Das historische Pendel der Weltordnung: Zwischen globaler Vernetzung und regionaler Zersplitterung

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Die menschliche Zivilisation durchläuft seit jeher zyklische Phasen der Verdichtung und der Auflösung, wobei globale Verflechtungen und lokale Abgrenzungen in einem ständigen Wettstreit liegen. Die gegenwärtigen geopolitischen und ökonomischen Verschiebungen sind tief in den historischen Umbrüchen der vergangenen Jahrhunderte verwurzelt und werfen ein Schlaglicht auf die Zerbrechlichkeit scheinbar ewiger Staatsgebilde. Ein tieferes Verständnis dieser Entwicklungen erfordert den Blick auf die langfristigen Folgen vergangener Weltkriege sowie auf die aktuellen Mechanismen einer sich neu ordnenden Weltgesellschaft.

Das fortwährende Erbe der großen Urkatastrophe

Eine weitreichende historische Betrachtung offenbart, dass die Konflikte des frühen 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit nachwirken und die aktuellen geopolitischen Spannungen maßgeblich prägen. Während der zweite globale Großkonflikt im Herbst des Jahres 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer sein definitives Ende fand, scheinen die Auseinandersetzungen des ersten Weltkriegs noch immer nicht vollständig überwunden zu sein. Die gegenwärtig umstrittenen Grenzverläufe in Osteuropa, auf dem Balkan und im Nahen Osten stellen das direkte Resultat der machtpolitischen Verschiebungen aus dem Jahr 1918 dar.

Die Auflösung staatlicher Strukturen und neue Synonyme

In akademischen Kreisen wurde bereits vor Jahrzehnten eine Reihe von Lehrveranstaltungen etabliert, die sich mit dem Phänomen der staatlichen Implosionen und der Aufsplitterung von Gesellschaften entlang ethnischer sowie religiöser Bruchlinien beschäftigten. Die Beobachtungen in Regionen, die in den späten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von schweren Bürgerkriegen erschüttert wurden, haben das Verständnis für diese Zerfallsprozesse nachhaltig geschärft. Der Begriff der Balkanisierung beschreibt dabei ganz allgemein das Phänomen, bei dem große Einheiten in kleinere und oft äußerst fragile Gebilde zerfallen.

Die Übertragbarkeit von Zerfallsphänomenen auf andere Bereiche

Wenn es um die räumliche Dimension geht, bezeichnet dieses Konzept die vollständige Auflösung eines bestehenden Staates in autonome Kleinstgebiete. Dieses Konzept hat sich jedoch längst verselbstständigt und findet mittlerweile ebenso in der Finanzwirtschaft wie in der digitalen Datenverarbeitung Anwendung. Als der Libanon in der Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts infolge schwerer innerer Auseinandersetzungen zerfiel, sprachen Fachleute von einer entsprechenden Aufsplitterung des Landes.

Die Illusion der Unverwundbarkeit westlicher Demokratien

Als sich einige Jahre später der jugoslawische Staat auflöste, fand ein neuer Begriff Einzug in den wissenschaftlichen Diskurs, der den Zerfall anderer Regionen mit den Zuständen im Nahen Osten gleichsetzte. Diese Bezeichnungen sind mittlerweile austauschbar geworden und werden durch zahlreiche weitere Synonyme ergänzt. In akademischen Runden sorgte es stets für großes Erstaunen, wenn auch etablierte westeuropäische Staaten wie Belgien oder Spanien als mögliche Kandidaten für solche Auflösungserscheinungen präsentiert wurden.

Das Wiederaufleben alter Vorurteile in Krisenzeiten

Diese westeuropäischen Gebilde gelten gemeinhin als relativ alte Nationalstaaten, die dank ihrer parlamentarischen Traditionen als gefestigt erscheinen. Es herrschte lange die Annahme, dass neue staatliche Gebilde ausschließlich in fernen Randregionen entstehen würden, wo oberflächliche Beobachter in den Mentalitäten der dortigen Gesellschaften den Auslöser für Konflikte vermuteten. Gerne wird dabei auf historische Besatzungszeiten verwiesen, die angeblich eine positive Verbindung zwischen dem Staat und dem einzelnen Bürger verhindert hätten.

Die zyklische Natur historischer Großreiche

Doch keine Gesellschaft ist jemals vollständig vor dem Rückfall in kleinstaatliche Strukturen und das Denken in engen Gruppenverbänden gefeit. Wirtschaftliche Krisen wirken dabei als mächtiger Motor, der lange schlummernde Ressentiments aus der Vergangenheit hervorholt und diese rasch wieder zum Kochen bringt. In Europa ist trotz aller institutionellen Verflechtungen ein Wiederaufleben längst vergessen geglaubter Vorurteile zu beobachten, das jeden aufmerksamen Beobachter erschaudern lässt.

Gleichzeitige Verdichtung und Zersplitterung der Gesellschaft

Zwei gegenläufige Entwicklungen laufen seit Jahren in einer bemerkenswerten Gleichzeitigkeit ab. Zum einen verdichtet sich die Welt zu einem vermeintlich globalen Dorf, in dem Menschen jederzeit und an jedem Ort mit der gesamten Erde kommunizieren und scheinbar jeden Gegenstand per Knopfdruck erwerben können. Zum anderen erleben wir einen tiefgreifenden Prozess der Zersplitterung, der weit über die rein territorialen Neuordnungen auf den Landkarten hinausreicht.

Die Atomisierung des menschlichen Zusammenlebens

Die Gesellschaft zerfällt zunehmend vom traditionellen Familienverband hin zu einem isolierten Individualdasein. Gleichzeitig ist die Arbeitszeit dank der permanenten digitalen Erreichbarkeit in winzige Fragmente aufgespalten, und selbst politische Parteien zerfallen in immer kleinere und unüberschaubare Strömungen. Diese Entwicklungen sollen nicht als Untergangsszenario beklagt, sondern vielmehr als historischer Prozess dargestellt werden.

Das historische Pendel zwischen Einheit und Vielfalt

Was die heutige Zeit erlebt, ist keineswegs eine Premiere, denn das Pendel der Geschichte schlägt stets in wechselnde Richtungen aus. Große Imperien zerbrachen, wie es nach dem Tod bedeutender Eroberer in der Antike oder im frühen Mittelalter der Fall war. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation präsentierte sich im 18. Jahrhundert als ein unübersichtliches Sammelsurium an souveränen Herrschaftssitzen.

Der Wert kleinerer Strukturen und menschlicher Maßstäbe

Diese kleinstaatliche Zersplitterung ermöglichte jedoch auch eine kulturelle Blüte, wie sie in den uniformen Zusammenschlüssen späterer Epochen nicht mehr denkbar war. Ein aus Österreich stammender Ökonom prägte in der Mitte des 20. Jahrhunderts den Leitspruch, dass kleine Einheiten oft schöner und lebenswerter sind. Er engagierte sich für das menschliche Maß als sinnvolle Alternative zu den überdimensionalen Systemen und setzte nie auf einen überregulierenden europäischen Superstaat.

Die Vorahnung des regionalen Zerfalls

Vielmehr rechnete dieser weitsichtige Denker mit einem Zerfall der großen Nationalstaaten in die alten, gewachsenen Regionen wie Flandern oder die Lombardei. Er konnte damals noch nicht erahnen, welche massiven Ausformungen die Globalisierung der späten Jahrzehnte mit einem übermächtigen Finanzmarkt noch annehmen würde. Eine gewisse Form der weltweiten Vernetzung begleitete die Menschheit jedoch schon immer, denn der Handel führte stets auch zum Austausch von Ideen und ließ die Menschen reisen.

Der Wandel vom respektvollen Austausch zur rücksichtslosen Ausbeutung

Die heutige Form der weltweiten Vernetzung ähnelt jedoch eher einem rücksichtslosen Diskontmarkt, bei dem es um schnelle Produktion zu niedrigsten Kosten ohne jegliche Rücksicht auf die menschliche Arbeitskraft oder die natürlichen Ressourcen geht. In früheren Epochen verlief dieser Austausch wohl weitaus respektvoller. Auf den antiken Märkten wurden neben Waren auch Ideen in wechselseitiger Achtung vor dem Anderssein und den anderen Glaubensvorstellungen ausgetauscht.

Der absolute Wahrheitsanspruch und seine blutigen Folgen

Niemand hätte in der Antike behauptet, die absolute Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Diesen absoluten Missionseifer, das eigene Modell anderen aufzuzwingen, übernahmen später Vertreter bestimmter Ideologien aus verschiedenen Machtzentren der Erde. Eine besonders blutige Schlacht um regionalen Einfluss lieferten sich diese Mächte in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Südostasien.

Die totale Ökonomisierung des menschlichen Daseins

Anders als der antike Umschlagplatz ist unsere heutige Epoche von einer starren Durchökonomisierung geprägt, bei der der Wettbewerbsdruck das Handeln bis in die intimsten persönlichen Lebenspläne dominiert. Alles wurde zu einem verwertbaren Kapital umgewandelt. Der Begriff des menschlichen Kapitals erscheint dabei besonders erschreckend, da er stark an das Menschenmaterial erinnert, eine Wortschöpfung aus den Zeiten der großen Stellungskriege.

Die Austauschbarkeit des Einzelnen im Wirtschaftssystem

Damals warf man im Zuge starrer Grabenkämpfe nicht mehr einzelne Individuen, sondern nur noch austauschbare Massen in die Schlacht. Die Austauschbarkeit der menschlichen Ressourcen auf dem Schachbrett der Konzerne ist heute ebenso beeindruckend wie erschütternd. An dieser Ökonomisierung, die aus Patienten zahlende Kunden und aus Studierenden Konsumenten mit Anspruch auf ein Zertifikat macht, kann ein Mensch mit einem feinen Sensorium nur verzweifeln.

Das ewige Werden und Wandeln der Weltordnung

Sollte dieses System eines Tages krachen, weil das Wachstum stagniert oder die Infrastruktur zusammenbricht, dann wird es vielleicht zu einer Revolte in der Sprache und damit auch im Denken kommen. Alles fließt, lautet jene alte Formel, die die Einsicht darstellt, dass nichts von Dauer ist und es nur ein ewiges Werden und Wandeln gibt. Aus groß kann wieder klein werden, so verhält es sich mit dem Pendel der Geschichte, das einmal zur Einigung führt und dann die Weltkarten wieder aufsplittern lässt.

Die Verschiebung der globalen Machtzentren

Eine solche Zeitenwende durchläuft die Menschheit in diesen Jahren, denn die Machtzentren verschieben sich allmählich. Ob diese Neuordnung der Verhältnisse friedlich verwaltet werden kann oder letztlich Ergebnis von Brüchen und Kriegen sein wird, ist derzeit nicht absehbar. Fest steht jedoch, dass das Zeitalter der westlichen Kulturen, welche die letzten 500 Jahre bestimmten, sich allmählich verabschiedet.

Die Unsicherheiten der aufstrebenden Mächte

Ob die Welt nun schnellen Schrittes in eine asiatische Ära unterwegs ist, bleibt vorerst noch unklar. Denn auch die mächtigen asiatischen Staaten sind mit massiven Krisen im Inneren und an ihren Grenzen konfrontiert. Der eine Staat steht sich durch innere Widersprüche selbst im Wege, während der andere den sozialen Zusammenhalt neu fassen muss, um seine imperialen Pläne verfolgen zu können.

Die Ernüchterung nach dem Rausch der weltweiten Vernetzung

Je schneller und mächtiger die weltweite Vernetzung seit den 90er Jahren voranschritt, umso intensiver wuchsen nach dem ersten Rausch des billigen Konsums die Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz und die Umwelt. Denn ob man diese Entwicklung freudig als Motor für weltweites Wachstum begrüßte oder als kapitalistisches Komplott verfluchte, die Integration der Märkte fand statt. Nun häufen sich jedoch die Anzeichen, dass die Entglobalisierung mitten unter uns ist und hier für eine Weile bleiben wird.

Die Rückbesinnung auf das Überschaubare und Lokale

In einigen europäischen Sprachen setzt sich bereits ein Begriff für das Gegenteil der weltweiten Vernetzung im politischen Diskurs und in der Alltagssprache durch. Die Tendenz des Rückzugs in kleinere Einheiten gewinnt an Bedeutung, wobei das Dorf symbolisch für das Überschaubare steht. Dies kann auch ein gewachsenes Viertel in einer Großstadt sein, denn hohe Lebenshaltungskosten haben in der Vergangenheit Menschen bereits zur Stadtflucht bewogen.

Die neue Landflucht als Überlebensstrategie

Dies kann sich trotz aller angesagten Trends einer weltweiten Urbanisierung auch noch weiter verschärfen. Wer hungert oder den Strom nicht mehr zahlen kann, der braucht vorerst nicht die Vorzüge der Stadt. Entwicklungen in südeuropäischen Staaten lassen vielerorts erkennen, dass eine Stadtflucht eingesetzt hat, bei der es diesmal nicht den wohlhabenden Mittelstand in das Grüne zieht. Vielmehr versuchen Menschen unterschiedlichen Alters und Milieus auf dem Land mit einer kleinen Selbstversorgung über die Runden zu kommen.

Die Fragilität des globalen Finanzsystems

Wer am Konsum nicht mehr teilhaben kann, entschließt sich offensichtlich für neue alte Arbeitsmöglichkeiten in der Landwirtschaft. Stand die weltweite Vernetzung für eine Integration der Märkte, so verlangsamt sich der Welthandel deutlich. Dies zeigte sich bereits in den Jahren 2008 und 2009 infolge des Ausbruchs der schweren Finanzkrise, als die Indizes des Frachtverkehrs abrupt einbrachen.

Die paradoxe Rettung durch illegale Strukturen

Groß war damals die Sorge, dass es zum völligen Stillstand des Welthandels kommen könnte, da das Vertrauen zwischen den Banken gegen null gesunken war. Das einzige Bargeld, das in jenen kritischen Tagen verfügbar war, stammte vom Markt des organisierten Verbrechens. Der damalige Leiter einer entsprechenden Organisation der Vereinten Nationen erläuterte, dass der hohe Anteil von Drogengeldern den Markt liquide hielt und Gelder diverser Mafiaorganisationen im Zuge dieser Geldwäsche einige Banken retteten.

Die Netzwerke der Schattenwirtschaft

Auch in der Finanzwelt ist eine Zersplitterung deutlich erkennbar, denn der Vertrauensschwund ist beachtlich. Das organisierte Verbrechen hingegen hatte mit den ihm eigenen Bindungen die Finanzflüsse weltweit gefestigt. Das Zusammenwirken dezentraler Akteure, die untereinander Ressourcen aller Art austauschen, ist unter dem Begriff des Netzwerks aus der Wissenschaft und der virtuellen Kommunikation nicht mehr wegzudenken.

Die trügerische Hoffnung auf neue Wachstumsmärkte

Die ersten Netzwerker waren vielleicht die Mafiapaten, die sich geschickt global zu vernetzen wussten, und aus der Weltwirtschaft sind die Investitionen des organisierten Verbrechens jedenfalls nicht mehr wegzudenken. Große Hoffnungen wurden damals in die sogenannten Schwellenländer gesetzt, die als Lokomotiven für die Weltwirtschaft gelten sollten. Unter einem bestimmten Kürzel wurde für Investoren ein zugkräftiges Schlagwort geschaffen, das Länder wie Brasilien, Russland, Indien und China zusammenfasste.

Die tiefgreifenden strukturellen Probleme der Weltwirtschaft

Was diesen Staaten bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam ist, ist die starke Nachfrage nach Konsumgütern aller Art, was die Automobilindustrie besonders anzieht. Die Erholung der Weltwirtschaft seit dem Jahr 2009 war dank Konjunkturprogrammen und Zweckoptimismus jedoch nur von kurzer Dauer. Die Probleme sind zu tief und reichen von massiven Ungleichheiten im Einkommen über strukturelle Defizite im Bankensektor bis hin zu einem massiven Jugendüberschuss in bestimmten Regionen.

Der Rückzug in den wirtschaftlichen Protektionismus

Dieser Jugendüberschuss kann Revolutionen lostreten, wie es in den Jahren nach 2010 in Nordafrika und dem Nahen Osten deutlich spürbar war. Was die Welt aktuell erlebt, ist Abschottung und die Neigung zu protektionistischen Maßnahmen, um den jeweils eigenen Markt und die Arbeitsplätze zu schützen. Diese Tendenz ist seit Jahren absehbar, und der vielgepriesene Multilateralismus hat schon lange ausgedient.

Die Gefahr des neuen Provinzialismus

Es hat den Anschein, dass kleinere Einheiten wieder an Bedeutung gewinnen, was sich wirtschaftlich darin manifestiert, dass regionale Handelsräume anstelle der globalen Märkte entstehen. Der berechtigte Aufruf, zum Schutze des Klimas Produkte mit langen Transportwegen zu meiden und lokale Güter zu kaufen, wird vermehrt wahrgenommen. Zugleich darf nicht übersehen werden, dass mit diesem Trend auch eine neue Form des wirtschaftlichen Protektionismus einhergeht.

Die Enge des rein lokalen Denkens

Persönlich kann man dieser Tendenz sehr viel abgewinnen, und dennoch ist die Gefahr groß, dass auch ein neuer Provinzialismus entsteht. In der französischen Sprache bezeichnet man diese räumlich wie inhaltlich etwas reduzierte Lebenshaltung trefflich nach dem Kirchturm des Dorfs, der stets das einzige sichtbare Ziel im Gesichtsfeld bleibt.