Die Illusion der individuellen Heiligkeit und die Macht der massenhaften Zusammenarbeit

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Die Geschichte der Erde wird maßgeblich von einer einzigen Tierart bestimmt, die sich durch ihre Fähigkeit zur flexiblen Zusammenarbeit in größtem Ausmaß von allen anderen Lebewesen abhebt. Diese einzigartige Eigenschaft ermöglichte es den Menschen, die gesamte Planetenoberfläche zu gestalten, tief in die Geheimnisse der Materie vorzudringen und sogar das Weltall zu erreichen. Doch genau dieser Umstand wirft ein kritisches Licht auf die weitverbreitete Annahme, jedes einzelne Individuum besitze einen unantastbaren und heiligen Kern. Wenn der enorme Erfolg der Spezies nicht auf einer besonderen Seele beruht, sondern schlichtweg auf der schieren Menge und der Organisation, dann verliert das Konzept der individuellen Unantastbarkeit seine bisherige Grundlage. Diese Erkenntnis zwingt uns dazu, das menschliche Miteinander und die wahren Triebfedern unserer Gesellschaften völlig neu zu betrachten.

Der Trugschluss der besonderen menschlichen Natur

Wir neigen dazu, uns selbst als Krone der Schöpfung zu betrachten und leiten daraus allerlei Vorrechte ab. Als Beweis für diese Sonderstellung führen wir oft die gewaltigen Bauwerke und wissenschaftlichen Durchbrüche an, welche die Menschheit im Laufe der Zeit hervorgebracht hat. Dazu gehören monumentale Strukturen wie die alten Grabstätten in Ägypten oder die gewaltigen Befestigungsanlagen in Asien. Ebenso zählen die Entschlüsselung des innersten Aufbaus der Materie und die Erforschung des menschlichen Erbguts zu diesen herausragenden Meilensteinen. Hinzu kommen die physischen Expeditionen in die entlegensten Winkel der Erde und auf andere Himmelskörper.

Die wahre Quelle unserer monumentalen Errungenschaften

Wären all diese Triumphe das Ergebnis eines besonderen Wesenskerns, der in jedem Einzelnen von uns schlummert, dann wäre die Verehrung des einzelnen Lebens durchaus logisch. Da diese gewaltigen Leistungen jedoch in Wahrheit das Ergebnis des Zusammenwirkens unzähliger Individuen sind, bleibt die Begründung für die sakrosankte Stellung des Einzelnen völlig im Unklaren. Ein riesiger Schwarm von Insekten besitzt zweifellos eine weitaus größere Wirkungsmacht als ein einzelnes flatterndes Tier. Dennoch würde niemand behaupten, dass ein einzelnes Insekt aus dem Schwarm deshalb heiliger sei als ein einsamer Schmetterling. Ebenso herrschte eine politische Organisation in Osteuropa erfolgreich über die unorganisierte Bevölkerung ihres Landes.

Vergleiche aus der Tierwelt und der politischen Geschichte

Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass das Leben der Herrschenden wertvoller war als das der einfachen Bürger. Unsere Art versteht es weitaus besser als die Menschenaffen, effektive Strukturen zu schaffen, was den Bau von Fluggeräten für die Reise zum Mond erklärt, während unsere nächsten Verwandten im Zoo lediglich Steine werfen. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass wir höherwertige Lebewesen sind. Es hängt vielmehr davon ab, welche Mechanismen uns überhaupt erst zu dieser Form des Zusammenwirkens befähigen. Warum sind ausschließlich wir in der Lage, derart komplexe und ausgedehnte Gesellschaftsgefüge zu erschaffen?

Die Grenzen der persönlichen Bekanntschaft in der Tierwelt

Bei den meisten sozialen Säugetieren beruht das gemeinsame Handeln auf persönlicher Bekanntschaft und enger Vertrautheit. Unsere nächsten Verwandten im Dschungel gehen erst dann gemeinsam auf die Jagd, wenn sie sich gut kennen und eine feste Rangordnung etabliert haben. Aus diesem Grund verbringen diese Tiere sehr viel Zeit mit sozialen Interaktionen und ständigen Machtkämpfen. Treffen fremde Gruppen aufeinander, ist ein gemeinsames Handeln unmöglich, was meist in lautem Geschrei, Kämpfen oder sofortiger Flucht endet. Bei einer anderen Art der Menschenaffen sieht die Herangehensweise an soziale Bindungen etwas anders aus.

Die Strategie der friedlichen Konfliktlösung bei unseren Verwandten

Diese Tiere nutzen die körperliche Liebe, um Spannungen abzubauen und das soziale Gefüge zu stärken. Daher ist die gleichgeschlechtliche Liebe bei ihnen ein häufiges und völlig normales Mittel zur Pflege des Zusammenhalts. Wenn zwei fremde Gruppen aufeinandertreffen, herrscht zunächst Angst und Feindseligkeit, die sich in lautem Heulen äußert. Sehr bald jedoch nähern sich die Weibchen der einen Gruppe den Fremden an und bieten eine friedliche und liebevolle Interaktion an. Diese Geste wird fast immer angenommen, und schon nach kurzer Zeit ist das ehemalige Schlachtfeld voller Tiere, die in allen erdenklichen Stellungen ihre Zuneigung austauschen.

Die unzureichende Basis persönlicher Beziehungen für große Netzwerke

Unsere Art ist mit diesen Tricks der Konfliktlösung und Bindung bestens vertraut. Manchmal bilden wir ähnliche Rangordnungen wie die gewalttätigeren Menschenaffen, während wir in anderen Situationen soziale Bande durch körperliche Liebe festigen. Doch persönliche Bekanntschaft, sei es durch Kämpfe oder durch Liebe, taugt nicht als Fundament für ein Zusammenwirken in riesigem Ausmaß. Man kann wirtschaftliche Krisen in Europa nicht lösen, indem man Politiker und Banker zu einem Faustkampf oder zu einem orgiastischen Fest einlädt. Die Forschung zeigt deutlich, dass ein Mensch höchstens zu 150 Individuen enge Beziehungen aufbauen kann.

Die Fehler kleiner Versuchsreihen für komplexe Gesellschaften

Was auch immer uns befähigt, riesige Netzwerke zu organisieren, enge persönliche Beziehungen sind es definitiv nicht. Diese Tatsache ist ein Dorn im Auge jener Wissenschaftler, welche die menschliche Gesellschaft durch kleine Versuche in geschlossenen Räumen entschlüsseln wollen. Aus organisatorischen und finanziellen Gründen wird die überwiegende Mehrzahl solcher Experimente an Einzelpersonen oder kleinen Gruppen durchgeführt. Es ist jedoch äußerst riskant, vom Verhalten kleiner Gruppen auf die Dynamik riesiger Gesellschaften zu schließen. Ein Staat mit 100000000 Einwohnern funktioniert grundlegend anders als eine kleine Gemeinschaft mit 100 Mitgliedern.

Die Grenzen der rationalen Wirtschaftslehre im Alltag

Ein bekanntes Beispiel aus der Verhaltensforschung ist ein Spiel, bei dem es um die Aufteilung einer Geldsumme geht. Üblicherweise erhält eine Person 100 Geldeinheiten, die sie nach eigenem Ermessen mit einer weiteren Person teilen soll. Der Empfänger des Angebots kann dieses entweder annehmen oder ablehnen, wobei im Falle einer Ablehnung beide leer ausgehen. Die klassischen Lehren der Wirtschaftswissenschaft behaupten, der Mensch sei eine rein vernunftgesteuerte Rechenmaschine. Nach dieser Logik würde der erste Teilnehmer 99 Einheiten behalten und der Empfänger würde eine winzige Einheit dankbar annehmen.

Die emotionale Logik des menschlichen Zusammenlebens

Die Vertreter dieser alten Lehren haben ihre geschützten Räume wohl nie verlassen, um die reale Welt zu betrachten. In der Praxis lehnen die meisten Menschen sehr niedrige Angebote ab, weil sie diese als ungerecht empfinden. Sie verzichten lieber auf einen kleinen Gewinn, als sich ausgenutzt zu fühlen. Da die reale Welt so funktioniert, machen die anfänglichen Teilnehmer meist faire Angebote, die eine gleichmäßige oder nur leicht ungleiche Verteilung vorsehen. Dieses Verhalten widerlegte die alten Wirtschaftslehren und führte zu der Erkenntnis, dass wir nicht von kühler Mathematik, sondern von warmer sozialer Logik gesteuert werden.

Die evolutionären Wurzeln unseres Gerechtigkeitssinns

Unsere Gefühle sind in Wahrheit komplexe Abläufe, die das Zusammenleben in frühen Gruppen von Jägern und Sammlern widerspiegeln. Wenn jemand vor 10000 Jahren bei der Jagd half und danach die gesamte Beute für sich behielt, akzeptierte man dies nicht stillschweigend. Stattdessen liefen die evolutionären Programme auf Hochtouren, der Körper schüttete Hormone aus, und man brachte seinen Zorn lautstark zum Ausdruck. Auch wenn man kurzfristig hungerte oder Prügel riskierte, zahlte sich diese Wut langfristig aus, da der Betrüger es sich beim nächsten Mal überlegte. Wir lehnen unfaire Angebote ab, weil jene, die solche Demütigungen klaglos hinnahmen, in der Steinzeit nicht überlebten.

Der angeborene Sinn für Gleichheit bei Tieren und frühen Menschen

Beobachtungen an heutigen Naturvölkern stützen diese Annahme, da ihre Gruppen stark auf Gleichheit bedacht sind. Kehrt ein Jäger mit reicher Beute zurück, erhält jedes Gemeinschaftsmitglied seinen gerechten Anteil. Ähnliches Verhalten zeigen auch unsere nächsten Verwandten im Dschungel, die erlegte Tiere stets untereinander aufteilen. In einem aufschlussreichen Versuch erhielten zwei nebeneinander sitzende Affen für das Übergeben von Steinen zunächst Gurkenstücke als Belohnung. Als einer der Affen plötzlich Weintrauben erhielt, während der andere weiterhin nur Gurken bekam, war dieser zutiefst empört.

Die Diskrepanz zwischen kleinen Gruppen und riesigen Reichen

Der betrogene Affe warf seine Belohnung wutentbrannt zurück und protestierte lautstark gegen diese Ungerechtigkeit. Solche Beobachtungen führten zu der Annahme, dass Primaten eine natürliche Moral besitzen und Gleichheit ein universeller Wert ist. Diese Theorien mögen für kleine Gruppen von Affen oder Naturvölkern sowie für Versuche in geschlossenen Räumen zutreffen. Doch sobald man das Verhalten riesiger Menschenmassen betrachtet, offenbart sich eine völlig andere Wirklichkeit. Die meisten historischen Reiche waren extrem ungleich, dennoch waren sie überraschend stabil und funktionierten über lange Zeiträume.

Die Stabilität extremer Ungleichheit in der Geschichte

Im alten Ägypten ruhte der Herrscher in luxuriösen Gemächern auf weichen Polstern, trug edle Gewänder und ließ sich von schönen Dienern mit Früchten füttern. Durch das Fenster blickte er auf die Bauern, die in schmutziger Kleidung unter der brennenden Sonne schufteten und froh sein mussten, wenn sie am Abend eine einfache Gurke essen durften. Dennoch begehrten diese ausgebeuteten Menschen nur äußerst selten gegen ihre Herrscher auf. Jahrtausende später zog ein preußischer Herrscher in ein Gebiet ein und löste damit eine Serie blutiger Kriege aus, die ihm den Ruf eines großen Feldherren einbrachten. Diese Konflikte kosteten zahllose Menschen das Leben oder stürzten sie ins tiefste Elend.

Das Rätsel des Gehorsams in militärischen Hierarchien

Die Soldaten dieses Herrschers waren meist unglückliche Rekruten, die einem eisernen Drill und harter Disziplin unterworfen waren. Es ist wenig verwunderlich, dass diese Männer ihren Oberbefehlshaber nicht liebten, sondern eher fürchteten oder hassten. Der Herrscher bemerkte einst, dass es ihn am meisten beeindrucke, wie er sicher vor 60000 bewaffneten Männern stehe, die alle seine Feinde sein könnten, doch stattdessen in seiner Gegenwart zitterten. Trotz aller Härten und des Elends erhoben sich diese gewaltigen Armeen kein einziges Mal gegen ihren Herrn, sondern kämpften mit außergewöhnlichem Mut für ihn. Viele riskierten ihr Leben und opferten es sogar für eine Sache, die ihnen eigentlich nur Leid brachte.

Die Mechanismen der Kontrolle in Massengesellschaften

Dieses Verhalten widerspricht völlig den Erwartungen, die man aufgrund der kleinen Verteilungsspiele und der Affenversuche haben könnte. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass eine riesige Masse von Menschen grundlegend anders reagiert als eine kleine Gruppe. Würde man ein solches Spiel mit zwei Gruppen von je 1000000 Menschen durchführen, die gewaltige Summen verteilen müssten, käme es zu faszinierenden Dynamiken. Da 1000000 Menschen nicht gemeinsam entscheiden können, würden sie kleine herrschende Eliten ernennen. Wenn diese Eliten dann extrem ungleiche Angebote aushandelten, könnten die Anführer der benachteiligten Gruppe diese durchaus akzeptieren.

Die Erfindung göttlicher und natürlicher Ordnungen

Sie würden einen Teil des Gewinns auf geheime Konten im Ausland verschieben und gleichzeitig einen Aufstand ihrer Anhänger durch eine Mischung aus Belohnung und Bestrafung verhindern. Die Führung würde damit drohen, Abweichler hart zu bestrafen, während sie den Duldsamen ewige Belohnung im Jenseits verspricht. Genau dies geschah im alten Ägypten und im Preußen der Vergangenheit, und so funktionieren die Dinge noch immer in zahlreichen Ländern der Gegenwart. Mit Hilfe solcher Drohungen und Versprechungen gelingt es, stabile Hierarchien und riesige Netzwerke zu schaffen. Dies funktioniert jedoch nur, solange die Menschen glauben, dass diese Ordnungen auf unvermeidlichen Naturgesetzen oder göttlichen Geboten beruhen und nicht auf menschlichen Launen.

Die Kraft der gemeinsamen Vorstellungswelt

Jede Form von Zusammenarbeit in großem Ausmaß beruht letztlich auf unserem Glauben an erfundene Ordnungen. Dies sind Gefüge von Regeln, die zwar nur in unserer Fantasie existieren, die wir aber für so real und unumstößlich halten wie die Schwerkraft. Wer den göttlichen Vorschriften folgt und die Ahnen ehrt, dem wird ein Platz im Jenseits versprochen, während Ungläubige mit ewiger Verdammnis bedroht werden. Solange alle Menschen an einem bestimmten Ort an die gleichen Geschichten glauben, folgen sie den gleichen Regeln. Dadurch lässt sich das Verhalten von Fremden leicht vorhersagen und die Organisation riesiger Netzwerke wird möglich.

Die sichtbaren Zeichen des gemeinsamen Glaubens

Die Menschen nutzen häufig sichtbare Merkmale wie eine bestimmte Kopfbedeckung, einen Bart oder eine geschäftliche Kleidung, um ihre Zugehörigkeit zu signalisieren. Diese äußeren Zeichen zeigen dem Gegenüber, dass er demselben Glauben anhängt und man ihm daher vertrauen kann. Unsere nächsten Verwandten im Dschungel sind nicht in der Lage, solche Geschichten zu erfinden und zu verbreiten. Aus diesem Grund können sie auch nicht in großer Zahl und über weite Distanzen hinweg zusammenarbeiten. Die Menschheit hingegen hat durch die Kraft der gemeinsamen Mythen und erfundenen Wahrheiten die gesamte Erde unterworfen.

 

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