Die evolutionären Folgen der Tierhaltung und das verborgene Leid der Nutztiere

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Die landwirtschaftliche Revolution markierte einen tiefgreifenden Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit und veränderte das Zusammenleben auf dem Planeten grundlegend. Durch die Sesshaftwerdung des Menschen entstand eine völlig neue Dynamik im Verhältnis zwischen unserer Spezies und den übrigen Lebewesen der Natur. Diese Entwicklung führte zur Domestizierung zahlreicher Tierarten, was zwar den kollektiven Erfolg der Menschheit sicherte, aber enorme individuelle Opfer erforderte. Eine genaue Betrachtung dieser historischen Zäsur offenbart die komplexen und oft schmerzhaften Konsequenzen dieser einseitigen Anpassung.

Die Anfänge der Domestizierung und ihre paradoxen Auswirkungen

Das Aufkommen der Agrarwirtschaft löste zunächst neue Wellen des massenhaften Artensterbens in der freien Wildbahn aus. Gleichzeitig schuf dieser Prozess jedoch eine völlig neue Form des Daseins, indem er wilde Geschöpfe in abhängige Nutztiere verwandelte. Anfangs war diese Entwicklung von eher untergeordneter Bedeutung, da der Mensch nur weniger als 20 Säugetierarten und Vogelarten zähmen konnte. Im Vergleich dazu blieb ein Großteil der Arten wild, doch im Laufe der Jahrhunderte gewannen die gezähmten Populationen die absolute Oberhand.

Der Schein der Fürsorge und die Realität der Haltung

Bei einer oberflächlichen Betrachtung scheint es, als seien die gezähmten Tiere weitaus besser dran als ihre freien Verwandten. Wilde Artgenossen müssen den gesamten Tag nach Nahrung suchen und sind fortwährend der Bedrohung durch Fressfeinde und Naturgewalten ausgesetzt. Die gezähmten Varianten erhalten hingegen Futter, Wasser und Schutz vor Krankheiten sowie vor natürlichen Katastrophen durch die menschliche Obhut. Zwar enden die meisten von ihnen letztlich im Schlachthof, doch die Frage bleibt, ob ein schnelles Ende durch den Menschen grausamer ist als ein langsamer Tod in der Wildnis.

Die wahren Ursachen des Leidens in der Nutztierhaltung

Was das Los der Nutztiere freilich besonders schlimm macht, ist nicht die Art ihres Sterbens, sondern vor allem die Art und Weise ihres täglichen Daseins. Die Lebensbedingungen wurden von der Antike bis in die moderne Zeit vor allem von den wirtschaftlichen Wünschen der Menschen bestimmt. Die Landwirte züchten die Tiere, um an Fleisch zu gelangen, und müssen dafür das langfristige Überleben und die Fortpflanzung der Herden sicherstellen. Theoretisch hätte diese Abhängigkeit die Tiere eigentlich vor extremen Formen der Grausamkeit schützen müssen, da ein vernachlässigter Bestand bald ohne Nachwuchs wäre.

Die Missachtung angeborener Bedürfnisse und Emotionen

Bedauerlicherweise können die Menschen den Tieren ungeheures Leid zufügen, selbst wenn sie deren körperliches Überleben und die Fortpflanzung gewährleisten. Der Kern des Problems besteht darin, dass die Nutztiere von ihren wilden Vorfahren zahlreiche physische und emotionale Bedürfnisse geerbt haben. Diese tief verwurzelten Triebe sind in den engen Grenzen der modernen Höfe völlig überflüssig und werden von den Landwirten in der Regel ignoriert. Die Tiere werden in winzige Behälter gesperrt, körperlich verstümmelt und von ihren Müttern getrennt, ohne dass die Verantwortlichen dafür ökonomisch bestraft werden.

Der Widerspruch zur natürlichen Auslese und Evolution

Diese Vorgehensweise scheint den Grundprinzipien der natürlichen Auslese zu widersprechen, da sich alle Instinkte im Interesse von Überleben und Fortpflanzung entwickelten. Wenn die fortwährende Fortpflanzung der Nutztiere jedoch sichergestellt wird, könnte man meinen, dass ihre tatsächlichen Bedürfnisse alle erfüllt sind. Richtig ist sicherlich, dass sich alle Triebe entwickelten, um dem evolutionären Druck in der freien Natur standzuhalten. Wenn dieser Druck jedoch plötzlich verschwindet, verschwinden die daran ausgerichteten Emotionen und Instinkte nicht gleich, sondern prägen weiterhin das subjektive Empfinden.

Das Fortbestehen alter Triebe in der modernen Umwelt

Für die Tiere veränderte die Landwirtschaft den Selektionsdruck fast über Nacht, aber die physischen und sozialen Triebe blieben unverändert. Die Evolution hat Mensch und Tier in den 12000 Jahren seit Beginn der Landwirtschaft zwar laufend angepasst, doch dies betraf nur oberflächliche Merkmale. So entwickelten Menschen in einigen Regionen die Fähigkeit, Milch zu verdauen, während Kühe ihre Angst vor dem Menschen verloren. Die sensorischen und emotionalen Tiefenstrukturen der Lebewesen haben sich seit der Steinzeit jedoch nicht grundlegend verändert.

Die menschliche Vorliebe für Süßes als evolutionäres Erbe

Um dieses Phänomen zu verstehen, kann man betrachten, warum moderne Menschen Süßigkeiten so sehr lieben. Das hat nichts damit zu tun, dass wir im heutigen Jahrhundert große Mengen an Süßem konsumieren müssten, um zu überleben. Es ist vielmehr so, dass unsere steinzeitlichen Vorfahren bei süßen Früchten vernünftigerweise nur eines tun konnten, nämlich so schnell wie möglich so viel wie möglich davon zu essen. Dieser alte Überlebensinstinkt führt heute zu Verhaltensweisen, die in der modernen Umwelt völlig nutzlos oder sogar kontraproduktiv sind.

Die Übertragung evolutionärer Muster auf das Tierverhalten

Genau die gleiche Evolutionslogik bestimmt das Leben von Schweinen auf den Höfen der Menschen. Um in der Wildnis zu überleben, mussten die alten Wildschweine riesige Gebiete durchstreifen und sich mit ihrer Umwelt vertraut machen. Sie mussten sich vor Fallen und Räubern in Acht nehmen und bildeten zu diesem Zweck komplexe Gruppenstrukturen aus. Der Druck der Evolution machte folglich aus Wildschweinen hochintelligente soziale Tiere, die sich durch eine enorme Neugier und den Drang zum Umherziehen auszeichneten.

Die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten der Schweine

Eine Sau, die gegenüber ihrer Umwelt und Artgenossen gleichgültig gewesen wäre, hätte in der freien Natur mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt. Die Nachfahren der Wildschweine erbten deren Intelligenz, Neugier und sozialen Fähigkeiten, die für das Überleben in der Wildnis essenziell waren. Sie kommunizieren über eine Vielzahl lautlicher und olfaktorischer Signale, wobei Mütter das einzigartige Quieken ihrer Ferkel erkennen. Wissenschaftler haben zudem herausgefunden, dass Schweine beim Erlernen und Spielen einfacher Aufgaben an Rechnern schon bald mit Primaten konkurrieren können.

Die grausame Realität der industriellen Massentierhaltung

Heute spielen die meisten Sauen in industriellen Landwirtschaftsbetrieben keine solchen Spiele, sondern fristen ein Dasein in enge Kastenstände gesperrt. Der Boden dieser Behälter besteht aus Beton und Gitterrosten und ermöglicht es den trächtigen Tieren kaum, sich umzudrehen oder auf der Seite zu schlafen. Nach 3,5 Monaten unter derartigen Bedingungen werden die Sauen in etwas größere Boxen verlegt, wo sie ihre Ferkel zur Welt bringen. Während Ferkel unter natürlichen Bedingungen bis zu 20 Wochen gesäugt werden, erfolgt die Trennung in der industriellen Haltung bereits nach wenigen Wochen.

Der endlose Kreislauf der Fortpflanzung und Trennung

Die Mutter wird sofort wieder künstlich besamt und in den engen Stand zurückverfrachtet, damit dieser Zyklus erneut beginnt. Eine Sau durchläuft diesen Prozess zwischen fünf und zehn Mal, bevor sie selbst letztlich geschlachtet wird. Die Bauern sorgen für alles, was die Sau braucht, damit sie physisch überlebt und sich fortpflanzt. Sie bekommt ausreichend zu fressen, wird gegen Krankheiten geimpft und vor den Elementen geschützt.

Die Diskrepanz zwischen objektivem Überleben und subjektivem Empfinden

Objektiv betrachtet muss die Sau ihre Umgebung nicht mehr erkunden, sich nicht mit Artgenossen zusammentun und keine Bindung zu ihren Ferkeln eingehen. Subjektiv gesehen verspürt das Tier jedoch noch immer einen starken Drang, all diese natürlichen Verhaltensweisen auszuführen. Wenn dieser tief verwurzelte Drang nicht befriedigt wird, leidet das Lebewesen sehr und zeigt Anzeichen akuter Frustration. Diese hochgradig sozialen und intelligenten Geschöpfe verbringen den Großteil ihres Lebens unter solchen Bedingungen, als wären sie bereits reine Fleischware.

Die grundlegende Lektion der Evolutionspsychologie

Dies ist die Grundlektion der Evolutionspsychologie, denn ein Bedürfnis, das vor vielen Generationen ausgebildet wurde, wird subjektiv weiterhin empfunden. Dabei ist es völlig unerheblich, ob dieses Bedürfnis in der Gegenwart fürs Überleben und für die Fortpflanzung noch vonnöten ist. Tragischerweise hat die Agrarrevolution den Menschen die Macht verschafft, das Überleben der Tiere sicherzustellen, ohne auf deren subjektive Bedürfnisse Rücksicht nehmen zu müssen. Das Resultat ist ein stilles, aber allgegenwärtiges Leid, das in den engen Grenzen der modernen Ställe tagtäglich aufs Neue durchlebt wird.

 

How to whitelist website on AdBlocker?

How to whitelist website on AdBlocker?

  1. 1 Click on the AdBlock Plus icon on the top right corner of your browser
  2. 2 Click on "Enabled on this site" from the AdBlock Plus option
  3. 3 Refresh the page and start browsing the site