Geschichte: Rectinas Hilferuf und die Villa am Vesuv

Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. ist vor allem durch die Berichte des Plinius des Jüngeren bekannt. Was sich während der Katastrophe an der Küste abspielte, lässt sich jedoch nur teilweise rekonstruieren. Hinweise aus überlieferten Texten, archäologischen Funden und Ortsnamen haben einige Forscher zu der Vermutung geführt, dass ein militärischer Signalturm eine wichtige Rolle bei Rectinas Rettungsversuch spielte. Die folgende Rekonstruktion verbindet diese Indizien mit einer erzählerischen Vorstellung davon, was sich in den Stunden vor dem Ausbruch zugetragen haben könnte.

Ein Hilferuf erreicht Plinius

Der Wehrtechniker Flavio Russo und die Archäologin Luciana Jacobelli haben sich mit den letzten Stunden des Plinius des Älteren beschäftigt. Sie vertreten die These, dass Rectinas Villa in der Nähe eines Signalturms lag oder sogar über einen eigenen Turm verfügte. Um diese Vermutung nachzuvollziehen, muss man sich zunächst den Bericht des Plinius des Jüngeren vor Augen führen. Er schildert, wie sein Onkel von Misenum aus eine gewaltige Eruptionssäule am Himmel beobachtete.

Die Säule stieg zunächst hoch empor und nahm dann die Form einer Pinie an. Dieses Bild stammt von Plinius selbst. Als neugieriger Naturbeobachter wollte sein Onkel das ungewöhnliche Geschehen aus der Nähe untersuchen und ließ ein Schiff für die Fahrt vorbereiten. Noch bevor er aufbrechen konnte, erhielt er jedoch eine Nachricht von Rectina, die wegen der drohenden Gefahr in großer Bedrängnis war.

Ihr Landgut lag am Fuß des Vesuvs, und nach Plinius dem Jüngeren konnte sie nur auf dem Seeweg fliehen. Sie bat Plinius, sie aus der Gefahr zu retten. Daraufhin änderte er seinen ursprünglichen Plan: Statt allein das Naturereignis zu beobachten, wollte er Rectina und weiteren Menschen an der dicht besiedelten Küste helfen. Er ließ mehrere Schiffe auslaufen und ging selbst an Bord.

Wie gelangte die Nachricht nach Misenum?

Der Bericht wirft eine praktische Frage auf: Auf welchem Weg kam Rectinas Hilferuf zu Plinius? Ein Boot hätte gegen den Wind anfahren müssen. Ein Bote auf dem Landweg wiederum hätte für die Strecke viel Zeit gebraucht. Und wäre Rectina noch in der Lage gewesen, mit einem Reiter nach Misenum zu gelangen, hätte sie möglicherweise selbst auf diesem Weg fliehen können.

Auch Brieftauben erscheinen als unwahrscheinliche Möglichkeit. Bei einem heftigen Vulkanausbruch wären die Tiere vermutlich durch Lärm, Erschütterungen und Asche in Panik geraten. Für einen raschen und verlässlichen Austausch über die Entfernung hinweg bietet sich daher ein optisches Signal an, etwa ein Blink- oder Flaggensignal. Ein Lichtsignal hätte besonders schnell übermittelt werden können, sofern noch genügend Tageslicht vorhanden war.

Allerdings hing ein solches Verfahren von den Sichtverhältnissen ab. Die Eruptionssäule konnte die Sonne verdunkeln oder die Spiegel eines Signalpostens unbrauchbar machen. Zunächst stieg die Säule jedoch in den Himmel, bevor sich die Auswurf- und Aschewolken auf die betroffenen Orte ausbreiteten. Herculaneum und die Villen in der Umgebung waren anfangs vor allem Asche ausgesetzt, nicht den später niedergehenden Gesteinsbrocken.

Ob die Wolke zu diesem Zeitpunkt bereits das Sonnenlicht blockierte, ist nicht bekannt. Für den Ausfall eines Lichtsignals könnten außerdem Ersatzverfahren vorgesehen gewesen sein. Denkbar sind Flaggen, Fackeln oder Spiegel, ähnlich den Hilfsmitteln, die auch an Leuchttürmen eingesetzt wurden. Welche Methode tatsächlich verwendet wurde, lässt sich nicht belegen; die Vermutung eines optisch übermittelten Hilferufs erscheint den Forschern jedoch plausibel.

Soldaten auf ihrem Posten

Man kann sich vorstellen, wie Rectina die Männer eines Signalpostens aufsuchte und sie bat, ihren Notruf an den Befehlshaber der Flotte weiterzugeben. Die Lage in der Villa dürfte beängstigend gewesen sein. Wiederholte Erdstöße rissen das Mauerwerk auf, Fresken lösten sich von Wänden und Decken, Treppen stürzten ein und Statuen fielen um. Auch ein Signalturm hätte unter den Erschütterungen stark geschwankt.

Die Menschen verfügten nicht über das heutige Wissen zu Vulkanen und konnten die Gefahr nicht zuverlässig einschätzen. Sie sahen, wie sich der Berg in ihrer Nähe öffnete und Feuer, Asche und Gestein ausstieß. Viele dürften das Geschehen als eine Naturkatastrophe oder als Ausdruck göttlichen Zorns verstanden haben. Dass die Soldaten trotzdem auf ihrem Posten geblieben sein könnten, wäre unter solchen Umständen bemerkenswert.

Falls die Männer tatsächlich weiter Nachrichten codierten und übermittelten, spräche das für eine außergewöhnliche Disziplin. Diese Haltung lässt sich als Hinweis auf die Ausbildung römischer Legionäre und Marinesoldaten deuten. Eine solche Deutung bleibt allerdings an die ungesicherte Annahme gebunden, dass ein Signalturm beteiligt war. Sie erlaubt dennoch einen Eindruck davon, wie wichtig eingeübte Abläufe im römischen Militär gewesen sein könnten.

Damit stellt sich auch die Frage, weshalb eine Aristokratin Zugang zu einer militärischen Nachrichtenverbindung gehabt haben sollte. Welche Stellung oder welchen Einfluss musste Rectina besitzen, damit die Soldaten ihren persönlichen Hilferuf weiterleiteten? Mögliche Antworten könnten sich aus der Lage ihrer Villa und aus den Eigentumsverhältnissen in der Gegend ergeben.

Spuren eines Landguts bei Bassano

Ende des 19. Jahrhunderts wurde an der Küste die Eisenbahnstrecke von Neapel über Nocera nach Salerno ausgebaut. Dabei entdeckte man nahe dem heutigen Torre del Greco, beim Ponte Rivieccio in Bassano, die Überreste einer ausgedehnten Villa auf einer Klippe. Das Bauwerk soll im 17. Jahrhundert noch sichtbar gewesen sein. In seiner Umgebung lagen außerdem die Grundmauern eines römischen Wachturms, der später zerstört wurde.

Auch der Ortsname Bassano könnte einen Hinweis auf die römische Vergangenheit der Gegend enthalten. Die Endung -ano geht häufig auf das lateinische -anum zurück und findet sich in Italien sowie in anderen einst zum Römischen Reich gehörenden Gebieten. Solche Ortsnamen können auf ein früheres Gut oder Landhaus hindeuten, das nach seinem Eigentümer benannt war. Sie gelten daher mitunter als sprachliche Indizien für frühere Besitzverhältnisse.

In der römischen Kaiserzeit erfassten die Behörden Grundstücke und Güter sehr genau. Dabei unterschieden sie unter anderem zwischen einer Villa, einem fundus als Grundstück und einem praedium als Landgut. Ein praedium erhielt häufig einen vom Namen des Besitzers abgeleiteten Flurnamen, der sinngemäß das Landgut einer bestimmten Person bezeichnete. Aus einem angenommenen Praedium Bassanum könnte sich über die Jahrhunderte der Ortsname Bassano entwickelt haben.

Vergleichbare Namen gibt es an vielen Orten. Cassano wird mit dem Namen Cassius in Verbindung gebracht, während für Cesano Maderno ein Ursprung aus einer Form abgeleitet wird, die auf Caesius verweist. Auch Corsano, Conversano und Triggiano werden in diesem Zusammenhang genannt. Die jeweilige Herkunft ist nicht in jedem Fall gesichert, doch die Häufung solcher Ortsnamen erklärt, weshalb Endungen auf -ano in Italien so verbreitet sind.

Der mögliche Besitzer Sextus Lucilius Bassus

Wenn die Villa bei Bassano tatsächlich zu einem sehr großen Landgut gehörte, könnte ihr Eigentümer ein wohlhabender und einflussreicher Römer gewesen sein. In den überlieferten Informationen über die römische Flotte findet sich ein Mann, dessen Name zu dieser Überlegung passt: Sextus Lucilius Bassus. Er war Admiral und befehligte die Flotte von Misenum, bevor Plinius der Ältere dieses Amt übernahm.

Die beiden Männer könnten einander gekannt haben. Es ist denkbar, dass die Villa in Bassano Bassus gehörte und dass sich auf seinem Besitz ein Signalturm befand. Dafür spräche besonders, wenn er sich dort gelegentlich aufhielt. Als Admiral wäre er allerdings nicht ständig an der Küste bei seiner Villa gewesen; möglicherweise nutzte er das Anwesen nur zeitweise, etwa während eines Aufenthalts mit der Familie.

Nachdem Plinius nach Misenum gekommen war, wurde Bassus nach Ravenna versetzt. Dort übernahm er das Kommando über die zweite Flotte des Reiches. Im Jahr 73 n. Chr., sechs Jahre vor dem Ausbruch des Vesuvs, starb er während eines Auftrags im Vorderen Orient. Er sollte zur Klärung der schwierigen Lage nach dem ersten jüdischen Aufstand beitragen. Der Fall von Masada erfolgte im Jahr 74 n. Chr.

Wer war Rectina?

Einige Forscher vermuten, dass Rectina die Ehefrau von Sextus Lucilius Bassus war. Das könnte erklären, weshalb sie in einer prächtigen Villa wohnte und weshalb sie sich gerade an Plinius den Älteren wandte. Plinius war ein früherer Amtskollege ihres Mannes und könnte mit ihm und seiner Familie bekannt gewesen sein. Als Witwe eines Admirals hätte Rectina außerdem möglicherweise Zugang zu einem militärischen Signalposten gehabt und genügend Einfluss besessen, um die Weitergabe ihrer Nachricht zu veranlassen.

Diese Annahme ist jedoch nicht bewiesen. Plinius der Jüngere bezeichnet Rectina in seinem Bericht als die Frau eines Mannes, dessen Name in den erhaltenen Abschriften unterschiedlich überliefert ist. Die Abweichungen könnten auf Fehler beim Abschreiben zurückgehen. Das ursprüngliche Schreiben ist verloren, und in den späteren Abschriften wurden offenbar nicht nur einzelne Buchstaben, sondern mitunter ganze Wörter verändert.

Eine andere Vermutung lautet, Rectina sei mit Bassus verwandt gewesen. Ebenso ist möglich, dass sie als Witwe das Landgut ihres Mannes geerbt und später einen Mann namens Cascus oder Tascus geheiratet hatte. Für die Umgebung des Vesuvs ist ein Senator namens Gnaeus Paedius Cascus bekannt. Es ist jedoch nicht geklärt, ob er dort Besitz hatte oder weshalb er sich in der Gegend hätte aufhalten sollen.

Auch ein Mann namens Tascius Pomponianus kommt als möglicher Bezugspunkt in Betracht. Plinius suchte ihn während des Ausbruchs auf, doch Pomponianus lebte in einer Villa bei Stabiae. Deshalb bleibt ebenso gut denkbar, dass Rectina eine römische Aristokratin war, die mit ihrem Mann Cascus oder Tascus in einem großen Anwesen nahe dem Signalturm wohnte und Plinius persönlich kannte.

Solange keine neuen Funde auftauchen, lassen sich diese Möglichkeiten nicht eindeutig voneinander unterscheiden. Mehrere Forscherinnen, darunter Eva Cantarella und Luciana Jacobelli, halten die Verbindung zu Bassus dennoch für überzeugend. Ein wichtiges Gegenargument bleibt der abweichend überlieferte Name ihres Mannes. Da die erhaltenen Abschriften Fehler enthalten, könnte auch dieser Unterschied auf eine Verwechslung durch spätere Abschreiber zurückgehen.

Fest steht damit nicht, wer Rectinas Ehemann war oder wem die Villa gehörte. Die Hypothesen ergeben jedoch ein mögliches Bild: Rectina lebte in einem großen Haus am Meer, vielleicht in der Nähe eines Signalturms, und könnte die Rettung über einen militärischen Nachrichtenweg erbeten haben. Indizien sprechen dafür, dass sie überlebte. Vor diesem Hintergrund lässt sich die folgende Szene vorstellen.

Die Küste am 22. Oktober 79

Am 22. Oktober 79 n. Chr. befindet sich Rectina gegen 13 Uhr noch an Bord der Liburne. Auf dem letzten Stück der Überfahrt begleiten Delfine das Schiff. Die Tiere schießen nahe der Wasseroberfläche dahin, springen in die Luft und tauchen wieder in das blaue Meer ein. Die Passagiere betrachten die Begegnung als gutes Zeichen.

Entlang dieses Küstenabschnitts steht Villa neben Villa. Die Anwesen liegen so dicht beieinander, dass kaum zu erkennen ist, wo das eine Grundstück endet und das nächste beginnt. Zusammen wirkt die Küste wie eine lange Siedlung, die fast ausschließlich aus großen Landhäusern besteht. Zwischen den Anwesen herrscht lebhafter Schiffsverkehr.

Ein schwerer Lastkahn, eine römische oneraria, transportiert auf dem Deck massive Marmorsäulen. Sie stammen aus den Steinbrüchen von Ephesos im Gebiet der heutigen Türkei und haben eine weite Reise hinter sich. Wahrscheinlich gehört die Überfahrt zu den letzten längeren Seereisen des Jahres. Wenn die Herbststürme einsetzen, werden die Fernrouten im Mittelmeer gemieden, bis das Wetter im Frühjahr wieder günstiger ist.

Die Römer nehmen im Herbst und Winter nur ungern die Risiken einer Seereise auf sich. Ein Schiffbruch könnte Waren und Geld kosten, weshalb die Kaufleute gewöhnlich bis zur wärmeren Jahreszeit warten. Nur dringende Notlagen, etwa Schwierigkeiten bei der Getreideversorgung, können sie dazu bewegen, trotz der Gefahren auszulaufen.

Luxus und Handel am Golf

Kleinere Schiffe bringen Datteln von der afrikanischen Küste, feine Seide und ausgesuchte Weine für die wohlhabenden Bewohner des Golfs. Gleichzeitig leben an derselben Küste zahlreiche Menschen, die sich nicht einmal ein Glas des teuren Weins leisten können. Auf einem der Schiffe hält ein Juwelier ein Kästchen fest an sich. Vermutlich bewahrt er darin kostbare Steine auf, die er einer reichen Römerin anbieten will.

Die Besitzerinnen der Anwesen müssen für Kleidung oder Schmuck nicht selbst in die Stadt fahren. Juweliere, Schneider und Tuchhändler bringen ihre Waren direkt zu den Villen. Das Leben der Bewohner solcher Häuser unterscheidet sich grundlegend von dem der gewöhnlichen Einwohner Pompejis. Ihr Wohlstand zeigt sich in den kostbaren Gegenständen, den großzügigen Grundstücken und dem Aufwand, mit dem sie ihren Alltag gestalten.

Ein weiteres Schiff fällt durch seine ungewöhnliche Ladung auf. Es entfernt sich hastig von einer Villa und fährt in Richtung Pompeji. An Bord liegen zerbrochene Ziegel, überwiegend massive Stücke, neben einigen gelochten Exemplaren, wie sie für Heizungsanlagen verwendet wurden. Zunächst könnte man glauben, das Schiff transportiere Bauschutt.

Eine beschädigte Marmorstatue lässt jedoch eine andere Erklärung vermuten. Ihr Kopf und ihre Arme sind sorgfältig in Tücher eingewickelt, möglicherweise soll sie ausgebessert werden. Vielleicht hat ein Erdbeben die Schäden verursacht. Rectina läuft bei diesem Anblick ein Schauer über den Rücken, denn Erdstöße haben in letzter Zeit immer wieder für Unruhe gesorgt.

Je näher das Schiff der Küste kommt, desto mehr zieht die Pracht der Häuser Rectina in ihren Bann. Keine Villa gleicht der anderen. Fresken aus Pompeji geben eine Vorstellung davon, wie die Anwesen am Golf ausgesehen haben könnten. Manche besitzen lange Säulengänge und weitläufige Gärten, die sich bis ans Meer erstrecken.

Villen mit privaten Anlegestellen

In den Gärten kann man angeln und dabei die Füße über dem Wasser baumeln lassen. Bronzestatuen schmücken die Wege und Terrassen. Sie sind nicht unbedingt zum Meer hin ausgerichtet, sondern wenden sich häufig den Bewohnern und Gästen der Häuser zu, die den Schmuck betrachten sollen.

Auch kleinere Boote gehören zum Alltag der Villenbesitzer. Fresken zeigen zahlreiche Fahrzeuge, die von Rudersklaven bewegt werden und für Vergnügungsfahrten bereitstehen. Sie erinnern an die kostbar ausgestatteten Motorboote, die heute vor Anwesen wohlhabender Persönlichkeiten liegen. Jede Villa scheint über eine eigene Anlegestelle oder Mole zu verfügen, an der die geschmückten Boote vertäut werden.

Die Segel sind mit Darstellungen von Tieren oder Göttern verziert. Solche Schiffe sind kostbare Statussymbole. In der Nähe der Anlegestellen befinden sich außerdem gemauerte oder in den Fels gehauene Becken, in denen Fische und Austern im Meerwasser gehalten werden.

Rectinas Anwesen am Meer

Rectinas Villa ist schon von Weitem zu erkennen. Sie steht hoch oben auf einer Klippe und zieht sich mit mehreren Terrassen vom Ufer ins Landesinnere. Die Terrassen sind durch bequeme Stufen miteinander verbunden und mit Statuen sowie kleinen Nischen geschmückt. Aus ihnen könnten einst Wasserfontänen gesprüht haben; darauf deutet ein gefundenes Bleirohr hin.

Hinter der Küste erstreckt sich das Anwesen mit Säulengängen, Gärten, Bronzestatuen und Marmorbrunnen. Auf dem Grundstück erhebt sich ein strahlend weißer Turm, von dem aus man einen weiten Blick über den Golf hat. Der Turm könnte ein Signalturm gewesen sein, auch wenn sich seine genaue Funktion nicht sicher feststellen lässt.

Von den einstigen Gebäuden ist heute nur wenig erhalten. Man kann sich jedoch einen großen Saal vorstellen, der zum Meer hin offen war und sich für sommerliche Festessen eignete. Zwischen den Säulen konnten die Gäste den Sonnenuntergang über dem Wasser beobachten. Später sollte Rectina dort mit ihren Gästen auf Speisesofas das Abendessen einnehmen.

An der Mole wartet Eutychus, Rectinas Vertrauenssklave. Sein griechischer Name bedeutet Glück. Er ist groß gewachsen und hat dunkle Haut sowie auffallend grüne Augen. Rectina fühlt sich in seiner Nähe stets sicher.

Sonnenschutz und Standeszeichen

Kaum setzt Rectina ihre juwelenbesetzten Sandalen auf die Mole, springt ein junger Sklave aus der Liburne. Er hält einen kleinen Sonnenschirm mit goldenen Fransen über sie. Seine Form erinnert eher an einen spitzen Kegelhut als an einen heutigen Schirm.

Die Szene macht deutlich, dass eine vornehme Römerin ihre Haut vor der Sonne schützte. Gebräunte Haut galt als Zeichen dafür, dass jemand im Freien arbeiten musste. Sie wurde daher mit den unteren gesellschaftlichen Schichten verbunden. Eine Aristokratin hielt sich dagegen meist im Haus oder im Schatten auf und bewahrte so eine helle Hautfarbe.

Auch Schirme waren in der Antike bekannt, dienten aber dem Schutz vor der Sonne. Regenschirme waren nicht gebräuchlich. Das lateinische Wort umbra bedeutet Schatten und findet sich in abgewandelter Form in mehreren europäischen Bezeichnungen für Schirme wieder.

Darstellungen auf einem Fresko im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel und auf einer Grabstele in einer archäologischen Sammlung in Istanbul zeigen vergleichbare Szenen. Das Schirmdach befindet sich jeweils über dem Kopf einer Frau, während die Stange schräg nach hinten oder zur Seite weist. Vielleicht ist das nicht bloß ein Fehler der Künstler.

Möglicherweise war das Schirmdach beweglich auf der Stange befestigt. Ein solcher Gelenkmechanismus hätte dem Träger erlaubt, den Schirm neben oder hinter der Frau zu halten, während diese trotzdem im Schatten blieb. Für diese Erklärung gibt es jedoch keinen eindeutigen Nachweis.

Zurück im Garten

Während Rectina die Stufen zu ihrer Villa hinaufgeht, riecht sie die aromatischen Kräuter, die am Weg wachsen. Oben angekommen, reicht ihr eine Sklavin einen Becher süßen Traubensafts. Rectina hält ihn mit beiden Händen und blickt noch einmal aufs Meer. Die leichte Brise bewegt ihre dunklen Locken, und für einen Augenblick scheint die Müdigkeit von ihr abzufallen.

In der Nähe poliert ein Sklavenjunge eine Bronzestatue. Sie zeigt einen Krieger mit Lanze und Schild und soll schon vor mehr als 100 Jahren aus Griechenland geliefert worden sein. Der Junge trägt dickflüssiges Öl auf das Metall auf. In der Antike wurden Bronzestatuen regelmäßig gereinigt und gepflegt, damit ihre Oberfläche nicht grün anlief.

Die Statuen erhielten eine schützende Ölschicht und wurden poliert. Das gehörte zu den Aufgaben der Haussklaven. Auf Fresken mit Darstellungen von Villen und Gärten erscheinen die Bronzen oft so glänzend, dass sie beinahe aus Gold gefertigt wirken.

Plötzlich wird Rectina schwindelig. Zunächst erinnert das Gefühl an das sanfte Rollen des Schiffs, mit dem sie hergekommen ist. Dann verstärkt es sich und geht in ein Erdbeben über. Sie schaut zum Brunnen in der Mitte des Gartens, in dem sich eine Bronzetaube über einer Marmorschale erhebt.

Das Wasser aus dem Schnabel zieht normalerweise ruhige Kreise. Nun gerät es in heftige Bewegung. Ein Ziegel fällt vom Dach und zerbricht auf einem Mosaik. Auch die verzierten Marmorscheiben, die zwischen den Säulen hängen und Figuren aus der Sagenwelt zeigen, schwingen plötzlich wild hin und her.

Erdbeben und wachsende Unruhe

Nach einer Weile endet der Stoß so abrupt, wie er begonnen hat. Rectina sieht zu dem Sklaven, der die Statue poliert. Er starrt sie mit weit aufgerissenen Augen an. Als seine Angst nachlässt, nimmt er die Arbeit wieder auf, doch seine Bewegungen wirken nun mechanisch.

Rectina lässt die Schäden in der Villa prüfen. In der Küche sind einige Krüge zerbrochen, eine Amphore ist entzwei und auf einem Fresko im Flur zu den privaten Räumen haben sich feine Risse gebildet. Insgesamt ist das Haus noch einmal glimpflich davongekommen. Dennoch bleibt die Frage, wie lange es den Erschütterungen standhalten wird.

Eutychus hat unterdessen die Einnahmen aus dem Verkauf der Erzeugnisse von Rectinas Ländereien zusammengerechnet. Auch die Unterhaltskosten der Villa liegen bereit. Unter den Ausgaben findet sich der Verlust durch entflohene Sklaven. Eutychus zögert, doch Rectina merkt, dass ihn etwas beschäftigt, und fordert ihn auf, davon zu berichten.

In den Gärten seien zuletzt auffallend viele Regenwürmer an die Oberfläche gekommen, erzählt er. Das geschehe nicht nur bei der Villa, sondern auch auf den übrigen Ländereien. Wissenschaftler haben beobachtet, dass Regenwürmer mitunter schon einige Tage vor starken Erdstößen ihren Lebensraum im Boden verlassen. Für Eutychus und die Bewohner der Villa muss dieses Verhalten rätselhaft gewirkt haben.

Außerdem seien manche Pflanzen ohne erkennbare Ursache vertrocknet. Zunächst habe Eutychus geglaubt, ein Sklave habe sie nicht ausreichend gepflegt. Dann habe er bemerkt, dass der Brunnen im Garten ausgetrocknet war. Für ihn deuteten diese Veränderungen darauf hin, dass tief unter der Erde etwas nicht stimmte und auch die Erdstöße verursachte.

Zeichen, Opfer und Angst

Bereits 2 Sklaven seien aus Angst davongelaufen. Eutychus habe der Erdgöttin Tellus Opfergaben dargebracht und einen Haruspex, einen Priester zur Deutung von Zeichen, um Rat gefragt. Dieser habe das Gelände nach Hinweisen auf den Willen der Götter abgesucht, aber keine eindeutigen Zeichen gefunden. Auch nach der Untersuchung der Eingeweide eines geopferten Schafs habe er für die nahe Zukunft nichts Beunruhigendes vorhergesagt. Rectina sieht Eutychus an. Zum ersten Mal erkennt sie in seinen Augen Unsicherheit und vielleicht sogar einen Anflug von Angst.

 

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