Die Entstehung von Geld durch Kreditvergabe und das Geheimnis der Bankenbilanzen

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Das moderne Finanzsystem beruht auf komplexen Mechanismen, die der breiten Öffentlichkeit oft verborgen bleiben. Wenn Menschen über das Bankwesen sprechen, herrschen häufig Missverständnisse darüber, wie Geld eigentlich entsteht und welche Rolle Kreditinstitute dabei wirklich spielen. Viele glauben, Banken seien lediglich passive Verwahrer von bereits existierenden Werten, doch die Realität der Geldschöpfung sieht völlig anders aus. Um diese grundlegenden ökonomischen Abläufe verständlich zu machen, bedarf es einer anschaulichen Erklärung, die abseits von trockener Theorie funktioniert.

Die falsche Vorstellung vom Goldschmied-Geschäftsmodell

Bisherige Betrachtungen haben gezeigt, dass ein Bankensystem zur Herstellung von Geld ohne materiellen Gegenwert völlig ohne ein von außen existierendes Basisgeld auskommen kann. Dennoch wird das Bankwesen in der allgemeinen Erklärung meist anders dargestellt. Häufig geht man noch immer von der Annahme aus, dass es besondere materielle Güter gibt, welche in Banken eingelagert und anschließend teilweise verliehen werden. Oftmals behandeln solche Darstellungen das Zentralbankgeld so, als würde ihm eine völlig besondere Rolle zukommen. Gedanklich lehnen sich diese Modelle an das historische Geschäftsmodell der Goldschmiede an, bei dem Handwerker das Edelmetall ihrer Kunden verwahrten und darauf aufbauend Geschäfte mit dem verliehenen Metall tätigten.

Ein anschauliches Beispiel aus der Landwirtschaft

Um die Situation besser verstehen zu können, gehen wir hier von dem fiktiven Beispiel eines Investitionsguts als Basiswert aus. Die Abfolge der Darstellung ähnelt grob dem geschichtlichen Ablauf bei der Entstehung des Bankwesens. In einem abgelegenen Dorf gibt es 100 Bauern, die jeweils einen Traktor im Eigentum haben. Zusätzlich zu diesen Traktoreigentümern gibt es auch andere Landwirte, die keinen eigenen Traktor besitzen, aber bei Bedarf einen mieten. Die Bauern bauen unterschiedliche Arten von Feldfrüchten an, die zu unterschiedlichen Zeiten reifen.

Die gemeinsame Nutzung landwirtschaftlicher Geräte

Irgendwer hat also immer gerade Bedarf an Traktoren, auch wenn jeder einzelne den größten Teil des Jahres keinen Traktor braucht. Deshalb ist es üblich, dass der Eigentümer eines Traktors seinen Traktor in den Zeiten, in denen er ihn selbst nicht braucht, an einen anderen vermietet. In den anderen Zeiten stellt er ihn in einer zentralen Traktorengarage gegen eine Gebühr unter. Dafür erhält er einen Eigentumsschein an seinem Traktor. Wenn ein Bauer seinen Traktor benötigt, geht er mit seinem Eigentumsschein zur Garage und holt dort seinen eigenen Traktor ab.

Die falsche Vorstellung von der reinen Verwahrung

Wie wir wissen, kann er seinen Traktor auch verleihen oder vermieten. Wenn er das gemacht hat, gibt er dem Mieter einfach den Eigentumsschein an seinem Traktor, sodass sich derjenige den Traktor aus der Garage abholen kann. Erstaunlicherweise gibt es einen nennenswerten Anteil von Personen, die sich auf diese Weise das Bankgeschäft vorstellen. Sie gehen implizit davon aus, dass ihr eingezahltes Geld dort in einem Tresor verwahrt und auf Verlangen an sie zurückgegeben wird. Laut einer Untersuchung halten es 33 Prozent der Befragten für falsch, dass die Bank ihre Einlagen ohne Erlaubnis an andere Personen weitergibt.

Der Übergang vom Eigentum zur Schuldbeziehung

Sie empfinden diesen Zustand so, als würde die Garage in unserem Beispiel einen individuellen Traktor ohne Einverständnis des Eigentümers vermieten. Tatsächlich geht das Bankgeschäft aber noch deutlich weiter. Bei derselben Befragung gingen 74 Prozent der Befragten davon aus, dass das Geld auf ihrem Konto in ihrem Eigentum bleibe. Das ist aber nicht so. Das Bankgeschäft funktioniert so, als würde ein in der Zentralgarage untergestellter Traktor in das Eigentum der Garage übergehen, die anschließend ein Schuldverhältnis mit dem ehemaligen Eigentümer hat.

Die Bank als Schuldnerin des Kontoinhabers

Eine Bank verbucht das eingezahlte Geld auf eine Weise, dass es ihr Eigentum wird und sie eine Schuldbeziehung zu dem Kontoinhaber hat. Sie nimmt das Geld also nicht derart in Verwahrung, wie es bei der Traktorengarage ursprünglich angelegt war, sondern sie wird zum Schuldner. Sie kann in der Zwischenzeit damit machen, was sie will, solange sie sicherstellt, dass sie das Geld auf Anfrage zurückzahlen kann. Sie geht also so vor, wie ein Betreiber einer gemeinschaftlichen Fahrzeugnutzung, in das man eigene Fahrzeuge einbringen kann. Man erhält dann einen Nutzungsanspruch auf Fahrzeuge, die aber nicht notwendigerweise das eigene sein müssen.

Die Umwandlung der Garage in einen Nutzungsbetreiber

Dies ist bei Geld leichter umzusetzen als bei Fahrzeugen, weil letztere nicht austauschbar sind, aber ignorieren wir diesen Unterschied vorerst. Wir konstruieren nun die Situation bei der Garage so, wie sie bei Banken vorliegt, und machen aus der Garage einen Traktor-Nutzungsbetreiber. Die Garage nimmt somit alle Traktoren in ihr Eigentum und stellt jeweils einen Schuldschein aus. Auf diesem steht, dass der Garagenbetreiber dem Bauern einen Traktor schuldet. Aus Sicht des Traktoreigentümers ist der Schuldschein der Garage ein Anrechtsschein.

Das Risiko des Fremdkapitalgebers

Aus seinem ehemaligen Eigentum ist nun eine Schuldbeziehung geworden. Der Bauer, der seinen Traktor auf diese Weise eingebracht hat, ist Fremdkapitalgeber der Garage geworden. Sein ehemaliger Traktor ist kein Sondervermögen, das ausschließlich ihm zusteht, sondern es ist ein Anspruch gegen das Gesamtvermögen der Garage. Damit verbunden ist ein Ausfallrisiko. Sollte die Garage zahlungsunfähig werden, erhält er womöglich nicht den Gegenwert seines ehemaligen Traktors zurück.

Die Rolle der Garagengründer und ihres Eigenkapitals

Gehen wir in der Analogie zum Bankwesen nun weiter. Neben den untergestellten Traktoren hat das Konsortium, das die Garage gegründet hat, zehn Traktoren eingebracht. An diesen Traktoren besteht keine Schuldbeziehung, denn die Gründer sind die Eigentümer der Garage. Auch sie haben kein Eigentum mehr an ihren ehemaligen konkreten Traktoren, sondern sie haben ein Eigentum an dem gesamten Unternehmen. Sie haben auch ein Eigentum an den Einlagen der Fremdkapitalgeber, aber sie haben zugleich eine Verbindlichkeit gegenüber dieser Gruppe.

Die Bilanzierung von Verlusten und Schwund

Wenn die Fremdkapitalgeber eine Einlage machen, werden die Eigentümer also dadurch nicht reicher. Der zusätzliche Wert des Unternehmens und dessen zusätzliche Verbindlichkeiten heben sich bei jeder Einlage eines Fremdkapital-Traktors exakt auf. Sollte im Geschäftsbetrieb ein Problem auftreten, so bleibt ihre Schuld gegenüber den Fremdkapitalgebern erhalten. Sie müssen also auch dann die 100 Traktoren an die Inhaber entsprechender Schuldscheine auszahlen, wenn von den vorhandenen realen Traktoren einer gestohlen wird. Dieser Schwund geht voll zu ihren eigenen Lasten und verringert also den Bestand der zehn Eigentümer-Traktoren.

Der Vergleich mit modernen Kryptowährungen

Diese werden aber separat in der Bilanz aufgeführt, weil sie andere Ansprüche kennzeichnen, nämlich nachrangige Ansprüche. Das Verfahren erinnert entfernt an das bei digitalen Kryptowerten angewandte Verfahren der Einsatzprüfung. Man setzt dort auf den Gewinner eines Rennens um die längste Datenkette und erhält eine Belohnung, wenn es wirklich der Gewinner wird. Wenn nicht, verliert man seinen Einsatz. Die Banken setzen auf vertrauenswürdige Kreditnehmer und bekommen eine kleine Belohnung, wenn sie das korrekt vorhersagen.

Die tabellarische Übersicht der Vermögenswerte

Wenn nicht, verlieren sie ihren Einsatz. Um den Überblick zu behalten, verbucht die Garage die Situation folgendermaßen. Auf der einen Seite stehen 110 Traktoren als vorhandene Vermögenswerte. Auf der anderen Seite gibt es 100 Ansprüche externer Bauern auf Traktoren, was den ausgegebenen Schuldscheinen entspricht. Diese Ansprüche sind vorrangig zu bedienen, während die zehn durch die Garageneigentümer eingebrachten Traktoren nachrangig zu bedienen sind.

Die Entstehung von Geldfunktionen durch Nutzwerte

Weil in einer Gesellschaft wie dieser Traktoren ein wichtiges Gut sind und man sich leicht deren Nutzen vorstellen kann, beginnen die Einwohner in Traktoreinheiten zu denken. Wenn sie andere Waren bewerten wollen, nutzen sie diese Einheiten als Maßstab. Die ausgegebenen Traktorscheine beginnen also, Geldfunktionen zu übernehmen. In vielen frühen Kulturen war es tatsächlich üblich, Nutztiere wie Kamele oder Rinder als eine Form des Geldes zu verwenden. Diese sind analog zu den hier verwendeten Traktoren, weil sie ebenfalls einen Nutzwert haben und verhältnismäßig wertvoll sind.

Die Eigenschaften von Banknoten und Schuldscheinen

Der Vorgang von eben ist der Übergang zu Banknoten. Man sieht an ihnen folgende Eigenschaften. Banknoten sind Schuldscheine gegen die Bank und keine Eigentumsscheine. Sie können Flexibilität geben, indem man sie in kleine und große Einheiten unterteilen kann. Da ein ganzer Traktor zu wertvoll für tägliche Besorgungen ist, kann man durch Banknoten kleinere fiktive Stückelungen erzielen.

Die Normierung und Ablösung vom realen Wert

Die Banknoten normieren zugleich die eingebrachten realen Werte. Wenn in dem Beispiel die Traktoren unterschiedliche Qualitäten haben, so kann das durch unterschiedliche Nennbeträge an Banknoten berücksichtigt werden. Derjenige, der einen alten Traktor einbringt, bekommt dann weniger Anrechtsscheine als jemand, der einen neuen Traktor einbringt. Wenn die Banknoten zu einem universellen Tauschmittel werden, lösen sie sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung als Anspruchsschein auf einen Traktor. In der bisherigen Welt gibt es genauso viele Schuldscheine wie reale Traktoren.

Das Konzept des vollständig gedeckten Geldes

Man kann sie zwar in kleinere Stückelungen unterteilen, aber es darf nicht mehr Schuldscheine als Traktoren geben. Die einzige Möglichkeit, wie das passieren könnte, wäre durch Betrug innerhalb der Bank oder durch Fälschung außerhalb der Bank. In der Sprache des Geldes wäre dies ein vollständig gedecktes Geld. Das heißt, jeder Geldschein ist zu 100 Prozent mit dem realen Wert unterlegt, den er verbrieft. Die Situation ändert sich allerdings, wenn es die Möglichkeit zu Kredit gibt.

Die Vergabe von Krediten und die Bilanzverlängerung

Die Garage hat bekanntlich das Eigentum an allen Traktoren erlangt und zudem auch zehn Traktoren der Garageneigentümer. Alle Traktoren kann man mieten. Hierfür muss man ins Büro kommen, einen Vertrag unterschreiben und erhält dann einen Abholschein für einen Traktor ausgehändigt. Mit dem geht man ins Depot und nimmt sich einen Traktor. Bevor der Mieter den Traktor abgeholt hat, verbucht die Garage das wie folgt.

Die gleichzeitige Verbuchung von Forderungen und Verbindlichkeiten

Damit alles aufgeht, gibt das Büro gleichzeitig einen Forderungsschein gegen den Kunden ins Depot. Auf der einen Seite stehen 110 Traktoren und 100 Ansprüche externer Bauern. Auf der anderen Seite steht eine Forderung der Garage an den Mieter als Vermögen der Garage und ein Traktor-Abholschein des Mieters als Verbindlichkeit der Garage. Zudem gibt es die zehn nachrangigen Traktoren der Garageneigentümer. Der Traktor-Abholschein und der Traktor-Forderungsschein heben sich gegenseitig auf.

Die Vermeidung von dauerhaften Eigentumsansprüchen

Notwendig sind aber beide Scheine, weil der Traktor-Abholschein allein ja bedeuten würde, dass dem Mieter der Traktor dauerhaft gehört. Dass das nicht so ist, wird deutlich, indem auch seine Rückgabe-Schuld an die Garage in dem Depot hinterlegt wird. Der Kunde könnte jetzt, statt den Traktor abzuholen, auch einfach den Abholschein abgeben und damit die Forderung der Garage an ihn wieder tilgen. Daran sieht man, dass alles aufgeht. Man sieht allerdings auch, dass auf diese Weise eine Doppelzählung des vermieteten Traktors stattfindet.

Die Doppelzählung und das Umlaufvermögen

Aus Sicht der Garage bleibt der Traktor ja in ihrem Eigentum, auch wenn sie gerade nicht den physischen Besitz daran hat. Zugleich hat aber der Mieter ein Nutzungsrecht, das auch zunächst unbefristet ist. Allerdings gibt es zeitgleich eine Traktor-Rückgabeforderung gegen ihn. Das ist bei denjenigen, die anfänglich einen Traktor eingezahlt haben, nicht der Fall. Diese Doppelzählung entsteht dadurch, dass bei der Zählung der Traktoranspruchsscheine sowohl die real vorhandenen Traktoren gezählt werden als auch der Forderungsschein gegen den Mieter.

Die Bilanzverlängerung ohne echten Vermögenszuwachs

Dies ist eine sogenannte Bilanzverlängerung, das heißt, es werden mehr Positionen aufgeführt als vorher. Es ist aber niemand reicher geworden, weil der neuen bilanzverlängernden Position eine Gegenposition in Form der Traktornote gegenübersteht. Nun geht der Mieter zum Depot, gibt dort den Traktor-Anspruchsschein ab und erhält dafür den physischen Traktor. Bei der Garage ist jetzt wieder ein Gesamtvermögen von 110 Traktoren verbucht und alles scheint wie vorher. Aber es gibt einen Unterschied: Der vermietete Traktor ist ja jetzt gar nicht mehr in der Garage, sondern er befindet sich im Umlauf.

Die eigentliche Geldschöpfung durch Kreditvergabe

Während sich also der physische Bestand an Traktoren im Gesamtdorf nicht erhöht hat, ergäbe sich bei einer Zählung aller Traktoren plus der Traktor-Anspruchsscheine, dass einer dazugekommen ist. Dies ist der vermietete Traktor, der sich im Umlauf befindet. Wäre die Garage ein gewöhnliches Unternehmen geblieben, wäre diese Doppelzählung nicht besonders wichtig. Das ändert sich aber, wenn die Traktoren zugleich die Funktion von Geld übernehmen. Die Garage wird dann zu einer Bank und die ausgegebenen Traktor-Anspruchsscheine sind Geld.

Die historische Perspektive auf das Teilreservesystem

Dieses Geld wiederum entsteht in dem Augenblick, in dem die Bank einen Kredit vergibt oder in dem vorliegenden Beispiel einen Traktor vermietet. Wir werden diesem Teilreservesystem nicht weiter nachgehen, weil es letztlich eine Sicht von oben verkörpert, die den heutigen Verhältnissen nicht mehr gerecht wird. Dennoch ist es wichtig, diese eher historisch hergeleitete Sicht auf das Bankwesen zu kennen. Es zeigt deutlich, wie eng die Begriffe von Eigentum, Schuld und Geldschöpfung miteinander verwoben sind. Am Ende wird klar, dass Geld im modernen System primär durch Kredit und Vertrauen entsteht.

 

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