Das Bautzener Land als kulturelles und historisches Herz der sorbischen Lausitz

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Die Geschichte der sorbischen Minderheit in der Lausitz ist ein faszinierendes Zeugnis für den Erhalt sprachlicher und kultureller Identität inmitten stetiger gesellschaftlicher Veränderungen. Über viele Jahrhunderte hinweg bildeten die ländlichen Strukturen und die engen nachbarschaftlichen Bindungen das Fundament für das Überleben dieser altansässigen slawischen Volksgruppe. Besonders die Region um die historische Stadt Bautzen entwickelte sich dabei zu einem zentralen Ort der politischen, religiösen und nationalen Bestrebungen.

Historische Bezeichnungen und geografische Abgrenzung

Das Gebiet um die heutige Kreisstadt trug im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Namen, die stets den jeweiligen politischen und kulturellen Gegebenheiten entsprachen. Ursprünglich als Gau Milska oder Milzenerland bekannt, verdrängte die lateinische Bezeichnung „terra Budissinensis“ ab dem zwölften Jahrhundert die älteren Begriffe. Ab dem 14. Jahrhundert etablierten sich parallel dazu die Begriffe Land der Sechsstädte oder Hexapolis, die auf die besondere politische Struktur der Region hinwiesen. Nach einer historischen Teilung im Jahr 1268 setzte sich für den südwestlichen Teil der Lausitz endgültig der Begriff Bautzener Land durch.

Administrative Entwicklungen und territoriale Zugehörigkeit

Die administrative Unterteilung in die Kreise Budissin und Görlitz prägte die Region über viele Jahrhunderte hinweg und blieb lange Zeit bestehen. Erst die Aufteilung des Markgraftums zwischen Sachsen und Preußen im Jahr 1815 festigte diese räumliche Trennung, auch wenn die Grenzen nicht völlig deckungsgleich waren. In der jüngeren Vergangenheit umfasste das Bautzener Land in etwa den Bereich des alten Landkreises, der bis zum Jahr 2008 Bestand hatte. Zu diesem Gebiet zählten auch Orte wie Göda und Bischofswerda, die historisch gesehen ursprünglich zur Mark Meißen gehörten.

Das sorbische Siedlungsgebiet und religiöse Prägung

Innerhalb des geschlossenen sorbischen Siedlungsgebiets nimmt diese Region eine ganz besondere Stellung ein, die durch klare geografische und kirchliche Grenzen definiert wird. Im Osten wird das Gebiet durch die evangelischen Parochien Baruth, Gröditz und Hochkirch begrenzt, während im Süden Großpostwitz und Gaußig den Übergang markieren. Die westliche Ausdehnung reicht bis nach Göda, und im Norden bilden Neschwitz, Königswartha, Milkel und Klix die natürliche Grenze. Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde selbst in den Dörfern jenseits der östlichen Grenze die sorbische Sprache im Alltag gesprochen.

Religiöse Vielfalt und kirchliche Strukturen

Die überwiegende Mehrheit der sorbischen Bewohner in dieser Region bekannte sich seit der Reformation zum evangelischen Glauben. Lediglich einige ehemals domstiftliche Dörfer nördlich der Hauptstadts sowie Radibor mit den umliegenden Dorfschaften bewahrten sich ihren katholischen Charakter. Diese katholischen Enklaven bildeten interessante Inseln innerhalb des ansonsten evangelisch geprägten Umlands. Südlich dehnte sich die sorbische Besiedlung als markante Ausbuchtung des Altsiedellands im Spreedurchbruch bis nach Kirschau und Wilthen aus.

Frühe Besiedlung und die Ankunft deutscher Kolonisten

Das fruchtbare Gebiet zwischen dem Lausitzer Bergland und der weiten Heide wurde bereits kurz nach dem Jahr 600 durch den slawischen Stamm der Milzener besiedelt. Kleine Blockfluren und die typischen weilerartigen Dörfer kennzeichneten seither das Erscheinungsbild dieser historischen Kulturlandschaft. Mit der Zuwanderung von Siedlern aus dem Westen des fränkischen Reiches ab dem 12. Jahrhundert entstanden an der Peripherie des Bautzener Landes deutsche Waldhufendörfer. Während sich in der Stadt mit ihrer landesherrlichen Burg überwiegend deutsche Handwerker, Kaufleute und Beamte niederließen, blieb das bäuerliche Umland durchgehend sorbisch geprägt.

Sprachliche Dominanz und erste Assimilationsprozesse

Im ursprünglichen Altsiedelland war die sorbische Bevölkerung so zahlreich und fest verwurzelt, dass es in den ersten Jahrhunderten nicht zu einer nennenswerten Assimilation kam. Die Hauptumgangssprache im täglichen Miteinander blieb bis weit in das 19. Jahrhundert hinein das Sorbische. In Dörfern wie Rackel, Belgern, Nechern, Wurschen oder Cortnitz war die Muttersprache noch in den 1920er Jahren fest im Alltag verankert. Im Jahr 1723 umfasste das Zuständigkeitsgebiet der sorbischen evangelischen Kirchen insgesamt 383 Dörfer, was die enorme Verbreitung der Sprache eindrucksvoll belegt.

Dialektvielfalt und die Entstehung der Schriftsprache

Im lokalen Sprachgebrauch pflegten die Sorben dieser Region ihren eigenen Bautzener Dialekt, der sich deutlich von anderen Varietäten abhob. Lediglich im Kirchspiel Radibor orientierte sich die Aussprache am katholischen Dialekt des benachbarten Kamenzer Landes. Auf der soliden Grundlage des Bautzener Dialekts entstand im 17. Jahrhundert die verbindliche Norm für die evangelische Schriftsprache. Folgenreich für die kulturelle Entwicklung waren die unter dem Einfluss des Pietismus gegründeten Schulanstalten in Klix, Großwelka und Uhyst an der Spree.

Traditionelle Kleidung und kultureller Wandel

Die sichtbare Ausdrucksform der kulturellen Identität zeigte sich auch in der traditionellen Kleidung, die jedoch einem stetigen Wandel unterworfen war. Die sorbische evangelische Tracht wurde bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr im täglichen Alltag getragen. Im Gegensatz dazu bewahrten einige wenige ältere Frauen die katholische Tracht bis in die heutige Gegenwart als Zeichen ihrer Herkunft. Der Assimilationsprozess an die deutsche Sprache verlief bis zum Ersten Weltkrieg relativ langsam und gewann erst in der Zeit der Weimarer Republik stark an Dynamik.

Die nationale Wiedergeburt und politische Vereine

Der Charakter der gesamten Region wurde maßgeblich durch die ökonomische, kulturelle und administrative Funktion der alten Hauptstadt der Oberlausitz bestimmt. Als Tagungsort der Landtage und Sitz der obersten Ämter wurde die Stadt zum politischen Zentrum des Sorbentums mit einer starken Ausstrahlung in die gesamte Lausitz. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wirkten sich die Aktivitäten der von hier ausgehenden nationalen Wiedergeburt nachhaltig auf das gesamte Umland aus. In den Revolutionsjahren 1848 und 1849 entstanden zahlreiche Bauernvereine, die wirtschaftliche Forderungen geschickt mit nationalen Interessen verbanden.

Das Vereinswesen als Bewahrer der Kultur

In der nachrevolutionären Phase traten an die Stelle der politischen Gruppierungen vermehrt kirchliche Vereine, die das Gemeinschaftsgefühl stärkten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich zudem Geselligkeits-, Spar- und Unterstützungsvereine sowie örtliche Landwirtschaftsvereine. Nach der Jahrhundertwende kamen schließlich Sport- und Radfahrvereine hinzu, die besonders bei der jüngeren Bevölkerung großen Anklang fanden. Für all diese Zusammenschlüsse war es charakteristisch, dass neben den unmittelbaren Vereinszielen die Pflege der sorbischen Sprache und Kultur fest in den Statuten verankert wurde.

Das Dorf Hochkirch als Zentrum sorbischen Lebens

Ein herausragendes Zentrum sorbischer Aktivitäten in dieser Region war im 20. Jahrhundert das östlich der Hauptstadt gelegene Dorf Hochkirch. Die Entwicklung dieses Ortes ist in besonderer Weise repräsentativ für die tiefgreifende Wandlung des Sorbentums in der gesamten Region seit dem Jahr 1800. Zur evangelischen Parochie Hochkirch zählten neben dem Kirchort insgesamt 20 Dörfer mit meist sorbischen Einwohnerschaft. Von den lokalen Amtsträgern waren zeitweilig 18 von 21 Dorfvorstehern sorbischer Abstammung, was ihren starken Einfluss eindrucksvoll unterstreicht.

Kulturelle Höhepunkte und die Zeit des Nationalsozialismus

Während der Anteil der sorbischen Bevölkerung in den kleinen Bauernweilern im 19. Jahrhundert bei über 90 Prozent lag, war er im Zentralort etwas geringer. Dort hatten sich bereits früh deutsche Handwerker und Gewerbetreibende angesiedelt, was das sprachliche Gefüge leicht veränderte. Im Jahr 1907 fand in diesem lebendigen Dorf das traditionelle Jahrestreffen sorbischer Studenten statt, wobei die Teilnehmer den starken sorbischen Geist lobten. Zum 50. Gründungsfest des Wendischen Vereins versammelten sich im Jahr 1926 stolze 4000 Teilnehmer aus der gesamten Lausitz zu einem großen Fest.

Unterdrückung und der schwierige Neuanfang

Die Nationalsozialisten unterbanden ab dem Jahr 1933 sukzessive alle sorbischen Aktivitäten und drängten die Kultur systematisch zurück. Engagierte Lehrkräfte und Pfarrer wurden in Ämter außerhalb des sorbischen Siedlungsgebiets versetzt, um ihren Einfluss zu brechen. Eine Neubelebung der Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg samt der Etablierung eines eigenen Schulzweiges blieb leider nur ein kurzer Versuch. Immerhin wurde Ende Mai 1945 mit Jan Cyž im Kreis Bautzen erstmals ein Sorbe in das hohe Amt eines Landrates berufen.

 

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