Die Mechanismen der Täuschung und die Macht der erzählerischen Muster
Screenshot youtube.comIn unserer modernen Gesellschaft sind wir täglich von einer Flut an Informationen, Meinungen und erzählerischen Mustern umgeben, die danach trachten, unsere Wahrnehmung der Realität zu formen. Oftmals werden komplexe Sachverhalte auf einfache Modelle reduziert, um Emotionen zu wecken und das Denken der Massen in bestimmte Bahnen zu lenken. Die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden, bestimmt maßgeblich darüber, wer als schuldig, wer als leidtragend und wer als erlösend wahrgenommen wird. Diese Mechanismen der Täuschung und Manipulation sind keineswegs neu, doch sie haben in Zeiten digitaler Kommunikation eine nie dagewesene Dynamik entwickelt.
Die klassische Erzählung von Schlaf und Erwachen
Es war einmal ein wunderschönes Königreich, in dem eigentlich alles gut war und die Menschen glücklich und zufrieden lebten. Nur das Königspaar war furchtbar traurig, da es sich so sehr ein Kind wünschte, doch es klappte und klappte nicht. An einem Tag kam endlich die wunderbare Nachricht, dass das Königspaar ein Kind erwartete. Am Tag der Geburt des Mädchens waren die Königin und der König so voll Glück, dass sie das ganze Reich zu einem rauschenden Fest einluden.
Die Ausgrenzung und der Fluch
Nur die böse Fee luden sie nicht ein, da sie Angst vor ihr hatten und nichts riskieren wollten. Und so feierte das Königspaar mit seinem Volk, es wurde getanzt, gegessen und gesungen. Mit einem Mal erschien die böse Fee mit grimmigem Blick auf dem Fest und rief, dass das Mädchen in 15 Jahren an einer Spindel verderben solle. Die böse Fee wurde vertrieben, und 15 Jahre später stach sich das Mädchen an einer Spindel und fiel in einen tiefen Schlaf.
Das Erwachen nach 100 Jahren
Und mit ihr schliefen alle Menschen im Königreich, während dichte Wälder das Reich umwuchsen. Es war nur noch ein Gerücht, dass in einem der Wälder ein verwunschenes Königreich existierte. 100 Jahre später gab es einen Prinzen, der neugierig war und den Geschichten um eine wunderschöne Prinzessin nachgehen wollte. Er kämpfte sich durch den gefährlichen Wald, ging an schlafenden Menschen vorbei und fand die Prinzessin im prächtigsten Raum.
Die Erlösung durch den Kuss
Er näherte sich ihr, gab ihr einen Kuss, und in diesem Moment wachte das gesamte Königreich auf. Die Prinzessin und der Prinz heirateten, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Wer ist in dieser Geschichte das Opfer, wer der Täter und wer der Retter? Vermutlich würden viele sagen, dass die Prinzessin das Opfer, die böse Fee der Täter und der Prinz der Retter ist.
Die alternative Sichtweise der Ausgeschlossenen
Betrachten wir dieselbe Geschichte noch einmal, jedoch aus einer völlig veränderten Perspektive. Das Königreich war wunderschön, und nur das Königspaar war furchtbar traurig, weil der Kinderwunsch unerfüllt blieb. Als das Mädchen geboren wurde, luden die Königin und der König das ganze Reich zu einem rauschenden Fest ein. Die Fee freute sich auf das Fest und dachte, wie schön es sei, dass der Wunsch des Königspaars endlich in Erfüllung gegangen ist.
Der Schmerz der Nicht-Einladung
Doch mit einem Mal erreichte sie die Nachricht, dass sie nicht eingeladen war. Sie war die Einzige im großen, weiten Königreich, die nicht mit allen anderen feiern und sich freuen durfte. Das verletzte die Fee sehr, woraufhin ihre tiefe Trauer in große Wut umschlug. Voller Trauer und Wut ging sie auf das Fest und rief in die Menge, dass das Mädchen in 15 Jahren an einer Spindel verderben solle.
Die Folge der Verbote und der Trotz
Sie verließ das Fest, verkroch sich in ihr Bett und weinte, während das Mädchen heranwuchs. Das Erste, was das Mädchen in seinem jungen Leben lernte, war, sich von Spindeln fernzuhalten. Ihr wurde tagaus, tagein eingetrichtert, dass sie unter keinen Umständen eine Spindel in die Hand nehmen dürfe. Als die Prinzessin 15 Jahre alt war, fand sie auf dem Dachboden eine Spindel und stach sich trotz der Verbote daran.
Die Fortsetzung des bekannten Endes
Sie fiel in einen tiefen Schlaf, und mit ihr alle Menschen im Königreich. 100 Jahre später kam der Prinz, küsste die Prinzessin, und alle wachten auf. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Wer ist nun das Opfer, vielleicht die Fee, die ziemlich übel mitgespielt wurde?
Die Verschiebung der Schuldzuweisungen
Wer hat nicht schon einmal aus einer tiefen Verletzung heraus etwas Dummes getan und es später bereut? Ist nicht die Prinzessin der Täter, da sie sich nicht um die lebenswichtigen Verbote kümmerte? Der Retter ist in beiden Geschichten vermutlich der Prinz, oder vielleicht der Kammerdiener, der ihm den Hinweis gab. Diese Zuschreibungen sind hohles Gerede, da sie nicht real sind, sondern immer von der erzählten Geschichte abhängen.
Die Philosophie der Irreführung
Dieses Gedankengebilde aus Opfer, Täter und Retter basiert auf purem Unsinn, denn wenn alles wahr ist, ist nichts wahr. Der Begriff für dieses hohle Gerede stammt aus der Philosophie und Psychologie und wurde durch einen bekannten amerikanischen Denker geprägt. Dieser Philosoph stellte fest, dass es zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört, dass es so viel Unsinn gibt. Jeder kennt diese Irreführung, jeder trägt sein Scherflein dazu bei, und doch neigen wir dazu, uns damit abzufinden.
Die Absicht hinter der Täuschung
Die meisten Menschen meinen, sie seien in der Lage, diesen Unsinn zu erkennen und sich vor ihm zu schützen. Deshalb hat dieses Phänomen bislang wenig ernsthafte Aufmerksamkeit gefunden und wurde nur unzulänglich erforscht. Im Jahr 2023 wurde diese These erneut breit diskutiert, denn Personen benutzen diese Täuschung, um vorzutäuschen, dass ihnen Wahrheit wichtig sei. Tatsächlich verfolgen sie damit den Zweck, einen guten Eindruck zu machen oder Meinungen und Haltungen anderer zu manipulieren.
Die Untergrabung der Kommunikation
Dieser gesamte Unsinn untergräbt das Fundament unserer Kommunikation, die nur dann funktioniert, wenn die Beteiligten im Großen und Ganzen wahrhaftig sind. Es wäre daher äußerst wünschenswert, das globale Aufkommen an solcher Irreführung zu reduzieren. Im politischen Raum wird dieses Dreieck der Täuschung gezielt genutzt, um Meinungen und Haltungen zu manipulieren. Besonders gute Manipulateure nutzen diese Masche, um bestimmte politische Gegner als gefährlich darzustellen.
Die politische Instrumentalisierung der Erzählung
Eine Politikerin behauptete einst in einem Gespräch, dass eine bestimmte Regierungspartei gefährlicher sei als eine rechte Partei. Sie argumentierte, dass die Regierungspartei in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht die Weichen gestellt habe. Die Wählerschaft empfinde deren Umweltpolitik als undurchdacht, verlogen und nicht in sich konsistent. Das Opfer sind hier die Wähler, der Täter ist die Regierungspartei, und die Retterin ist die Politikerin selbst.
Die subjektive Wahrnehmung der Realität
Fragte man nun einen Anhänger der Regierungspartei, würde dieser wahrscheinlich sagen, dass die Grünen die Opfer sind. Der Täter wäre dann diese Politikerin, und der Retter möglicherweise die Wählerschaft oder die Regierungspartei selbst. Alles ist hohles Gerede und nicht echt, denn weil alles aus einer bestimmten Perspektive real ist, ist nichts objektiv real. Dennoch ist dieses Dreieck der Täuschung leider sehr wirkmächtig, weil das Urbild des Opfers äußerst verlockend ist.
Die Psychologie der Opferrolle
Die Opferrolle klebt an der menschlichen Psyche wie Kaugummi an Haaren und erfordert viel Bewusstsein, um sie loszuwerden. Als Opfer kann man allen anderen die Schuld geben, sei es der Regierung, den politischen Gegnern oder den Gerichten. Man selbst leidet nur, weil andere dumm, gemein oder inkompetent sind. Ein bekannter amerikanischer Politiker ist in der politischen Welt wohl eines der anschaulichsten Beispiele für die Allmacht dieser Erzählung.
Die ständige Rollenrotation
Er behauptet, seine Gegner spalteten das Land, seine Richter seien gefährlich und Marionetten des Systems. Dieser Politiker ist alles gleichzeitig, nämlich Opfer, Retter und Täter, je nachdem, wen man fragt. Für seine Wähler ist er der Retter, für seine Gegner der Täter und für seine Anhänger das Opfer. Auch er selbst präsentiert sich mal als das eine, ein andermal als das andere, was alles pures Gerede ist.
Die Strategie der rechten Parteien
Es kann sich für politische Akteure sehr lohnen, dieses Dreieck der Täuschung zu bespielen, und manche machen es zu ihrem Fundament. Eine rechte Partei ist durch ihre Opfer-Erzählung groß geworden, indem sie behauptete, ausgegrenzt und nicht zum Reden eingeladen zu werden. Sie konstruieren dieses Dreieck, weil sie dadurch weniger Arbeit erbringen müssen, um mehr Macht zu erlangen. Es ist nicht notwendig, politische Leistungen vorzuweisen, um Wählerstimmen zu erhalten, wenn man sich als Opfer inszeniert.
Das Sammeln der Unzufriedenheit
Ein Soziologe erklärte diese Dynamik einmal so, dass diese Partei keine eigene Strategie entwickle. Sie schaue lediglich, was das nächste Aufregerthema ist, und nehme genau die gegenteilige Haltung der politischen Gegner ein. Die Idee dahinter ist, die Unzufriedenheit der Massen einzusammeln, was als politisches Wegelagerertum bezeichnet werden kann. Die Opfer-Erzählung ist für autoritäre Bewegungen essenziell, weil sie damit das demokratische System in gut und böse einteilen.
Die Spaltung der demokratischen Ordnung
Diejenigen, von denen sie vermeintlich verfolgt werden, sind die Bösen und der Feind des einfachen Volkes. Die Autoritären selbst kämpfen in dieser Erzählung für die einfachen Leute, die angesichts des Feindes machtlos und somit Opfer sind. Die Erzählung schafft eine starke Identifizierung für viele Menschen, die antidemokratischen Kräften folgen und sich auf der guten Seite wähnen. So entsteht Hass auf ein Gefüge, das in dieser Form gar nicht existiert, sondern nur als Feindbild konstruiert wurde.
Die Begriffe des Hasses
Begriffe wie Altparteien, Systemparteien, Elite oder führende Zirkel funktionieren nur mit dieser Opfer-Erzählung. Hier stehen die Opfer und die Guten, dort die Täter und die Bösen, was eine klare, aber falsche Weltordnung schafft. Da die Opfer-Erzählung so zentral für den Aufstieg autoritärer Kräfte ist, besteht sie völlig unabhängig von realen Begebenheiten. Ein russischer Herrscher hätte die Ukraine auch militärisch angegriffen, wenn andere osteuropäische Staaten nicht einem Bündnis beigetreten wären.
Die moralische Aufwertung durch Inszenierung
Er baute dieses Bündnis lediglich in seine Opfer-Erzählung ein, um seine Taten moralisch aufzuwerten und sich als den Guten darzustellen. Sein Ansinnen, die Ukraine in das russische Reich einzugliedern, besteht schon seit Jahren und ist unabhängig von den Aktionen des Bündnisses. Die Opfer-Inszenierung ist keine Reaktion auf echte Bedrohungen, sondern eine proaktive Aktion zur Machterhaltung. Das Dreieck der Täuschung kann als Instrument der Erkenntnis und Selbsterkenntnis dienen.
Die Grenzen der analytischen Betrachtung
Es dient nicht zur Relativierung von Gefühlen, von Gewalt oder von echtem Schmerz, den Menschen widerfahren ist. Dieses Gedankengebilde funktioniert nur auf einer übergeordneten Ebene der gesellschaftlichen und politischen Beobachtung. Echte Lösungen für die Probleme unserer Zeit lassen sich in diesem Dreieck aus Täuschung und Irreführung nicht finden. Wer die Mechanismen durchschaut, kann sich der Manipulation entziehen und zu einer echten Wahrhaftigkeit zurückkehren.














