Die Erosion der gesellschaftlichen Mitte und die Suche nach neuer Sicherheit

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Die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Lage erfordert mehr als nur eine kurzfristige Diagnose der akuten Krisensymptome. Viel entscheidender ist die Frage, welche langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen sich hinter den aktuellen Unruhen verbergen. Hierbei muss untersucht werden, worin die neue Attraktivität von simplen Antworten und sich autoritär gebärdenden Führungspersönlichkeiten eigentlich begründet liegt. Die Wähler in den Vereinigten Staaten haben eine bestimmte politische Figur nicht gewählt, weil sie mehrheitlich der Ansicht wären, der Kohlebergbau in einem bestimmten Bundesstaat stelle die Zukunft des Landes dar. Ebenso wenig treiben allein die Programme der Europäischen Zentralbank zum Aufkauf von Staatsanleihen die Wähler in Frankreich in die Arme populistischer Bewegungen.

Das verblasste Ideal der nivellierten Gesellschaft

Im Kern steckt hinter solchen und ähnlichen Phänomenen unserer Zeit etwas viel Grundsätzlicheres als bloße politische Verstimmungen. Die sogenannte nivellierte Mittelstandsgesellschaft, die der Soziologe Helmut Schelsky in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts mehr beschwor als detailliert beschrieb, ist in den letzten Jahrzehnten gewaltig ins Rutschen geraten. Konservative Traditionalisten mögen mit diesem Begriff eher eine Reihe von lebensweltlichen Sinnbildern verbinden. Dazu gehört die klassische Familie aus Vater, Mutter und zwei bis drei Kindern, wobei der Mann der alleinige Ernährer und die Frau für den Haushalt zuständig ist. Hinzu kommen das Einfamilienhaus mit Vorgarten am Stadtrand, der gepflegte, aber nicht protzige Mittelklassewagen, der Sommerurlaub im Süden und die Weihnachtstage bei den Großeltern.

Die Diskrepanz zwischen Statistik und Lebensrealität

Das gemeinsame Abendessen um sieben Uhr und der Sonntagsbraten mit Klößen gehörten ebenso zu diesem Bild wie beliebte Fernsehsendungen, die den Kindern eine bessere Zukunft versprachen. Das Problem dieser sentimentalen Vorstellung von der Mittelschicht besteht jedoch darin, dass selbst diejenigen, die davon träumen, wissen, dass heute kaum noch jemand auf diese Weise lebt. Die Definition der Mittelschicht durch Soziologen und Volkswirte hilft bei der Analyse dieser Diskrepanz allerdings auch nicht wirklich weiter. Definiert man diese Gruppe über das sogenannte Medianeinkommen, dann erscheint die Mittelschicht seit Jahrzehnten stabil, und zwar mehr oder weniger in allen westlichen Industrienationen. Dieser Wert bezeichnet den Betrag, bei dem sich die obere und die untere Hälfte aller Einkommen exakt teilen, was derzeit bei Singles etwa eintausendsechshundertvierzig Euro netto und bei Paaren mit zwei Kindern dreitausendvierhundertvierzig Euro netto entspricht.

Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich

Bei einem Einkommen von achtzig bis einhundertfünfzig Prozent dieses Medianwertes gehören fünfzig Prozent aller Menschen zur Mittelschicht. Geht man bis zu zweihundertfünfzig Prozent des Medianeinkommens, was für eine vierköpfige Familie etwa achttausendsechshundert Euro netto bedeutet, sind es bereits vier von fünf Personen. Mit Einzelbefunden, etwa den vergleichsweise moderaten Kaffeepreisen in Treffpunkten der kulturellen Szene Berlins oder den für viele Normalverdiener unerschwinglichen Mieten im gesamten Stadtgebiet von Frankfurt oder München, lässt sich dieser statistische Befund wahlweise ein wenig aufhellen oder dramatisieren. Schwarzmalerei in puncto Mittelschicht funktioniert am besten, wenn man die farblich schrillsten Ausbrüche nach oben als Kontraste setzt. Noch vor zwanzig Jahren verdiente ein Konzernchef im Schnitt das fünfundvierzigfache eines durchschnittlichen Angestellten, während er heute hundertdreißigmal so viel kassiert wie seine Buchhalter.

Die Illusion materieller Vergleiche

Laut einer regelmäßig veröffentlichten Studie der Internationalen Arbeitsorganisation verdienen die zehn Prozent der höchstbezahlten Höchstverdiener derzeit fast so viel wie die untere Hälfte aller Arbeitnehmer. Dies mag man entsetzlich ungerecht oder auch einfach nur unnötig finden, doch am Ende liegt die Sache nicht anders als bei jenem Zehntel der Großunternehmen, die achtzig Prozent aller Gewinne erwirtschaften. Hier hat eine Handvoll überbezahlter Funktionsträger so viel Geld, dass sie nicht wissen, wohin damit, weshalb sie es gleichfalls als Spielgeld für andere zur Bank tragen müssen. Unser Eindruck ist, dass man mit derlei Zahlenspielereien meist nur bei akademisch aufgerüsteten Vergleichen aus der Abteilung des rein materiellen Besitzes landet. Nach diesem Muster hätten die ersten Protestwähler nur Angst um ihr Auto, die letzten schließlich auch Angst um ihr Boot.

Die historischen Versprechen an die Nachkriegsgeneration

Schauen wir lieber kurz hinter den Schleier des rein Materiellen, denn da müssen unserer Meinung nach die Fragen eher anders lauten. Man muss sich fragen, was die zentralen Versprechen an die Mittelschicht der Nachkriegsgesellschaft waren und ob diese immer noch uneingeschränkt gelten. Das erste Versprechen lautete, dass sozialer Aufstieg für jeden möglich sei und sowohl mehr Fleiß als auch mehr Bildung diesen Aufstieg nicht nur ermöglichen, sondern beinahe garantieren. Wer fleißig arbeitet und sich regelmäßig weiterbildet, kann individuell im Gehaltsgefüge, in den tief gestaffelten Unternehmens- oder Behördenhierarchien und schließlich auch im sozialen Status aufsteigen. Wer möglichst große Teile seiner Wohlstandsgewinne in die Bildung seiner Kinder investiert, wird die nächste Generation in die nächsthöhere Umlaufbahn befördern, sodass es diesen tatsächlich besser gehen wird.

Die Stabilität und die neuen beruflichen Horizonte

Das zweite Versprechen besagte, dass sozialer Aufstieg zwar endlich, aber im Prinzip eine Einbahnstraße ist. Solange einem nicht äußere Schicksalsschläge oder selbst verschuldetes Scheitern einen Strich durch die Rechnung machen, bleiben einmal erreichte Einkommensniveaus, Positionen und der soziale Status erhalten. Nach wie vor kommen nur sehr wenige ganz nach oben, in der Mitte sind dafür reichlich Posten zu verteilen, und nur wenige fallen auf der Karriereleiter wieder herunter. Die bekannteste Führungsregel dieser Epoche war das Prinzip, nach dem jeder in einer Hierarchie bis zur Stufe seiner persönlichen Unfähigkeit befördert wird und dort dann auch verbleibt. Das dritte Versprechen lautete, dass der moderne Kapitalismus nicht nur ständig tolle neue Dinge, sondern auch ständig tolle neue Arbeitsstellen erfindet.

Der Bruch der alten Gewissheiten

Vorzugsweise für Inhaber von Bürojobs gab es daher überreiche Karriereoptionen, zum einen in den Verwaltungen der Unternehmen selbst, die immer mehr Personal zur organisatorischen und finanziellen Steuerung brauchten. Zum zweiten im noch stärker explodierenden Bereich der wirtschaftsnahen Dienstleistungen wie Ingenieurbüros, Werbeagenturen, Rechtsanwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberatungen. Und zum dritten in einem lange Zeit kräftig wachsenden Staatssektor. Das vierte Versprechen sicherte zu, dass man die Sportart zwar nicht wechseln muss, aber die Spielregeln und die Spieltechnik sich bisweilen ändern können. Wer einen bestimmten Beruf erlernt hat, wird diesen Beruf sein Leben lang ausüben, häufig sogar in der gleichen Firma, die nach vierzig Jahren übrigens auch immer noch so heißen wird wie damals.

Die systematische Auflösung der Aufstiegschancen

Jeder sollte seine fachlichen Qualifikationen laufend erweitern, und wer bereit und fähig ist, mehr Verantwortung zu tragen, der wird auch mehr Kompetenzen bekommen. Auf der Gehaltsabrechnung oder der Visitenkarte werden sich jedoch nur die Titelbezeichnungen vor der Berufsbezeichnung ändern, was für Ingenieure, Führungskräfte und Facharbeiter gleichermaßen gilt. Alle vier Versprechen an die Mittelstandsgesellschaft wurden und werden jedoch weiterhin Schritt für Schritt kassiert. Dies geschieht durch den technischen Fortschritt, vor allem durch die Digitalisierung nunmehr aller Tätigkeitsbereiche, nicht zuletzt vieler administrativer Funktionen, von denen wir jahrzehntelang glaubten, nur menschliche Entscheidungsträger seien in der Lage, sie auszufüllen. Hinzu kommt die nach wie vor ungebremst zunehmende Geschwindigkeit dieses technischen Fortschritts, dank derer die Idee vom halbwegs bruchlosen Arbeitsleben längst zur puren Illusion verkommen ist.

Die Notwendigkeit neuer Sicherheitsmechanismen

Dieser Wandel wird zusätzlich durch den ökonomisch wie technisch erzwungenen Trend zu flachen Hierarchien, temporären Teams und Myriaden externer Dienstleister auf Abruf beschleunigt. Schließlich tragen auch teils sinnvolle, teils auch nur finanzpolitisch erzwungene Schlankheitskuren im öffentlichen Dienst zu dieser Entwicklung bei. Bei alldem geht es nicht nur darum, dass Tempo und Ausmaß des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts allmählich den Erlebnishunger und die Verarbeitungsgeschwindigkeit eines durchschnittlichen Menschenlebens übersteigen könnten. Weit mehr geht es darum, dass höheres Tempo ein sehr viel größeres Maß an Sicherheit braucht. Die allerersten Automobile kamen noch ohne Windschutzscheibe aus, doch jenseits der achtzig Pferdestärken oder der hundert Stundenkilometer brauchte es die Gurtpflicht.

Das Grundeinkommen als Schutzraum

Heute gehören Luftsack, Antiblockiersystem und Navigationsgerät zur Serienausstattung jedes normalen Mittelklassewagens, und es kann sein, dass alle Fahrzeuge sich schon bald selbst steuern. Um das tun zu können, braucht es viel intelligente Technik, und weit mehr sowie weit intelligentere Technik wird es brauchen, um die Fahrzeuge bei ihrem Treiben zu kontrollieren. Man könnte die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens daher auch so denken, nämlich als unfallsichere Fahrgastzelle und Auslaufzone unseres globalen Hochgeschwindigkeits-Wirtschaftssystems. In dieser seltsamen Sportart sind die Geräte heute um ein Vielfaches leistungsfähiger als vor dreißig Jahren, und die Unfälle sehen nicht weniger dramatisch aus, eher im Gegenteil. Aber tödliche Unfälle gibt es kaum noch, denn fast immer klettern die Fahrer danach unverletzt aus den Trümmern ihrer Boliden.

 

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