Der Morgen des Untergangs und die Illusion der Beständigkeit im antiken Pompeji

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Im Jahre 79 herrschte am Fuße des Vesuv eine trügerische Ruhe, die das tägliche Leben der reichen Bürgerschaft in Pompeji bestimmte. Niemand ahnte, dass sich unter der Erde eine gewaltige Katastrophe zusammenbraute, die das blühende Gemeinwesen für immer unter sich begraben sollte. Die Aristokratie widmete sich stattdessen ihren gewohnten Pflichten und dem gepflegten Erscheinungsbild, das ihren hohen sozialen Status unterstrich. In den prächtigen Villen begann der Tag für die Damen der Oberschicht mit einer ausgedehnten und überaus aufwendigen Morgenroutine. Diese Rituale der Körperpflege und Kleidung zeugten von einem hohen Zivilisationsgrad, blendeten jedoch völlig über die nahende Gefahr hinweg.

Das Erwachen und die Wahl der intimen Gewandung

Rectina erwachte an diesem schicksalhaften Tag bereits in den frühen Morgenstunden, lange bevor die ersten Sonnenstrahlen die Kammern der Villa erhellten. Nach einem leichten Frühstück begab sie sich in die Obhut ihrer Dienerinnen, um die morgendliche Toilette vorzubereiten. Der erste Schritt dieser Prozedur umfasste das Anlegen der intimen Gewandung, die auch im antiken Rom keineswegs fehlte. Die Männer der Zeit trugen unter ihrer Tunika einen einfachen Schurz, während die Frauen weitaus raffiniertere Lösungen bevorzugten. Rectina entschied sich für einen eng anliegenden Schurz aus weichem Leder, der mit kunstvollen Stickereien verziert war und an den Seiten mit Bändern gebunden wurde.

Die äußere Erscheinung und die stola der Aristokratie

Über diesem intimen Kleidungsstück trug die römische Herrin des Hauses eine stützende Brustbinde, die aus einer weichen Bandage aus Stoff oder Leder bestand. Dieses stützende Gewand hob die Brust und verlieh der Silhouette die damals äußerst begehrte üppige Form. Eine Sklavin reichte ihr anschließend das lange Unterkleid, das aufgrund der kühlen Herbstluft über lange Ärmel verfügte. Dieses bodenlange Gewand, welches man als stola bezeichnete, bildete das fundamentale Kleidungsstück jeder standesbewussten Römerin. Unter dem reich verzierten Saum kamen flache und fein gearbeitete Schuhe zum Vorschein, denn hohe Absätze waren in jener Epoche noch gänzlich unbekannt.

Die gefährliche Kunst der antiken Kosmetik

Rectina nahm auf einem geflochtenen Weidenstuhl Platz, während ein Kohlebecken für angenehme Wärme in dem Gemach sorgte. Die Mägde umschwärmten ihre Herrin, um das Gesicht zunächst zu reinigen und anschließend mit einer hellen Grundierung zu versehen. Eine blasse Haut galt als untrügliches Zeichen der Aristokratie, weshalb die Dienerinnen eine Creme aus Honig und Bleiweiß anrührten. Auf die Wangen trugen sie feinstes Hämatitpulver auf, um den Wangen einen lebendigen Schimmer zu verleihen. Die Augen betonten die Frauen mit Lidschatten aus Asche und einem schwarzen Lidstrich, dessen Pigmente aus verkohlten Dattelkernen oder verbrannten Ameisen gewonnen wurden.

Die Werkzeuge der Schönheit und ihre Aufbewahrung

Um den Blick zu öffnen, bog man die Wimpern mit speziell geformten Instrumenten sorgfältig nach oben. Zum Nachziehen der Augenbrauen genügte ein einfaches Stück Kohle, das einen präzisen und dunklen Akzent setzte. Auf einem kleinen Tischchen standen diverse Elfenbeinkästchen, die als Kosmetiktruhen dienten und mit eleganten Phiolen gefüllt waren. In diesen Behältnissen bewahrte die Römerin ihre Cremes, Salben und farbigen Pulver sicher auf. Rectina überwachte jeden einzelnen Schritt dieser aufwendigen Prozedur in einem Spiegel, den eine Sklavin unermüdlich vor ihr hielt.

Die aufwendige Frisur und der Einsatz von Haarteilen

Im Anschluss an die Gesichtspflege widmeten sich die Mägde der komplexen Gestaltung der Frisur. Das dunkle Haar wurde mit feinen Elfenbeinkämmen entwirrt und in lange Zöpfe geflochten, die man kunstvoll auf dem Hinterkopf aufrollte. Um dem Haar mehr Volumen zu verleihen, griff man auf Haarverlängerungen zurück, die in der römischen Gesellschaft weit verbreitet waren. Mit einem heißen Brenneisen kräuselten die Dienerinnen die Haare an den Schläfen zu feinen Locken. Den Abschluss der Frisur bildete eine Art Krone, die geschickt hinter einer Kaskade echter Locken verborgen wurde.

Die Dimensionen der Haarkunst und die Farbe der Lippen

Derartige Haaraufbauten konnten mitunter gewaltige Ausmaße annehmen und erinnerten an die prächtigen Kopfbedeckungen hoher Geistlicher. Rectina wählte für diesen Tag jedoch eine leichtere Ausführung, die sich besser für die bevorstehende Reise eignete. Nach der Fertigstellung der Frisur wandte man sich der Bemalung der Lippen zu, die man sich möglichst üppig und voll wünschte. Die beliebteste Farbe war ein kräftiges Rot, das man aus Ocker oder Hämatit gewann. Besonders reiche Frauen leisteten sich intensivere Farbtöne aus Zinnoberpigmenten oder dem hellroten Mennige, das später im Mittelalter zur Verzierung von Manuskripten diente.

Die giftigen Inhaltsstoffe und die Sprache der Schönheitsflecke

Da die verwendeten Lippenstifte Quecksilber enthielten und die Grundierung auf Bleiweiß basierte, setzte sich die Römerin täglich erheblichen gesundheitlichen Risiken aus. Beide Stoffe sind stark toxisch, auch wenn es heute keine konkreten Belege für massive Gesundheitsschäden durch diese Kosmetika gibt. Zum Schluss brachten die Dienerinnen einen Schönheitsfleck an, den Rectina direkt über dem Mundwinkel platzierte. Dieser Fleck verlieh ihrem Lächeln eine gewisse Hintergründigkeit und diente als stummer Code der Verführung. Je nach Position des Fleckes auf dem Gesicht sandte die Trägerin unterschiedliche Botschaften an ihre Umwelt aus.

Die Vollendung durch Duft und kostbaren Schmuck

Als letzter Schritt der Körperpflege hüllte sich die Herrin des Hauses in eine Wolke duftender Essenzen, die in Pompeji eigens angefertigt wurden. Das Parfüm befand sich in einem winzigen Glasflakon in Form einer schlafenden Taube, dessen langer Schwanz vor dem Gebrauch abgebrochen werden musste. Nach dem Auftragen des Duftes legte Rectina den standesgemäßen Schmuck an, der ihren Reichtum offen zur Schau trug. Sie trug Ohrringe, die an eine feine Maske erinnerten und mit winzigen Perlen sowie Smaragden besetzt waren. Ein ebenso feines Netz aus Edelsteinen legte sie sich um den Hals, während Armreifen in Schlangenform und mehrere Ringe das Ensemble vollendeten.

Die Marotte der kleinen Ringe und die Abfahrt zur Kutsche

Einen winzigen Ring platzierte sie an dem vorletzten Fingerglied des Zeigefingers, was einer bekannten Marotte der schicken Damen der Stadt entsprach. Vielleicht gehörten diese kleinen Ringe, die man bei Ausgrabungen häufig findet, keineswegs kleinen Kindern, sondern dienten den Erwachsenen als modisches Accessoire. Nach einem letzten kontrollierenden Blick in den Spiegel hüllte sich Rectina in einen Schal aus feinster Wolle. Sie verließ ihr prächtiges Haus genau in dem Augenblick, als die ersten Sonnenstrahlen über das Meer lugten. Vor der Villa wartete bereits eine elegante Kutsche auf sie, die von den Sklaven in der Nacht lautlos gereinigt und vorbereitet worden war.

Die Fahrt in die Stadt und das unbekannte Ziel

Der Vertrauenssklave winkte einer der Mägde, sich als Begleitung zu der Herrin in die Kutsche zu setzen. Anschließend nahm er selbst den Platz auf dem Kutschbock ein und gab den Pferden mit einem kurzen Pfiff das Zeichen zur Abfahrt. Der harte Rhythmus der Pferdehufe auf dem steinigen Pflaster begleitete Rectina auf ihrem Weg in die Stadt. Das gestrige Bankett war bereits restlos beseitigt, und der Alltag hatte die Villa wieder fest im Griff. Die elegante Reisegesellschaft steuerte geradewegs auf Pompeji zu, denn die Römerin musste dringend den Arzt aufsuchen.

 

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