Die Ära der menschlichen Vorherrschaft und die Transformation des Planeten
Screenshot youtube.comDie Geschichte des Lebens auf der Erde wurde über Jahrmillionen von gewaltigen Naturkräften geprägt, die das Schicksal aller Lebewesen bestimmten. Klimaveränderungen, tektonische Verschiebungen und kosmische Ereignisse formten die Evolution, ohne dass eine einzelne Spezies nennenswerten Einfluss auf das globale Ökosystem nehmen konnte. Diese fundamentale Ordnung änderte sich drastisch mit dem Aufstieg einer bestimmten Affenart, die lernte, ihre Umwelt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Die folgende Betrachtung untersucht, wie der Mensch vom einfachen Jäger und Sammler zur bestimmenden Kraft auf dem Planeten wurde und welche Folgen dies für die Tierwelt und die ökologischen Systeme hatte.
Die Illusion der gleichberechtigten Tierwelt
Betrachtet man populäre Unterhaltungsmedien, Kinderfilme oder klassische Märchenerzählungen, entsteht leicht der Eindruck, unsere Welt werde von majestätischen Raubtieren beherrscht, die dem Menschen ebenbürtig gegenüberstehen. Löwen, Wölfe und Tiger erscheinen als mächtige Herrscher ihrer Reviere, die in natürlicher Balance mit allen anderen Geschöpfen existieren. Diese romantische Vorstellung entspricht jedoch längst nicht mehr der Realität unseres Planeten. Die tatsächliche Machtverteilung hat sich grundlegend verschoben, wobei der Mensch zur alleinigen dominierenden Spezies aufgestiegen ist. Die einst gefürchteten Könige der Savanne und Wälder sind zu seltenen Relikten einer vergangenen Ära geworden, die nur noch in unserer Fantasie und in kulturellen Erzählungen weiterleben.
Das dramatische Ungleichgewicht zwischen Wildtieren und Haustieren
Die gegenwärtige Situation zeigt ein erschreckendes Missverhältnis zwischen wild lebenden Tieren und domestizierten Geschöpfen. In der Heimat der Gebrüder Grimm, jenem Land, das durch Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf geprägt wurde, existieren heute weniger als einhundert wilde Wölfe. Selbst bei diesen wenigen Tieren handelt es sich überwiegend um Zugewanderte aus östlichen Nachbarregionen, die in jüngster Zeit die Grenzen überschritten haben. Im krassen Gegensatz dazu leben in demselben Gebiet mehrere Millionen domestizierte Hunde, die vollständig vom Menschen abhängig sind. Diese Entwicklung spiegelt sich in globalen Dimensionen wider, wo nur noch wenige hunderttausend wilde Wölfe den Wäldern durchstreifen, während die Population gezähmter Hunde die Hundertmillionengrenze weit überschreitet.
Die globale Dominanz domestizierter Spezies
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache über die neue ökologische Ordnung. Während die Population der Löwen auf wenige zehntausend Exemplare geschrumpft ist, teilen sich mehr als sechshundert Millionen Hauskatzen den Planeten mit dem Menschen. Afrikanische Büffel, einst Symbole wilder Kraft, werden mit einer Population von unter einer Million von anderthalb Milliarden Rindern und Kühen weit übertroffen. Selbst in den entlegensten Regionen wie der Antarktis, wo fünfzig Millionen Pinguine ihr Dasein fristen, stehen diesen zwanzig Milliarden Hühner gegenüber, die ausschließlich der menschlichen Ernährung dienen. Trotz wachsenden Bewusstseins für ökologische Zusammenhänge haben sich die Bestände wild lebender Tiere seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts halbiert, wobei sie bereits zu jenem Zeitpunkt keineswegs als üppig bezeichnet werden konnten.
Der Rückgang der avifauna in Europa
Die Entwicklung in Europa verdeutlicht diesen dramatischen Wandel besonders eindrücklich. Zu Beginn der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bevölkerten noch etwa zwei Milliarden Wildvögel den europäischen Kontinent. Binnen weniger Jahrzehnte reduzierte sich dieser Bestand auf etwa sechzehn hundert Millionen Individuen. Im selben Zeitraum züchteten die Europäer nahezu zwei Milliarden Hühner, primär um deren Fleisch und Eier zu konsumieren. Diese Entwicklung zeigt, dass gegenwärtig mehr als neunzig Prozent aller großen Tiere, also solcher mit nennenswertem Körpergewicht, entweder Menschen oder von ihnen domestizierte Geschöpfe sind. Die wild lebenden Arten wurden zu einer verschwindenden Minderheit auf ihrem eigenen Planeten degradiert.
Das Anthropozän als neues geologisches Zeitalter
Wissenschaftler klassifizieren die Erdgeschichte traditionell in verschiedene geologische Epochen wie das Pleistozän, das Pliozän oder das Miozän. Offiziell bewohnen wir gegenwärtig das Holozän, doch diese Bezeichnung wird der Realität nicht mehr gerecht. Eine treffendere Beschreibung für die vergangenen siebzigtausend Jahre wäre das Anthropozän, also das Zeitalter der Menschheit. Während dieser langen Periode entwickelte sich der Homo sapiens zur wichtigsten Kraft, die den globalen ökologischen Wandel vorantreibt. Diese Entwicklung stellt ein beispielloses Phänomen in der Geschichte des Lebens dar, das weitreichende Konsequenzen für alle anderen Spezies hat.
Die beispiellose Macht einer einzelnen Spezies
Seit der Entstehung des Lebens vor etwa vier Milliarden Jahren hat keine einzelne Art jemals die globale Ökologie im Alleingang derart transformiert. Zwar gab es immer wieder ökologische Revolutionen und Phasen massenhaften Aussterbens, doch diese wurden niemals durch das Wirken einer bestimmten Echsenart, Fledermausspezies oder Pilzgruppe verursacht. Verantwortlich für solche einschneidenden Veränderungen waren stets gewaltige Naturkräfte wie Klimaveränderungen, Verschiebungen tektonischer Platten, Vulkanausbrüche oder Asteroideneinschläge. Manche Menschen fürchten noch immer solche kosmischen oder geologischen Katastrophen, wobei die Filmindustrie mit der Darstellung dieser Ängste beträchtliche Gewinne erzielt.
Die wahre Bedrohung geht vom Menschen aus
Die tatsächliche Gefahr massenhaften Aussterbens durch Asteroiden oder Supervulkane ist jedoch gering. Solche Ereignisse finden in Abständen von mehreren Millionen Jahren statt. Zwar wird irgendwann in den nächsten hundert Millionen Jahren vermutlich ein großer Himmelskörper mit unserem Planeten kollidieren, doch ein solches Ereignis in unmittelbarer Zukunft ist höchst unwahrscheinlich. Statt vor kosmischen Bedrohungen sollten wir vielmehr vor uns selbst Angst haben. Der Homo sapiens hat die Spielregeln der Evolution fundamental verändert. Diese eine Affenart vollbrachte es innerhalb von siebzigtausend Jahren, das globale Ökosystem radikal und ohne historisches Vorbild umzugestalten.
Der menschliche Einfluss übertrifft geologische Kräfte
Der menschliche Einfluss auf den Planeten entspricht heute bereits dem der Eiszeiten und der tektonischen Verschiebungen. Binnen eines Jahrhunderts dürfte unsere Wirkung sogar die des Asteroiden übertreffen, der vor fünfundsechzig Millionen Jahren das Ende der Dinosaurier besiegelte. Jener Himmelskörper veränderte zwar den Verlauf der Evolution an Land grundlegend, doch er modifizierte nicht die grundlegenden Regeln des Lebens. Diese Prinzipien galten seit dem ersten Auftauchen von Organismen vor vier Milliarden Jahren unverändert. Während all dieser Äonen entwickelten sich alle Lebewesen, von Viren bis zu Dinosauriern, nach den gleichbleibenden Prinzipien der natürlichen Auslese.
Die Überwindung organischer Grenzen
Das Leben blieb, mochte es auch noch so bizarre und ungewöhnliche Formen annehmen, stets auf den Bereich des Organischen beschränkt. Ob Kakteen in der Wüste oder Wale in den Ozeanen, alle bestanden ausschließlich aus organischen Komponenten. Gegenwärtig steht die Menschheit kurz davor, die natürliche Auslese durch intelligentes Design zu ersetzen. Zudem bereitet sie sich darauf vor, das Leben vom organischen auf den nicht-organischen Bereich auszudehnen. Selbst wenn wir diese Zukunftsaussichten ausklammern und lediglich die vergangenen siebzigtausend Jahre betrachten, wird offensichtlich, dass das Anthropozän die Welt auf noch nie dagewesene Weise verändert hat.
Die globale Vereinheitlichung der Ökosysteme
Asteroiden, die Plattentektonik und der Klimawandel beeinflussten zwar Organismen weltweit, doch ihre Wirkung fiel regional sehr unterschiedlich aus. Der Planet bestand niemals aus einem einzigen homogenen Ökosystem, sondern aus einer Ansammlung vieler nur lose miteinander verbundener ökologischer Einheiten. Als tektonische Verschiebungen Nord- und Südamerika miteinander verbanden, starben die meisten südamerikanischen Beuteltiere aus, während das australische Känguruh keinen Schaden nahm. Als die letzte Eiszeit vor zwanzigtausend Jahren ihren Höhepunkt erreichte, mussten sich Quallen im Persischen Golf und solche in der Bucht von Tokio an den Klimawandel anpassen.
Die Durchbrechung ökologischer Barrieren
Weil zwischen diesen Populationen keinerlei Verbindung bestand, reagierten sie jeweils unterschiedlich und entwickelten sich in verschiedene Richtungen. Der Homo sapiens hingegen durchbrach die Grenzen, die den Globus in eigenständige ökologische Zonen aufgeteilt hatten. Im Anthropozän wurde der Planet erstmals zu einer großen ökologischen Einheit. Australien, Europa und Amerika wiesen zwar weiterhin klimatische und topographische Unterschiede auf, doch die Menschen sorgten dafür, dass sich Organismen aus aller Welt auf geregelte Art vermischten, unabhängig von Entfernung und Geographie. Was als Rinnsal aus Holzbooten begann, entwickelte sich zu einem reißenden Strom aus Flugzeugen, Öltankern und riesigen Frachtschiffen.
Die globale Vernetzung der Arten
Diese Transportmittel durchqueren jeden Ozean und verbinden jede Insel und jeden Kontinent miteinander. Folglich lässt sich die Ökologie beispielsweise Australiens nicht mehr verstehen, wenn man die europäischen Säugetiere oder die amerikanischen Mikroorganismen außer Acht lässt, die seine Küsten und Wüsten überschwemmen. Schafe, Weizen, Ratten und Grippeviren, die Menschen in den letzten dreihundert Jahren nach Australien brachten, sind für die dortige Ökologie heute weitaus wichtiger als die einheimischen Kängurus und Koalas. Doch das Anthropozän ist kein neues Phänomen der letzten paar hundert Jahre.
Die frühe Ausrottung der Megafauna
Schon vor Zehntausenden von Jahren, als unsere steinzeitlichen Vorfahren sich von Ostafrika aus in alle Winkel des Planeten ausbreiteten, veränderten diese die Flora und Fauna auf jeder Insel und auf jedem Kontinent, auf denen sie sich niederließen. Alle anderen Menschenarten auf der Welt, neunzig Prozent der großen Tiere Australiens, fünfundsiebzig Prozent der großen Säugetiere in Amerika und rund fünfzig Prozent aller großen Landsäugetiere des Planeten trieben sie in den Untergang. Dies alles geschah, noch bevor sie das erste Weizenfeld bestellten, das erste Metallwerkzeug formten, den ersten Text schrieben oder die erste Münze prägten.
Die Verwundbarkeit großer Tierarten
Die Hauptleidtragenden dieser Entwicklung waren große Tiere, weil es von ihnen relativ wenige gab und sie sich nur sehr langsam fortpflanzten. Ein Vergleich zwischen Mammuts, die ausstarben, und Kaninchen, die überlebten, verdeutlicht diesen Zusammenhang. Ein Trupp von Mammuts umfasste niemals mehr als ein paar Dutzend Einzeltiere, und sie pflanzten sich mit einer Rate von vielleicht gerade einmal zwei Jungtieren pro Jahr fort. Wenn also der örtliche Menschenstamm lediglich drei Mammuts pro Jahr erlegte, genügte dies bereits, um die Population zu dezimieren. Die Zahl der Todesfälle überstieg die der Geburten, und binnen weniger Generationen verschwanden die Mammuts vollständig.
Die Überlebensstrategie kleiner Spezies
Die Kaninchen hingegen vermehrten sich außerordentlich schnell. Selbst wenn die Menschen jedes Jahr Hunderte von ihnen zur Strecke brachten, reichte dies nicht aus, um sie in den Untergang zu treiben. Nicht dass unsere Vorfahren es darauf angelegt hätten, die Mammuts gezielt auszulöschen. Sie waren sich lediglich der langfristigen Folgen ihres Handelns nicht bewusst. Das Aussterben der Mammuts und anderer großer Tiere mag nach evolutionären Zeitmaßstäben rasch vonstattengegangen sein, doch nach menschlichem Ermessen geschah dies langsam und allmählich.
Die Unwahrnehmung des schleichenden Verlusts
Menschen lebten nicht mehr als siebzig oder achtzig Jahre, während der Prozess des Aussterbens Jahrhunderte dauerte. Die alten Homo sapiens merkten vermutlich nicht einmal, dass eine Verbindung zwischen der jährlichen Mammutjagd, bei der nicht mehr als zwei oder drei Tiere getötet wurden, und dem Verschwinden dieser wuscheligen Riesen bestand. Allenfalls hat vielleicht ein nostalgischer Älterer skeptischen jüngeren Stammesmitgliedern erzählt, dass es in seiner Jugend noch viel mehr Mammuts gab als in der Gegenwart. Ähnliches galt für Mastodons und Riesenelche. Solche Berichte mögen als Übertreibungen abgetan worden sein, während die großen Tiere unaufhaltsam verschwanden.
















