Die Frage nach der Seele und die Macht der Evolution – Warum der Mensch seine Sonderstellung nicht wissenschaftlich begründen kann

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Seit jeher betrachtet sich der Mensch als die Krone der Schöpfung, als das Wesen, dem eine besondere Würde und ein höherer Wert zukommt als allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Diese Überzeugung durchzieht die gesamte Menschheitsgeschichte und bildet das Fundament nahezu aller religiösen, philosophischen und rechtlichen Systeme, die je ersonnen wurden. Doch in den vergangenen Jahrhunderten hat die Wissenschaft begonnen, an den Grundfesten dieses Selbstverständnisses zu rütteln, und insbesondere die Evolutionstheorie stellt die Annahme einer menschlichen Sonderstellung radikal infrage. Der folgende Text untersucht, warum der Glaube an eine unsterbliche Seele mit den Erkenntnissen der modernen Biologie unvereinbar ist und weshalb diese Erkenntnis bei so vielen Menschen tiefes Unbehagen auslöst. Es geht dabei um nichts Geringeres als um die Frage, was den Menschen tatsächlich von den Tieren unterscheidet und ob es überhaupt eine wissenschaftlich haltbare Grundlage für die behauptete moralische Überlegenheit unserer Spezies gibt.

Die mächtigste Spezies und ihre moralische Selbstgewissheit

Es besteht kein vernünftiger Zweifel daran, dass der moderne Mensch die mächtigste Spezies ist, die jemals die Erde bevölkert hat. Keine andere Art hat es vermocht, den gesamten Planeten nach ihren Vorstellungen umzugestalten, Ökosysteme in nie gekanntem Ausmaß zu verändern und über das Schicksal unzähliger anderer Lebewesen zu bestimmen. Zugleich glaubt der Mensch nur allzu gerne, dass er nicht nur mächtiger, sondern auch moralisch höherstehend sei als alle übrigen Geschöpfe. Er ist fest davon überzeugt, dass sein eigenes Leben einen ungleich größeren Wert besitzt als das Leben eines Schweines, eines Elefanten oder eines Wolfes. Diese Überzeugung wird so selbstverständlich vorausgesetzt, dass sie kaum je ernsthaft hinterfragt wird, obwohl sie bei genauerer Betrachtung keineswegs so offenkundig ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Setzt bloße Macht ein Recht auf höheren Wert?

Die entscheidende Frage lautet nämlich, ob Macht allein ein Recht begründen kann und ob das Leben eines Menschen nur deshalb mehr wert sein soll als das Leben eines Tieres, weil das menschliche Kollektiv mächtiger ist als das Kollektiv der Tiere. Diese Frage lässt sich hervorragend veranschaulichen, wenn man den Vergleich zwischen zwei Staaten heranzieht, die über sehr unterschiedliche Machtmittel verfügen. Ein großes, wohlhabendes und militärisch überlegenes Land verfügt über weitaus mehr Einfluss als ein armes, zerrüttetes und machtloses Land. Bedeutet diese ungleiche Machtverteilung aber automatisch, dass die Bewohner des mächtigen Landes einen höheren Eigenwert besitzen als die Bewohner des schwachen Landes? Die meisten Menschen würden diese Frage entschieden verneinen und darauf bestehen, dass der Wert eines Menschenlebens nicht von der geopolitischen Stärke seines Heimatlandes abhängen darf.

Die ungerechte Praxis der weltweiten Machtverteilung

In der gelebten Realität sieht die Sache freilich anders aus, denn in die Bildung, die Gesundheit und die Sicherheit eines durchschnittlichen Bürgers eines reichen und mächtigen Landes wird ein Vielfaches dessen investiert, was einem Menschen in einem armen und machtlosen Land zuteilwird. Wird ein Bürger eines mächtigen Staates getötet, so führt das auf der internationalen Bühne zu einem deutlich lauteren Aufschrei und zu weitaus mehr diplomatischen Reaktionen, als wenn ein Bürger eines schwachen Staates gewaltsam ums Leben kommt. Nach der allgemeinen moralischen Überzeugung der Menschheit handelt es sich dabei jedoch lediglich um eine ungerechte Folge der geopolitischen Machtverteilung und keineswegs um einen Ausdruck eines tatsächlichen Wertunterschiedes. Ein Kind, das in den unwirtlichen Bergen einer Krisenregion aufwächst, gilt demnach als genauso heilig und schützenswert wie ein Kind, das in einer wohlhabenden Wohngegend einer westlichen Großstadt heranwächst. Die Machtverteilung mag ungerecht sein, aber sie begründet keinen Unterschied im Wert der betroffenen Menschenleben.

Der vermeintlich tiefere Grund für die menschliche Sonderstellung

Wenn der Mensch hingegen seine eigenen Kinder über die Ferkel einer Sau stellt, dann will er darin etwas Tieferliegendes erkennen als bloß die ökologische Machtverteilung zwischen den Arten. Er will glauben, dass das menschliche Leben tatsächlich auf eine grundsätzliche und wesenhafte Weise höherwertig ist als das tierische Leben. Der Mensch redet sich nur allzu gerne ein, dass er über eine besondere Eigenschaft verfügt, die nicht nur für seine ungeheure Macht verantwortlich ist, sondern zugleich seine privilegierte Stellung im Gefüge der Lebewesen moralisch rechtfertigt. Diese Eigenschaft soll gleichsam ein Funke sein, der den Menschen aus der Reihe aller übrigen Geschöpfe heraushebt und ihm eine unvergleichliche Würde verleiht. Doch was genau ist dieser einzigartige menschliche Funke, auf den sich die gesamte moralische Sonderstellung stützen soll?

Die traditionelle Antwort der monotheistischen Religionen

Die traditionelle Antwort der großen monotheistischen Glaubensrichtungen lautet, dass ausschließlich der Mensch über eine unsterbliche Seele verfügt, die seinen Körper überdauert und ihm eine ewige Existenz sichert. Während der sterbliche Leib nach dem Tod verfällt und verrottet, reist die Seele weiter in Richtung einer Erlösung oder einer Verdammnis und wird entweder immerwährende Freude oder ewiges Elend erfahren. Die Tiere hingegen besitzen nach dieser Auffassung keine Seele und haben daher an diesem großen kosmischen Drama von Erlösung und Verdammnis keinen Anteil. Sie leben lediglich einige wenige Jahre, dann sterben sie und entschwinden für immer ins Nichts, ohne dass von ihnen etwas Ewiges zurückbleibt. Aus dieser Sichtweise ergibt sich die zwingende Folgerung, dass der Mensch sich viel mehr um die unsterblichen menschlichen Seelen kümmern sollte als um die vergänglichen Körper der Tiere.

Ein Mythos von ungebrochener Wirkmacht

Diese Vorstellung ist keineswegs ein harmloses Märchen aus der Kindheit der Menschheit, sondern ein äußerst wirkmächtiger Mythos, der auch in der heutigen Zeit noch das Leben von Milliarden von Menschen und Tieren auf diesem Planeten bestimmt. Die tiefe Überzeugung, dass der Mensch eine unsterbliche Seele besitzt, während die Tiere nur über einen vergänglichen Körper verfügen, bildet einen zentralen und unverzichtbaren Pfeiler unseres gesamten rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems. Sie erklärt und rechtfertigt, warum es in den Augen der meisten Menschen völlig in Ordnung ist, wenn Menschen Tiere töten, um Nahrung zu gewinnen oder um sich schlicht zu vergnügen. Ohne den Glauben an die Seele wäre diese massenhafte Tötung von Lebewesen weit schwieriger zu rechtfertigen, denn dann bliebe nur die nackte Macht als Begründung übrig. Der Seelenglaube verleiht der menschlichen Herrschaft über die Tiere somit eine moralische und metaphysische Legitimation, die ohne ihn schlichtweg fehlen würde.

Die wissenschaftliche Widerlegung des Seelenglaubens

Die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse stehen diesem monotheistischen Mythos freilich in eklatanter Weise entgegen und lassen ihn in einem zunehmend fragwürdigen Licht erscheinen. Immerhin bestätigen die zahllosen Laborexperimente zumindest einen Teil der religiösen Behauptung, denn die Tiere haben tatsächlich keine Seele, wie es die Glaubenslehren verkünden. All die sorgfältigen Studien und akribischen Untersuchungen, die im Laufe der Jahrzehnte durchgeführt wurden, konnten bei Schweinen, bei Ratten oder bei Affen nicht die geringste Spur einer Seele entdecken. Doch die gleichen Experimente und Forschungen bringen den zweiten und weitaus wichtigeren Teil des monotheistischen Mythos schwer ins Wanken, nämlich die Behauptung, dass der Mensch sehr wohl eine Seele besitze. Die Wissenschaftler haben den modernen Menschen Zehntausenden von seltsamen und aufwendigen Experimenten unterworfen und in jeden Winkel seines Herzens und in jede Windung seines Gehirns geschaut, ohne jemals einen magischen Funken zu finden.

Der fehlende Beweis und der Widerspruch zur Evolution

Es gibt bis zum heutigen Tag keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür, dass der Mensch im Gegensatz zu den Tieren über eine Seele verfügt, und dieser Befund ist für die religiösen Traditionen überaus beunruhigend. Man könnte nun freilich einwenden, dass die Wissenschaftler einfach weiter suchen müssten und dass sie die Seele nur deshalb noch nicht gefunden hätten, weil sie nicht genau genug hingeschaut hätten. Doch die Biowissenschaften zweifeln nicht nur deshalb an der Existenz einer Seele, weil dazu bislang jeder empirische Beweis fehlt. Sie zweifeln vor allem deshalb daran, weil allein schon die Vorstellung einer Seele den grundlegendsten Prinzipien der Evolution widerspricht und mit ihnen schlicht unvereinbar ist. Dieser fundamentale Widerspruch ist denn auch der eigentliche Grund für den unbändigen Hass und die heftige Ablehnung, die die Evolutionstheorie bei vielen gläubigen Menschen bis heute auslöst.

Die anhaltende Ablehnung der Evolutionslehre

Eine großangelegte Meinungsumfrage in den Vereinigten Staaten hat ergeben, dass nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung glaubt, der Mensch sei allein durch natürliche Auslese ohne jedes göttliche Mitwirken entstanden. Etwa ein Drittel der Befragten ist der Ansicht, die Menschen seien zwar im Zuge eines langen Prozesses aus früheren Lebensformen entstanden, aber ein höheres Wesen habe diesen gesamten Vorgang gelenkt und dirigiert. Fast die Hälfte der Befragten meint sogar, ein Schöpfergott habe die Menschen in ihrer heutigen Form innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne der Erdgeschichte erschaffen. Besonders bemerkenswert ist, dass der Grad der formalen Bildung auf diese Überzeugungen so gut wie keine Auswirkung hat. Selbst unter Menschen mit den höchsten akademischen Abschlüssen glaubt ein erheblicher Anteil an die wörtliche Schöpfungsgeschichte, während nur eine Minderheit die natürliche Auslese als alleinige Erklärung für die Entstehung unserer Art akzeptiert.

Die Forderung nach einer vermeintlichen Alternative

Obwohl die Schulen bei der Vermittlung der Evolutionslehre offensichtlich nicht besonders erfolgreich sind und viele Schüler die Inhalte nicht verinnerlichen, beharren religiöse Eiferer gleichwohl darauf, dass die Evolutionstheorie im Unterricht überhaupt nicht gelehrt werden sollte. Stattdessen verlangen sie, dass man den Kindern auch die Vorstellung eines intelligenten Entwurfs nahebringt, der zufolge sämtliche Organismen durch den Plan einer höheren Intelligenz geschaffen wurden. Diese Eiferer fordern, man solle den Schülern beide Erklärungen gleichermaßen präsentieren und sie dann selbst entscheiden lassen, welcher sie Glauben schenken wollen. Auf den ersten Blick mag diese Forderung nach einer ausgewogenen Darstellung vernünftig und fair erscheinen. Bei genauerer Betrachtung offenbart sie jedoch ein tiefes Unverständnis dessen, was wissenschaftliche Theorien sind und wie sie sich von Glaubenssätzen unterscheiden.

Warum die Evolutionstheorie anders bekämpft wird als andere Theorien

Es stellt sich die berechtigte Frage, warum die Evolutionstheorie auf solche heftigen Vorbehalte stößt, während an der Relativitätstheorie oder an der Quantenmechanik niemand etwas auszusetzen hat und niemand ihre Abschaffung fordert. Kein Politiker käme auf die Idee zu verlangen, dass Kinder auch mit alternativen Theorien über Materie, Energie, Raum und Zeit konfrontiert werden sollten. Dabei wirken die Ideen der Evolution auf den ersten Blick weit weniger bedrohlich als die ungeheuerlichen Aussagen der modernen Physik. Die Evolutionstheorie beruht auf dem einfachen und klaren Prinzip des Überlebens des am besten Angepassten, einer Vorstellung, die geradezu banal anmutet. Die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik behaupten hingegen, man könne Raum und Zeit verbiegen, etwas könne aus dem Nichts auftauchen und ein Lebewesen könne sich gleichzeitig in zwei Zuständen befinden.

Der wahre Grund für die Angst vor der Evolution

Diese physikalischen Aussagen sprechen unserem gesunden Menschenverstand geradezu Hohn, und dennoch möchte niemand unschuldige Schulkinder vor diesen skandalösen Ideen schützen oder ihre Vermittlung verbieten. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Die Relativitätstheorie bringt deshalb niemanden auf, weil sie keiner unserer lieb gewonnenen Überzeugungen über uns selbst widerspricht. Die meisten Menschen scheren sich nicht im Geringsten darum, ob Raum und Zeit absolut oder relativ sind, und es kümmert sie nicht, ob man dem Gefüge des Universums eine Delle zufügen kann. Die Evolutionstheorie hingegen hat uns unserer Seelen beraubt und damit an einem der empfindlichsten Punkte unseres Selbstverständnisses getroffen. Wenn man die Evolutionstheorie richtig versteht, dann erkennt man unweigerlich, dass es keine unsterbliche Seele gibt, und das ist nicht nur für gläubige Menschen ein zutiefst erschreckender Gedanke.

Die Angst der Säkularen vor dem Verlust des ewigen Kerns

Dieser Gedanke ist auch für viele säkulare Menschen beunruhigend, die zwar keiner eindeutigen religiösen Glaubenslehre anhängen, aber trotzdem daran festhalten wollen, dass jeder Mensch einen ewigen individuellen Kern besitzt. Sie wollen glauben, dass dieser Kern das ganze Leben lang unverändert bleibt und selbst den Tod unbeschadet übersteht, auch wenn sie dafür keine religiöse Bezeichnung verwenden. Die wörtliche Bedeutung des Wortes Individuum lautet etwas, das sich nicht teilen lässt, und genau diese Unteilbarkeit wird als Wesensmerkmal des wahren Selbst verstanden. Dass ein Mensch ein Unteilbares ist, impliziert nach dieser Auffassung, dass sein wahres Selbst ein ganzheitliches und zusammenhängendes Gebilde ist und keine bloße Ansammlung von Einzelteilen. Dieser unteilbare Wesenskern überdauert vermeintlich von einem Augenblick zum nächsten, ohne dass er irgendetwas verliert oder Neues in sich aufnimmt.

Der beständige Wandel des Körpers und die Illusion der Konstanz

Der eigene Körper und das eigene Gehirn sind einem fortwährenden Prozess des Wandels unterworfen, bei dem Nervenzellen feuern, Hormone durch die Blutbahnen fließen und Muskeln sich zusammenziehen und wieder entspannen. Die eigene Persönlichkeit, die eigenen Wünsche und die eigenen Beziehungen stehen niemals still und können sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte völlig verändern und ein neues Antlitz annehmen. Doch unter all diesem beständigen Wandel bleibt der Mensch nach seinem eigenen Empfinden von der Geburt bis zum Tod die gleiche Person, und er hofft inständig, dass diese Identität auch über den Tod hinaus Bestand haben möge. Diese tiefe Sehnsucht nach einem unvergänglichen Selbst ist eine der stärksten Triebkräfte des menschlichen Denkens und Fühlens. Sie erklärt, warum die Vorstellung einer unsterblichen Seele für so viele Menschen so tröstlich und unverzichtbar ist, dass sie lieber die Wissenschaft ablehnen als ihren Glauben an diesen ewigen Kern aufzugeben.

Die Evolution kennt keine unteilbaren Gebilde

Die Evolutionstheorie lehrt uns jedoch, dass kein biologisches Wesen ein unteilbares, unveränderliches und potenziell ewiges Gebilde ist, und sie widerspricht damit der Vorstellung einer Seele auf das Entschiedenste. Der Evolutionstheorie zufolge bestehen alle lebenden Organismen, von den größten Elefanten und den mächtigsten Eichen bis hin zu den winzigsten Zellen und den kleinsten Erbmolekülen, aus kleineren und einfacheren Teilen. Diese Teile verbinden sich unablässig miteinander und trennen sich wieder voneinander, und aus diesem beständigen Wechselspiel von Verbindung und Trennung entsteht alles Leben. Die Elefanten und die Zellen sind infolge immer neuer Kombinationen und Aufspaltungen allmählich entstanden, über unvorstellbar lange Zeiträume hinweg. Etwas, das sich nicht teilen oder verändern lässt, kann durch den Prozess der natürlichen Auslese schlichtweg nicht entstanden sein, denn die Evolution beruht auf dem Wandel.

Das Beispiel des menschlichen Auges

Das menschliche Auge ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Evolution funktioniert, denn es ist ein äußerst komplexes System, das aus zahlreichen kleineren Teilen wie der Linse, der Hornhaut und der Netzhaut besteht. Dieses Auge war nicht mitsamt all seinen Komponenten wie aus dem Nichts auf einmal vollständig vorhanden, sondern es ist in einem kleinen Schritt nach dem anderen über unvorstellbar lange Zeiträume entstanden. Unser heutiges Auge ähnelt stark dem Auge jener aufrecht gehenden Frühmenschen, die vor einer sehr langen Zeit lebten, und etwas weniger ähnelt es dem Auge noch älterer Vorfahren. Deutlich unterscheidet es sich vom Auge jener winzigen Wesen, die vor undenklichen Zeiten die Erde bewohnten, und es scheint auf den ersten Blick nichts mit den einzelligen Organismen zu tun zu haben, die unseren Planeten in seiner Frühzeit bevölkerten. Und doch führt eine ununterbrochene Linie von diesen einfachsten Lebewesen bis zum hochkomplexen menschlichen Auge.

Der lange Weg vom Lichtsensor zum Auge

Selbst einzellige Organismen besitzen winzige Bestandteile, die es dem Mikroorganismus ermöglichen, Licht und Dunkelheit zu unterscheiden und sich in Richtung des einen oder des anderen zu bewegen. Der Weg, der von solch archaischen Sinnesorganen zum hochentwickelten menschlichen Auge führt, ist lang und windungsreich, aber in den unermesslichen Zeiträumen der Erdgeschichte kann selbst eine solche Strecke Schritt für Schritt bewältigt werden. Möglich ist das nur, weil das Auge aus vielen verschiedenen Teilen besteht, die jeweils für sich genommen kleinen Veränderungen unterliegen können. Wenn alle paar Generationen eine kleine Mutation eines dieser Teile geringfügig verändert, etwa indem sich die Hornhaut ein winziges Stück mehr rundet, dann können diese Veränderungen nach einer unvorstellbaren Anzahl von Generationen zu einem menschlichen Auge führen. Wäre das Auge ein ganzheitliches Gebilde ohne irgendwelche Teile, dann wäre es niemals durch natürliche Auslese entstanden, denn es gäbe nichts, was schrittweise verändert werden könnte.

Die Unvereinbarkeit von Seele und Evolution

Aus genau diesem Grund kann die Evolutionstheorie die Vorstellung einer Seele nicht akzeptieren, zumindest dann nicht, wenn wir mit Seele etwas Unteilbares, Unveränderliches und potenziell Ewiges meinen. Ein solches Gebilde kann schlicht und ergreifend nicht aus einer schrittweisen Evolution erwachsen, denn die Evolution braucht Teile, die sie verändern, kombinieren und neu zusammensetzen kann. Die natürliche Auslese konnte ein menschliches Auge hervorbringen, weil das Auge aus Teilen besteht, die jeweils dem Wandel unterliegen. Die Seele aber hat keine Teile, und deshalb gibt es nichts an ihr, was der Evolution als Ansatzpunkt dienen könnte. Wenn sich die Seele des modernen Menschen schrittweise aus der Seele seiner Vorfahren entwickelt hätte, dann müsste man fragen können, wie genau diese Schritte aussahen und welcher Teil der Seele dabei stärker entwickelt wurde.

Die Unmöglichkeit eines plötzlichen Erscheinens der Seele

Doch die Seele hat eben keine Teile, und daher kann man diese Frage nicht beantworten, was die Vorstellung einer evolutionären Entstehung der Seele vollends unmöglich macht. Man könnte nun behaupten, die Seele des Menschen habe sich nicht nach und nach entwickelt, sondern sei eines Tages in vollem Glanze einfach aufgetaucht, ohne jede Vorstufe und ohne jeden Übergang. Schaut man sich die Entwicklung der Menschheit genauer an, so ist dieser Tag peinlicherweise außerordentlich schwer zu finden, ja er scheint überhaupt nicht existiert zu haben. Jeder Mensch, der je existierte, entstand dadurch, dass eine männliche Samenzelle eine weibliche Eizelle befruchtete, und dieser Vorgang vollzieht sich ohne jede sichtbare Grenze zwischen beseelt und unbeseelt. Man stelle sich das erste Kind vor, das eine Seele besaß: Dieses Kind war seiner Mutter und seinem Vater sehr ähnlich, außer dass es eben über eine Seele verfügte und die Eltern nicht.

Die Biologie kann keinen Sprung zur Seele erklären

Unser biologisches Wissen kann ohne Zweifel die Geburt eines Kindes erklären, dessen Hornhaut ein wenig verkrümmter war als die seiner Eltern, denn eine leichte Mutation in einem einzigen Erbanlage kann dafür verantwortlich sein. Was die Biologie jedoch nicht erklären kann, ist die Geburt eines Kindes, das über eine unsterbliche Seele verfügt, während sich bei den Eltern nicht der Hauch einer solchen Seele findet. Es ist schlechterdings nicht vorstellbar, dass eine einzige oder auch nur eine Handvoll Mutationen ausreichen, um einem Lebewesen einen Wesenskern zu verschaffen, der gegen alle Veränderungen gefeit ist und sogar den Tod übersteht. Die Existenz von Seelen lässt sich daher nicht mit der Evolutionstheorie in Einklang bringen, und dieser Widerspruch ist fundamental und unauflösbar. Evolution bedeutet Veränderung, und die Veränderung ist nicht in der Lage, immerwährende und unveränderliche Gebilde hervorzubringen.

Das Erbgut als Motor der Mutation statt Sitz der Unsterblichkeit

Aus der Sicht der Evolution ist das, was einem menschlichen Wesenskern am nächsten kommt, unser Erbgut, und dieses Erbmolekül ist eher der Motor der Mutation als der Sitz der Unsterblichkeit. Das Erbgut verändert sich beständig, es unterliegt dem Wandel, und gerade dieser Wandel ist die Voraussetzung dafür, dass die Evolution überhaupt stattfinden kann. Ein unveränderliches und unteilbares Gebilde wie die Seele hätte in diesem System keinen Platz und keine Funktion, denn es könnte weder entstehen noch sich entwickeln noch weitergegeben werden. Diese Erkenntnis erschreckt viele Menschen zutiefst, denn sie rüttelt an einer der ältesten und tröstlichsten Überzeugungen der Menschheit. Und so lehnen viele Menschen lieber die gesamte Evolutionstheorie ab, als ihre geliebte Seele aufzugeben und sich der Vorstellung zu stellen, dass es keinen ewigen Kern in ihnen gibt.

 

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