Der Irakkrieg und die industrielle Herstellung einer Kriegswahrheit
Screenshot youtube.comDer Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 ist nicht nur wegen seiner militärischen Folgen, der Zerstörung staatlicher Strukturen und des späteren Chaos im Gedächtnis geblieben. Besonders aufschlussreich ist die Art und Weise, wie dieser Krieg der Öffentlichkeit verkauft wurde. Bevor die ersten Bomben fielen, war bereits ein gewaltiger Feldzug zur Bearbeitung der öffentlichen Meinung angelaufen. Begriffe, Bilder, Gefahrenbehauptungen und sorgfältig ausgewählte Geschichten wurden zu politischen Waffen geformt. Die Bevölkerung sollte nicht mehr prüfen, ob ein Krieg notwendig, rechtmäßig oder überhaupt begründet war, sondern lediglich noch glauben, dass es keine andere Möglichkeit gebe.
Der Krieg als inszeniertes Wahrnehmungsereignis
Der Enthüllungsjournalist Jeffrey St. Clair beschrieb den Irakkrieg als Propagandakrieg und als Krieg der gelenkten Wahrnehmung. Nicht die tatsächliche Beweislage sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Wirkung bestimmter Schlagworte auf das Publikum. Begriffe wie Massenvernichtungswaffen und Schurkenstaat wurden mit der Präzision politischer Geschosse eingesetzt. Sie sollten Angst erzeugen, Zweifel ausschalten und den Eindruck einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr vermitteln.
Die amerikanische Regierung musste der Bevölkerung keinen schlüssigen Nachweis für die behaupteten Gefahren liefern. Sie musste lediglich eine Atmosphäre schaffen, in der Zweifel als unverantwortlich erschien. Die Frage, ob der Irak tatsächlich über die behaupteten Waffen verfügte, wurde durch die ständige Wiederholung der Behauptung verdrängt. Was oft genug gesagt wurde, erhielt den Anschein einer bewiesenen Tatsache.
Die politische Führung setzte nicht auf eine offene Prüfung, sondern auf emotionale Überwältigung. Der Irak wurde als gefährlicher Staat dargestellt, Saddam Hussein als unberechenbarer Diktator und die gesamte Lage als tickende Bedrohung für die Sicherheit der westlichen Welt. Die Bevölkerung sollte glauben, dass ein Zögern bereits ein unverantwortliches Risiko darstelle.
Damit wurde der Krieg nicht als politische Entscheidung präsentiert, sondern als angebliche Notwendigkeit. Die Verantwortlichen wollten nicht darüber diskutieren, ob ein Angriff klug oder rechtmäßig war. Sie wollten erreichen, dass die Öffentlichkeit den Angriff als unausweichliche Antwort auf eine behauptete Gefahr akzeptierte.
Die Sprache ersetzte die Beweise. Je dramatischer die Begriffe, desto weniger musste über die tatsächlichen Grundlagen gesprochen werden. Aus einer unsicheren Geheimdiensteinschätzung wurde eine staatliche Gewissheit, aus einer politischen Absicht ein angeblicher Sicherheitszwang.
Die Propagandisten in den Machtzentren
Anders als der britische Premierminister Tony Blair schienen US-Präsident George W. Bush und seine politischen Gefolgsleute kein besonderes Interesse daran zu haben, einen tragfähigen rechtlichen Grund für den Irakkrieg vorzulegen. Sie wollten auch nicht sämtliche Vorwürfe gegen den Irak beweisen. Ihr Ziel bestand vor allem darin, eine Kriegsstimmung zu schaffen, die auf Angst, Empörung und dem Gefühl unmittelbarer Bedrohung beruhte.
Donald Rumsfeld und Colin Powell holten deshalb Fachleute aus der Werbe- und Öffentlichkeitsarbeit in führende Positionen des Verteidigungsministeriums und des Außenministeriums. Diese Personen waren nicht in erster Linie Diplomaten, Völkerrechtler oder Geheimdienstfachleute. Sie kamen aus der politischen Werbung und aus der Vermarktung großer Marken.
Ihr Einfluss wurde schnell außerordentlich groß. Sie bestimmten zunehmend mit, wie die Gründe für den Krieg öffentlich dargestellt werden sollten. Geheimdienste und erfahrene Diplomaten gerieten gegenüber den politischen Werbestrategen ins Hintertreffen. Nicht mehr die Frage, was nachweisbar war, stand im Mittelpunkt, sondern welche Darstellung sich am wirkungsvollsten verbreiten ließ.
Die politische Führung behandelte die Öffentlichkeit wie einen Markt, auf dem ein neues Produkt eingeführt werden sollte. Der Irakkrieg musste attraktiv, notwendig und moralisch gerechtfertigt erscheinen. Die Bevölkerung wurde nicht als mündiger Bürger angesprochen, sondern als Zielgruppe, deren Wahrnehmung durch geeignete Botschaften gesteuert werden sollte.
Das war der entscheidende Wandel. Außenpolitik wurde nicht mehr nur durch Verhandlungen, Bündnisse und diplomatische Erklärungen betrieben. Sie wurde zunehmend nach den Regeln der Werbung organisiert. Die Glaubwürdigkeit eines politischen Vorhabens sollte nicht durch Beweise entstehen, sondern durch Wiederholung, emotionale Bilder und professionell vorbereitete Botschaften.
Die Vermarktung der amerikanischen Außenpolitik
Ein besonders auffälliges Beispiel war Charlotte Beers. Sie war weder Diplomatin noch Politikerin. Sie hatte Werbekampagnen organisiert und sich in der amerikanischen Werbewelt einen Namen gemacht. Zu ihren früheren Aufgaben gehörten Kampagnen für Reis und Haarpflegeprodukte.
Als Staatssekretärin im Außenministerium sollte Beers die amerikanische Außenpolitik in der muslimischen Welt vermarkten. Colin Powell sprach ausdrücklich davon, die Marke Amerika aufzubauen. Der Staat wurde damit wie ein Unternehmen behandelt, dessen Ansehen durch eine gezielte Werbekampagne verbessert werden sollte.
Der Kongress stellte ihr dafür mehr als 500 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Die Kampagne richtete sich besonders an Jugendliche in muslimischen Ländern. Statt die Ursachen des wachsenden Misstrauens gegenüber der amerikanischen Politik zu untersuchen, sollte die öffentliche Wahrnehmung durch neue Bilder, Botschaften und Erzählungen verändert werden.
Beers bezeichnete diese Form der öffentlichen Diplomatie als einen wichtigen neuen Arm im Kampf gegen den Terrorismus. Traditionelle Diplomatie beruhte trotz aller Täuschungen und taktischen Manöver grundsätzlich auf direktem Austausch, Verhandlung und gegenseitiger Reaktion. Die von Beers vertretene Form der öffentlichen Diplomatie ging jedoch weit darüber hinaus.
Sie behandelte fremde Bevölkerungen nicht als Gesprächspartner, sondern als Zielgruppen. Die Aufgabe bestand nicht darin, politische Konflikte ehrlich zu erklären oder berechtigte Einwände anzuerkennen. Vielmehr sollte eine passende Darstellung in die Öffentlichkeit gedrückt werden, bis sie die gewünschte Wirkung entfaltete.
St. Clair verglich dieses Vorgehen mit einem flächendeckenden Informationsangriff. Die Bilder und Botschaften sollten möglichst viele Menschen gleichzeitig erreichen und ihre Wahrnehmung formen. Die amerikanische Außenpolitik wurde dadurch zu einer Ware, deren Verpackung wichtiger war als ihr tatsächlicher Inhalt.
Die Rückkehr der alten Kriegswerbung
Für das Pentagon wurde Victoria Clarke zur entsprechenden Stimme. Bevor sie zur Sprecherin des Verteidigungsministers Rumsfeld wurde, leitete sie das Washingtoner Büro der Werbeagentur Hill and Knowlton. Diese Agentur hatte bereits im Golfkrieg von 1991 eine wichtige Rolle bei der Beeinflussung der amerikanischen Öffentlichkeit gespielt.
Im Auftrag der Organisation Citizens for a Free Kuwait und gegen ein Honorar von 10 Millionen US-Dollar verbreitete die Agentur die Geschichte, irakische Soldaten hätten kuwaitische Babys aus Brutkästen gerissen, auf den Boden geworfen und ihrem Tod überlassen. Die Erzählung war frei erfunden, wurde aber mit großer Wirkung verbreitet.
Die Organisation Amnesty International bestätigte die Behauptungen zunächst. Dadurch erhielten sie den Anschein einer unabhängigen Menschenrechtsbestätigung. Eine 15-jährige Kuwaiterin trat vor dem amerikanischen Kongress auf und schilderte die angeblichen Ereignisse unter Tränen.
Später stellte sich heraus, dass sie die Tochter des kuwaitischen Botschafters war. Ihre Aussage war politisch vorbereitet und nicht das Zeugnis einer zufälligen Augenzeugin. Dennoch hatte die Geschichte ihren Zweck bereits erfüllt. Sie verwandelte den Krieg in eine moralische Pflicht und stellte jeden Zweifel als Gleichgültigkeit gegenüber wehrlosen Kindern dar.
Die Erzählung war zugleich ein Wiederaufleben älterer Kriegspropaganda. Bereits im Ersten Weltkrieg waren die Deutschen beschuldigt worden, Babys in die Luft zu werfen und mit Bajonetten aufzuspießen. Solche Geschichten wirken, weil sie nicht auf nüchterne Prüfung, sondern auf Ekel, Empörung und Schutzinstinkte zielen.
Die Kampagne zeigte, wie leicht eine emotional aufgeladene Lüge die politische Debatte beherrschen kann. Sobald eine Bevölkerung glaubt, dass unschuldige Kinder auf diese Weise misshandelt werden, wird jeder Einwand gegen den Krieg als moralischer Verrat betrachtet.
Die Erfindung einer weltweiten Feindordnung
Unter der Mitwirkung von Clarke entstand die Idee, den Kampf gegen den Terrorismus nicht nur gegen unbestimmte Organisationen wie Al-Qaida zu führen. Stattdessen sollten ganze Staaten als Hintermänner und Drahtzieher des Terrors dargestellt werden. Dadurch ließ sich ein konkretes Ziel schaffen, gegen das Marschflugkörper, Streubomben und Bodentruppen eingesetzt werden konnten.
Die Bezeichnung Schurkenstaat erfüllte dabei eine wichtige politische Funktion. Sie machte aus Staaten keine normalen politischen Gegner mehr, sondern moralisch verachtenswerte Feinde, mit denen Verhandlungen angeblich keinen Sinn hatten. Wer als Schurkenstaat bezeichnet wurde, galt als außerhalb der gewöhnlichen Regeln stehend.
Zusätzlich wurden Beziehungen zwischen solchen Staaten konstruiert oder übertrieben dargestellt. Aus einzelnen politischen Gegensätzen entstand das Bild eines zusammenhängenden Feindnetzes. Die sogenannte Achse des Bösen war jedoch keine wirkliche Achse. Iran und Irak waren erbitterte Feinde, und Nordkorea unterhielt zu beiden Staaten keine belastbaren politischen Verbindungen.
Die Bezeichnung war trotzdem wirkungsvoll. Sie vermittelte der amerikanischen Bevölkerung den Eindruck, mehreren Staaten stehe eine gemeinsame Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten gegenüber. Ein komplizierter geopolitischer Raum wurde in eine einfache Geschichte von Gut und Böse verwandelt.
Für diese Kampagne wurden viele Millionen Steuergelder ausgegeben. Die Bevölkerung sollte Angst vor einem angeblich unmittelbar bevorstehenden chemischen oder atomaren Angriff Saddam Husseins bekommen. Die tatsächliche Beweislage war dabei weniger wichtig als die ständige Wiederholung des Bedrohungsbildes.
Die Regierung schuf damit eine politische Welt, in der Vorsicht als Schwäche erschien. Wer sagte, dass die Behauptungen genauer geprüft werden müssten, wurde dem Verdacht ausgesetzt, die Gefahr zu verharmlosen. Auf diese Weise wurde die Beweislast umgekehrt: Nicht die Regierung musste die Gefahr überzeugend nachweisen, sondern die Kritiker mussten beweisen, dass keine Gefahr bestand.
Der Informationskrieger im Hintergrund
Ein weiterer einflussreicher Propagandist war John Rendon. Jeffrey St. Clair beschrieb ihn als politischen Problemlöser im Machtzentrum Washingtons und als besonders einflussreichen Vertreter der politischen Öffentlichkeitsarbeit. Rendon war bereits im Golfkrieg von 1991 beteiligt.
Damals erhielt er von der kuwaitischen Königsfamilie ungefähr 100.000 US-Dollar im Monat für seine Dienste. Später gewann er einen Vertrag mit der CIA im Wert von 23 Millionen US-Dollar. Seine Aufgabe bestand darin, in der Region Propaganda gegen Saddam Hussein zu verbreiten.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 half Rendon dabei, die amerikanische Bombardierung Afghanistans öffentlich plausibel und annehmbar erscheinen zu lassen. Auch beim Irakkrieg von 2003 spielte er eine Rolle. Das genaue Ausmaß seiner Tätigkeit blieb jedoch weitgehend verborgen, weil sowohl sein Unternehmen als auch das Pentagon kaum Informationen preisgaben.
Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass mehrere medienwirksame Ereignisse gezielt vorbereitet oder zumindest professionell gesteuert wurden. Dazu gehörte die umstürzende Saddam-Statue in Bagdad, im Hintergrund eine jubelnde Gruppe von Irakern. Das Bild ging um die Welt und sollte den Eindruck vermitteln, die Bevölkerung habe ihre Befreier begeistert empfangen.
Ob die Szene tatsächlich die Stimmung der gesamten Stadt oder des Landes widerspiegelte, spielte für ihre Wirkung keine Rolle. Entscheidend war, dass die Medien ein leicht verständliches Bild erhielten. Der Sturz der Statue wurde zum Symbol eines angeblichen Sieges, auch wenn die politische Wirklichkeit weit weniger eindeutig war.
Rendons Tätigkeit wurde als gebrauchsfertige psychologische Kriegführung beschrieben. Es handelte sich um die Privatisierung offizieller Propaganda. Staatliche Stellen nutzten private Unternehmen, die sich auf die Gestaltung von Wahrnehmung, die Platzierung von Bildern und die Herstellung politischer Botschaften spezialisiert hatten.
Rendon bezeichnete sich selbst als Informationskrieger und Wahrnehmungsmanager. Diese Begriffe zeigen, worum es ging. Nicht die Wahrheit sollte sich durchsetzen, sondern die politisch nützliche Darstellung.
Das Heldenmärchen von Jessica Lynch
Neben der umstürzenden Saddam-Statue blieb eine weitere Geschichte des Irakkriegs besonders stark im Gedächtnis: das Heldenmärchen um Jessica Lynch. Die junge Soldatin wurde als tapfere Kämpferin dargestellt, die im Gefecht verwundet, von grausamen Feinden gefangen genommen und gefoltert worden sei.
Nach dieser Darstellung wurde sie durch den selbstlosen Einsatz einer amerikanischen Rettungsgruppe aus höchster Gefahr befreit. Die Geschichte vereinte alle Bestandteile einer wirkungsvollen Kriegslegende. Es gab eine junge Heldin, brutale Gegner, dramatische Gefangenschaft und eine riskante Rettungsaktion.
Die Geschichte wurde den Medien von der Organisation Combat Camera des Pentagons vermittelt. Dieses Netzwerk bestand aus Fotografen, Videofilmern und Redakteuren. Es verteilte täglich ungefähr 800 Fotos und 25 Videoclips an die Medien.
Die Versorgung der Medien mit Bildern war damit nicht dem Zufall überlassen. Das Pentagon verfügte über eigene Fachleute, die passende Szenen aufnahmen, auswählten und verbreiteten. Die Öffentlichkeit erhielt nicht einfach ungefilterte Eindrücke des Krieges, sondern eine politisch verwendbare Auswahl.
Später zeigte sich, dass wesentliche Bestandteile der Lynch-Geschichte übertrieben oder falsch dargestellt worden waren. Die angebliche Rettung aus einem schwer bewachten Krankenhaus entsprach nicht der dramatischen Erzählung. Dennoch hatte das Bild der jungen Heldin seine Wirkung bereits entfaltet.
Der Fall zeigt, wie moderne Kriegspropaganda funktioniert. Ein einzelnes Schicksal wird aus seinem Zusammenhang gelöst, emotional aufgeladen und zur Rechtfertigung eines gesamten Krieges verwendet. Wer die Geschichte anzweifelt, wirkt schnell herzlos, obwohl der eigentliche Streit nicht der Person, sondern der politischen Inszenierung gilt.
Die Rolle der großen amerikanischen Zeitung
Nur wenige Zeitungen heizten die Hysterie über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen so beharrlich an wie die Washington Post. In den Monaten vor dem Krieg standen die Kriegsbefürworter in den Meinungsbeiträgen des Blattes den Kriegsgegnern im Verhältnis von ungefähr 3 zu 1 gegenüber.
Diese unausgewogene Darstellung prägte die öffentliche Debatte. Wer die militärische Lösung befürwortete, erhielt Zugang zu den wichtigen Meinungsseiten. Wer Zweifel anmeldete, musste mit deutlich weniger Aufmerksamkeit rechnen. Die Zeitung wirkte dadurch nicht nur als Beobachterin der politischen Stimmung, sondern als Verstärker der Kriegsbereitschaft.
In den Vereinigten Staaten gab es früher Experten, die Saddam Hussein kaum positiv genug darstellen konnten. Das war in den 1980er-Jahren, als der Irak noch als Verbündeter der Vereinigten Staaten betrachtet wurde. Sobald sich die politische Lage änderte, wandelten sich dieselben Stimmen zu fanatischen Gegnern des irakischen Präsidenten.
Diese Kehrtwende wurde nicht als grundsätzlicher Widerspruch behandelt. Die öffentliche Erinnerung erwies sich als kurz. Wer früher Saddam Hussein als nützlichen Partner gelobt hatte, konnte nun als glaubwürdiger Kritiker auftreten.
Die gleichen Personen erhielten privilegierten Zugang zu Zeitungsspalten und großen Fernsehsendern. Sie wurden in Gesprächssendungen eingeladen und als Fachleute vorgestellt. Politische Anpassung wurde nicht als Problem betrachtet, solange die aktuelle Meinung mit der gewünschten Kriegsrichtung übereinstimmte.
Hilfreich waren dabei Vermittler wie Eleana Benador. Sie war darauf spezialisiert, entschiedenen Kriegsbefürwortern Zugang zu Redaktionen und Fernsehsendungen zu verschaffen. Dadurch wurde die öffentliche Debatte nicht allein durch Journalisten geprägt, sondern auch durch Personen, die im Hintergrund entschieden, welche Experten überhaupt sichtbar wurden.
Die Verdrängung der Kriegsgegner
Für die wenigen Kriegsgegner waren die Bedingungen deutlich schwieriger. Der Moderator Phil Donahue wurde vor dem Krieg von MSNBC aus dem Programm genommen. Als Begründung wurden sinkende Einschaltquoten genannt. Tatsächlich lagen die Zuschauerzahlen seiner Sendung offenbar nicht so niedrig, wie behauptet wurde.
Der entscheidende Vorwurf gegen Donahue bestand darin, dass er Zweifel an der Kriegspolitik zugelassen hatte. In einer aufgeheizten öffentlichen Stimmung galt dies als unpatriotisch. Ein Moderator, der die Regierung kritisierte, wurde nicht mehr als unabhängiger Journalist betrachtet, sondern als Hindernis für die nationale Geschlossenheit.
Die Medien hatten damit ihre Rolle als Kontrolleure der Macht weitgehend aufgegeben. Statt die Begründungen der Regierung zu prüfen, halfen sie bei deren Verbreitung. Statt Widersprüche sichtbar zu machen, ordneten sie die Debatte moralisch und teilten die Bevölkerung in patriotische Befürworter und verdächtige Zweifler.
Die Folge war ein enger öffentlicher Meinungskorridor. Wer innerhalb dieses Korridors blieb, konnte mit Einladungen, Veröffentlichungen und politischer Anerkennung rechnen. Wer ihn verließ, musste mit Spott, Ausschluss oder dem Vorwurf rechnen, dem Feind in die Hände zu spielen.
Die Darstellung des Krieges wurde dadurch nicht nur von Regierungsstellen, sondern auch von Medienunternehmen kontrolliert. Die politische Führung musste Kritiker nicht vollständig verbieten. Es genügte, ihnen weniger Aufmerksamkeit zu geben und ihnen den Zugang zu großen Plattformen zu erschweren.
Die britische Untersuchung der Irakpolitik
Die britische Beteiligung am Irakkrieg wurde später durch eine umfangreiche Untersuchung aufgearbeitet. Unter dem Vorsitz von John Chilcot entstand ein mehrbändiger Bericht, der die Entscheidungen der britischen Regierung und ihre Vorbereitung des Krieges untersuchte.
Die Untersuchung zeigte, dass die Vereinigten Staaten bereits früh bereit waren, militärische Gewalt gegen den Irak einzusetzen. Auch Tony Blair wollte den Sturz Saddam Husseins und seines Regimes. Er hielt jedoch zunächst den Weg über die Vereinten Nationen für politisch zweckmäßiger.
Blair befürchtete, ein rücksichtsloses Vorgehen gegen den Irak könne in der britischen Bevölkerung zu wenig Unterstützung finden. Auf internationaler Ebene rechnete er mit Widerstand Russlands, mehrerer europäischer Staaten und verschiedener Regierungen im Nahen und Mittleren Osten. Deshalb sollte der Eindruck entstehen, der Krieg werde nur als äußerstes Mittel erwogen.
Die große Täuschung der Öffentlichkeit bestand darin, dass die britische Regierung eine realistische Möglichkeit für eine friedliche Lösung vorgab. Die Bevölkerung sollte glauben, Saddam Hussein könne durch Kooperation und Abrüstung den Fortbestand seines Regimes sichern. Tatsächlich war die entscheidende Frage längst eine andere: Sollte der Regimewechsel durch westliche Gewalt herbeigeführt werden, oder würde der Druck der Vereinten Nationen und der Waffeninspekteure das Regime auch ohne Krieg schwächen?
Die öffentlichen Erklärungen erweckten den Eindruck eines offenen Verhandlungsprozesses. Hinter den Kulissen war die Beseitigung Saddam Husseins jedoch längst das eigentliche Ziel. Die diplomatischen Schritte dienten damit nicht in erster Linie der Vermeidung des Krieges, sondern seiner politischen Vorbereitung.
Die UNO als Werkzeug der Zustimmung
Entgegen dem Eindruck, der der Öffentlichkeit vermittelt wurde, war nicht vorgesehen, Saddam Hussein für eine mögliche Kooperation mit dem politischen Überleben seines Regimes zu belohnen. Seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit hätte den grundlegenden Plan der amerikanischen und britischen Führung nicht beseitigt. Die Forderungen nach Abrüstung und Kontrolle dienten vor allem dazu, zusätzlichen politischen Druck aufzubauen.
Die auf die Vereinten Nationen ausgerichteten Aktivitäten waren damit ein Mittel zur Beschaffung internationaler Zustimmung. Die westlichen Regierungen wollten später sagen können, sie hätten alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft. Der Krieg sollte als letzte verbleibende Lösung erscheinen, obwohl seine politische Richtung bereits feststand.
Das Muster war einfach. Zuerst wurde der Irak beschuldigt, eine unmittelbare Gefahr darzustellen. Dann wurden internationale Verfahren eingeleitet, die kaum eine echte Chance auf eine dauerhafte Lösung erhielten. Anschließend wurde erklärt, Saddam Hussein habe nicht ausreichend kooperiert und die internationale Gemeinschaft gezwungen, militärisch zu handeln.
Die Öffentlichkeit sollte glauben, der Krieg sei nicht gewollt, sondern aufgezwungen worden. Tatsächlich wurde die gewünschte Lösung von Beginn an vorbereitet. Die diplomatische Bühne diente dazu, die Verantwortung für den späteren Angriff dem irakischen Regime zuzuschieben.
Diese Strategie war besonders zynisch, weil sie den Anschein rechtsstaatlicher Geduld mit der Absicht eines bereits geplanten Machtwechsels verband. Die Vereinten Nationen wurden nicht als unabhängige Instanz respektiert, sondern als Instrument benutzt, um dem Krieg einen legalen und moralischen Anstrich zu geben.
Der Regimewechsel vor den Anschlägen
Die Beseitigung Saddam Husseins und seines Regimes war bereits lange vor den Anschlägen vom 11. September 2001 ein Bestandteil der offiziellen amerikanischen Politik. Der spätere Krieg wurde daher nicht erst durch die Anschläge verursacht. Die Anschläge schufen jedoch ein politisches Klima, in dem sich der Irak leichter als Teil eines umfassenden Feindbildes darstellen ließ.
Auch Großbritannien hatte sich dieser Zielsetzung bereits vor den Anschlägen angenähert. Die Untersuchungsunterlagen zeigen, dass der irakische Regimewechsel nach den Anschlägen höchste Priorität erhielt. Die zuvor vorhandenen politischen Absichten wurden nun mit dem neuen Krieg gegen den Terror verbunden.
Die Regierung stellte den Irak in einen Zusammenhang mit islamistischem Terrorismus, obwohl die tatsächlichen Verbindungen zwischen Saddam Hussein und den Anschlägen nicht überzeugend nachgewiesen wurden. Die öffentliche Debatte musste nicht mit klaren Beweisen belastet werden. Es genügte, die Begriffe Irak, Terror und Massenvernichtungswaffen immer wieder im selben Zusammenhang zu verwenden.
Am 20. September 2001 trafen Bush und Blair zusammen. Bei diesem Treffen sprach Bush nach internen Berichten darüber, wie sich die amerikanischen und britischen Regierungen der irakischen Ölfelder bemächtigen könnten. Eine solche Aussage zeigt, dass hinter der öffentlichen Sprache von Sicherheit und Terrorbekämpfung auch handfeste geostrategische und wirtschaftliche Interessen standen.
Die Bevölkerung sollte jedoch nicht über Öl, Einflusszonen und Machtverhältnisse sprechen. Sie sollte sich mit der Frage beschäftigen, ob Saddam Hussein eine unmittelbare Gefahr für die westliche Welt darstellte. Die wirtschaftlichen und strategischen Interessen verschwanden hinter einer moralischen Erzählung über Sicherheit und Befreiung.
Der Übergang zur zweiten Kriegsphase
Bereits am 17. September 2001 war von einer zweiten Phase des Kampfes gegen den Terrorismus die Rede. Die erste Phase richtete sich offiziell gegen Afghanistan und Osama bin Laden. In der geplanten zweiten Phase wurden der Irak, die Philippinen, Syrien, Iran, Jemen, Somalia und Indonesien genannt.
Mit Blick auf Syrien und Iran wurden militärische Möglichkeiten erörtert. Beide Staaten gerieten bald nach den Anschlägen auf eine Liste möglicher Ziele für einen politischen Machtwechsel. Tony Blair empfahl jedoch taktische Zurückhaltung und eine bestimmte Reihenfolge.
Wenn zuerst der Irak angegriffen werde, könne es nützlich sein, Syrien und Iran zumindest vorübergehend als Unterstützer oder neutrale Staaten zu behandeln. Es wäre politisch unklug, alle drei Länder gleichzeitig anzugreifen. Diese Überlegung zeigt, dass es nicht um eine spontane Reaktion auf einzelne Gefahren ging, sondern um eine größere strategische Planung.
Während die öffentliche Darstellung die Reichweite des Krieges gegen den Terrorismus eher begrenzte, wurden intern weitreichende Pläne diskutiert. Der Konflikt sollte nicht auf die Verfolgung einer bestimmten Terrororganisation beschränkt bleiben. Er sollte zu einer umfassenden Neuordnung politischer Macht im Nahen und Mittleren Osten führen.
Der Krieg gegen den Terrorismus war damit nach Auffassung seiner Betreiber kein eng begrenzter Feldzug. Er war Teil eines großen geopolitischen Projekts. Die Öffentlichkeit erfuhr davon jedoch nur in abgeschwächter, moralisch vereinfachter und sicherheitspolitisch verkleideter Form.
Bewusste Täuschung statt bloßer Fehleinschätzung
Die politisch Verantwortlichen in Großbritannien waren nicht einfach Opfer von Selbsttäuschung, falscher Wahrnehmung oder unglücklichen Gruppendynamiken. Die Untersuchungsunterlagen enthalten zahlreiche interne Aussagen, die zeigen, dass viele Beteiligte sehr genau wussten, welche Ziele sie verfolgten.
Die Öffentlichkeit wurde bewusst in die Irre geführt. Die Täuschung erfolgte durch Übertreibungen, Verzerrungen und das Weglassen wichtiger Informationen. Besonders betroffen waren die Behauptungen über die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak.
Dem offiziellen Irak-Dossier wurde ein zusätzlicher Bericht angefügt, obwohl die Verantwortlichen wussten, dass dessen Grundlage höchst fragwürdig war. Der Bericht sollte den Eindruck verstärken, der Irak verfüge über einsatzfähige Waffen und könne diese kurzfristig gegen andere Staaten einsetzen.
Auch der von Blair bevorzugte Weg über die Vereinten Nationen war ein bewusstes politisches Täuschungsmanöver. Es ging nicht darum, mit dem Irak eine tragfähige Vereinbarung zu erreichen. Es ging darum, Unterstützung für die bereits geplante Militäraktion zu sammeln und ihr einen rechtlichen Anstrich zu geben.
Die Bevölkerung sollte später sagen können, die Regierungen hätten alles versucht. Tatsächlich waren die diplomatischen Bemühungen so gestaltet, dass sie den gewünschten politischen Ausgang nicht gefährdeten. Die Verhandlungen dienten der Vorbereitung des Krieges, nicht seiner ernsthaften Vermeidung.
Der geopolitische Plan hinter dem Krieg gegen den Terror
In der Öffentlichkeit erschien der Krieg gegen den Terrorismus vor allem als Reaktion auf islamistischen Fundamentalismus. Die Bürger sollten glauben, es gehe um die Abwehr terroristischer Netzwerke und den Schutz vor weiteren Anschlägen. Tony Blair verfolgte jedoch eine wesentlich umfassendere Vorstellung.
Sein Konzept zielte auf eine ausgreifende Strategie des politischen Machtwechsels. Regierungen im Nahen und Mittleren Osten sollten unter Druck gesetzt, geschwächt oder beseitigt werden. Die dafür notwendige Unterstützung sollte durch umfassende Propagandamaßnahmen geschaffen werden.
Blair und andere britische sowie amerikanische Vertreter gingen davon aus, dass sich zwischen schiitischen und sunnitischen Kräften ein gewaltiger Konflikt entwickelte. Sie sahen diese Entwicklung offenbar nicht ausschließlich als Gefahr, die eingedämmt werden müsse. Vielmehr erschien sie auch als geopolitische Möglichkeit, die sich für eigene Interessen nutzen ließ.
Eine solche Haltung ist besonders zynisch. Wer religiöse und gesellschaftliche Gegensätze nicht beruhigen, sondern für politische Ziele ausnutzen will, trägt dazu bei, sie zu verschärfen. Die Bevölkerung der betroffenen Länder wird dabei nicht als eigenständiger politischer Akteur betrachtet, sondern als Material für eine strategische Neuordnung.
Die geplante Machtpolitik blieb hinter der öffentlichen Sprache verborgen. Die Bürger hörten von Sicherheit, Demokratie und Befreiung. Intern ging es um Einflusszonen, Rohstoffe, Regimewechsel und die Kontrolle einer strategisch wichtigen Weltregion.
Die Herstellung öffentlicher Zustimmung
Die eigentliche Leistung der Kriegspropaganda bestand darin, politische Absichten in moralische Pflichten zu verwandeln. Ein Angriff auf einen fremden Staat sollte nicht wie ein Angriff erscheinen, sondern wie eine notwendige Schutzmaßnahme. Die Regierung musste sich nicht als Eroberer darstellen, sondern als Verteidiger einer bedrohten Ordnung.
Dafür wurden Feindbilder, Opfergeschichten und dramatische Bilder miteinander verbunden. Saddam Hussein wurde als Verkörperung des Bösen dargestellt, der Irak als gefährlicher Staat und die westlichen Streitkräfte als Befreier. Zweifel an diesem Bild wurden als Gleichgültigkeit gegenüber Terroropfern oder als Unterstützung des Diktators ausgelegt.
Die Medien halfen bei dieser Umwandlung. Sie übernahmen Regierungsangaben, wiederholten ungesicherte Behauptungen und verbreiteten Bilder, deren Herkunft und Auswahl kaum hinterfragt wurden. Die Grenze zwischen Berichterstattung und politischer Kampagne wurde dadurch zunehmend unklar.
Private Werbeagenturen, Regierungsstellen und Medien arbeiteten in einem gemeinsamen Kreislauf. Die Politik lieferte die Botschaften, die Werbefachleute gestalteten die Verpackung und die Medien verbreiteten die fertigen Bilder. Die Öffentlichkeit erhielt ein sorgfältig hergestelltes Produkt, das wie spontane Nachrichten aussah.
Der Irakkrieg war deshalb nicht nur ein Krieg mit Bomben, Panzern und Soldaten. Er war zugleich ein Krieg um Begriffe, Bilder und Deutungsmacht. Wer die öffentliche Wahrnehmung kontrollierte, konnte die politische Wirklichkeit vor dem eigentlichen Krieg bereits weitgehend festlegen.
Die offene Frage nach der Manipulation
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob einzelne Behauptungen über irakische Waffen falsch waren. Es muss auch gefragt werden, in welchem Umfang westliche Bevölkerungen dazu gebracht wurden, einen Krieg gegen den Terrorismus zu unterstützen, der zugleich ein geopolitisch motivierter Angriffskrieg war. Die Öffentlichkeit sollte an eine begrenzte Sicherheitsoperation glauben, während politische Entscheidungsträger eine weit größere Strategie des Machtwechsels verfolgten.
Die Bürger wurden mit Bildern von Terror, Giftgas, gefolterten Gefangenen und geretteten Helden konfrontiert. Die wirtschaftlichen Interessen, die langfristigen Pläne und die vorbereiteten Regimewechsel blieben im Hintergrund. Dadurch entstand ein moralischer Ausnahmezustand, in dem die üblichen Anforderungen an Beweise und rechtliche Begründungen als hinderlich erschienen.
Der Krieg wurde nicht nur durch Waffen vorbereitet. Er wurde durch Sprache, Werbung, ausgewählte Bilder, gefilterte Informationen und politisch gefällige Experten vorbereitet. Die eigentliche Entscheidung war getroffen, bevor die breite Öffentlichkeit überhaupt die Möglichkeit erhielt, sie sachlich zu beurteilen.
Die offene Frage bleibt, wie weit diese gezielte Bearbeitung der öffentlichen Meinung reichte und in welchem Ausmaß die westlichen Gesellschaften einen Krieg unterstützten, dessen tatsächliche Ziele weit über die offiziell genannten Gründe hinausgingen.












