Die aristokratische Stille von Pompeji – Der Übergang in eine exklusive Welt

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Die antike Stadt am Golf von Neapel bietet heute noch immer faszinierende Einblicke in das tägliche Leben einer römischen Gesellschaft, die vor fast 2000 Jahren von einer verheerenden Naturkatastrophe ausgelöscht wurde. Wer sich durch die historischen Gassen bewegt, tritt an einer markanten Kreuzung durch einen gewaltigen gemauerten Bogen, der einst als unsichtbare Grenze für den Karrenverkehr diente. Die Morgensonne taucht die edlen Marmor- und Travertinplatten dieses Monuments in einen warmen lachsfarbenen Schimmer, während darüber eine Reiterstatue des Caligula thront. Hinter dieser Schwelle beginnt eine Welt der absoluten Stille, die selbst in der Nacht vom lauten Treiben der Händler und Fuhrwerke verschont bleibt.

Das Spiel von Licht und Schatten

Die frühen Sonnenstrahlen vermögen das tiefe Straßenpflaster noch nicht vollständig zu erhellen, da die hohen Gebäude und der mächtige Bogen nur spärliche Lichttupfen hindurchlassen. Diese hellen Flecken verteilen sich wie ein aufgeschreckter Taubenschwarm auf den hölzernen Fensterläden und den breiten Sims vor den Wohnhäusern. In diesem besonderen Abschnitt der Stadt herrscht eine makellose Ordnung, die das Auge des Betrachters sofort in ihren Bann zieht. Fleißige Sklaven schwingen unermüdlich ihre Besen, um das Pflaster vor den prächtigen Portalen von jedem Staubkorn zu befreien. Gleichzeitig rinnt frisches Wasser in dünnen Fäden über die kunstvollen Mosaiken, die die Eingänge der vornehmen Anwesen zieren.

Das Viertel der reichen Aristokraten

Nur am unmittelbaren Anfang dieser Prachtstraße drängen sich wenige einfache Gasthäuser und Schenken aneinander, bevor die architektonische Dominanz der Reichen beginnt. Danach folgt ein luxuriös geschmücktes Eingangsportal nach dem anderen, das den unermesslichen Wohlstand seiner Bewohner zur Schau stellt. In diesem prachtvollen und ruhigen Bezirk, den die moderne Forschung heute als 6. Region der Stadt bezeichnet, haben die führenden Aristokraten der Gesellschaft ihren Wohnsitz genommen. Die Kinder, die uns auf unserem Weg begleitet haben, sind nun in der Mitte der Straße an einem mächtigen Brunnen aus dunklem Lavagestein versammelt. Aus dem Maul einer wasserspeienden Merkurfigur schießt das klare Nass empor, während sich der geflügelte Helm der Gottheit hoch über den Strahl erhebt.

Die Benennung der antiken Wege

Wegen dieses markanten Bauwerks erhielt der Weg in der Neuzeit den Namen Merkurstraße, obwohl solche Bezeichnungen eine reine Erfindung der heutigen Zeit darstellen. Dies gilt für fast alle Gassen der verschütteten Metropole, da wir nur von drei Wegen die originalen Bezeichnungen aus der Antike kennen. Lediglich die mittlere Straße, die Salzstraße und der Weg nach Pompeji trugen in der Vergangenheit ihre echten Namen. Die Forscher der Neuzeit orientierten sich bei ihren Benennungen an der Himmelsrichtung, an besonderen Fundstücken oder an öffentlichen Bauwerken. Auch die Namen privater Familien, die in den entsprechenden Gassen wohnten, dienten als Inspiration für die modernen Wegweiser.

Die Struktur der Stadtviertel

Von den zahlreichen Zugängen in die Stadt sind nur zwei Tore mit ihren antiken Namen überliefert, nämlich das Salztor und das Tor nach Urbula. Das Salztor führt heute zu den berühmten Mysterienvillen, während das andere Tor den Weg in das Sarnotal weist. Die Wissenschaft vermutet, dass die einzelnen Stadtbezirke eine ähnlich tragende Rolle spielten wie die historischen Viertel in der Stadt Siena. Dort bildet jeder Bezirk eine kleine Stadt in der Stadt, in der sich alle Bewohner persönlich kennen und sich gegenseitig unterstützen. Ein ehemaliger Ausgrabungsleiter und Experte für die antiken Wandinschriften bestätigt, dass uns die Namen dieser Viertel tatsächlich überliefert sind.

Die Bewohner der verschiedenen Bezirke

Die Menschen rund um das ehemalige Salztor bezeichneten sich selbst als Salinier, da dieser Zugang zu den nahen Salzfeldern führte. In der Nähe des Tores nach Capua lebten die Campanier, während die Forensen das Gebiet um das Forum und das Meerestor bewohnten. Über die genauen Gepflogenheiten und Bräuche dieser einzelnen Bezirke schweigen die historischen Quellen jedoch weitgehend. Es bleibt der Forschung verborgen, ob es gemeinsame Feste gab oder ob die Bewohner andere Bezirke mit Schimpfnamen belegten. Wir befinden uns nun genau in jenem Bezirk der Salinier, wo das Fehlen jeglicher Hausnummern an den Fassaden sofort ins Auge springt.

Die Herausforderung der Adressfindung

Ohne jegliche numerische Kennzeichnung der Häuser fragt man sich unweigerlich, wie ein römischer Bote jemals einen bestimmten Empfänger finden konnte. Selbst ein modernes Navigationssystem würde in einem solchen Labyrinth ohne nummerierte Ziele völlig versagen. Ein entscheidender Hinweis auf das antike Adresssystem findet sich jedoch in einer eingeritzten Wandbotschaft, die an eine berühmte Schauspielerin erinnert. Diese Inschrift verrät, dass der große Stern der Stadt in Nuceria lebte, und zeigt gleichzeitig die genaue Methodik der römischen Adressierung auf. Man wies den Fragenden an, in der Stadt Nuceria nahe dem römischen Tor im Viertel der Venus nach der genannten Person zu suchen.

Von der Antike in die moderne Forschung

Dieses System folgt einer klaren Logik, die zuerst die Stadt, dann das Tor, anschließend das Viertel und zuletzt den Namen des Einwohners nennt. Eine solche Vorgehensweise erinnert stark an heutige Gewohnheiten, wenn man in einem Geschäft nach einem bestimmten Weg gefragt wird und nur ungefähre Orientierungspunkte nennt. Wer heute die Ausgrabungsstätte besucht, stößt auf Stadtpläne mit römischen Ziffern für die verschiedenen Regionen, die in der Antike völlig unbekannt waren. Diese Einteilung in neun Bereiche stammt vielmehr von einem bedeutenden historischen Ausgrabungsleiter im 19. Jahrhundert. Er führte eine einheitliche Nummerierung aller Häuserblöcke und Wohneinheiten ein, die bis heute die Orientierung für die Besucher bestimmt.

Der Aufstieg zum Merkurtturm

Nach diesen historischen Betrachtungen setzen wir unseren Spaziergang fort und folgen den Kindern, die fröhlich die Merkurstraße entlangtänzeln. Am Ende des Weges ragt einer der 13 Wachtürme der Stadt in den Himmel, den die Neuzeit nach dem Gott des Handels benannt hat. Die Kinder entdecken eine offene Tür und stürmen sofort die enge Wendeltreppe hinauf, wobei wir ihnen in gemächlichem Tempo folgen. Der Turm verfügt über drei Ebenen, wobei wir auf halber Höhe die gleiche Ebene wie der Rundgang auf der massiven Stadtmauer erreichen. Ganz oben angekommen stoßen wir die schwere Holztür auf und scheuchen damit einen großen Schwarm Tauben in den blauen Himmel.

Der atemberaubende Blick über die Dächer

Wir beugen uns über die steinernen Zinnen und genießen einen völlig einzigartigen Ausblick über das erwachende Treiben der Metropole. Pompeji präsentiert sich mit einer endlosen Flucht roter Ziegeldächer und kleiner Terrassen, die teilweise mit goldenen Statuen geschmückt sind. Auf anderen Dächern trocknen bunte Tücher im sanften Morgenwind, während weiße Säulen vom nahen Forum herübergrüßen. Etwas weiter im Hintergrund leuchten die farbigen Friese des Theaters, und im Südosten wölbt sich das gewaltige Rund des Amphitheaters. Allmählich wird die Stadt lauter, auch wenn über den Dächern noch der morgendliche Duft von frisch gebackenem Brot schwebt.

Die trügerische Ruhe des Berges

Plötzlich schwankt der steinerne Boden unter unseren Füßen, und die Vögel auf den Zinnen stieben panisch in alle Richtungen davon. Dieser Erdstoß dauert ungewöhnlich lange an, was wohl an unserer exponierten Position hoch oben auf dem Turm liegt. Instinktiv drehen wir uns nach dem mächtigen Berg um, als hätte er uns mit einer unsichtbaren Hand auf die Schulter geklopft. Dort drüben ist jedoch alles ruhig, und der Vulkan präsentiert sich in einer trügerisch friedlichen und geradezu paradiesischen Gestalt. Hinter den massiven Stadtmauern steigen die üppigen Weingärten und Felder fast bis unter den Gipfel empor, unterbrochen von einzelnen Gutshöfen.

Das unaufhaltsame Ende einer Idylle

Diese idyllische Landschaft lässt den Vulkan als einen ganz natürlichen und harmlosen Bestandteil der Umgebung erscheinen. Es ist kaum vorstellbar, dass all diese Pracht und Schönheit schon am morgigen Tag für immer unter Asche und Bimsstein begraben sein wird. Der unaufhaltsame Countdown, der vor vielen Jahrhunderten im Verborgenen begonnen hat, tickt seinem verheerenden Ende entgegen.