, ein gemäßigtes Klima und politische Sicherheit sind nicht selbstverständlich. Zugleich scheint der starke Wille, die eigene Lebenslage und die Zukunft der Kinder zu verbessern, in vielen westlichen Gesellschaften an Kraft verloren zu haben. Begegnungen östlich von Wien vermittelten dagegen den Eindruck, dass Aufstiegswille und Arbeitseifer dort deutlich ausgeprägter seien.

Reichtum ist nicht alles, und eine Gesellschaft darf ihre Ziele anders setzen als bloß auf immer höheren materiellen Wohlstand. Doch Neugier, Entdeckungsfreude und die Bereitschaft, Neues zu schaffen, scheinen vielerorts schwächer geworden zu sein. An die Stelle von Aufbruch treten häufig das Festhalten an erworbenen Ansprüchen und die wachsende Anziehungskraft rückwärtsgewandter Politik. Ausgerechnet Gesellschaften, die lange von Veränderung und Erfindungsgeist profitierten, reagieren zunehmend misstrauisch auf Neues.

Aufsteiger und Verlierer

Asiatische Einwanderer und ihre Nachkommen gehören in den Vereinigten Staaten, Australien und Frankreich zu den sichtbaren Aufsteigern. In Frankreich kamen viele als Flüchtlinge an und schufen sich später eine wirtschaftliche Grundlage. Wer dagegen am Rand der Gesellschaft bleibt, wird in den Vereinigten Staaten mit einer abwertenden Bezeichnung für arme Weiße belegt. Der Gegensatz zwischen erfolgreichen Einwanderern und gesellschaftlich Abgehängten weckt Neid, Bewunderung und Abwehr zugleich.

Angriffe auf Geschäfte asiatischer Einwanderer, die wirtschaftlichen Erfolg erreicht haben, werden gelegentlich von anderen Einwanderergruppen verübt, die sich benachteiligt fühlen. Solche Übergriffe gab es den damaligen Beobachtungen zufolge in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Darin zeigt sich eine bittere Spannung: Asiatische Produkte werden wegen ihres günstigen Preises gern gekauft, während asiatischer wirtschaftlicher Erfolg manchen Menschen als Bedrohung erscheint. Zwischen Furcht vor Konkurrenz und Begeisterung für preiswerte Waren schwanken westliche Gesellschaften.

Die japanische Herausforderung

Schon in den 1970er- und 1980er-Jahren blickte der Westen zugleich bewundernd und besorgt auf den wirtschaftlichen Aufstieg Japans. Japanische Delegationen besuchten Weingüter, kauften Filmstudios und untersuchten in Autohäusern sorgfältig die Produkte und Vorlieben westlicher Kunden. Mit Kameras und Notizblöcken hielten sie technische Entwicklungen und Gestaltungsmerkmale fest. Was anfangs belächelt wurde, verwandelte sich in Anerkennung und schließlich in Furcht vor einem ernsthaften Wettbewerber.

Japanische Musiker fanden rasch ihren Platz in bedeutenden Orchestern. Japanische Geldgeber gewannen auf internationalen Wirtschaftstreffen an Einfluss und unterstützten Opernhäuser, Eisenbahnen und Entwicklungsprojekte. Eine ähnliche Rolle spielen heute chinesische Unternehmen, während auch Staatsfonds aus den arabischen Golfstaaten über beträchtliche Mittel verfügen. In geringerem Umfang beteiligen sich daran russische Geldgeber.

Das Bild vom asiatischen Jahrhundert

Wirtschaftsbücher und politische Analysen über die Bedeutung Asiens häuften sich im Jahrzehnt vor der Veröffentlichung des ursprünglichen Textes. Immer häufiger war vom asiatischen Jahrhundert und vom Niedergang des Westens in einer multipolaren Weltordnung die Rede. Der aus Singapur stammende Diplomat und Politologe Kishore Mahbubani gehört zu den Autoren, die den Aufstieg Chinas und Indiens als entscheidend für die Zukunft betrachten. Zugleich weist diese Sicht auf Hindernisse hin, die einem geschlossenen asiatischen Machtblock entgegenstehen.

Asien ist keine einheitliche politische oder wirtschaftliche Gemeinschaft. Historische Konflikte belasten die Beziehungen zwischen Staaten, und heutige wirtschaftliche Rivalitäten verschärfen die Spannungen. Die Vorstellung einer geschlossenen asiatischen Hemisphäre verdeckt daher die Unterschiede zwischen den Ländern und ihre widersprüchlichen Interessen. Der Aufstieg der Region ist real, aber keineswegs geradlinig oder konfliktfrei.

Chinas Selbstvertrauen und Reformkurs

In China wurden die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf den westlichen Absatzmärkten offen diskutiert. Gleichzeitig waren viele Ökonomen und führende Politiker überzeugt, China werde die Krise schneller überwinden als andere Teile der Welt. Dieses Selbstvertrauen beruht teilweise auf einem nationalen Geschichtsbild, in dem China als großes Reich erscheint, das über lange Zeit weitgehend für sich bestehen konnte. Die jüngere Entwicklung des Landes schien diesen Optimismus zu stützen.

Seit der Gründung der Volksrepublik 1949 hatte sich China tiefgreifend verändert. Innerhalb von etwa 30 Jahren entwickelte sich die Planwirtschaft zu einer stark marktorientierten Wirtschaft, ohne dass das politische System grundlegend geändert wurde. Ab 1978 lenkte Deng Xiaoping das Land auf einen neuen wirtschaftlichen Kurs. Die mächtige zentrale Planung wurde reformiert und in eine Behörde für Reform und Entwicklung überführt.

Das chinesische Modell wurde von anderen autoritären Regierungen aufmerksam beobachtet. Die Führung schien zeigen zu wollen, dass steigender Konsum und wirtschaftlicher Wohlstand eine politische Öffnung ersetzen könnten. Hunderte Millionen Menschen erhielten neue Möglichkeiten, materiell aufzusteigen, während die Kommunistische Partei ihre politische Vorherrschaft behielt. Doch Korruption und Machtmissbrauch belasteten auch dieses Entwicklungsmodell.

Pragmatismus, Wachstum und soziale Kosten

Deng Xiaoping fasste den chinesischen Pragmatismus mit dem Gedanken zusammen, dass nicht die politische Farbe einer Maßnahme zähle, sondern ob sie Ergebnisse bringe. Damit verband er Wirtschaftsreformen, Privatisierung und die Öffnung für westliche Märkte mit dem Anspruch, die Vorherrschaft der Kommunistischen Partei unangetastet zu lassen. Die Bevölkerung sollte wirtschaftlich aufsteigen dürfen, ohne dass daraus ein Anspruch auf politische Mitbestimmung entstand. Innerhalb einer Generation veränderten sich Lebensweise und Konsum erheblich.

Aus einem Land, in dem das Fahrrad den Alltag prägte, wurde ein bedeutender Absatzmarkt für die Automobilindustrie. Zugleich nahmen Staus und Luftverschmutzung zu. Die Zahl der Fahrzeuge je Einwohner blieb jedoch deutlich unter den damaligen Werten in Europa. Das rasante Wachstum brachte also nicht nur Wohlstand, sondern auch neue Belastungen und einen stark steigenden Bedarf an Rohstoffen.

Bis 1993 konnte China seinen Erdölbedarf noch mit einer eigenen Förderung von ungefähr 3,6 Millionen Fass pro Tag decken. 2009 war das Land bereits zum weltweit zweitgrößten Erdölimporteur aufgestiegen. Nach Jahren mit Wachstumsraten von mehr als 10 Prozent, hohen Erwartungen und großen Bau- und Konsumvorhaben rund um die Olympischen Sommerspiele 2008 verlangsamte sich die Wirtschaft. Außerhalb Chinas wurde über faule Kredite, mögliche Immobilienblasen und verborgene Schulden in den Regionalverwaltungen gesprochen.

Leere Bauwerke und übersteigerte Erwartungen

Wer sich im Stau durch Peking bewegte, konnte in der damaligen Darstellung auf die geringe Auslastung vieler neuer Gebäude aufmerksam werden. In der Stadt waren zahlreiche Hotels der höchsten Klasse entstanden, deren Betten zu weniger als 30 Prozent belegt gewesen sein sollen. Noch leerer wirkten viele neue Wohnblocks. Die Bauwut hatte dabei ältere Stadtviertel verdrängt, in denen niedrige Häuser, begrünte Innenhöfe und ein gewachsenes Nachbarschaftsleben das Stadtbild geprägt hatten.

Stelzenautobahnen zerschnitten die Stadt, während neue Viertel einander immer ähnlicher wurden. Leere Hochhäuser vermittelten den Eindruck einer grauen Zukunftsstadt, die trotz ihrer Größe kaum belebt war. Die Schuldenkrise im Euroraum hatte das Wachstum der chinesischen Wirtschaft zusätzlich gebremst. Im Vergleich zu Europa und den Vereinigten Staaten entwickelte sich China nach den damaligen Einschätzungen dennoch erheblich schneller.

Im Februar 2013 wurde berichtet, dass Chinas gesamter Warenhandel den der Vereinigten Staaten um ungefähr 50 Milliarden Dollar übertroffen habe. Diese Entwicklung wurde als Zeichen für den Aufstieg der chinesischen Wirtschaftsmacht betrachtet. Doch hohe Handelswerte und eindrucksvolle Wachstumszahlen sagten wenig darüber aus, wie Wohlstand verteilt wurde oder wie stabil die politische und gesellschaftliche Ordnung tatsächlich war. Hinter der wirtschaftlichen Stärke lagen tiefe Spannungen.

Eine zersplitterte Gesellschaft

Wirtschaftsdaten konnten die wachsende Kluft zwischen Bevölkerung und Machtapparat nicht überdecken. Korruptionsfälle und innerparteiliche Konflikte gelangten zunehmend an die Öffentlichkeit. Im Frühjahr 2013 übernahm eine neue Führungsgeneration ein schwieriges Erbe, gerade als die wichtigen westlichen Absatzmärkte in Krisen gerieten. Wenn diese Märkte einbrachen und soziale Unruhen zunahmen, konnte auch China seine beeindruckenden Wachstumswerte nicht dauerhaft halten.

In Peking war eine vorsichtige öffentliche Selbstkritik zu beobachten. Xi Jinping warnte wiederholt, dass ungelöste Korruption sowohl die Partei als auch den Staat gefährden könne. Hochrangige Funktionäre empfahlen einander die Beschäftigung mit Alexis de Tocquevilles Analyse des Frankreichs vor der Revolution von 1789. Im Mittelpunkt stand die Warnung, dass zentralisierte Herrschaft und die wirtschaftliche Selbstbereicherung traditionelle Einrichtungen und Formen gesellschaftlicher Zusammenarbeit aushöhlen können.

Reichtum ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt

Eine Gesellschaft kann nach dieser Deutung in abgeschottete Gruppen zerfallen, die kaum noch gemeinsame Interessen verfolgen. Wenn die Menschen vor allem danach streben, möglichst reich zu werden, wird das Streben nach Besitz zum Ersatz für politische Teilhabe und gemeinschaftliche Bindungen. Eine Regierung kann diese Vereinzelung sogar fördern, wenn sie Zusammenschlüsse fürchtet, die ihre Herrschaft gefährden könnten. Der wirtschaftliche Aufstieg lenkt dann von politischen Fragen ab, solange genügend Menschen hoffen, selbst zu den Gewinnern zu gehören.

Diese Entwicklung ist nicht auf China beschränkt. Ähnliche Muster lassen sich auch in Russland beobachten, wo wirtschaftlicher Aufstieg politische Mitbestimmung ebenfalls nicht automatisch nach sich zieht. Das Modell könnte jedoch an Grenzen stoßen, wenn der Wunsch nach Freiheit wächst und der Wohlstand immer weniger Menschen erreicht. Die wachsende Einkommensungleichheit wurde 2013 beim Weltwirtschaftsforum in Davos als eines der wichtigen weltweiten Risiken behandelt.

Auch in China vergrößerte sich die Kluft zwischen Arm und Reich. Seit den Protesten von 1989, als Teile der obersten Führung über eine politische Öffnung stritten, waren große Menschenmengen auf die Straßen gegangen. Die Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen. Seither setzte die Regierung darauf, die Stabilität durch Wachstum, Aufbauvorhaben in ärmeren Binnenregionen und begrenzte Veränderungen innerhalb des Einparteisystems zu sichern.

Der abgebrochene Versuch politischer Öffnung

Schon Mitte der 1980er-Jahre hatte China eine scharfe Auseinandersetzung über politische Reformen erlebt. Zhao Ziyang, damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei und wichtiger Architekt der Wirtschaftsreformen, hielt wirtschaftlichen Fortschritt ohne politische Öffnung für nicht dauerhaft tragfähig. Von 1980 bis 1987 war er Ministerpräsident gewesen. Er wollte die Regierung transparenter machen und suchte den Dialog mit der Bevölkerung.

Als Studenten im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking protestierten, versuchte Zhao, sie davon abzuhalten, auf die Straßen zu gehen. Die Proteste endeten  einem heftigen Machtkampf in der Parteiführung. Zhao verlor seine Ämter. Seine politische Position lief darauf hinaus, dass die Kommunistische Partei ihr Machtmonopol zugunsten einer parlamentarischen Ordnung aufgeben müsse.

Zhao kritisierte, dass die politische Führung Reformen blockiere und die nationale Politik den Interessen der Machtelite unterordne. Diese Diagnose wurde in der damaligen Betrachtung als weiterhin aktuell verstanden. Eine Führung, die wirtschaftliche Entwicklung zum Ersatz für politische Mitsprache macht, kann zwar vorübergehend Zustimmung gewinnen. Wenn die wirtschaftlichen Aussichten sinken und die Vorteile ungleich verteilt bleiben, verliert dieses Versprechen jedoch an Kraft.

Wachstumszahlen und Wirklichkeit

Auch die wirtschaftlichen Kennzahlen Chinas wurden unterschiedlich bewertet. Peking bezifferte die Inflation damals auf etwa 4 bis 5 Prozent, während ausländische Beobachter von 8 bis 10 Prozent ausgingen. Die offiziellen Wachstumsangaben lagen ebenfalls über manchen Schätzungen von außen, die nur noch ungefähr 3 Prozent Wachstum annahmen. Solche Abweichungen machten deutlich, wie schwer sich die tatsächliche wirtschaftliche Lage von außerhalb beurteilen ließ.

Jeder deutliche Rückschlag konnte soziale Unruhen auslösen. Zu den besonders gefährdeten Gruppen zählten die rund 400 Millionen Wanderarbeiter, die unter schlechten Wohnbedingungen lebten und abwertend als Rattenmenschen bezeichnet wurden. Wenn Fabriken schlossen, verloren sie häufig ihre Arbeit und konnten ausstehende Löhne nur schwer einfordern. In vielen Fällen konnten sie auch nicht in ihre Herkunftsdörfer zurückkehren, weil diese Siedlungen neuen Bauvorhaben hatten weichen müssen.

Ungleichgewicht und aufgestaute Wut

Die Ein-Kind-Politik war 1979 zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums eingeführt worden. Zusammen mit der Bevorzugung männlicher Kinder trug sie dazu bei, dass in vielen Regionen auf 100 Frauen im heiratsfähigen Alter ungefähr 130 Männer kamen. Selektive Abtreibungen und die Tötung weiblicher Neugeborener gehörten zu den schweren Folgen dieser Politik und der damit verbundenen gesellschaftlichen Bevorzugung von Söhnen.

 

 

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