Die Illusion der weltweiten Harmonie und die Realität der globalen Verflechtung
Screenshot youtube.comDie weltweite Vernetzung von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft wird häufig als ausschließlich modernes Phänomen betrachtet, das erst durch digitale Netzwerke und moderne Transportmittel ermöglicht wurde. Doch die wechselseitige Abhängigkeit der Nationen und die rasche Verbreitung von Ideen und Gütern durchziehen die gesamte Menschheitsgeschichte. Diese ständige Ausdehnung des Handels und der Kommunikation erzeugt immer wieder die Hoffnung auf eine friedliche und wohlhabende Weltgemeinschaft. Gleichzeitig offenbaren sich bei genauerer Betrachtung tiefe Ungerechtigkeiten, kulturelle Widerstände und politische Konflikte, die den Traum von einem harmonischen globalen Dorf stets aufs Neue zerstören.
Der historische Traum von einer vereinten Handelswelt
Bereits im 19. Jahrhundert glaubten viele Denker und Staatsmänner, dass der technische Fortschritt und der weltweite Handel die Menschheit zu einer einzigen Nation mit einer gemeinsamen Sprache vereinen würden. Waffen und Armeen schienen in einer solchen friedlichen Handelswelt überflüssig zu werden. Dieser Optimismus erlebte eine Renaissance in den 1990er Jahren, als die politische Führung der Vereinigten Staaten die weltweite Verflechtung von Warenaustausch und Geldströmen feierte.
Die digitale Revolution und der Glaube an den ewigen Frieden
Die massive Verbreitung von Computeranschlüssen in den westlichen Industrienationen revolutionierte den Austausch von Informationen in einem Ausmaß, das mit der Erfindung des Buchdrucks vor einigen Jahrhunderten vergleichbar ist. Die politische Führung vermittelte der Weltbevölkerung die Illusion, dass die Menschheit nun friedlichen und wohlhabenden Zeiten entgegengehen würde. Dieser unerschütterliche Optimismus überstrahlte alle Warnungen vor den Schattenseiten einer grenzenlosen Marktöffnung.
Die Auslagerung der Produktion und die Gier nach billigen Arbeitskräften
In den westlichen Hauptstädten glaubte man, in einer Ära des ständigen Wachstums und des sozialen Aufstiegs zu leben. Das Wort der wirtschaftlichen Not wurde auf kleine private Probleme reduziert, während die dreckige und schwere Arbeit in weit entfernte Billiglohnländer ausgelagert wurde. Die Finanzmärkte gewannen durch eine massive Lockerung der Vorschriften eine ungeahnte Dominanz und trieben diese weltweite Verflechtung massiv voran.
Die Vernetzung der Produktion und die Abhängigkeit von Rohstoffen
Die Umwandlung der Herstellungsprozesse durch die Verlagerung auf mehrere Standorte und die Einführung einer genau auf den Bedarf abgestimmten Lieferung anstelle von großen Lagern verknüpfte die Kontinente immer stärker. Diese enorme Intensität des Frachtverkehrs wurde durch extrem niedrige Energiepreise ermöglicht, die jedoch später aufgrund von Förderengpässen und geopolitischen Spannungen massiv anstiegen. Die Öffnung der ehemaligen Ostblockstaaten und der Aufstieg asiatischer Produktionsriesen taten ihr Übriges, um den Eindruck einer immer kleiner werdenden Welt zu erzeugen.
Das Platzen der Spekulationsblasen und die Vertuschung von Problemen
Diese scheinbar unbesiegbare Euphorie erlitt einen schweren Dämpfer, als die Spekulationsblase im Bereich der digitalen Netzwerke zerplatzte. Die zuständigen Währungshüter und Notenbanken ignorierten diese Warnsignale jedoch weitgehend und pumpten weiterhin billiges Geld in den Markt, um die Probleme mit finanziellen Mitteln zu übertünchen. Wer Bedenken gegen diesen rasanten Boom auf Kredit äußerte, wurde als Spielverderber abgetan und aus der gesellschaftlichen Debatte gedrängt.
Die Reaktion auf Terroranschläge und die Illusion des globalen Dorfes
Die Vorstellung einer harmonisch verschmolzenen Menschheit zerendgültig, als die führende westliche Macht als Reaktion auf schwere Terroranschläge auf ihre Handelszentren in eine Serie kostspieliger und sinnloser Kriege geriet. Die Staatsverschuldung wuchs ins Unermessliche, und das Bild der friedlich vereinten Weltgemeinschaft bekam tiefe Risse. Die Menschheit fand trotz aller Kommunikationsnetze und globalen Handelsketten nicht zu einer frohen Eintracht zusammen.
Das massive Wohlstandsgefälle und das Leid der Ärmsten
Die Ungleichheit auf diesem Planeten bleibt erschütternd, wenn man bedenkt, dass über eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und alle paar Sekunden ein junges Kind an den Folgen von Hunger stirbt. Dies bedeutet viele Kinder, die täglich weltweit an Unterernährung zugrunde gehen. Angesichts der massiven Lebensmittelverschwendung in den reichen Nationen sprechen Kritiker zu Recht von einem systematischen Mord an der armen Bevölkerung. Diese tiefe Ungerechtigkeit zwischen den reichen und den armen Regionen verschärfte sich durch die globale Marktöffnung noch weiter.
Die Angleichung der Städte und der Verlust lokaler Kulturen
Reisen in entfernte Kontinente offenbaren bereits seit den 1990er Jahren, wie stark die Innenstädte weltweit einander angleichen. Die Geschäfte, die Kleidung und das Essen erscheinen oft identisch mit jener Welt, aus der man aufgebrochen ist. Jene Menschen, die ihr spezielles Kunsthandwerk und ihre Traditionen bewahren wollen, verfügen meist nicht über die nötigen Mittel, um ihr kulturelles Erbe an die nächste Generation weiterzugeben. Die neuen Eliten in den Großstädten haben sich längst einem globalisierten Lebensstil verschrieben, der sich in Gestik und Mimik an mediale Vorbilder anlehnt.
Die Imitation westlicher Riten und der Schein der Globalisierung
Die Art und Weise, wie Menschen heute ihre mobilen Kommunikationsgeräte wie einen Fetisch zur Schau tragen, ist ein solches Verhalten, das weltweit fast uniform erscheint. Besonders kuriose Varianten dieser globalisierten Riten zeigen sich bei religiösen Festen in fernöstlichen Metropolen. Wenn sich dort tausende Menschen in überfüllten Kirchen versammeln, um ein westliches Fest zu begehen, tun sie dies oft nicht aus tiefer religiöser Überzeugung, sondern schlicht aus dem Verlangen heraus, den abendländischen Lebensstil zu imitieren. Das eigentliche wichtigste Fest des lokalen Volkes bleibt jedoch das traditionelle Neujahrsfest nach dem Mondkalender.
Der Widerstand gegen den kulturellen Imperialismus
In Reaktion auf diese weltweit verbreitete westliche Lebensart und ihren exzessiven Konsum entwickelten sich starke Gegenbewegungen, insbesondere unter den Verlierern der globalen Marktöffnung. Es entstand eine soziale Bewegung für eine alternative Weltordnung unter dem Motto, dass eine andere Gesellschaft für alle Menschen möglich sei. Diverse basisdemokratische Initiativen wollten dort alternative Wirtschaftsmodelle dem herrschenden Neoliberalismus entgegensetzen. Die weltweite Verflechtung hat also nicht nur eine vereinheitlichende Wirkung, sondern erzeugt auch massiven politischen Widerstand.
Die Rückbesinnung auf religiöse Identitäten und Traditionen
Für viele junge Anhänger des Islam wurde die strenge Auslegung ihrer Religion zu einer alternativen Heimat, die Sinn und Identität in einer als fremd empfundenen Welt stiftet. Das Versagen weltlicher Ideologien und die militärischen Niederlagen in regionalen Konflikten spielen dabei ebenso eine Rolle wie der Wunsch nach Abgrenzung von der westlichen Konsumgesellschaft. Als sichtbare Symbole nach außen fanden die Verschleierung, das Tragen von Bärten und das strenge Einhalten von Fastenregeln viel Zuspruch. Diese Renaissance eines neuen Konservativismus ist jedoch keineswegs auf die islamische Welt beschränkt, sondern auch in anderen Gesellschaften deutlich zu beobachten.
Der universelle Anspruch der Menschenrechte und seine Kritiker
Die weltweite Verflechtung kann als eine Variante des Universalismus interpretiert werden, der jedoch in internationalen Gremien immer lauter in Frage gestellt wird. Dieser Universalismus geht von der Existenz allgemein gültiger Normen und Prinzipien aus, deren Wurzeln im Zeitalter der Aufklärung liegen. Die großen Vordenker dieser Geistesrichtung plädierten für universell geltende Grundsätze in der Philosophie und im Recht, wobei die Menschenwürde und die Bedeutung der menschlichen Vernunft im Mittelpunkt standen.
Der Konflikt zwischen Individuum und Kollektiv
Oft wird dieser Anspruch dafür kritisiert, eine Form des Eurozentrismus zu sein und westliche Werte unzulässig zu verallgemeinern. In Fragen des Schutzes der Grundrechte entbrennt regelmäßig eine Grundsatzdebatte über die Rechte des Einzelnen im Vergleich zum Kollektiv. Die ersten großen Erklärungen der Grundrechte betonen die Freiheit des Individuums, was in östlichen Gesellschaften auf Widerspruch stößt, wo die Gemeinschaft und der Stamm traditionell Vorrang vor dem Einzelnen haben. Dieser kulturelle Relativismus führte in internationalen Gremien zu heftigen Debatten darüber, ob man sich überhaupt auf gemeinsame Dokumente einigen könne.
Die Abkehr vom Völkerrecht und der Trend zur Entglobalisierung
Während sich der Universalismus aus dem internationalen Recht allmählich verabschiedet, da er von selbstbewusster auftretenden Nationen als westliches Diktat abgelehnt wird, reibt sich die globale Verflechtung zunehmend an kulturellen und politischen Schranken. Die weltweite Öffnung mündet allmählich in eine bewusste Abkoppelung und Entglobalisierung. Die Kritiker dieses Prozesses sind heute nicht mehr nur Umweltschützer oder entlassene Arbeiter, sondern die Entglobalisierung findet in den Regierungszentralen statt, wo auf den Schutz der nationalen Wirtschaft gepocht wird.
Die antiken Wurzeln des weltweiten Handels
Die globale Vernetzung ist keineswegs ein neues Phänomen, denn der internationale Handel und die Verbreitung von Sprachen existierten in verschiedenen Epochen der Geschichte immer wieder. Bereits das antike Seefahrervolk der Phönizier wirkte vor über 3000 Jahren mit seinen Niederlassungen von Nordafrika bis zur spanischen Küste als globales Handelsnetz. Die umtriebigen Händler der Antike besuchten regelmäßig ihre Umschlagplätze und verkauften ihre Waren in den entlegensten Winkeln der bekannten Welt, soweit es die Winde und die Meeresströmungen erlaubten.
Der industrielle Kapitalismus und die Infrastruktur des 19. Jahrhunderts
Als allumfassendes Phänomen bestand diese Verflechtung bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert, als der industrielle Kapitalismus und technische Errungenschaften weite Teile der Gesellschaft erfasst hatten. Ein einziger globaler Handelsraum mit einer gemeinsamen Verkehrssprache, in welchem keine Armeen mehr nötig seien, war die Illusion, der man damals anhing. Das aufstrebende Bürgertum jener Zeit wog sich in der festen Überzeugung, dass eine standardisierte Welt möglich wäre, wenn man nur die Welt mit den Glaubensbekenntnissen des Freihandels missionieren würde.
Großprojekte der Infrastruktur und die Grenzen der Reisefreiheit
Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wäre eine Eisenbahnverbindung von Berlin bis in das Zentrum von Bagdad fast vollendet worden. Deutsche Ingenieure bauten an diesem großen Infrastrukturprojekt, das bald zum Zankapfel der internationalen Politik wurde. Argwöhnisch beäugten andere europäische Mächte diese Expansion im zerfallenden osmanischen Reich. Wie leicht wäre es damals gewesen, diese Region zu bereisen, wenn nicht kurz darauf der große Krieg ausgebrochen wäre. Damals war es eine Frage des Geldes und des sozialen Standes, um solche weiten Reisen zu unternehmen, während Großreiche das Reisen ohne Grenzkontrollen und mit einheitlichen Währungen ermöglichten.
Die Nachwirkungen der Weltkriege und der aufkommende Nationalismus
Die Epoche des Kalten Krieges und seine direkten Folgen wirkten bis in das späte 20. Jahrhundert nach, bevor die politischen Blockaden endgültig fielen. Mit dem Ersten Weltkrieg traten neue Grenzverträge in Kraft, welche die politischen Landkarten bis in unsere Zeit bestimmen. Dies gilt für die Karte des Nahen Ostens ebenso wie für jene Mittel- und Osteuropas. Wie sehr in unseren Breiten Nationalisten diese Kapitel der Geschichte instrumentalisieren, zeigen die Politiker fast aller Nachfolgestaaten ehemaliger Großreiche, die rückwärtsgewandt die Politik an den Folgen vergangener Verträge ausrichten und das kollektive Selbstmitleid pflegen.
Der kosmopolitische Aufbruch vor der großen Katastrophe
Dabei herrschte kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs unter der Jugend Europas eine ansteckende Aufbruchsstimmung und eine grenzenlose Neugier. Das Reisen war damals breiteren gesellschaftlichen Schichten möglich, und der Sieg über Krankheiten sowie die Verwirklichung der Ideale der Aufklärung schienen vielen Menschen zum Greif nahe. In vielfacher Hinsicht war die damalige Durchdringung von Kulturen und neuen Ideen vielleicht sogar tiefer reichend als in der heutigen Zeit der rein digitalen Kontakte.
Die permanente Medienpräsenz und der Verlust der echten Information
Wir bilden uns viel darauf ein, in einer völlig transparenten und globalisierten Gesellschaft zu leben, in der wir Ereignisse in Echtzeit mitverfolgen können. Die digitale Nachrichtenwelt hat die Berichterstattung nochmals revolutioniert, während der professionelle Journalismus in eine tiefe Krise gerät. Die alten Riten des Zeitungslesens weichen neuen Informationsgewohnheiten, bei denen jeder kommentiert, aber kaum einer noch eigenständig recherchiert. Wir meinen, die Welt sei infolge permanenter Vernetzung kleiner geworden, doch die wechselseitige korrekte Information bleibt hierbei oft auf der Strecke.
Die Tyrannei der ständigen Kommunikation und die PR-Industrie
Die permanente Kommunikation hat die eigentliche Information längst ersetzt. Demnach wird sowohl seitens der Journalisten als auch der wachsenden Kohorten von Regierungssprechern und Agenturen nicht mehr informiert, sondern nur noch kommuniziert. Die Übermittlung von entsprechend geschickt aufbereiteter Botschaften steht im Vordergrund, um die Adressaten von der Richtigkeit bestimmter Positionen zu überzeugen. Mit der Allgegenwärtigkeit sozialer Netzwerke hat dieser Missstand einen neuen Höhepunkt erreicht.
Die Lähmung der unabhängigen Presse und die Gefahr der Desinformation
In den Medien endete die strikte Trennung zwischen der Arbeit von Pressesprechern und der journalistischen Berichterstattung, die eigentlich hinterfragen und analysieren sollte, anstatt nur offizielle Verlautbarungen zu kopieren. Es ist einfacher, günstiger und schneller, die offiziellen Vertreter einer Partei oder die Kommunikationsabteilung eines Unternehmens zu treffen, als eigenständig eine Geschichte zu recherchieren. Gegenwärtig kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass der ständige Zwang zur Aktualisierung in den digitalen Redaktionen kaum noch Raum für eigene Berichte mit Hintergrund und harte Analyse lässt. Zudem verselbstständigt sich die Berichterstattung über virtuelle Plattformen und Videokanäle zu schwer überprüfbaren Informationen, wodurch sich Gerüchte und Falschmeldungen in einer Weise verbreiten, die ein globales Risiko darstellt.














