Die dunklen Schatten der digitalen Vernetzung und die Globalisierung der Konflikte
Screenshot youtube.comDie digitale Vernetzung der Welt hat die menschliche Kommunikation grundlegend verändert und neue Formen der gesellschaftlichen Teilhabe ermöglicht. Gleichzeitig haben sich durch diese technologischen Entwicklungen völlig neue Bedrohungen für die individuelle Freiheit und die globale Sicherheit herausgebildet. Die anfängliche Euphorie über die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten des Internets weicht zunehmend der Ernüchterung über Überwachung, Manipulation und digitale Kriminalität. Diese Entwicklungen zeigen, dass der virtuelle Raum keineswegs ein rechtsfreier oder utopischer Ort ist, sondern die Konflikte der realen Welt lediglich in eine neue Sphäre verlagert.
Die globale Eskalation durch digitale Medien
Im Sommer des Jahres 2012 löste die Verbreitung eines antiislamischen Films auf einer Videoplattform weltweite Proteste aus. Anstatt die dümmliche Produktion als das zu erkennen, was sie war, nutzten radikale Kräfte das Video als Vorwand für gewalttätige Ausschreitungen. Dank der globalen Reichweite des Internets führte diese Provokation zu neuen Konfrontationen, bei denen völlig unbeteiligte Menschen ihr Leben ließen.
Die Mechanismen der digitalen Hetzjagd
In einer Ära der politischen Korrektheit und der ständigen Empörung schreitet die Selbstzensur immer weiter voran. Das weltweite Netz ermöglicht nicht nur die Weitergabe von Bildern, sondern auch die Diffamierung unliebsamer Personen in einer globalen Gerüchteküche. In den sozialen Netzwerken wird heftig polemisiert, wobei jeder seine Meinung ungeprüft in die Masse brüllt. Wer je einem Rudel von Hyänen in der afrikanischen Steppe lauschte, meint eine Masse von Menschen boshaft lachen zu hören.
Die Zerstörung von Existenzen durch das Netz
Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie merkte an, dass er bei Existenz einer solchen Suchmaschine im Jahr 1989 wohl bald ein toter Mann gewesen wäre. Er lebte Jahrzehnte unter Polizeischutz, weil er mit seinen Werken den Zorn radikaler Kräfte auf sich zog. Ebenso können Kurznachrichtendienste für eine rasche mediale Multiplikation von bösen Gerüchten sorgen, die in Verleumdung ausarten.
Das Schicksal der verwechselten Ikone
Ein erschütterndes Beispiel ist das Schicksal einer iranischen Universitätslektorin, deren Gesicht im Jahr 2009 fälschlicherweise als tote Ikone eines Aufstands um die Welt ging. Sie wehrte sich gegen die Vereinnahmung ihrer Person, woraufhin ein Gang durch die Hölle folgte. Die Betroffene beschrieb eindrucksvoll die Maschinerie der brodelnden Gerüchteküche, die über sie und ihre Familie hinwegrollte. Prominente können sich zwar mit Anwälten wehren, aber viele unbekannte Opfer von digitalem Mobbing unter Schülern und Lehrern finden keine Gerechtigkeit.
Die Gefahr digitaler Flächenbrände
Ein Bericht für das Weltwirtschaftforum im Januar 2013 warnte vor den Gefahren digitaler Flächenbrände in einer hypervernetzten Welt. Die Autoren fragten, ob die Nutzer fähig sind, gesunde Skepsis zu entwickeln, um diese Risiken abzuschwächen. Solches Wunschdenken erscheint naiv, da die Motive für bewusst gestreute Fehlinformationen zahlreich sind. Eingeschworene Gruppen in Diskussionsforen erweisen sich oft als resistent gegen die Korrektur ihrer Fehlinformationen.
Die Entführung digitaler Identitäten
Konten in sozialen Netzwerken können mittlerweile genauso leicht gehackt werden wie elektronische Postfächer. Wenn der Vorstandschef eines Energiekonzerns inmitten einer Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010 großen Unfug in einem Kurznachrichtendienst verbreitete, wurde sein Konto offenbar entführt. Aktienkurse können daraufhin einbrechen und Menschen kollektiv angegriffen werden. Diese Form der gezielten Desinformation steht heute jedem zur Verfügung.
Die historische Wurzel der Falschinformationen
Der Begriff der Desinformation wurde als Verbreitung von falschen und provozierenden Informationen geprägt. Die kommunistische Partei der Sowjetunion definierte ihn als Methode der politischen Propaganda, um die öffentliche Meinung irrezuführen. Grundzüge solcher Täuschung fanden sich auch in der Vorbereitung des Irak-Kriegs im Jahr 2003 auf amerikanischer Seite. In welchem Umfang Behörden ihre Verbündeten über die wahren Kriegsgründe falsch informierten, sickerte erst ab 2004 durch.
Die Überwachung im digitalen Glashaus
Autoritäre Regierungen greifen unter Berufung auf den Schutz der Jugend zur Sperre des weltweiten Netzes. Das Netz zerreißt entlang solcher Maßnahmen und pervertiert zu einem überwachten Glashaus im Namen der Staatssicherheit. Einige Datenschützer versuchen weiterhin, dieser Datenflut Grenzen zu setzen und den Schutz der Privatsphäre einzufordern. Das Recht auf die Löschung einmal im Netz erschienener Aussagen gewinnt nur allmählich an Konturen.
Die Unmöglichkeit der Flucht vor der Vergangenheit
Anders als in der Vergangenheit ist es heute nicht mehr möglich, der Enge des Dorfes zu entkommen, indem man einfach auswandert. Die für alle Welt zugänglichen Daten und Bilder wandern mit der Person. Keine Regierung und keine Firma lässt das Terrain der Kontrolle des Netzes außer Acht. Die Gefahr der absoluten Kontrolle durch staatliche Überwachungssysteme liegt unabhängig vom politischen System auf der Hand.
Das globale Dorf und der ständige Klatsch
Der alte Rechtsgrundsatz, dass Stadtluft frei macht, verliert im digitalen Raum seine Gültigkeit. Bewusste Indiskretion hat die Unkultur des Waschens privater Schmutzwäsche in aller Öffentlichkeit hervorgebracht. In diesem globalen Dorf leben wir unter ständiger Beobachtung, wobei Nachbarn jeden Klatsch aufnehmen und weiterspinnen. Die Verständigungseuphorie übersieht die vielen Missverständnisse, die in einer globalisierten Welt nicht kleiner werden.
Die Illusion der grenzenlosen Netzfreiheit
Der ehemalige Cybernaut Evgeny Morozow ist zum Mahner der Illusion von der unbeschränkten Freiheit des Netzes geworden. Er ortet neue zentralistische Tendenzen, die den meisten Nutzern in ihren Folgen nicht bewusst sind. Er bricht eine Lanze gegen die romantische Gläubigkeit an die Suchmaschinen-Doktrin, wonach diese Technologien automatisch Demokratie verbreiten. Autoritäre Systeme wissen sehr wohl, wie sie diese neuen Möglichkeiten der absoluten Kontrolle für ihre eigenen Trümpfe nutzen können.
Die Erstellung lückenloser Persönlichkeitsprofile
Die Werbewirtschaft und Personalabteilungen bedienen sich der Daten aus Suchanfragen, um lückenlose Kunden- und Mitarbeiterprofile zu erstellen. Auf Grundlage automatischer Protokolle der Online-Aktivitäten in Form von digitalen Rückverfolgungsdateien lassen sich ganze Biografien zusammensetzen. Was einst neugierige Nachbarn beim Blick über den Zaun aufschnappten, lässt sich heute dank frei zugänglicher Daten rekonstruieren. Wenn Nutzer sozialer Netzwerke sämtliche privaten Details bekanntmachen, offenbart sich die dunkle Seite der virtuellen Freiheiten.
Die Verwirklichung dystopischer Überwachungsszenarien
Noch lange vor dem Boom der sozialen Netzwerke begann die Erfassung elektronischer Daten über Kreditkarten und Telefonate. Das Konzept des gläsernen Menschen, dessen Daten im Namen der Terrorismusbekämpfung auf Vorrat gespeichert werden, ist längst Wirklichkeit geworden. Was in der dystopischen Literatur der Nachkriegszeit scharf kritisiert wurde, betrifft uns nun alle im Alltag. Der wachsame Überwachungsstaat ist heute Teil jeder Kommunikationsform über intelligente Mobiltelefone und Ortungssysteme.
Der Handel mit der persönlichen Privatsphäre
Das globale Dorf hat uns mit ungeahnten Möglichkeiten fast kostenloser Kontaktpflege verwöhnt. Zugleich sitzen wir wieder wie in alten Zeiten in Dörfern, wo alle alles über jeden mitbekommen. Die Privatsphäre ist von der Krankengeschichte bis zum Kontostand jederzeit abrufbar und der Handel mit diesen Daten floriert. Leicht kann jeder unbedeutende Mensch in dieser durchleuchteten Gesellschaft zum Gegenstand von Tratsch werden.
Der Mut zur Enthüllung von Missständen
Verantwortungsvoll genutzte digitale Instrumente ermöglichen Fortschritte beim Aufdecken von staatlichen und firmeninternen Missständen. Die Hinweisgeberschaft kann zur Bekämpfung von Korruption einen wesentlichen Beitrag leisten. Wer den Mut hat, korrupte Praktiken aufzudecken, muss oft mit Schikanen bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes rechnen. Mittels eines Kronzeugenschutzes kann der Hinweisgeber anonym bleiben, wenn entsprechende Software den theoretischen Schutz bietet.
Die Enthüllungen der Kriegsberichte
Die von einer Enthüllungsplattform veröffentlichten Dokumente der US-Kriegsführung im Irak sorgten für sehr unterschiedliche Reaktionen. Befürworter begrüßten den Zugang zu Originaldokumenten und Videomaterial aus Kampfhubschraubern. Kritiker sorgten sich um den Schutz der Informanten, deren Namen in den diplomatischen Depeschen auftauchten. Diese Enthüllungen ermöglichten ein neues Kapitel in der Kontrolle der traditionellen Staatsgewalten.
Die Konsequenzen für die Informanten
Persönliche Eitelkeiten beteiligter Akteure und fehlende professionelle Aufbereitung resultierten oft in reiner Sensationsberichterstattung. Der US-Soldat, der die Dateien auf einem digitalen Speicher sicherte und hochlud, wird seit 2010 in Isolationshaft gehalten. Der Begründer der Plattform riskiert im Falle einer Auslieferung an die USA die Todesstrafe. Sein Wahlspruch, dass alleine offenbartes Unrecht bekämpft werden kann, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen.
Die neuen Dimensionen der Computerkriminalität
Es gibt wohl keine Erfindung, die nicht binnen kurzer Zeit für kriminelle Zwecke instrumentalisiert wird. Das Netz ermöglicht völlig neue Formen des Raubs, des illegalen Handels und der digitalen Kriegsführung. Computerkriminalität und digitale Kriegsführung rücken immer mehr in den Fokus der weltweiten Sicherheitsapparate. Ein Computervirus kann eine Supermacht ebenso aus dem Ring schlagen wie ein Angriff auf die Stromversorgung.
Die Verflechtung von Terror und organisiertem Verbrechen
Im Gleichschritt mit dem Terrorismus haben sich die illegalen Netze der Wirtschaftskriminalität ausgebreitet. Die Finanzierung terroristischer Operationen ist ohne das organisierte Verbrechen undenkbar. Dieses Netzwerk ist ein weltumspannendes Wirtschaftssystem, das mit den legalen und illegalen Sektoren traditioneller Wirtschaft verknüpft ist. Die Affäre rund um eine bestimmte internationale Bank in den späten 1970er Jahren war ein markantes Beispiel für diese Machenschaften.
Die gewaltigen Umsätze der Schattenwirtschaft
Der Internationale Währungsfonds schätzt den aktuellen Jahresumsatz krimineller Organisationen weltweit auf 1500 Milliarden Dollar. Die Hälfte des Umsatzes macht der Drogenhandel, dessen Ertrag dem Bruttoinlandsprodukt Spaniens im Jahr 2006 entspricht. Als eine internationale Organisation für das Jahr 2006 den steilen Wiederanstieg der Opiumproduktion in Afghanistan dokumentierte, war der gescheiterte Wiederaufbau offensichtlich. Unter den Taliban war der Drogenanbau vor dem Einmarsch der US-Truppen im Jahr 2001 drastisch reduziert worden.
Der globale Waffenhandel und Menschenhandel
An zweiter Stelle der Kriminalität folgt der Waffenhandel, wobei nur drei Prozent der weltweit 550 Millionen Waffen in den Händen staatlicher Streitkräfte sind. Internationale Organisationen bemühen sich zwar mit entsprechenden Konventionen und Assistenzprogrammen, dieser Form des Verbrechens Einhalt zu gebieten. Doch hier ist ebenso viel Geld zu verdienen wie im Menschenhandel. Die bedeutende Rolle des organisierten Verbrechens für die Finanzierung kriegerischer Handlungen fördert die Entstaatlichung von Kriegen.
Die Auflösung des traditionellen Kriegsbegriffs
Der herkömmliche Kriegsbegriff ist in Auflösung begriffen und Krieg ist zum Zustand und Geschäft an sich geworden. Ein Rückfall in das Zeitalter vor der Schaffung stehender Heere macht sich seit den 1950er Jahren in vielen Konflikten bemerkbar. Milizen, welche das staatliche Gewaltmonopol auflösen, sind spätestens seit den Kriegen am Balkan kein Phänomen fragiler Staaten mehr. Ein deutscher Militärschriftsteller stellte im 19. Jahrhundert eine interessante Rechnung über die Häufigkeit von Kriegen auf.
Die historische Bilanz der bewaffneten Konflikte
In dem Zeitraum zwischen 1496 vor Christus und 1861 waren auf der bekannten Welt 3130 Kriegsjahre und 277 Friedensjahre zu verzeichnen. Auf 13 Kriegsjahre kommt somit rechnerisch nur ein einziges Friedensjahr. Phasen des Friedens sind auf globalem Niveau seit dieser historischen Erhebung noch kürzer geworden. In einer völlig voneinander abhängigen Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts kann man kaum mehr von reinen Regionalkonflikten sprechen.
Die globalen Auswirkungen lokaler Konflikte
Denn ein Bürgerkrieg in Westafrika hat Auswirkungen auf den Rest der Welt, sei es infolge des Ausfalls von Diamantenlieferungen oder steigender Kakaopreise. Das menschliche Elend taucht auf all diesen grotesken Barometern unserer Epoche gar nicht mehr auf. Noch viel deutlicher wird diese Wechselwirkung im Spiegelbild der brisanten Konflikte im Persischen Golf oder der Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Die isolierte Abschottung ist angesichts dieser globalen Abhängigkeiten heute kaum vorstellbar.
Die Zerbrechlichkeit des globalen Gleichgewichts
Das Kriegsgeschehen ist ein Aspekt dieser globalisierten Welt, in der eben alles mit allem zusammenhängt. Kriege sind schon lange nicht mehr lokale Ereignisse, sondern verändern das politische Geschehen weit über den regionalen Rahmen hinaus. Klar lässt sich dies am israelisch-palästinensischen Konflikt ablesen, der seit seinem offiziellen Beginn im Jahr 1948 nie ein bloß regionaler war. Ebenso können Kampfhandlungen im Kaukasus infolge eines Stellvertreter-Kriegs zu einem größeren internationalen Waffengang heranwachsen.
Die Erinnerung an die verheerenden Verkettungen
Man erinnere sich an die tragische Verkettung eines Attentates im Juni 1914, das einen weltumspannenden Konflikt auslöste. Seither ist trotz aller Bemühungen, ein System kollektiver Kontrolle zu schaffen, das Gleichgewicht von Krieg und Frieden viel fragiler geworden. Die technologische Vernetzung hat die Welt nicht friedlicher gemacht, sondern lediglich die Geschwindigkeit und Reichweite der Zerstörung erhöht.












