Wie der Animismus die älteste Weltsicht der Menschheit prägte und warum er aus unserem Gedächtnis verschwand

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Die Frage, wie der Mensch sich selbst in der Natur verortet und welches Verhältnis er zu den übrigen Lebewesen einnimmt, gehört zu den ältesten und zugleich folgenreichsten Fragen der Menschheitsgeschichte. Über Zehntausende von Jahren hinweg lebten unsere Vorfahren als Jäger und Sammler in einer Welt, die sie nicht als getrennt von sich selbst begriffen, sondern als ein gemeinsames Geflecht aus sprechenden, fühlenden und handelnden Wesen. Erst mit dem Aufkommen der großen Schriftreligionen und der sesshaften Lebensweise veränderte sich dieses Verhältnis grundlegend und wich einer Ordnung, in der der Mensch sich über die Natur erhob. Der folgende Text zeichnet nach, wie die animistische Weltsicht einst das gesamte Dasein bestimmte, wie sie in vereinzelten Gemeinschaften bis in die Gegenwart fortlebt und auf welche Weise die biblische Überlieferung diese alte Sichtweise verdrängte und zugleich in verborgenen Spuren bewahrte.

Die Welt als gemeinsamer Lebensraum aller Wesen

Sowohl anthropologische als auch archäologische Befunde weisen mit großer Deutlichkeit darauf hin, dass die frühen Jäger und Sammler einer zutiefst animistischen Weltsicht anhingen. In ihrem Verständnis gab es keine unüberbrückbare Trennung zwischen dem Menschen und den übrigen Geschöpfen der Erde. Tiere, Pflanzen, Steine und Gewässer wurden nicht als stumme Objekte betrachtet, sondern als gleichberechtigte Teilnehmer an einer gemeinsamen Existenz. Die gesamte bekannte Welt, also das heimatliche Tal mitsamt den umgebenden Bergzügen, den Wäldern und Flussläufen, gehörte allen ihren Bewohnern in gleicher Weise. Es gab keinen Besitzer, keinen Herrscher über die Landschaft, sondern lediglich eine Gemeinschaft von Wesen, die denselben Raum teilten und denselben Gesetzen folgten.

Zu den grundlegenden Regeln dieses Zusammenlebens gehörte ein ununterbrochener Austausch zwischen allen Beteiligten. Die Menschen sprachen mit den Tieren, die ihnen auf der Jagd oder beim Sammeln begegneten, ebenso selbstverständlich wie mit den Bäumen, unter deren Schatten sie rasteten, oder mit den Steinen, aus denen sie ihre Werkzeuge fertigten. Auch Feen, Dämonen, Geister und andere unsichtbare Wesenheiten wurden in dieses Gespräch einbezogen und als gleichwertige Gesprächspartner anerkannt. Aus diesem dichten Netz der Kommunikation erwuchsen die Werte, Normen und Verhaltensregeln, die für alle Beteiligten gleichermaßen verbindlich waren. Ob Mensch, Elefant, Eiche oder Gespenst, jedes Wesen war in dieselbe sittliche Ordnung eingebunden und hatte dieselben Pflichten wie Rechte zu achten.

Der Animismus als gelebte Gegenwart

Diese animistische Weltsicht ist keineswegs ein bloßes Relikt ferner Vergangenheit, sondern bestimmt noch immer das tägliche Leben einiger weniger Gemeinschaften von Jägern und Sammlern, die bis in unsere Tage überdauert haben. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert das Volk der Nayaka, das in den dichten Tropenwäldern Südindiens lebt und dort eine Lebensweise pflegt, die in ihren Grundzügen seit ungezählten Generationen unverändert geblieben ist. Der Forscher Danny Naveh verbrachte mehrere Jahre in der Mitte dieses Volkes und widmete sich der Aufgabe, ihre Vorstellungen von der Welt und ihrem Platz darin eingehend zu dokumentieren. Seine Beobachtungen offenbaren eine Denkweise, die sich in nahezu jeder Hinsicht von dem unterscheidet, was in den industrialisierten Gesellschaften als selbstverständlich gilt. Für die Nayaka ist der Wald kein Rohstofflager und kein Wirtschaftsraum, sondern eine Wohnstätte, die von vielen verschiedenen Personen bewohnt wird, von denen einige ein Fell tragen, andere Rinde, wieder andere weder das eine noch das andere.

Naveh berichtete, dass ein Nayaka, der im Dschungel unterwegs war und einem gefährlichen Tier wie einem Tiger, einer Schlange oder einem Elefanten gegenüberstand, nicht zur Waffe griff und nicht die Flucht ergriff, sondern das Tier mit Worten ansprach. Er erklärte dem Tier in ruhigem Ton, dass beide, Mensch und Tier, denselben Wald bewohnten und beide nur gekommen seien, um Nahrung zu finden. Der Mensch versicherte dem Tier, dass er ihm nichts zuleide tun wolle, und erwartete im Gegenzug, dass auch das Tier ihn in Frieden ließe. Diese Haltung war keine naive Romantik, sondern Ausdruck eines tief verwurzelten Glaubens an die Gleichwertigkeit aller Lebewesen und an die Verpflichtung, Konflikte durch Verständigung und nicht durch Gewalt zu lösen. Der Wald war in dieser Vorstellung ein gemeinsames Haus, in dem jeder Bewohner dem anderen Respekt schuldete.

Der einsame Elefant und die Trauer um den Gefährten

Ein besonders bewegendes Ereignis aus dem Leben der Nayaka verdeutlicht, wie ernsthaft und tiefgreifend ihre Beziehung zu den Tieren war. Ein Elefantenbulle, den die Gemeinschaft den stets allein umherziehenden Elefanten nannte, tötete eines Tages einen Angehörigen der Nayaka. Als daraufhin Beamte des indischen Forstministeriums eintrafen, um das Tier einzufangen und unschädlich zu machen, weigerten sich die Nayaka standhaft, bei dieser Unternehmung mitzuwirken. Sie begründeten ihre Haltung gegenüber dem Forscher damit, dass dieser Elefant einst eine sehr enge Bindung zu einem anderen Bullen gehabt habe, mit dem er stets gemeinsam durch den Wald gezogen sei. Die beiden Tiere seien unzertrennlich gewesen und hätten jede Nacht Seite an Seite verbracht, auch wenn sich ihre Wege in der Dunkelheit manchmal kurzzeitig trennten, denn am Morgen fanden sie stets wieder zueinander.

Dann jedoch fing das Forstministerium den Gefährten des Elefanten ein, und von diesem Tag an war der zurückgebliebene Bulle von Wut und Schmerz erfüllt. Die Nayaka erklärten dem Forscher, dass der Elefant habe mitansehen müssen, wie sein Kamerad zu Boden ging und nicht wieder aufstand. Sie fragten den Forscher, wie er sich wohl fühlen würde, wenn man ihm seinen engsten Gefährten für immer nähme, und gaben die Antwort gleich selbst: Genauso habe sich der Elefant gefühlt. In den Augen der Nayaka war der Elefant kein wildes, unberechenbares Tier, sondern ein trauerndes Wesen, das aus Verzweiflung und gebrochenem Herzen gewalttätig geworden war. Sein Verhalten wurde nicht als Bedrohung gedeutet, sondern als verständliche Reaktion auf einen Verlust, den jeder, ob Mensch oder Tier, auf dieselbe Weise empfinden würde.

Die Entfremdung der industrialisierten Welt vom Animismus

Ein solches Weltbild, in dem Tiere als fühlende, sprechende und trauernde Personen auftreten, wirkt auf die meisten Menschen in den industrialisierten Gesellschaften fremd und kaum nachvollziehbar. Die überwältigende Mehrheit betrachtet Tiere ganz automatisch als grundlegend verschieden vom Menschen und als ihm untergeordnet. Diese Haltung ist so tief in das kollektive Bewusstsein eingesickert, dass sie kaum noch hinterfragt wird und als natürliche Gegebenheit erscheint. Doch diese Selbstverständlichkeit hat eine Ursache, die in der zeitlichen Distanz zwischen dem Ende der Jäger-und-Sammler-Ära und der Entstehung unserer ältesten kulturellen Überlieferungen liegt. Selbst die frühesten Texte, auf die sich unsere abendländischen Traditionen berufen, wurden erst viele Jahrtausende nach dem Verschwinden der animistischen Lebensweise niedergeschrieben.

Die hebräische Bibel beispielsweise entstand im ersten Jahrtausend vor der Zeitenwende, und selbst ihre ältesten Erzählungen spiegeln die Lebenswirklichkeiten des zweiten Jahrtausends vor der Zeitenwende wider. Im Nahen Osten jedoch war das Zeitalter der Jäger und Sammler bereits viele Jahrtausende früher zu Ende gegangen. Es verwundert daher kaum, dass die biblischen Schriften die animistischen Überzeugungen ablehnen und ihnen keinen Raum mehr einräumen. In der gesamten umfangreichen biblischen Überlieferung, die von rätselhaften Taten, wundersamen Begebenheiten und außergewöhnlichen Ereignissen durchzogen ist, findet sich nur eine einzige Stelle, an der ein Tier unmittelbar mit einem Menschen ins Gespräch kommt. Diese eine Stelle steht ganz am Anfang und dient nicht als Vorbild, sondern als düstere Warnung vor den Folgen eines solchen Dialogs.

Die Schlange im Garten und das Verbot des Gesprächs

Die Erzählung vom Garten Eden schildert Adam und Eva als Wildbeuter, die von den Früchten der Erde leben, ohne den Boden zu bearbeiten. Ihre Vertreibung aus dem Paradies erinnert in verblüffender Weise an den tiefgreifenden Wandel, den die Einführung des Ackerbaus mit sich brachte. Anstatt dem Menschen weiterhin zu gestatten, wilde Früchte zu sammeln und sorglos zu leben, verurteilte ihn ein zorniger Gott dazu, seinen Lebensunterhalt durch mühsame Feldarbeit im Schweiße seines Angesichts zu bestreiten. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass die biblischen Tiere ausschließlich in der voragrarischen Zeit des Paradieses die Fähigkeit besitzen, mit den Menschen zu sprechen. Mit dem Übergang zur sesshaften Lebensweise und zum Ackerbau verstummt die tierische Stimme in der Überlieferung vollständig.

Die Lehre, die sich aus dieser Erzählung ziehen lässt, ist eindeutig und unmissverständlich: Man soll nicht auf Schlangen hören, und man soll es am besten gänzlich unterlassen, mit Tieren oder Pflanzen ein Gespräch zu führen, denn ein solches Gespräch bringt nichts als Unheil und Vertreibung. Die einzige weitere Stelle, an der ein Tier in der Bibel Worte spricht, betrifft die Eselin des Bileam, doch auch hier handelt es sich nicht um einen echten Dialog zwischen zwei gleichwertigen Wesen. Die Eselin übermittelt lediglich eine Botschaft Gottes und dient als Werkzeug einer höheren Instanz, ohne dass ihr eine eigene Stimme oder eine eigene Perspektive zugestanden würde. Damit ist die animistische Vorstellung eines allumfassenden Gesprächs zwischen allen Wesen in der biblischen Welt endgültig verbannt und durch eine Ordnung ersetzt, in der allein Gott spricht und der Mensch gehorcht.

Die Schlange als Urahn und die verborgenen Schichten des Mythos

Doch die biblische Erzählung birgt noch weit tiefere und ältere Bedeutungsschichten, die sich unter der Oberfläche der späteren theologischen Deutung verbergen. In den meisten semitischen Sprachen bedeutet der Name Eva so viel wie Schlange oder gar weibliche Schlange. Hinter dem Namen der biblischen Urmutter verbirgt sich somit ein uralter animistischer Mythos, dem zufolge Schlangen nicht die Feinde des Menschen sind, sondern seine Vorfahren und Ahnen. Viele animistische Kulturen auf der ganzen Welt teilten die Überzeugung, dass der Mensch von Tieren abstamme, und unter diesen Tieren nahmen Schlangen und andere Reptilien eine besonders prominente Stellung ein. Die meisten Aborigines in Australien glaubten, die Regenbogenschlange habe die gesamte Welt erschaffen und allen Wesen ihren Platz zugewiesen.

Die Stämme der Aranda und der Dieri behaupteten, ihre Völker stammten von Urechsen oder Urschlangen ab, die sich in Menschengestalt verwandelt hätten und so zu den Begründern der jeweiligen Gemeinschaft geworden seien. Diese Vorstellungen waren keine bloßen Fantasien, sondern bildeten das Fundament einer gesamten kosmologischen Ordnung, in der Mensch und Tier durch Blut und Herkunft untrennbar verbunden waren. Bemerkenswerterweise glauben auch die modernen Menschen im Westen im Grunde genommen an eine ähnliche Abstammung, wenn auch in einer völlig anderen Sprache und mit anderen Begriffen. Die Gehirne eines jeden Menschen umschließen einen uralten Reptilienkern in Form des Hirnstamms, und der gesamte Aufbau des menschlichen Körpers entspricht im Wesentlichen dem eines abgewandelten Reptils. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis bestätigt somit auf ihre eigene Weise, was die animistischen Mythen seit jeher verkündeten: Der Mensch stammt von den Reptilien ab und trägt ihr Erbe in jedem Nerv und in jedem Knochen.

Die Auslöschung der animistischen Spuren und die Erhebung des Menschen

Die Verfasser der biblischen Schöpfungserzählung mögen in dem Namen der Eva einen letzten Rest der archaischen animistischen Überlieferungen aufbewahrt haben, doch ansonsten waren sie mit größtem Eifer darauf bedacht, jede weitere Spur dieser alten Weltsicht zu tilgen. Die Schöpfungserzählung verkündet ausdrücklich, dass der Mensch nicht von Schlangen abstamme, sondern von Gott persönlich aus unbelebter Materie geformt worden sei. Die Schlange ist in dieser Lesart nicht die Urahnin der Menschheit, sondern die Verführerin, die den Menschen dazu bringt, sich gegen seinen himmlischen Schöpfer aufzulehnen. Während die Animisten den Menschen als eine Tierart unter vielen betrachteten, die weder über noch unter den anderen stand, behauptet die biblische Überlieferung, der Mensch sei ein einzigartiges und herausgehobenes Geschöpf. Jeder Versuch, das Tierische im Menschen anzuerkennen oder die Verwandtschaft mit den übrigen Wesen zu betonen, wird in dieser Sichtweise als Leugnung der Macht und Herrschaft Gottes gedeutet.

Als jedoch die modernen Menschen im Zuge der naturwissenschaftlichen Forschung erkannten, dass sie tatsächlich von Reptilien abstammen und ihr Körper ein umgestaltetes Reptilienerbe darstellt, geschah etwas Bemerkenswertes. Sie lehnten sich gegen die göttliche Ordnung auf, hörten auf, den Geboten Gottes zu folgen, und viele von ihnen glaubten schließlich nicht einmal mehr an seine Existenz. Damit wiederholte sich auf einer neuen Ebene genau jener Vorgang, den die biblische Erzählung als den ersten Sündenfall beschreibt: Der Mensch hört auf eine Stimme, die nicht die Stimme Gottes ist, und wendet sich von seinem Schöpfer ab. Nur dass diese Stimme diesmal nicht aus dem Mund einer Schlange kam, sondern aus den Befunden der Forschung, die dem Menschen seine tierische Herkunft vor Augen führte und ihm damit die besondere Stellung nahm, die ihm die Schöpfungserzählung zugedacht hatte. So schließt sich ein Kreis, der vor vielen Jahrtausenden in den Wäldern der Jäger und Sammler seinen Anfang nahm und der bis in die Gegenwart nachwirkt, auch wenn die meisten Menschen ihn längst vergessen haben.

 

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