Wenn Nachbarn Zeichen geben: Vom digitalen Netzwerk bis zur Pfeifsprache

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Ob im dicht bebauten Stadtviertel oder im abgelegenen Bergdorf: Zu allen Zeiten waren Menschen darauf angewiesen, sich mit ihren Nachbarn zu verständigen und einander im Notfall beizustehen. Was heute vielfach über digitale Nachbarschaftsforen geschieht, erledigten frühere Generationen mit einfallsreichen Zeichensystemen, die von Rauchsignalen über Flaggenzeichen bis hin zu ganzen Pfeifsprachen reichten. Der Bogen dieses Artikels spannt sich daher von den modernen Stadtteilgruppen des Internets bis zu den historischen Signalen der Fuhrleute in den Mittelgebirgen. Dabei zeigt sich, dass der Wunsch nach Austausch, Hilfe und Gemeinschaft die Menschen über alle technischen Epochen hinweg miteinander verbindet.

Sicherheit durch nahe Mitmenschen

Der räumliche Nachbar bürgt im Idealfall für eine gewisse Sicherheit auch in Notsituationen. Es ist ein beruhigendes Gefühl, nebenan jemanden zu wissen, der einen ins Krankenhaus fährt, wenn man beim Apfelpflücken vom Baum gefallen ist. Solche klassischen Hilfsdienste unter Nachbarn geben ein gutes Beispiel dafür ab, wie ein globales Netz lokale Wirkung erzielen kann. Über ein weltumspannendes soziales Netzwerk etwa kann sich der Inder mit der Finnin darüber austauschen, wie man am besten Fisch zubereitet. Wann allerdings die gelbe Tonne geleert wird, weiß die finnische Bekannte eher nicht.

Lokales Wissen aus der Stadtteilgruppe

Dafür erkundigt man sich besser in einem lokalen Netzwerk, das die Verhältnisse vor Ort wirklich kennt. In Stadtteilgruppen etwa tauschen sich die Teilnehmer darüber aus, welche Straße gerade wegen eines Unfalls gesperrt wurde. Auch erfährt man dort, wo jemand seinen Schlüssel vergessen hat und wer ihn vielleicht schon gefunden hat. Solche unmittelbar nützlichen Hinweise aus der eigenen Umgebung bleiben den weltweiten Foren meist verschlossen.

Neue Bekanntschaften jenseits des eigenen Hauses

Vor allem in großstädtischen Mietwohnungen kennt man oftmals nur die Nachbarn aus dem eigenen Haus, wenn überhaupt. Netzwerke hingegen bieten die Möglichkeit, auch Herrn Müller und Frau Meier vom Haus auf der Ecke zu begegnen. So erhöhen Nachbarschaftsforen die Chancen, Gleichgesinnte zu treffen und womöglich sogar neue Freunde zu finden. Der Kreis der bekannten Gesichter wächst damit weit über das eigene Treppenhaus hinaus und gibt dem Viertel ein neues Gesicht.

Gemeinsame Sache im Viertel

Wer sein seit Jahren unbespieltes Klavier loswerden will, wer für einen Zebrastreifen auf Höhe des Kindergartens plädiert und wem das geplante Waffengeschäft in der aufgegebenen Metzgerei ein Graus ist, der sucht nach Interessenten und Mitstreitern in der Nachbarschaft. Und bevor er an jeder Haustür geklingelt hat, sagt ihm sein Aufruf im Internet, wer auf seiner Seite steht. So werden aus vereinzelten Anliegen gemeinsame Projekte, die das Leben im Viertel sichtbar verändern können.

Kleinanzeigen und politische Interessen

Laut Umfragen nutzen drei Viertel aller Mitglieder ihre Nachbarschaftsplattformen für Kleinanzeigen. 70 Prozent suchen oder bieten Hilfeleistungen, genauso vielen geht es um das Kennenlernen der Nachbarn. 37,5 Prozent geben an, dem Forum wegen politischer Interessen beigetreten zu sein. Die Plattformen dienen damit keineswegs allein dem Handel mit gebrauchten Dingen, sondern auch der gesellschaftlichen Teilhabe im eigenen Umfeld.

Neuer Treibstoff für die alte Nachbarschaft

Der gemeinnützige Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung kommt in einer Untersuchung zur digitalen Vernetzung zu dem Schluss, dass solche Foren die gute alte Nachbarschaft nicht nur nicht auslöschen, sondern ihr stattdessen sogar neuen Treibstoff zuführen. Sie können ein Medium darstellen, das die Wiederentdeckung von Gemeinschaft bei gleichzeitigem Bewahren des Individualismus ermöglicht. Ganz nebenbei würden durch die interessensbezogene Vernetzung im Internet auch klassische Kategorien sozialer Unterscheidung wie Schichtzugehörigkeit und ethnische Herkunft weniger bedeutsam. Damit wirken die digitalen Nachbarschaften eher verbindend als trennend und geben dem Miteinander neue Impulse.

Kritik an den digitalen Foren

Jedes neue Medium findet seine Kritiker, und an Argumenten gegen die Digitalforen mangelt es tatsächlich nicht. Immer wieder ist von Schikane und sozialer Kontrolle in der Nachbarschaft die Rede, die solche Plattformen begünstigen könnten. Aber wie Oma und Opa schon wussten: Das Rad dreht sich weiter, und jede neue Technik muss sich im Alltag bewähren. Letztlich ist es mit dem Internet so einfach wie mit einem Schraubendreher: Man kann damit jemanden erstechen, aber auch sein Fahrrad reparieren. Entscheidend ist also nicht das Werkzeug selbst, sondern der Gebrauch, den der Mensch davon macht.

Verständigung über große Distanzen

Wie war das eigentlich früher, vor Telefon und Internet? Und wie verständigten sich Nachbarn, die sich nicht einfach einmal eben besuchen konnten? Nun, sie entwickelten nonverbale Sprachen, also Zeichensysteme, die auf Optik statt Akustik setzen. Zum Beispiel Rauchzeichen, deren Spuren sich bis in die jüngere Gegenwart verfolgen lassen.

Vom Kochtopf bis zur Papstwahl

Im Grunde kann man jede Rauchentwicklung als Zeichen lesen. Kocht das Wasser im Topf, kann ich den Kaffee aufbrühen, und brennt der Wald, suche ich das Weite. Ein wenig ausgefeilter ist das römische Signalsystem, das die Papstwahlen begleitet. Steigt über dem Vatikan schwarzer Rauch auf, erbrachte die letzte Abstimmung kein Ergebnis. Weißer Rauch hingegen verheißt der wartenden Menge einen neuen Oberhirten.

Die Meister der Rauchzeichen

Echte Meister der Rauchzeichen siedeln hingegen in Übersee. Die Indianer Nordamerikas entwickelten das semantische Potenzial des Rauchs zu einer regelrechten Sprache. Sie entzünden feuchtes Gras und sammeln den aufsteigenden Qualm unter einer Decke. Indem diese Decke in bestimmten Abständen bestimmte Mengen Qualm entlässt, entstehen lesbare Zeichen. Noch komplexer wird das System durch Beigaben, die die Färbung der Wolke beeinflussen und so weitere Bedeutungen erlauben.

Flaggen, Telegrafen und Berge

Man könnte weitere optische Zeichensprachen anführen, etwa das Flaggen zwischen Schiffen oder die optischen Telegrafen des 19. Jahrhunderts. Sie alle dienen der Überwindung von Distanzen, die eine direkte Ansprache unmöglich machen. Ist es in der alten Indianerwelt eher die Weite der Prärien, so verhindern auf der Kanareninsel La Gomera die zerklüfteten Berge das umstandslose Gespräch unter Nachbarn. Um sich dennoch über das kommende Unwetter, die entlaufene Ziege oder ein anstehendes Fest austauschen zu können, entwickelten die Bewohner dort eine eigene Pfeifsprache namens El Silbo.

El Silbo, die Pfeifsprache von La Gomera

Kilometerweit sirren die Laute über Hügel und Schluchten, nur mit der Luft als Telefonleitung. Lautstärke, Tonhöhe und Unterbrechungen markieren die sprachlichen Einheiten und machen aus den Pfiffen eine vollwertige Verständigung. Das System ist so einzigartig, dass die Kulturorganisation der Vereinten Nationen es zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit rechnet. Mit gutem Recht, denn El Silbo dient wie all diese Signalsysteme letztlich dem guten Verhältnis unter Nachbarn. So lässt sich auf diesem Weg sogar erfragen, ob es der entlaufenen Ziege gut geht, oder als Dank für ihre Rückgabe ein Käse versprechen.

Wenn die Fuhrmannspeitsche spricht

Nicht nur optische und akustische Zeichen, auch die Peitsche der Fuhrleute diente einst der Verständigung unter Nachbarn des Weges. Allen Holz-, Erz- und Kohlenfuhren musste ausgewichen werden, und vor sowie in Hohlwegen war mit der Peitsche ein Signal zu geben. Sofort war stillzuhalten, sobald ein gleiches Signal von der entgegengesetzten Seite erschallte. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts war diese Regel unter Reisenden im Harz wohlbekannt und verhinderte manchen Zusammenstoß auf engen Wegen.

 

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