Die Illusion der globalen Ordnung und die Rückkehr der Gewalt

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Die heutige Weltordnung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der durch die zunehmende Verflechtung globaler Märkte und die gleichzeitige Erosion traditioneller zwischenstaatlicher Abkommen geprägt ist. Was einst als Beginn einer friedlichen und kooperativen Weltgemeinschaft gefeiert wurde, hat sich zu einem komplexen Geflecht aus asymmetrischen Konflikten, Ressourcenkämpfen und neuen geopolitischen Blockaden entwickelt. Die scheinbare Allgegenwart der Kommunikation und des Handels täuscht oft über die wahren Machtverhältnisse und die wachsenden sozialen sowie kulturellen Gräben hinweg. Um die aktuellen politischen und militärischen Entwicklungen zu verstehen, muss man die Mechanismen der globalen Steuerung, die Rückkehr des Krieges als politisches Mittel und die Entstehung neuer rechtloser Räume analysieren.

Die Agenda allen politischen und wirtschaftlichen Handelns ist infolge der weltweiten Verflechtung deutlich komplexer geworden. Dieser bekannte Umstand hat auch die Politik und staatliche Verwaltung umgreifend verändert. Entscheidungen zu den vielen asymmetrischen Konflikten, in welchen Armeen kleineren Kampfverbänden und nicht mehr einem gegnerischen Heer gegenüberstehen, werden von sogenannten Wissensträgern mitbestimmt. Hierbei kann es sich um Forschungseinrichtungen von Universitäten, Denkfabriken, Nichtregierungsorganisationen im Menschenrechtssektor oder Interessenvertretungen handeln. Dahinter stehen aber meist Geldgeber, die wiederum auf diesem Wege die politische Entscheidungsfindung mitgestalten wollen.

Der Einfluss von Wissensträgern und Geldgebern

Korruption und Einflussnahme gehen hier allzu oft Hand in Hand. Dem Generalisten in der Verwaltung fehlt es schlicht an Expertise, das Wissen wird zugekauft. Äußerst problematisch erscheint es, dass Politiker als willfährige Abnehmer dieser Entscheidungshilfen die Zusammenhänge und Folgen kaum umfassend einschätzen können. Die Idee einer Weltinnenpolitik ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Der Grundgedanke besagt, dass globale Prozesse so gelenkt werden müssen, dass sie eine möglichst positive Wirkung entfalten und negative Auswirkungen eingeschränkt werden können.

Das Konzept der Weltinnenpolitik

Es geht also um eine Form internationaler Politik, die über multilaterale Kooperation zwischen Regierungen, der Zivilgesellschaft, internationalen Organisationen und auch durch Akteure der Lokalpolitik weltumspannende Lösungen finden will. Auf die sympathische Kurzformel gebracht sprechen wir wieder seit einigen Jahrzehnten davon, global zu denken und lokal zu handeln. Findige Kommunikationsexperten haben daraus dann das Schachtelwort global-lokal gemacht. Diese Form der globalen Steuerung versteht sich demnach als dynamischer Prozess, der von den jeweiligen Interessen, Werten und Ideen beeinflusst wird. Das Konzept mutet sehr theoretisch an, zumal die nationalen Interessen souveräner Staaten untereinander und gegenüber Nichtregierungsorganisationen oftmals entgegengerichtet sein können.

Theoretische Modelle und praktische Grenzen

Hinzu kommt die Frage der demokratischen Legitimität einzelner wichtiger Akteure wie eben der Nichtregierungsorganisationen. Gegenwärtig werden zudem die noch vor rund 20 Jahren neuen Akteure von sogenannten Blitzversammlungen verdrängt. Darunter versteht man einen kurzen und scheinbar spontanen Menschenauflauf auf meist öffentlichen Plätzen. Handelte es sich anfänglich um unpolitische und oftmals sehr banale gemeinsame Kundgebungen, wächst nun offensichtlich die Zahl solcher Aktionen mit politischem oder wirtschaftlichem Bezug. Daraus wird dann ein vernetzter Schwarm, dessen Aufruf über Blogs, Kurzmitteilungen und andere Kanäle der Online-Gemeinschaften erfolgt.

Neue Formen des Protests und der Mobilisierung

Zu den Zielen der recht verstaubt wirkenden globalen Steuerung zählen unter anderem eine neue Wirtschafts-, Sozial- und Friedensordnung. Bereits in den frühen 70er Jahren gab es einerseits im Rahmen der Kulturorganisation der Vereinten Nationen Versuche, eine neue Weltinformationsordnung zu schaffen. Die Handels- und Entwicklungskommission der Vereinten Nationen wollte dazu beitragen, die Grundlagen einer neuen Weltwirtschaftsordnung zu legen. Die Vereinten Nationen konnten diese Aufgaben nicht erfüllen, da die Interessen der Mitgliedsstaaten oftmals diametral entgegengesetzt sind. Waren die Ideologien während des Kalten Krieges ein nicht überbrückbares Hindernis, so sind es gegenwärtig die nationalen Interessen zur Sicherung der jeweiligen Rohstoffinteressen.

Das Scheitern multilateraler Ordnungsversuche

Darüber hinaus stellen alte kulturelle Klüfte das Interesse einzelner Akteure über das der Weltgemeinschaft. Die Versuche, einen echten Multilateralismus auf dem gemeinsamen Wohl einer Weltgemeinschaft aufzubauen, sind gescheitert. Die von der globalen Steuerung angestrebten Institutionen und Mechanismen, mit denen unterschiedliche Akteure globale Herausforderungen diskutieren und entscheiden können, wurden auf vielfältige Weise schon erprobt. Die Ergebnisse bleiben jedoch aus. Als ein amerikanischer Präsident im Jahr 1990 eine neue Weltordnung verkündete, veränderte dies nichts an den alten Konstanten der Politik wie etwa dem Kampf um Ressourcen.

Die Rückkehr zum Kampf um Ressourcen

Die Globalisierung in vielen Bereichen der Kommunikation und auch des Warenverkehrs wird sich kaum umkehren lassen, doch trotz aller Globalität sind die Menschen nicht in der Lage, sich auf den anderen einzulassen. Es sind viele symbolische Grenzen vor allem innerhalb der Nationalstaaten entstanden. Kategorien der Kultur, Sprache, Religion und Ethnie gewinnen an Bedeutung, insbesondere in Europa. In dieser globalisierten Welt ist bedauerlicherweise eine große Errungenschaft europäischer Aufklärung indes zerbrochen, nämlich die Idee des Universalismus, die allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Rechte zuerkennt. Was noch im Jahr 1945 mit der Verfassung der Satzung der Vereinten Nationen gelang, erscheint im 21. Jahrhundert viel problematischer.

Der Zerfall des Universalismus und neue Grenzen

Trotz aller gebotener Dringlichkeit, globale Probleme gemeinsam zu lösen, sind die Klüfte größer als je zuvor. Zweifellos benötigen globale Probleme globale Antworten, auch das ist ein Gemeinplatz. Aber die Interessenkonflikte wachsen in Zeiten verknappter Ressourcen, seien es Energieträger, Nahrungsmittel oder schlicht Territorium. Vor dem Hintergrund fortschreitender Umweltzerstörung wird dieser Kampf vielleicht noch schärfer geführt werden. Mehr noch als die Machtverhältnisse in dieser Weltgemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Akteuren zu verstehen, geht es vielleicht wieder darum, düstere Aspekte der Natur des Menschen zu studieren.

Die Natur des Menschen und das Gewaltverbot

In der politischen Analyse kommt der Mensch, wie er ist, indes nicht vor, vielmehr wird der Markt akribisch erforscht. Die Marktforschung arbeitet mit einem vertrackten Menschenmodell, bei dem beispielsweise ein bestimmtes, unethisches Verhalten als vernünftig dargestellt wird. Während des Besuchs im vermeintlich globalen Dorf fällt dem aufmerksamen Beobachter auf, wie weit wir in all dieser technischen und wirtschaftlichen Durchdringung von einem friedlichen Zusammenleben entfernt sind. Krieg ist der Ausbruch primitiver Gewalt, wenn Staaten ihre Differenzen auf friedlichem Wege durch Verhandlungen nicht lösen können oder gar nicht lösen wollen. Das moderne Völkerrecht nach 1945 normiert ein umfassendes Gewaltverbot, denn die Charta der Vereinten Nationen verbietet schon die Androhung von Gewalt.

Die Ausweitung des Selbstverteidigungsrechts

Die Charta erlaubt aber die Ausübung des Rechts auf Selbstverteidigung, das manche Staaten sehr weit interpretieren und damit auch Angriffskriege rechtfertigen. Wenn ein Staat sein Recht auf Selbstverteidigung ausübt, so muss er doch unmittelbar den Sicherheitsrat einschalten. Dahinter steht der Versuch, einen Ausgleich zwischen dem inhärenten Recht auf Selbstverteidigung und dem Versuch, ein kollektives System friedlicher Streitbeilegung zu schaffen, zu ermöglichen. Eine amerikanische Sicherheitsstrategie aus dem Jahr 2002 sprach davon, dass die Vereinigten Staaten, wenn nötig, präventiv handeln werden, um ihr inhärentes Selbstverteidigungsrecht auszuüben. Dieses sehr weit gefasste Verständnis der Selbstverteidigung in Gestalt von Präventivschlägen wird nicht ganz korrekt übersetzt.

Präventivschläge und der Drohnenkrieg

Es wird zum Selbstverteidigungsschlag ausgeholt, noch bevor es zu einem tatsächlichen Angriff oder Vorbereitungen eines solchen gekommen ist. Auf dieser äußerst zweifelhaften Basis erfolgte der Einmarsch im Irak im März 2003. Auch wenn ein späterer amerikanischer Präsident von mancher gescheiterten Strategie seines Amtsvorgängers Abstand nahm, hat diese Politik im Bereich der gezielten Tötungen an Umfang und Gewalt zugenommen. Die Kriegsführung mittels Drohnen, also unbemannten ferngesteuerten Flugkörpern, ist ein wesentliches Instrument dieser sehr umstrittenen Terrorbekämpfung. Wer immer als Mann im wehrfähigen Alter bei einem Drohnenangriff zu Tode kommt, gilt dann auch posthum als Kombattant.

Die Aushöhlung des humanitären Völkerrechts

Die vom humanitären Völkerrecht klar gezogenen Grenzen zwischen Zivilbevölkerung und Kombattanten ist somit hinfällig geworden. Wer tot ist, kann sich bekanntlich nicht mehr wehren. Die amerikanische Regierung setzte vor über 10 Jahren wesentliche Teile des Kriegsvölkerrechts außer Kraft, indem sie den Status des Kriegsgefangenen gleichsam abschaffte. Vielmehr sollten die feindlichen Elemente nun für endlose Verhöre festgehalten werden, wie dies auf dem exterritorialen Lager auf Kuba der Fall ist. Unter einem späteren Präsidenten wird erst gar niemand gefangen genommen, es wird gleich eliminiert.

Die Renaissance des gerechten Krieges

Damit wird also in unserer Zeit das Konzept des Kriegsverbots, das sich seit Ende des Ersten Weltkriegs allmählich über die Kriegsächtung entwickelt hatte, völlig auf den Kopf gestellt. Nicht nur, dass Kriege als probates Mittel der Willensdurchsetzung wieder akzeptiert werden. Die Idee des gerechten Krieges hat ebenso Eingang in das politische Vokabular gefunden. Was für die Glaubenskriege des Mittelalters galt, nämlich die Idee, dass kein Christ ein Unrecht begeht, wenn er sich an einem gerechten Krieg beteiligt, hat sich in den internationalen Beziehungen neu verankert. Das 21. Jahrhundert hat mit dem Antagonismus zwischen einem heiligen Krieg einerseits und andererseits ebenso religiös verbrämter Terrorbekämpfung in Gestalt von gerechten Kriegen begonnen.

Kriege als alltägliche politische Entscheidung

Kriege sind für viele der in Afghanistan oder im Irak oder nunmehr in Syrien und Nordwestafrika involvierten Staaten Teil der alltäglichen politischen Entscheidungsfindung. Ob man diese Kriege nun als Teil einer weit interpretierten Selbstverteidigung sieht, als Ressourcenkonflikte oder schlicht Angriffskriege, die Beschäftigung mit dem Krieg ist im 21. Jahrhundert wieder auf der Agenda. Eine Entwicklung, die manche Optimisten im Jahr 1990, als noch von der Schaffung einer neuen Weltordnung auf Basis des Völkerrechts die Rede war, für sehr unwahrscheinlich gehalten hatten. Kriege sind zwar verboten, wenn man das Gewaltverbot der Charta entsprechend ernst nimmt, doch auch das Völkerrecht sieht Ausnahmen vor. Die Vereinten Nationen können durch eine vom Sicherheitsrat genehmigte Zwangsmaßnahme einen Akt kollektiver Sicherheit setzen und mittels nichtmilitärischer oder militärischer Mittel einen Friedenszustand wiederherstellen.

Sanktionen als stumpfe Waffe der Diplomatie

Die in Kapitel 7 der Charta vorgesehenen Sanktionen sind ein solcher Weg, um Frieden zu erzwingen. Nur selten gelang es, mit derartigen Maßnahmen den gewünschten Erfolg zu erzielen. Ein Beispiel mag die Operation Wüstensturm mit Mandat der Vereinten Nationen vom Januar und Februar 1991 sein. Unter militärischer Führung der USA wurde eine umfassende Koalition errichtet, um die Unabhängigkeit von Kuwait wiederherzustellen. Dieser Golfkrieg war daher völkerrechtlich betrachtet kein Krieg, sondern eine legitime und durch den Sicherheitsrat genehmigte Zwangsmaßnahme.

Die fragwürdige Wirksamkeit von Boykottmaßnahmen

Die Anwendung wirtschaftlicher, kultureller und sportlicher Sanktionen hatte sich hingegen in der Vergangenheit immer wieder als stumpfe Waffe mit meist negativen Folgen für die Zivilbevölkerung erwiesen. Weder haben jahrzehntelange Sanktionen zu politischen Veränderungen auf Kuba geführt, noch erreichte die Boykottpolitik gegenüber dem Irak von 1990 bis 2003 eine Schwächung der autoritären Regierung. Auch die vom Sicherheitsrat und von den USA sowie der EU verhängten Sanktionen gegen den Iran wegen dessen Nuklearprogramms konnten die Urananreicherung nicht stoppen, doch eine Wirtschaftskrise wurde im Land ausgelöst. Einmischung aus dem Ausland kann oftmals zum nationalen Schulterschluss führen. Dies galt einige Jahre lang für das ehemalige Jugoslawien, wo sich die Bevölkerung allen Divergenzen zum Trotz hinter den Präsidenten stellte.

Historische Beispiele gescheiterter Isolationspolitik

Als erfolgreiche Sanktionsmaßnahme wird von den USA gern die Boykottierung des südafrikanischen Apartheidstaats vor 1991 angeführt. Gerade US-Unternehmen unterliefen regelmäßig diese Sanktionen und das damit einhergehende Waffenembargo. Die Sanktionen, vor allem im Sport, die südafrikanische Athleten von internationalen Wettkämpfen ausschlossen, begannen erst nach Jahrzehnten zu greifen. Ausschlaggebend für die politische Kehrtwende war neben der Isolation des Landes viel mehr die Aussöhnung zwischen den politischen Lagern. Sanktionen gegenüber Nordkorea, das im Verborgenen sein Nukleararsenal aufbaute, blieben ebenso folgenlos wie viele andere Resolutionen in diesem Bereich.

Die stetige Zunahme globaler Konfliktherde

Trotz aller beachtlichen Bemühungen, ob seitens regionaler Organisationen oder der Instanzen der Vereinten Nationen, Konflikte friedlich beizulegen, kommen fast jährlich neue Brandherde auf die Liste der Kriege hinzu. Ein Konfliktforschungsinstitut legt eine solche offizielle Aufstellung in seinem Konfliktbarometer jährlich vor. Im Jahr 2011 wurden weltweit 388 politische Konflikte ausgetragen. Darunter erreichen 20 die höchste Intensitätsstufe, die des Kriegs. Im Jahr zuvor zählte man noch sechs Kriege.

Rekordzahlen bei bewaffneten Auseinandersetzungen

Für das Jahr 2003 berechnete das Institut 218 solcher Konflikte. Die Zahl der Kriege in aller Welt ist 2011 auf den höchsten Stand seit 1945 gestiegen. In einigen Fällen kamen Waffenstillstandsvereinbarungen zustande, doch die meisten Gespräche endeten ohne Vereinbarung. Diese tragischen Rekorde werden in naher Zukunft wieder übertroffen werden. So ist auch der einst als Vorbild gehandelte Versöhnungsprozess in Nordirland wieder an der Kippe.

Die Rückkehr der weißen Flecken auf der Landkarte

Nicht auszuschließen ist der offene Ausbruch von bürgerkriegsähnlicher Gewalt in Staaten wie Griechenland und Spanien, wo die Arbeitslosigkeit afrikanische Statistiken schon lange überholt hat. Von weißen Flecken auf der Landkarte spricht man, wenn es um ein unerforschtes und noch nicht erschlossenes Gebiet geht. Die Karte Afrikas war bis in das späte 19. Jahrhundert voll von solchen unerforschten Gebieten. Den Expeditionen und vielen anderen Abenteurern verdankten die Kartografen, dass ihr Nichtwissen allmählich neuen Daten wich. So verschwanden diese unbefriedigenden leeren Stellen letztlich auch in den Polargebieten, als diese letzten unbekannten Weltecken vermessen und auf den Karten detailliert eingezeichnet wurden.

Unzugängliche Gebiete und neue Sperrzonen

Wenn ich auf diese Redewendung der weißen Flecken zurückkomme, dann aus dem Grund, dass wir infolge politischer Turbulenzen, Chaos und Zersplitterung einstiger Nationalstaaten heute wieder solche unbekannte Flecken auf unseren politischen Landkarten vorfinden. Denn Reisen wird trotz aller noch florierender Tourismusangebote schwieriger, wenn es um diese neuen, unzugänglichen Gebiete geht. Nach Bagdad zu reisen, ist seit über 20 Jahren unmöglich. Kein Zug fährt mehr dorthin, die Flugverbindung funktioniert zwar wieder, aber von einem Reiseboom kann keine Rede sein. Wer plant, noch mit dem Jeep das südliche Tunesien oder Algerien zu bereisen, und wer immer schon das Kulturerbe des Jemen besuchen wollte, kommt 20 Jahre zu spät.

Der Verlust einst sicherer Reiseregionen

Denn das Risiko, als Geisel im besten Fall einige Monate in der Region zu verbringen, ist sehr wahrscheinlich. In welchem Umfang Regierungen noch die Kosten für die konsularische Betreuung, sprich Aushandeln und Übernahme des Lösegeldes übernehmen, ist mehr als fraglich. Einige Staaten tun alles, um ihre Staatsbürger frei zu bekommen, andere hingegen lassen diese rasch fallen. Die Elterngeneration konnte noch problemlos nach Zentralafrika reisen und die afghanische Hauptstadt Kabul war eine geradezu schicke Destination in den 60er Jahren. In den 80er Jahren wanderte ich zu Sonnenaufgang noch problemlos von Jerusalem nach Bethlehem, ohne auch nur einen einzigen Checkpoint passieren zu müssen.

Die Ausweitung von Tabuzonen für Reisende

Ich bereiste gefahrlos den Sinai mit Schlafsack und durfte auch das prachtvolle Kulturerbe von Syrien erkunden. All dies ist heute nicht mehr möglich. Die Liste der sogenannten Sperrgebiete wird länger werden. Die Umwälzungen in der arabischen Welt seit 2011 haben in jüngster Vergangenheit zu neuen Reisewarnungen geführt. Bald könnte der für Tunesien und Ägypten so wichtige Fremdenverkehr völlig zum Erliegen kommen, falls die innenpolitischen Turbulenzen in länger anhaltendes Chaos münden.

Theoretische Analysen der neuen Unzugänglichkeit

Mit diesen neuen weißen Flecken befasste sich ein französischer Mediziner und Politikwissenschaftler im Jahr 1992 in einer viel beachteten Schrift. In jenem Jahr schrieb ich in Paris unter seiner Betreuung eine These über die damals gerade aufkommenden humanitären Interventionen. Der Gedankenaustausch war faszinierend und seine These von den neuen weißen Flecken auf unseren Landkarten, die man besser nicht bereisen sollte, erschien mir sehr überzeugend. Seither ist diese triste Liste nur länger geworden. Der Eintritt in das Chaos ist meist erreicht, wenn nach dem Ausbleiben der Touristen und dem Absprung der Journalisten dann auch die humanitären Organisationen das Feld räumen.

Nihilismus und der Zerfall staatlicher Ordnung

Der Autor konnte bereits für die frühen 90er Jahre viele solcher Gebiete nennen, die als unzugänglich galten und nicht unter der Kontrolle einer Staatsgewalt standen. Sie stehen jedem Eindringen von Fremden feindselig gegenüber, es handelt es sich eben um neue unerforschte Gebiete. Die hier auftretenden Terroristen bzw. Freiheitskämpfer wollen heute im Gegensatz zu ihren Vorgängern nicht mehr die Welt für eine bestimmte Revolution und neue Gesellschaft gewinnen. Vielmehr schließen sie sich ab, sie splittern sich auf. Die Gewalt um ihrer selbst willen wird gleichsam das nihilistische Programm.

Das Phänomen der gescheiterten Staaten

Die Menschen im Irak müssen mit diesem Chaos seit Jahren überleben, nun bringt es Syrien gleichsam zum Einbrechen. Was also bei all dem Kampf herauskommen soll, ist nicht ein neuer Staat, sondern das Ende des Staates. Die Politikwissenschaft hat hierfür den neuen Begriff der gescheiterten Staaten geprägt. Die Literatur von scheiternden und völlig gescheiterten Staaten und Gesellschaften wird immer länger. Doch interessanterweise bestehen einige Staatsgebilde entgegen aller Auflösungstendenzen weiter.

Überlebende Staatsgebilde trotz innerer Krisen

Der Libanon wurde in den letzten 40 Jahren mehrfach als Staat für tot erklärt, doch der Staat funktioniert allen internen und regionalen Krisen zum Trotz und profitierte zwischen den Krisen sogar von Reiseboom und Bankgeheimnis. Ebensowenig ist Somalia von der Landkarte verschwunden. Im Gegenteil: Somalier kehren aus der Diaspora wieder heim, weil sie an eine Zukunft ihrer Heimat glauben. Totgesagte leben bekanntlich länger. Der Autor befasst sich mit dem Reich der Römer und überträgt die hierbei gewonnen Erkenntnisse auf die globalisierte Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Der neue Limes und die Festung Europa

Der Limes, der einst die römische Zivilisation von den sogenannten Barbaren trennte, befindet sich seines Erachtens heute an verschiedenen neuen Stellen der nördlichen bzw. westlichen Welt. Zum einen will diese sich als Festung Europa gegen illegale Migration schützen. Zum anderen finden jenseits dieses Befestigungswalls wieder Kriege, Eroberungen und Landnahme statt. In ihrem Streben nach Sicherheit muss sich die Welt des Nordens sich vielleicht in die Einsicht fügen, dass ihre Zivilisation darauf verzichten muss, universell zu sein, wenn sie fortdauern will. Der Autor beschreibt diesen neuen Limes als eine Trennlinie zwischen zwei Welten, die zwar durch Handel und Ströme von Menschen verbunden sind, zwischen denen aber ein erheblicher Rechtsunterschied klafft.

Die historischen Wurzeln der globalen Absonderung

Klar bringt der Autor seine Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit des Nordens auf den Punkt, indem er von einer Diplomatie der Rassentrennung im Weltmaßstab spricht. Dies hat nicht erst im späten 20. Jahrhundert begonnen, sondern lässt sich auf das Zeitalter des Kolonialismus im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der industriellen Revolutionen, neuer Rohstoffkriege und Eroberungen zurückführen. Ein britischer Historiker bezeichnet die Epoche von 1848 bis 1875 als das Zeitalter des Kapitals, denn neue Finanzierungsinstrumente, neue Goldfunde, niedrige Zinsen und der Freihandel eröffneten bis dato ungeahnte Möglichkeiten. Nicht von ungefähr wurde in jener Epoche das Wort Kapitalismus geprägt. Der industrielle Kapitalismus wurde zur eigentlichen Weltwirtschaft, und der Globus verwandelte sich von einem geografischen Begriff in eine Wirklichkeit ständigen Geschehens.

Die Ökonomisierung der Weltgeschichte

Die Geschichte sollte fortan zur Weltgeschichte werden, befindet der scharfsinnige Geschichtsschreiber. Und die fortschreitende Ökonomisierung aller Politik macht aus Finanzkrisen politische Erdbeben.

 

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