Die erste Säule des Glücks: Wie positive Gefühle den Umgang mit den dunklen Seiten des Lebens verwandeln
Screenshot youtube.comDie Frage, wie der Mensch sein inneres Gleichgewicht finden und bewahren kann, beschäftigt die Menschheit seit jeher und hat in den vergangenen Jahrzehnten eine neue wissenschaftliche Dringlichkeit erhalten. Die positive Psychologie hat sich dieser Frage mit besonderer Aufmerksamkeit gewidmet und ein gedankliches Gerüst entwickelt, das auf mehreren tragenden Grundpfeilern ruht. Der erste und vielleicht wesentlichste dieser Grundpfeiler betrifft die positiven Empfindungen, also jene Gefühle der Freude, der Dankbarkeit und der inneren Wärme, die dem Leben seine Leuchtkraft verleihen. Doch um die Bedeutung dieser positiven Empfindungen wirklich zu begreifen, muss man zunächst verstehen, wie die negativen Gefühle wirken, wie sie sich im Alltag ausbreiten und wie sie das gesamte Erleben eines Menschen bestimmen können. Der folgende Text widmet sich dieser ersten Säule des Glücks und zeigt auf, warum der bewusste Umgang mit den eigenen Empfindungen der Schlüssel zu einem erfüllteren Dasein ist.
Der erste Dominostein des Tages
Kommt es nicht auch manchmal so vor, als würde die erste negative Empfindung, die man möglicherweise bereits beim Aufstehen am frühen Morgen spürt, nur der Anfang einer ganzen Reihe weiterer negativer Gefühle sein? Diese erste Regung des Unmuts wirkt wie ein angestoßener Dominostein, der eine lange Reihe weiterer Steine mit sich reißt und eines nach dem anderen zu Fall bringt. Was als kleines Ärgernis beginnt, wächst sich in kürzester Zeit zu einer Stimmung aus, die den gesamten Tag überschattet und jede weitere Wahrnehmung einfärbt. Man fühlt sich den eigenen Empfindungen ausgeliefert, als hätte man keine Möglichkeit, das Geschehen aufzuhalten oder zu beeinflussen. Diese Erfahrung ist so verbreitet, dass nahezu jeder Mensch sie aus dem eigenen Alltag kennt und doch selten etwas dagegen unternimmt.
Die Kette der kleinen Ärgernisse
Man stelle sich einen gewöhnlichen Morgen vor, der mit einem zu lauten Wecker beginnt und sofort ein Gefühl des Genervtseins auslöst. Kaum hat man die Küche betreten, stellt man fest, dass das Kaffeepulver aufgebraucht ist, und eine Welle der Enttäuschung macht sich breit. Das Lieblingskleidungsstück, das man an diesem Tag tragen wollte, liegt noch in der Wäsche, und der Frust breitet sich wie ein Schatten über die Stimmung. An der Haltestelle kommt der Bus zu spät, und aus dem leichten Unmut wird nun ausgewachsene Wut, die sich im ganzen Körper ausbreitet. Diese Kette an negativen Empfindungen ließe sich den gesamten Tag hindurch fortsetzen, denn jede kleine Unannehmlichkeit nährt die nächste und verstärkt das Gefühl, einem unaufhaltsamen Strom des Ärgers ausgeliefert zu sein.
Wenn die negativen Gefühle das Zepter ergreifen
Ist erst einmal der erste Stein gefallen, so scheint es keinen Halt mehr zu geben, und die negativen Empfindungen nehmen das Zepter in die Hand. Sie verwandeln den Tag in ihr eigenes Königreich, in dem sie nach Belieben schalten und walten können, ohne dass der Betroffene ihnen Einhalt gebietet. Natürlich geht es einem Menschen nicht gut, wenn er gleichsam eine trübsinnige Musik als Hintergrundbegleitung seines Tages auflegt und zulässt, dass die negativen Empfindungen auf seinen Nerven tanzen wie auf einer Festwiese. Die Stimmung wird dunkler, die Gedanken werden schwerer, und die Wahrnehmung verengt sich auf alles, was schiefgeht oder misslingt. Man fühlt sich wie ein Zuschauer im eigenen Leben, der machtlos zusieht, wie die schlechte Laune die Regie übernimmt.
Kein Unterdrücken, sondern ein bewusster Umgang
Bei der positiven Psychologie geht es jedoch keineswegs darum, die negativen Gefühle zu unterdrücken und so zu tun, als seien sie nicht vorhanden oder hätten keine Bedeutung. Vielmehr geht es darum, den eigenen Umgang mit diesen Gefühlen zu überdenken, zu hinterfragen und schrittweise zu verändern. Die negativen Empfindungen haben selbstverständlich ihre Daseinsberechtigung, denn sie warnen vor Gefahren, zeigen Grenzen auf und signalisieren, dass etwas im eigenen Leben nicht stimmt. Sie sollten auf keinen Fall ignoriert oder gewaltsam beiseite geschoben werden, denn das würde sie nur verstärken und ihnen eine noch größere Macht verleihen. Es geht vielmehr darum, sie wahrzunehmen, ihnen ihren Platz einzuräumen und dennoch nicht zuzulassen, dass sie die alleinige Herrschaft über das eigene Erleben übernehmen.
Die Anarchie der ungezügelten negativen Empfindungen
Es sollte jedem Menschen klar sein, dass er selbst das Zepter in der Hand hält und bestimmt, wie er mit seinen negativen Gefühlen umgeht. Tut er das nicht, so herrscht bei den negativen Empfindungen eine vollständige Anarchie, die diese gnadenlos und ohne jede Zurückhaltung ausnutzen. Sie warten förmlich nur darauf, dass der erste Dominostein umfällt, um einen Grund zu finden, in einem aufzukommen und sich dann dauerhaft einzunisten. Sie buchen sich gleichsam eine einfache Fahrkarte ohne Rückfahrmöglichkeit und gehen davon aus, so lange bleiben zu können, wie es ihnen beliebt. Ohne das bewusste Gegensteuern des Betroffenen werden sie zu Dauergästen, die sich immer breiter machen und irgendwann den gesamten Innenraum des Erlebens einnehmen.
Der Schlüssel liegt in der bewussten Entscheidung
Der Schlüssel zu einem veränderten Umgang mit den eigenen Empfindungen liegt in einer doppelten bewussten Entscheidung. Man entscheidet sich zum einen für einen achtsamen und bewussten Umgang mit den negativen Gefühlen, ohne sie zu verdrängen oder zu verleugnen. Zum anderen entscheidet man sich zugleich und mit derselben Entschiedenheit für die positiven Gefühle und für die positiven Gedanken, die das eigene Erleben bereichern und erhellen. Diese doppelte Ausrichtung ist kein Widerspruch, sondern eine Ergänzung, denn wer die Dunkelheit anerkennt, kann das Licht umso bewusster willkommen heißen. Es ist eine tägliche Übung, die Geduld erfordert, aber mit der Zeit zu einer tiefgreifenden Veränderung der inneren Haltung führt.
Gedanken und Gefühle als untrennbare Gefährten
Die eigenen Gedanken beeinflussen die eigenen Gefühle, und umgekehrt wirken die Gefühle auf die Gedanken zurück, sodass ein ständiger Kreislauf entsteht, der das gesamte Erleben prägt. Dieser Zusammenhang ist keine bloße Vermutung, sondern wurde durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen eindrucksvoll belegt. Besonders deutlich zeigt sich diese Wechselwirkung in der sogenannten Scheinwirkung, bei der allein die Erwartung und die Vorstellung eines Menschen körperliche Vorgänge auslösen können. Der Körper reagiert auf das, was der Geist ihm vorgibt, und passt seine inneren Abläufe an die erwartete Erfahrung an. Diese Erkenntnis ist von enormer Tragweite, denn sie bedeutet, dass der Mensch seinen eigenen körperlichen Zustand durch die Kraft seiner Gedanken unmittelbar beeinflussen kann.
Die Macht der Erwartung über den eigenen Körper
Bei der Scheinwirkung schüttet der Körper allein durch die Gedanken und Erwartungen des Menschen bestimmte Botenstoffe aus, die das körperliche Befinden verändern. Denkt ein Mensch negativ und hegt eine negative Erwartung, so wird der Körper Botenstoffe der Anspannung und der Belastung freisetzen, die zu einem körperlichen Unwohlsein beitragen. Denkt er hingegen positiv und trägt eine zuversichtliche Erwartung in sich, so schüttet der Körper Botenstoffe des Wohlbefindens und der inneren Freude aus. Diese Botenstoffe tragen nicht nur zur Besserung der Stimmung und des allgemeinen Befindens bei, sondern können sogar Schmerzen lindern und die Wahrnehmung von Beschwerden abschwächen. Der Körper gehorcht gleichsam dem Befehl, den die Gedanken ihm erteilen, und richtet sich nach der inneren Haltung, die der Mensch einnimmt.
Die ungeheure Macht hinter den eigenen Empfindungen
Dieser Umstand zeigt mit aller Deutlichkeit, dass hinter den eigenen Gefühlen und Gedanken eine unglaublich große Macht steckt, die der Mensch für sich nutzen kann. Durch die bewusste Hinwendung zur positiven Psychologie gewinnt man einen enormen Einfluss auf das eigene Wohlbefinden und auf die Art, wie man die Welt erlebt. Man ist den eigenen Empfindungen nicht hilflos ausgeliefert, sondern kann durch die Kraft der bewussten Gedanken die Richtung des eigenen Erlebens verändern. Diese Erkenntnis befreit aus der Rolle des passiven Opfers und macht den Menschen zum aktiven Gestalter seines inneren Lebens. Jeder Gedanke, den man denkt, ist ein kleiner Samen, der im Boden der eigenen Seele aufgeht und Früchte trägt, sei es der Freude oder des Leids.
Warum die positiven Empfindungen an erster Stelle stehen
All dies erklärt, warum die positiven Empfindungen die erste Säule des Glücks darstellen und an der ersten Stelle der Grundlagen der positiven Psychologie stehen. Sie sind nicht bloß ein angenehmer Zusatz zum Leben, sondern das Fundament, auf dem alle weiteren Schritte zur inneren Erfüllung aufbauen. Wer gelernt hat, die positiven Gefühle bewusst wahrzunehmen, zu pflegen und ihnen Raum zu geben, schafft damit die Voraussetzung für alles Weitere. Die erste Säule trägt die Last der übrigen Säulen und gibt dem gesamten Gebäude des persönlichen Glücks seine Stabilität und seine Tragfähigkeit. Ohne sie bliebe jede Bemühung um ein erfülltes Leben ein Bau auf sandigem Grund, der beim ersten Sturm der negativen Empfindungen ins Wanken geriete.


















