Die politische, gesellschaftliche und militärische Fragilität Südvietnams im Kontext des Krieges

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Die historischen Ereignisse in Südvietnam während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts waren von einer tiefgreifenden Abhängigkeit von ausländischer Unterstützung und einer gleichzeitigen inneren Zerrissenheit geprägt, die das Überleben des Staates permanent gefährdete. Die Vereinigten Staaten von Amerika übernahmen in diesem komplexen Szenario nicht nur den absolut entscheidenden und dominierenden Anteil an der eigentlichen Kriegführung, sondern stützten auch das fragile politische Konstrukt im Süden. Ohne diese massive und ununterbrochene amerikanische Präsenz wäre es der politischen Führung Südvietnams, die von den Generälen Nguyen Cao Ky und Nguyen Van Thieu angeführt wurde, mit hoher Wahrscheinlichkeit unmöglich gewesen, sich an der Macht zu halten oder auch nur zu behaupten. Diese Führungsschicht agierte in einem Umfeld, das von ständigen Umsturzversuchen, mangelnder Legitimation und einem tiefen Graben zwischen der städtischen Elite und der ländlichen Bevölkerung gekennzeichnet war. Die folgende Betrachtung analysiert die strukturellen Schwächen des Regimes, die sozialen Verwerfungen und die militärischen Defizite, die den Verlauf des Konfliktes maßgeblich bestimmten.

Der Aufstieg einer provinziellen Elite

Nguyen Van Thieu, der im Jahre 1923 das Licht der Welt erblickte, repräsentierte in vielerlei Hinsicht ein typisches Produkt der vom permanenten Kriegszustand geprägten neuen vietnamesischen Elite. Sein familiärer Hintergrund war eher als provinziell und bescheiden zu charakterisieren, was ihn zunächst nicht für die höchsten Ämter des Landes zu prädestinieren schien. Während des ersten Indochinakrieges hatte sich Thieu in den von der Kolonialmacht Frankreich geschaffenen vietnamesischen Streitkräften durch kontinuierlichen Dienst bis zum Rang eines Majors hochgearbeitet. Im Jahre 1954 trat er in die Armee der Republik Vietnam ein, welche unter der Führung von Ngo Dinh Diem stand, und absolvierte anschließend eine militärische Fortbildung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser Schritt markierte den Beginn seines Aufstiegs innerhalb der hierarchischen Strukturen.

Sozialer Aufstieg durch Konversion

Im Jahre 1958 gelang Thieu der entscheidende Sprung nach oben in der gesellschaftlichen und militärischen Rangordnung. Der ursprünglich dem Buddhismus angehörende Mann heiratete in eine reiche und einflussreiche katholische Familie ein, was einen strategisch klugen Schachzug darstellte. Thieu konvertierte daraufhin zum katholischen Glauben und nutzte die guten Verbindungen seiner Ehefrau, um seine eigene Karriere rasch und zielgerichtet voranzutreiben. Damit war er zwar prädestiniert für eine wichtige und einflussreiche Funktion innerhalb der Streitkräfte, doch über echte Führungsqualitäten oder charismatische Ausstrahlung verfügte er nach Einschätzung vieler Beobachter nicht. Sein Aufstieg war somit mehr das Ergebnis von Opportunismus und Netzwerkbildung als von militärischer Brillanz.

Die schmale Basis der Macht

Abgesehen von der Armee selbst fand die herrschende Junta ihren Rückhalt primär bei den Katholiken sowie bei der chinesischen und der vietnamesischen Wirtschaftselite des Landes. Insgesamt handelte es sich bei dieser Unterstützergruppe jedoch nur um ein Achtel der Gesamtbevölkerung, was die extreme Schmalheit der Basis verdeutlicht. Außerhalb der großen städtischen Zentren verfügte die Regierung in Saigon kaum über echte Zustimmung oder Loyalität in der Bevölkerung. Weite Teile des Landes befanden sich nach wie vor unter der effektiven Kontrolle der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams. Im Jahre 1965 betraf dies etwa zwei Drittel des Territoriums, und fünf Jahre später waren es immer noch rund fünfundzwanzig Prozent.

Passiver Widerstand der Landbevölkerung

In den umstrittenen Gebieten und in jenen Regionen, über die die südvietnamesische Regierung nominell gebot, versuchte die Mehrheit der Menschen, sich soweit wie möglich aus dem Kriegsgeschehen herauszuhalten. Sie verhielten sich demonstrativ neutral, was angesichts der schwierigen militärischen Lage in der Praxis eher der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams zugutekam. Doch selbst innerhalb der Armee und der städtischen Bevölkerung war die herrschende Junta heftig umstritten und wurde oft nur widerwillig toleriert. Die Kluft zwischen dem Regime und dem Volk vertiefte sich mit jedem Jahr des Konfliktes weiter.

Verpasste Chancen der amerikanischen Politik

Mit dem politischen Erdbeben, das im Frühjahr des Jahres 1966 den nördlichen Teil des Landes erschütterte, bot sich der Johnson-Administration ein letztes Mal die Gelegenheit, ihre vorbehaltlose Unterstützung für das Regime in Saigon zu überprüfen. Es wäre möglich gewesen, jede weitere Hilfe an strenge Bedingungen zu knüpfen, um Reformen zu erzwingen. Dass Präsident Johnson diese historische Möglichkeit ungenutzt verstreichen ließ, machte einmal mehr deutlich, dass seine Forderungen nach Demokratisierung und wirtschaftlicher Entwicklung letztlich von untergeordneter Bedeutung waren. Die Vision einer wohlhabenden und gerechten Gesellschaft für Vietnam, wie sie manchmal beschworen wurde, entpuppte sich als reiner frommer Wunsch ohne politische Substanz.

Der Ausbruch der Unruhen im Jahr 1966

Die politischen Unruhen in Südvietnam brachen im März 1966 offen aus, als General Ky versuchte, seine persönliche Kontrolle über den Norden des Landes gewaltsam auszuweiten. Zu diesem Zweck enthob er den Kommandeur des ersten Armeekorps, das für die fünf Provinzen südlich der entmilitarisierten Zone zuständig war, seiner Ämter. Doch die Entlassung des mächtigen Provinzfürsten General Nguyen Chanh Thi erwies sich als ein großer strategischer Fehler der Führung. Organisierte Buddhisten witterten sofort die Chance, auf politischem Weg ein Ende des Krieges zu erreichen und ihren Einfluss zurückzugewinnen.

Die Eskalation in Hue und Danang

Der buddhistische Führer Tri Quang, der bereits drei Jahre zuvor den Aufstand gegen Diem geleitet hatte, verbündete sich prompt mit seinem Glaubensbruder Thi. Nach tagelangen und intensiven Protesten gegen die Entlassung von Thi brach in den Städten Hue und Danang die öffentliche Ordnung vollständig zusammen. Teile der dort stationierten Einheiten der südvietnamesischen Armee liefen offen zu den Buddhisten über und verweigerten den Gehorsam. Mit dem Versprechen, Wahlen für eine verfassunggebende Versammlung abzuhalten, versuchte General Thieu Mitte April vergeblich, die Wogen zu glätten. Dies half jedoch wenig, da das Misstrauen zu tief saß.

Amerikanische Besorgnis und Eskalation

Im amerikanischen Hauptquartier, in der Botschaft und in Washington steigerte sich die Besorgnis enorm, als die Proteste immer gewalttätiger wurden und einen stark anti-amerikanischen Charakter annahmen. Um den sich anbahnenden Bürgerkrieg innerhalb des Bürgerkrieges zu unterbinden, ließ General Ky Mitte Mai mit militärischer Hilfe der Amerikaner Danang besetzen. Zudem wurden die buddhistischen Pagoden militärisch umzingelt, um den Widerstand zu brechen. Dies wiederum heizte den Protest in Hue weiter an und führte zu einer weiteren Radikalisierung der Bevölkerung.

Gewalt und Verzweiflungstaten

Das amerikanische Konsulat wurde in Brand gesetzt, während die Feuerwehr tatenlos zusah und das Geschehen duldete. In Saigon drohte der Widerstand auf bürgerliche Katholiken und weite Teile der Studentenschaft überzuschwappen, was das Regime in größte Bedrängnis brachte. Mindestens zehn buddhistische Mönche und Nonnen verbrannten sich in einer spektakulären Geste selbst, um die Weltöffentlichkeit auf den Krieg in Vietnam aufmerksam zu machen. Diese verzweifelten Taten schockierten die internationale Gemeinschaft und warfen ein düsteres Licht auf die Zustände im Land.

Das Scheitern der buddhistischen Bewegung

Letztlich fehlte der buddhistischen Bewegung jedoch eine einheitliche und klare politische Linie, die über den Protest hinausgegangen wäre. Verhandlungen zwischen abtrünnigen Truppen und der Generalität in Saigon verdeutlichten einmal mehr die fragmentierte Herrschaftsstruktur des südostasiatischen Landes. Anfang Juni besetzten schließlich amerikanische Einheiten und loyale Truppen aus Saigon die alte Kaiserstadt Hue. Nach tagelangen und blutigen Kämpfen, bei denen über siebenhundert Menschen verletzt und einhundertachtzig getötet wurden, war der organisierte Widerstand gebrochen.

Die Alternativen nach der Niederschlagung

Nach der gewaltsamen Niederschlagung des buddhistischen Aufstandes gab es für die städtische Bevölkerung im Wesentlichen nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln. Man musste sich entweder der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams anschließen oder das Regime in Saigon unterstützen. Eine dritte, unabhängige politische Kraft war durch die Repressionen weitgehend ausgeschaltet worden. Die Gesellschaft polarisierte sich weiter, und der Spielraum für zivilen Ungehorsam schwand rapide.

Manipulierte Wahlen im Jahr 1967

Um den Amerikanern den Schein einer demokratisch legitimierten Ordnung vorspiegeln zu können, hielten Ky und Thieu im September 1967 Wahlen ab. Die Buddhisten verweigerten geschlossen die Teilnahme an diesem Prozess, und in den Gebieten, wo die Nationale Front herrschte, gingen die Menschen ohnehin nicht zu den Urnen. In den von der Regierung verwalteten Gebieten kam es zu massiven Manipulationen und Wahlbetrug. Dennoch entfielen auf Thieu, der das Präsidentenamt anstrebte, und Ky, der sich mit dem Posten des Ministerpräsidenten begnügen musste, nur vierunddreißig Komma acht Prozent der Stimmen.

Die Reaktion auf das Wahlergebnis

Die Mehrzahl der Stimmen verteilte sich auf zahlreiche kleinere und untereinander zerstrittene bürgerliche Parteien, was die Zersplitterung der Opposition zeigte. Wegen der offensichtlichen Unregelmäßigkeiten bei der Wahl wollte die verfassunggebende Versammlung das Ergebnis gar nicht anerkennen. Erst nach der energischen Intervention des amerikanischen Botschafters Ellsworth Bunker gab die Volksvertretung nach und wählte Thieu zum Präsidenten. Zwei bürgerliche Gegenkandidaten, die ein Ende des Luftkrieges über Nordvietnam gefordert hatten, wurden umgehend verhaftet. Viele Beobachter betrachteten die Wahl als ein amerikanisches Theater mit vietnamesischen Schauspielern.

Demographische Folgen des Krieges

Der Einfluss des Krieges auf die Gesellschaft stellte dessen Auswirkungen auf die Politik weit in den Schatten. Nach dem Jahr 1965 bestimmte die konzentrierte Feuerkraft der Armeen und Guerillas die demographische Entwicklung Südvietnams massiv. Der Krieg forderte Hunderttausende von Toten, Verwundeten und Misshandelten, was das soziale Gefüge zerstörte. Über die Hälfte der bäuerlichen Bevölkerung wurde zwangsweise umgesiedelt oder in Flüchtlingslager verbracht, was im Jahr 1967 bereits drei Millionen Menschen betraf.

Die Flucht in die Städte

Im Gefolge der intensiven Kampfhandlungen zogen viele Menschen in die größeren Städte, um Schutz zu suchen. Neben den offiziellen Flüchtlingslagern entwickelten sich diese städtischen Zentren zu Auffangbecken einer entwurzelten ländlichen Bevölkerung. Wohnten im Jahre 1960 noch zwanzig Prozent aller Südvietnamesen in Städten, waren es im Jahr 1968 bereits doppelt so viel. Bis zum Jahr 1974 sollten es sogar sechzig Prozent der Bevölkerung sein, was eine massive Landflucht bedeutete.

Soziale Desintegration in den Armenvierteln

In den Armenvierteln der Städte sorgte die hohe Arbeitslosigkeit für einen gewaltigen Anstieg der Kriminalität, des Drogenkonsums und der Prostitution. Die Entfremdung, die mit der Flucht aus den traditionellen Lebensräumen und dem Zusammenbruch der ländlichen Gesellschaft einherging, öffnete einem blanken Egoismus und asozialen Verhaltensweisen Tür und Tor. Besonders betroffen davon waren Jugendliche unter zwanzig Jahren, die Anfang der siebziger Jahre sechzig Prozent der städtischen Bevölkerung ausmachten. Ein politischer Wissenschaftler bezeichnete diesen Prozess damals euphemistisch als erzwungene Verstädterung.

Das Versagen der Regierung bei der Flüchtlingshilfe

Die Regierung tat nichts Substantielles, um das gewaltige Flüchtlingsproblem zu lösen oder die Lebensbedingungen zu verbessern. Schließlich kam ihr diese Situation in gewisser Weise zugute, da sie ihre Kontrolle über größere Teile der Bevölkerung in den städtischen Zentren festigen konnte. Die Abhängigkeit der Menschen von staatlichen Zuwendungen oder militärischem Schutz machte sie gefügiger. Die soziale Not wurde somit zu einem Instrument der politischen Kontrolle.

Der Zusammenbruch der Wirtschaft

Infolge des Krieges brach die Wirtschaft in weiten Teilen des Landes vollständig zusammen. Allein die stetig steigenden amerikanischen Importe, die vor allem Nahrungsmittel und Konsumgüter umfassten, hielten den Lebensstandard künstlich hoch. Diese Importe erreichten bis zum Jahr 1970 fast fünfzig Prozent des Wertes des Bruttosozialprodukts. Dies brachte eine Schattenwirtschaft zum Blühen, an der sich weite Teile der Bevölkerung beteiligen mussten, um zu überleben.

Der blühende Schwarzmarkt

In den größeren Küstenstädten und besonders in Saigon konnte man auf offener Straße nicht nur gängige Schmuggel- und Hehlerware wie Gebrauchsgüter, Genuss- und Nahrungsmittel kaufen. Man konnte dort selbst Maschinengewehre, Minen und Granatwerfer erwerben, was die Durchdringung der Gesellschaft mit Waffen zeigte. Da die Inflation die Gehälter seit Mitte der sechziger Jahre förmlich auffraß, waren viele Menschen auf den Schwarzmarkt angewiesen. Das Realeinkommen eines Soldaten der südvietnamesischen Armee machte im Jahr 1969 nur noch ein Drittel des Wertes von 1963 aus.

Korruption als Systemmerkmal

Sicherlich gab es ehrliche Beamte und Militärs, doch die wirtschaftliche Not der kleinen Leute und das Gewinnstreben höherer Staatsdiener und Offiziere machten die Korruption zu einem zentralen Merkmal der südvietnamesischen Gesellschaft. Dies wurde auch durch eine im Auftrag des Pentagon erarbeiteten Studie bestätigt. Thieu selbst bereicherte sich an amerikanischen Steuergeldern und verfügte bei seiner Flucht aus Saigon im Jahr 1975 über viele Millionen Dollar auf ausländischen Konten. Ein Verteidigungsminister schleuste amerikanische Überweisungen für die Nutzung von Liegenschaften auf sein Privatkonto um.

Die Allgegenwart der Bestechung

Distriktchefs ließen sich freiwerdende Arbeitsstellen mit Gold aufwiegen, was die Ämterkäuflichkeit verdeutlicht. Untere Regierungsbeamte in den Provinzhauptstädten zweigten öffentliche Gelder ab, um diese als Schutzgelder an die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams abführen zu können. Wie ein Krebsgeschwür überwucherte die Korruption sämtliche Bereiche von Wirtschaft und Verwaltung. Dies konterkarierte die amerikanischen Bemühungen, das Land wirtschaftlich zu stabilisieren, in jeder Hinsicht.

Das Wachstum der Streitkräfte

Vertreibungen, wirtschaftliche Not, hohe Geburtenraten und amerikanische Finanzierung ermöglichten die massive Vergrößerung der südvietnamesischen Streitkräfte. Diese umfassten im Jahr 1968 über achthunderttausend Mann, was neun Prozent der männlichen Bevölkerung entsprach. Der Aufbau der regulären Armee bzw. der regionalen und lokalen Verteidigungskräfte stellte angesichts der amerikanischen Präsenz bis 1968 keine militärische Notwendigkeit dar. Vielmehr forcierten ihn die Generäle der Armee aus sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gründen.

Die Armee als sozialer Auffang

Die Armee und die untergeordneten Verteidigungskräfte boten Flüchtlingen und der männlichen städtischen Unterschicht vielfach die einzige Perspektive auf ein Einkommen. Sie banden Menschen, die sonst möglicherweise zur Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams übergelaufen wären. Zudem bildeten sie die wesentliche Machtbasis, über die das Regime verfügte, um seine Herrschaft zu sichern. Bezieht man die Frauen und Kinder der Soldaten mit ein, so waren über drei Millionen Menschen von den Streitkräften abhängig. Dies entsprach zwanzig Prozent der gesamten Bevölkerung.

Strukturelle Schwächen der Truppe

Dass die Truppe zwischen 1965 und 1968 nicht zu einem schlagkräftigen Instrument geformt werden konnte, hatte viele Gründe. Einer der Hauptgründe war die schlechte Besoldung, die ein menschenwürdiges Leben kaum ermöglichte. Jeder vierte Soldat ging daher einer Nebenbeschäftigung nach, um seine Familie, die durchschnittlich vier Kinder umfasste, ernähren zu können. Es gab nur wenig Aufstiegsmöglichkeiten für diejenigen, die nicht dem gehobenen Beamtentum oder der Wirtschaftselite entstammten.

Versäumnisse der Führung

Zahlreiche höhere Offiziere wiederum kümmerten sich lieber um die finanziell einträgliche Verwaltung als um die Moral und Ausbildung der Truppe. Beispielsweise wurde im Jahre 1966 innerhalb der regulären Armee praktisch keine lebenswichtige Grundausbildung vermittelt. Dies änderte sich erst auf nachhaltiges Drängen der amerikanischen Berater. Ein weiterer Schwachpunkt der Streitkräfte waren die massenhaften Desertionen und der hohe Anteil an jungen, unerfahrenen Rekruten.

Das Problem der Desertion

Allein im Jahr 1965 desertierten über einhunderttausend Soldaten, während gleichzeitig einhundertfünfzigtausend Männer in die Armee eintraten. Amerikanische Bemühungen senkten die Rate in den folgenden Jahren etwas, doch im Jahr 1972 waren es wieder einhundertdreißigtausend, die der Armee den Rücken kehrten. Auf diese Weise verloren die Streitkräfte in einem Jahr etwa dreißig Prozent ihrer Kampfstärke, was die Effektivität massiv minderte. Selten waren politische Motive für die Deserteure von Bedeutung.

Die Ursachen des Dienstverweigerung

Meistens waren mangelnde Aufstiegschancen und schlechte bzw. unregelmäßige Vergütung die Ursache für das Verlassen der Truppe. Angesichts der enormen sozialen Probleme innerhalb der Streitkräfte war es nicht erstaunlich, dass die jahrelange Ausbildung durch amerikanische Berater praktisch keine Wirkung entfaltete. Insofern war der Armee die Aufgabe zugedacht, die von der Regierung kontrollierten Regionen zu sichern. Dies war keine strategische Entscheidung, sondern die Anerkennung der Tatsache, dass die Armee nicht in der Lage war, offensiv zu operieren.

Die Strategie der amerikanischen Führung

Nach den Unruhen in Hue und Danang vom Frühsommer 1966 lehnte es General Westmoreland mit verstärktem Nachdruck ab, die südvietnamesische Armee an offensiven Operationen zu beteiligen. Er glaubte, dadurch die neu gefundene Stabilität der Saigoner Regierung und ihrer Armee zu gefährden. Westmoreland fand sich mit der andauernden Schwäche ab, nutzte diese jedoch zugleich als Argument, um in Washington immer mehr amerikanische Truppen anzufordern. Seine berechtigte Furcht vor Spionen in den Reihen der Armee verhinderte eine enge Kooperation.