Das Erwachen der antiken Metropole im Schatten des Vulkans

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Der Blick in die Vergangenheit offenbart uns heute ein faszinierendes Fenster in eine längst untergegangene Welt, deren Schicksal sich in einem einzigen verhängnisvollen Augenblick für die Ewigkeit konservierte. Die Verschüttung einer blühenden antiken Metropole unter glutflüssigen Aschen und schwerem Bimsstein bewahrte nicht nur steinerne Zeugen, sondern auch den hauchdünnen Abdruck des menschlichen Daseins jener Epoche. Wer sich auf die Spurensuche in diesem steinernen Archiv begibt, taucht ein in ein Labyrinth aus alltäglichen Verrichtungen, kultureller Vielfalt und dramatischen gesellschaftlichen Umbrüchen. Das Erwachen der Ruinenstätte im morgendlichen Licht lässt die Schatten der Geschichte weichen und macht das pulsierende Leben von einst wieder greifbar. Genau diese Symbiose aus archäologischer Substanz und menschlichem Schicksal bildet den Kern unserer Betrachtung über den Alltag und das Ende dieser außergewöhnlichen Siedlung.

Das Erwachen der Landschaft im ersten Morgenlicht

Der erste Sonnenstrahl zerteilt still die Luft und trifft den Gipfel des Vesuvius, wobei sich das Licht stets als erstes auf den höchsten Punkt der Überreste des alten Somma-Kraters legt. Das Halbrund nackter Felsen sieht einen Augenblick lang aus wie ein aufgerissener Mund, dessen felsige Zähne gebleckt wirken und das Maul einer lauernden Bestie formen. Das Licht fällt auf den Grund des alten Kraters, liebkost die kahle Ebene und die Wälder, um schließlich seinen Weg über die Hänge fortzusetzen. Wie eine Hand zieht es zärtlich den Schleier der Dunkelheit zurück, der die Landschaft die Nacht über eingehüllt hat, und eilt den Abhang hinab auf die antike Metropole zu. Es erreicht die erste kleine Ortschaft unterhalb des Vulkans, um weiter zu den Gehöften hinunterzusteigen, wo die Weinstöcke, die gepflügten Felder und die auf den Weiden grasenden Pferde allmählich aus der Finsternis treten.

Die Erhellung der Stadt und das Erwachen des Alltags

Schließlich erhellt das Licht das Zentrum der Siedlung, liebkost die Dächer und erfüllt die Gassen mit neuem Leben, wobei der rötliche Schein der Terrakottaziegel die Stadt am Morgen in ein warmes Leuchten taucht. Die Metropole schält sich aus der Umarmung der Nacht und begrüßt den Morgen, während die Bewohner ihre Häuser verlassen und sich auf die Straßen begeben. Auf den ersten Blick wirkt das Areal nicht besonders ausgedehnt, doch die tatsächliche Ausdehnung umfasst ein gewaltiges Areal, das bei Hinzurechnung aller offenen Plätze, Friedhöfe und großen Landgüter in der unmittelbaren Umgebung noch deutlich anwächst. Die Forscher haben längst nicht alles freigelegt, denn ein beträchtlicher Teil liegt immer noch unter dem vulkanischen Steinhagel begraben, der die Stadt mit ihren Menschen, den Fresken und den Reichtümern unter sich verschüttet hat. Diese verborgene Schatztruhe lässt sich erahnen, wenn man die Hauptverkehrsadern entlanggeht und sich fragt, welche Meisterwerke und Überraschungen dort noch auf ihre Entdeckung warten.

Die Bewahrung des Bestehenden und die Technik der Zukunft

Natürlich fragt man sich als Besucher, ob dieser Teil der Stadt wohl je ausgegraben werden kann und welche Schätze er noch birgt. Die Antwort auf diese Frage ist ganz simpel, denn zunächst einmal muss das gerettet, erhalten und bewahrt werden, was bereits ans Tageslicht befördert wurde. Es handelt sich bei den noch bedeckten Arealen um Wohnviertel, in denen keine besonderen Bauten zu erwarten sind und der Neuigkeitswert daher eher gering ausfallen würde. Möglicherweise müssen wir uns aber auch nur gedulden, da wir noch nicht wissen, welche Instrumente kommende Generationen für die Erforschung solcher Areale ersinnen werden. Heutige Bodenradargeräte erlauben es bereits, vergrabene Objekte zu sehen, ohne sie ausbuddeln zu müssen, auch wenn die Technik so kompliziert ist, dass Laien mit dem Bildmaterial zunächst nichts anfangen können.

Der Schutz des Sediments und der Blick in die Tiefe

Es kann also durchaus sein, dass wir irgendwann einmal diese noch vergrabenen Stätten besuchen, indem wir uns mithilfe von Sensoren von der Erdoberfläche aus ein virtuelles Bild machen. Dann würde das Sedimentgestein die Fundstücke, Mauern und Fresken weiterhin schützen, wie es das seit Jahrhunderten getan hat, und sie wären nicht der zersetzenden Luft ausgesetzt. Der Besucher könnte sie tatsächlich so sehen, wie sie damals verlassen worden sind, bevor die tödliche Asche alles überdeckte. Das freigelegte Areal vermittelt dem Besucher einen Eindruck vom Leben in römischer Zeit, während das unter der Erde liegende zeigte, wie die Tragödie tatsächlich ablief. Die strategische Lage auf einem Lavaschild im Golf ermöglichte die Kontrolle der Schifffahrt, während die Mündung des lokalen Flusses eine wichtige Verkehrsader ins Landesinnere bildete.

Die fruchtbare Erde und die frühen Siedlungen

Der alte Vulkan hat das Land um die Siedlung fruchtbar gemacht, sodass die Landwirtschaft dort außerordentlich gute Bedingungen vorfand und ein Ort mit so vielen Vorzügen nicht lange unbewohnt bleiben konnte. Tatsächlich stammen die ersten Siedlungen am Fluss aus der Bronzezeit, doch eine gewaltige Eruption tötete alle Golfbewohner und fegte Häuser und Dörfer hinweg. In der darauffolgenden Eisenzeit wird die Gegend erneut besiedelt, wobei die Bewohner mit griechischen Vorposten auf den nahen Inseln regen Handel trieben. Gegen Ende dieses Zeitraums kam es dann zu ersten dauerhaften Ansiedlungen, aus denen uns Mauerreste sowie Tempel erhalten geblieben sind, die höheren Gottheiten geweiht wurden. Die Siedlung organisierte sich, es bildete sich der spätere antike Stadtkern heraus, und zum Zeitpunkt der finalen Eruption war die Stadt bereits viele Jahrhunderte alt.

Das Rätsel der Gründung und die wechselhaften Mächte

Wer aber die Stadt gründete, ist nicht eindeutig geklärt, und wir wissen einfach nicht, wer als Erster auf die Idee kam, diese nach Rom berühmteste Metropole des Reichs zu errichten. Vielleicht waren es die Etrusker, die im Landesinneren herrschten und die örtliche Bevölkerung anhielten, eine Stadt als Stellung gegen ihre griechischen Feinde zu befestigen. Oder es waren die Griechen, die das Meer kontrollierten, wobei auch ein anderes Volk vermittelt haben könnte, das zwischen den verfeindeten Großmächten den Handel ermöglichte. Die Siedlung wäre dann sozusagen eine Art Sonderverwaltungszone oder Freihafen gewesen, doch die Wahrheit bleibt auch hier im Dunkeln der Geschichte verborgen. Wir wissen jedoch, dass die Stadt nach der Niederlage der Etrusker gegen die Griechen eine Phase des Niedergangs erlebte, was von vielen Gelehrten als Beweis für die enge Verbindung zu den Etruskern gewertet wird.

Der Aufstieg der Samniten und der kulturelle Wandel

In diese Zeit fällt der Angriff der kriegerischen Samniten, die von den Hügeln herabstürmten und das Tal mit all seinen Siedlungen eroberten, wodurch die Stadt Teil der ersten politischen Einigung der italischen Völker wurde. In den Gassen sprach man fortan die Sprache der Samniten, und ihre Gewohnheiten, Gesetze und Religion bestimmten das Leben, auch wenn der Großteil der Menschen dort Osker waren. Diese Periode dauerte nicht lange an, denn Rom hatte sich zur dominierenden Kraft auf der Halbinsel entwickelt und den Zusammenstoß mit den Samnitern gesucht. Nach insgesamt mehreren Kriegen unterwarfen die Römer die Samniten und löschten ihre Kultur vollständig aus, sodass die Stadt nun Teil der römischen Welt wurde. Sie gehörte zu den verbündeten Städten, doch die neuen römischen Siedler gaben bald den Ton an und ließen die Überlebenden ihre Überlegenheit spüren.

Die römische Kolonisierung und der soziale Umbruch

Man sieht beinah die kolonisierten Städte späterer Jahrhunderte vor sich, denn die Römer ließen auf die Türschwellen ihrer Häuser Grußformeln gravieren, um klarzumachen, dass dort römische Sitten herrschten. Mit der Zeit wurde die Stadt immer römischer, da die Hauptstadt nur eine überschaubare Distanz entfernt lag und der kulturelle Einfluss stetig wuchs. Die Stadt erlebte auch im römischen Einflussbereich schwierige Zeiten, zum Beispiel als ein berühmter Feldherr aus Karthago das Reich angriff und nahegelegene Siedlungen zerstörte. Aus irgendeinem Grund verschonte dieser Eroberer die Stadt, vielleicht weil sie sich sehr geschickt neutral zeigte und Flüchtlinge aus den zerstörten Siedlungen aufnahm. Die Stadt brachte die Vertriebenen unter und unterstrich so ihren Ruf als Schmelztiegel der italischen Völker, der unterschiedlichste Kulturen vereinte.

Der Konflikt mit Rom und die römische Kolonie

Ein zweites Mal kam die Stadt in Konflikt mit Rom, als sie sich zusammen mit anderen gegen die Herrscher auflehnte, weil sie für ihre Einwohner das volle Bürgerrecht beanspruchte. Man nahm realistischerweise an, dass Rom angreifen würde, und so verstärkte man die Stadtmauern und die zahlreichen Türme, die sie schützten. Das so veränderte Stadtbild ist jenes, das man heute noch sehen kann, nachdem die Stadt dem Ansturm der Truppen Sullas standhalten musste. An den Toren sieht man noch heute die Einschläge der Steinkugeln, die die Wurfmaschinen geschleudert haben, bevor sich die Stadt am Ende ergab. Der Diktator gab der Stadt, die nun römische Kolonie war, einen neuen Namen, der sich glücklicherweise nicht durchsetzte, und die Rebellion kam die Stadt teuer zu stehen.

Die Ansiedlung der Veteranen und die bauliche Expansion

Die Stadt musste zahlreiche Veteranen aufnehmen, was die Heterogenität der Bevölkerung abermals erhöhte und die Metropole zu einem echten Schmelztiegel der Antike machte. Als diese Veteranen innerhalb der Stadtmauern angesiedelt wurden, nahm die Siedlung endgültig römischen Charakter an, und es entstanden prächtige Bauwerke für die Ewigkeit. Damals entstanden das Amphitheater für die Gladiatorenkämpfe, die Thermen am Forum, der Tempel der Venus und viele andere römisch anmutende Bauwerke, die das Stadtbild prägten. Doch eine Frage haben wir noch nicht geklärt, nämlich woher der Name der Stadt eigentlich kommt, da uns die Nebel der Vorzeit erneut die Sicht verhüllen. Zu Hilfe eilt uns in diesem Fall die Forschung, die verschiedene Hypothesen über die sprachliche Herkunft des Namens diskutiert.

Die sprachlichen Wurzeln und die mythologischen Deutungen

Der Name könnte zum Beispiel von einem griechischen Wort abgeleitet werden, das abschicken heißt, denn tatsächlich war die Stadt ein Umschlagplatz, von dem aus zahllose Waren ins Binnenland und übers Meer gingen. In der Antike hingegen nahm man an, dass ein berühmter Halbgott die Stadt bei seiner triumphalen Rückkehr von seinen Aufgaben gegründet habe, woraus sich der Name entwickelt haben soll. Diese Erklärung, die der Stadt zwar mythologisch betrachtet ein gewisses Ansehen verleiht, wird heute von Wissenschaftlern aus aller Welt jedoch verworfen. Wahrscheinlicher ist, dass der Name sich aus einer lokalen Sprache ableitet, wobei ein lokales Zahlwort für die Anzahl der Dörfer Pate gestanden haben könnte. Dummerweise hat man nie auch nur die geringste Spur von einer solchen Ansammlung von Siedlungen gefunden, sodass auch die Abstammung von einem italischen Geschlecht als mögliche Quelle im Raume steht.

Die geometrische Ordnung und die historischen Viertel

Nehmen wir doch unsere morgendliche Promenade wieder auf und eilen zur Hauptstraße, die ein Römer seinerzeit als oberen Decumanus bezeichnet hätte. Uns fällt auf, dass die Straßen ganz gerade verlaufen und auch die Geschäfte regelmäßig angelegt sind, sodass das Ganze wie ein Schachbrett wirkt und so ganz und gar nicht an das Gewirr erinnert, das wir am Beginn unseres Spaziergangs vorfanden. Man hat so den Eindruck, dass die verschiedenen Viertel in verschiedenen Epochen entstanden sind, was tatsächlich so ist und bereits in römischer Zeit zu einem historischen Stadtkern führte. Der Stadtkern besteht aus gewundenen, engen Gassen, die zum historischen Zentrum führen, welches in der ältesten Phase der Stadtgeschichte entstand. Damals führten die Straßen um eventuell vorhandene Hindernisse herum und schmiegten sich an den Abhang, bevor spätere Eroberer neue Viertel mit regelmäßigem Grundriss anlegten.

Das Wachstum der Stadt und die römische Architektur

Der Zusammenstoß mit feindlichen Heeren ließ abermals neue Viertel im östlichen Teil entstehen, wo die flüchtigen Einwohner der zerstörten Nachbarstädte unterkamen. Diese freundliche Aufnahme konnte allerdings die schwelende Rivalität zwischen den Bewohnern nicht beseitigen, was später zu blutigen Aufständen während der Gladiatorenspiele führte. Als dann die Veteranen des Diktators auftraten, war die Stadt in ihrem Grundriss schon ziemlich festgelegt, trotzdem kam es zu brutalen Enteignungen und einer Neugestaltung der Eigentumsverhältnisse. Das Antlitz der Stadt selbst änderte sich durch den römischen Einfluss nicht so sehr, doch der machte sich vor allem in der veränderten Silhouette bemerkbar. Es wurden weit mehr große Bauten errichtet als früher, man dachte und baute groß, und das Resultat lässt sich heute beim Spaziergang in den Straßen betrachten.

Die Achsen der Stadt und die öffentliche Infrastruktur

Ein kurzer Blick auf die Karte macht deutlich, dass die Stadt einen streng geometrischen Grundriss hat, wobei alle Straßen symmetrisch angelegt waren. In nordsüdlicher Richtung verlief eine Hauptachse, in ostwestlicher Richtung die andere, und diese räumliche Orientierung wurde durch einen heiligen Ritus noch unterstrichen. Letztlich geht dieses Stadtbauschema auf die geometrische Anlage eines militärischen Zeltlagers zurück, welches sich im Kern heutiger Städte vielfach wiederfindet. Die große Straße, die die Stadt in der Vertikalen durchzieht, wird heute nach einer anderen Stadt benannt, während es in ostwestlicher Richtung zwei Straßen gibt. Wenn man sich für den Rundgang merkt, dass die Stadt um diese wenigen Straßen herum angelegt ist, kann man sich nicht so schnell verlaufen, auch wenn das Gewirr von Gassen und Häusern tückisch ist.

Die Vielfalt des Handels und die Anzahl der Bewohner

Es gibt dort zahlreiche Tempel, viele Walkereien, eine Unzahl an Bäckereien und eine große Menge kleiner Lokale, die das tägliche Leben bestimmten. Es gab Schnellimbisse, Restaurants, Kneipen und andere Geschäfte, zwei Theater, ein Amphitheater, eine große Sporthalle, ein Forum und einen Markt. Von der Stadtmauer mit ihrer gewaltigen Länge mal ganz abgesehen, fragt man sich, wie viele Einwohner das antike Pompeji eigentlich zählte. Das ist nicht ganz sicher, aber zur Zeit der Eruption sollen es eine gewaltige Anzahl an Menschen gewesen sein, die sich durch die Gassen bewegten. Und was wissen wir über sie, die wir auf unserem morgendlichen Spaziergang durch die rekonstruierten Straßen antreffen?

Das Erscheinungsbild der Bewohner und ihre Herkunft

Während wir durch die Straßen flanieren, fallen uns zwei Pompejanerinnen auf, die in ihre eleganten Gewänder gehüllt vor uns hergehen und das Bild der Antike perfekt machen. Die eine ist recht vollbusig, ihre Ohren sind mit Silbergehängen geschmückt, und das schwarze, lockige Haar hat sie im Nacken zum Knoten gedreht. Bei jedem Schritt schlingt sich die Tunika eng um ihre üppigen Formen, während die Jüngere sich den Schal über den Kopf gezogen hat und einen Zipfel des Stoffs vor den Mund hält. Ihre Züge sind typisch mediterran, vor allem die großen dunklen Augen fallen auf, deren heißen Augenaufschlag eine geschickte Schminke hervorhebt. Als wir die beiden Frauen überholen, wirft uns die Jüngere einen Blick zu, der uns durch Mark und Bein geht, bevor sie aus unserem Gesichtskreis entschwinden.

Die genetische Vielfalt und die körperliche Statur

Ihr Parfüm begleitet uns noch eine Weile, und ihre Ausstrahlung ist durch und durch mediterran, was die komplexe Geschichte der Einwohner widerspiegelt. Die Bewohner entstammen den unterschiedlichsten Völkerschaften, sind aber durchweg mittelitalischen und mediterranen Ursprungs, wie Erbgutanalysen eindrucksvoll belegen. Das Erbgut war typisch europäisch, mit wenigen außereuropäischen Einflüssen, die auf den afrikanischen Raum deuten und mit ziemlicher Sicherheit auf Sklaven oder Nachkommen von ehemaligen Sklaven hinweisen. Wie der durchschnittliche Bewohner damals aussah, dürfte uns erstaunen, sind wir doch heute daran gewöhnt, dass schon Jugendliche eine enorme Größe erreichen. Vor vielen Jahrhunderten allerdings war das anders, denn die Ernährung fiel damals nicht so üppig aus und war weniger vielseitig, sodass das Wachstum oft eingeschränkt wurde.

Die Entbehrungen des Alltags und die Kindersterblichkeit

Auf dem Land herrschte im Allgemeinen selten Nahrungsmittelknappheit, in den großen Städten aber kam es des Öfteren zu Rationierungen oder Versorgungsengpässen. Außerdem gab es immer wieder Epidemien, die mitunter nur durch eine ganz banale Grippe ausgelöst wurden und gegen die es keine wirksamen Medikamente gab. Infektionen und andere Krankheiten zogen sich lange hin, beeinträchtigten das kindliche Wachstum und verliefen manchmal tödlich, da selbst harmlose Leiden zu erbarmungslosen Killern wurden. Das damals mächtigste Reich der Welt konnte seine Kinder nicht schützen und glich in dieser Hinsicht eher heutigen Regionen, in denen die medizinische Versorgung fehlt. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch, und angesichts der grassierenden Mangelernährung und der vielen Krankheiten grenzte es nahezu an ein Wunder, wenn man gesund das Erwachsenenalter erreichte.

Die anthropologischen Messungen und die Lebenserwartung

Das hatte zur Folge, dass die Pompejaner, denen wir auf unserem Spaziergang begegnen, alle relativ klein sind, was Messungen an den Skeletten der Vulkanopfer eindrucksvoll belegen. Die Männer sind im Durchschnitt deutlich kleiner als heutige Zeitgenossen, und die Frauen stehen ihnen in der Körpergröße kaum nach, was ein sehr einheitliches Bild abgibt. Mit den Mitteln der Anthropometrie hat man herausgefunden, dass die Männer ein moderates Gewicht auf die Waage brachten, während die Frauen noch leichter waren. Interessant ist ein Faktum, das durch die Arbeiten eines bekannten Anthropologen entdeckt wurde, wonach die mittlere Körpergröße in der Region noch vor wenigen Jahrzehnten der aus der Antike glich. Die Lebenserwartung lag damals jedoch deutlich niedriger, wobei die Männer im Durchschnitt ein mittleres Alter erreichten und die Frauen noch viel früher starben.

Die Gefahren des Alltags und die Rolle der Frauen

Die Todesursachen bei Männern hatten vermutlich damit zu tun, dass das Leben damals im Vergleich zu heute sehr viel aktiver und mehr im Freien geführt wurde. Dass Frauen durchschnittlich so viel früher starben, lag an den enormen Risiken bei der Geburt, die ein Vielfaches der heutigen Sterberate ausmachten. War das Leben also auch in der antiken Metropole kurz, so erlaubt uns der Vulkanausbruch durch die vielen gefundenen Toten tiefere Einblicke in die Demografie. Problematisch ist dabei allerdings, dass die Tragödie für eine gewisse Vorauswahl sorgt, da wir keinen Querschnitt durch die gesamte Bevölkerung vorliegen haben. Untersucht werden können nur die Opfer, und diese sind keines natürlichen Todes gestorben, was die statistische Auswertung erschwert.

Die Flucht der Alten und die Struktur der Opfer

Eines fällt uns sofort auf, wenn wir uns mit den Opfern aus der Nachbarstadt beschäftigen, denn es gibt unter den Toten kaum hochbetagte Menschen. Das kann natürlich an der speziellen Situation der Flucht liegen, da die älteren Bürger wohl Probleme hatten, sich in Sicherheit zu bringen. Wenn wir uns die Opfer genauer ansehen, wird schnell deutlich, wie viel Glück wir Heutigen haben, die wir in einer modernen Gesellschaft mit reichlich Nahrung und Medizin leben. Vor vielen Jahrhunderten hatte ein Mann mit dem Erreichen eines gewissen Alters in der Regel schon das Ende dessen erreicht, was er erwarten durfte, und seine Frau war oft schon viel früher gestorben. Die Altersstruktur der Opfer gleicht am ehesten der eines Entwicklungslandes, mit einem sehr hohen Anteil an kleinen Kindern.

Die Lücke in der Bevölkerungspyramide und das Erdbeben

Eine Altersgruppe allerdings ist nur spärlich vertreten, nämlich junge Menschen, die kurz vor dem Erwachsenenalter standen, als hätte die Bevölkerungspyramide an der Stelle eine Einkerbung. Für diese Anomalie gibt es mehrere Erklärungen, denn zum einen handelt es sich dabei um eine Altersgruppe, die körperlich fit war und sich leicht in Sicherheit bringen konnte. Doch solche Einkerbungen der Bevölkerungspyramide zeigen sich auch häufig nach kriegerischen Auseinandersetzungen oder großen Tragödien, die eine Generationslücke hinterlassen. In der Gegend um den Vulkan gab es damals keinen Krieg, aber wenige Jahre vor dem Ausbruch hatte sich schon eine Naturkatastrophe ereignet. Ein starkes Erdbeben hatte die Stadt, die Nachbarorte und die Villen jener Gegend zerstört, was diese demografische Lücke schlüssig erklärt.

Der morgendliche Spaziergang und das Spiel der Kinder

Was wir aus dem Wissen über die Opfer für unseren morgendlichen Spaziergang schließen können, ist, dass ein großer Teil der Menschen, die uns begegnen, jünger ist als wir es gewohnt sind. Und tatsächlich tauchen jetzt vor uns aus einem Hauseingang zwei Kinder auf, die Fangen spielen und wie zwei Schmetterlinge im Frühling über den Gehsteig flattern. Voller Leben flitzen sie dahin und lachen hell auf, bevor sie um die nächste Ecke verschwinden und das pulsierende Leben der Antike für einen kurzen Moment wieder auferstehen lassen. Wir gehen ihnen nach, tief beeindruckt von der Fragilität des Daseins und der Kraft des Augenblicks, der sich in Stein und Asche für die Ewigkeit bewahrt hat. Der Morgen zieht weiter über die Dächer, und die Stadt erwacht endgültig aus ihrem langen Schlaf.