Die Auflösung der liberalen Weltordnung durch biologische und technologische Spaltung

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Die gegenwärtige politische Weltordnung sieht sich beispiellosen Herausforderungen ausgesetzt, die das Fundament unserer bisherigen gesellschaftlichen Verträge grundlegend erschüttern. Technologische Sprünge und biowissenschaftliche Revolutionen zwingen uns dazu, das menschliche Zusammenleben und die etablierten Ideologien völlig neu zu bewerten. Bisher wurden bereits zwei wesentliche Gefahren für das liberale Weltbild analysiert, die das Potenzial haben, unsere Zivilisation für immer zu verändern.

Der Verlust der individuellen Entscheidungsfreiheit

Zum einen droht der vollständige Verlust des menschlichen Wertes, zum anderen der Verlust der individuellen Entscheidungsfreiheit zugunsten externer Rechensysteme. Das globale System wird die Menschen zwar noch für bestimmte kreative und intellektuelle Aufgaben benötigen, aber es wird sie besser kennen als sie sich selbst. Folglich wird das System die wichtigsten Lebensentscheidungen treffen, und die Menschen werden damit vollkommen zufrieden sein. Dies mag keine zwangsläufig schlechte Welt sein, aber es wird definitiv eine Ära nach dem liberalen Zeitalter markieren.

Die Entstehung einer biologischen Oberschicht

Die dritte und tiefgreifendste Bedrohung besteht in der biologischen Spaltung der Menschheit. Eine winzige Minderheit an Menschen wird sowohl unentbehrlich als auch undurchschaubar bleiben und eine hochprivilegierte Oberschicht optimierter Wesen bilden. Sie verfügen über ungeahnte Fähigkeiten und eine beispiellose Schöpferkraft, was sie befähigt, die Schicksalsfragen der Welt zu lenken. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung wird eine solche Aufwertung jedoch niemals erfahren und folglich zu einer niederen Kaste degradiert.

Die Zerstörung liberaler Grundpfeiler

Eine derartige Aufspaltung der Menschheit in biologische Kasten wird die Grundpfeiler der liberalen Ideologie restlos zerstören. Mit rein sozioökonomischen Gräben kann das liberale System durchaus existieren, da es die individuelle Freiheit über die absolute Gleichheit stellt. Trotzdem geht der Liberalismus von der Prämisse aus, dass alle Menschen einen gleichen inneren Wert und eine gleiche moralische Autorität besitzen. Aus dieser Sicht ist es völlig akzeptabel, wenn eine Person als reicher Kaufmann in einem prunkvollen Palast residiert, während eine andere Person als armer Landwirt in einer bescheidenen Hütte haust.

Die Illusion des gleichen Erfahrungswertes

Nach liberaler Lehre sind die einzigartigen Erlebnisse des Landwirtes genauso wertvoll wie die des reichen Kaufmannes, weshalb Schriftsteller umfangreiche Werke über die Erlebnisse armer Bevölkerungsschichten verfassen. Wenn man sich teure Theateraufführungen klassischer Dramen über soziale Ungerechtigkeit ansieht, wird man feststellen, dass die reichen Zuschauer tief mit den leidenden Protagonisten mitfühlen. Die gleiche Logik gilt am Wahltag, wenn die Stimme des armen Landwirtes exakt dieselbe Gewichtung besitzt wie die Stimme des reichen Kaufmannes. Die liberale Antwort auf soziale Ungleichheit besteht darin, den unterschiedlichen menschlichen Erfahrungen einen identischen Wert zuzuschreiben.

Die unüberwindbare finanzielle Kluft

Doch was geschieht mit dieser eleganten Lösung, wenn zwischen Reich und Arm nicht mehr nur eine finanzielle, sondern eine unüberwindbare biologische Kluft klafft? Die Kosten für moderne medizinische Eingriffe und Erbgutuntersuchungen sind derzeit noch immens hoch und verschlingen schnell beträchtliche Summen. Dies geschieht in einer Welt, in der 1 Milliarde Menschen von weniger als 1 Dollar am Tag überleben muss und weitere 1,5 Milliarden Menschen lediglich zwischen 1 und 2 Dollar am Tag verdienen. Selbst wenn diese armen Menschen ihr gesamtes Leben lang unermüdlich schuften, werden sie niemals in der Lage sein, eine solche teure Erbgutuntersuchung zu finanzieren.

Die Konzentration des globalen Reichtums

Die ökonomischen Gräben vertiefen sich gegenwärtig in atemberaubendem Tempo, was die soziale Spaltung weiter vorantreibt. Anfang des Jahres 2016 besaßen die 62 reichsten Personen der Welt exakt dasselbe Vermögen wie die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen. Da die Weltbevölkerung bei rund 7,2 Milliarden liegt, bedeutet dies, dass diese winzige Gruppe an Milliardären zusammen über denselben Reichtum verfügt wie die gesamte untere Hälfte der Menschheit. Wahrscheinlich werden die Kosten für einfache Erbgutuntersuchungen im Laufe der Zeit sinken, aber ständig werden teure und hochkomplexe neue Verfahren entwickelt.

Der historische Wandel der medizinischen Ziele

Während also ältere Behandlungsformen allmählich auch für die breite Masse erschwinglich werden, bleiben die Eliten immer mehrere Schritte voraus. Historisch gesehen genossen die Reichen stets viele gesellschaftliche Vorteile, aber zwischen ihnen und den Armen gab es niemals eine riesige biologische Kluft. Im Mittelalter behaupteten Adlige, höherwertiges Blut fließe durch ihre Adern, aber das war reine Fiktion. In der Zukunft freilich könnten wir erleben, dass sich zwischen einer optimierten Oberschicht und dem Rest der Gesellschaft tatsächlich gewaltige Gräben im Hinblick auf die physischen und kognitiven Fähigkeiten auftun.

Die neue Ära der menschlichen Optimierung

Die Erwartung freilich, dass sich dieser ausgleichende Prozess im 21. Jahrhundert wiederholen wird, könnte sich als reines Wunschdenken erweisen, da die Medizin eine grundstürzende konzeptionelle Revolution erlebt. Im 20. Jahrhundert zielte sie darauf ab, die Kranken zu heilen, was ein egalitäres Projekt war, weil man von einem normativen Standard körperlicher Gesundheit ausging. Im 21. Jahrhundert ist die Medizin zunehmend darauf ausgerichtet, die Gesunden zu optimieren, was ein zutiefst elitäres Projekt darstellt. Menschen wollen eine bessere Gedächtnisleistung, überdurchschnittliche Intelligenz und erstklassige körperliche Fähigkeiten, wodurch jede billige Verbesserung schlicht als die neue Grundlinie gelten wird.

Die Relativierung medizinischer Fortschritte

Insofern werden die Armen im Jahr 2070 medizinisch vermutlich besser versorgt sein als heute, aber die Kluft, die sie von den Reichen trennt, wird trotzdem viel größer sein. Menschen vergleichen sich üblicherweise mit ihren glücklicheren Zeitgenossen und nicht mit ihren unglücklichen Vorfahren, weshalb relative Verbesserungen kaum als Trost taugen. Wer einem armen Arbeiter in einem Elendsviertel erklärt, er genieße doch eine viel bessere medizinische Versorgung als seine Urgroßeltern damals, der wird ihn damit nicht unbedingt aufmuntern. Im Gegenteil, ein solches Gerede wirkt arrogant, da sich die betroffene Person mit den optimierten Übermenschen vergleichen wird, welche die Welt beherrschen.

Das Ende des Zeitalters der Massen

Überdies können wir trotz allen medizinischen Fortschritts keineswegs sicher sein, dass die Armen der Zukunft besser versorgt sein werden, da der Staat das Interesse an den Massen verlieren könnte. Im 20. Jahrhundert kam die Medizin den Massen zugute, weil die Armeen Millionen von gesunden Soldaten und die Wirtschaft Millionen gesunder Arbeitskräfte benötigten. Folglich richteten die Staaten öffentliche Gesundheitssysteme ein, um Gesundheit und Vitalität aller zu garantieren und die nationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Doch das Zeitalter der Massen und mit ihm das Zeitalter der Massenmedizin dürften vorbei sein, da an die Stelle menschlicher Soldaten und Arbeitskräfte Algorithmen treten.

Die Abkopplung der nutzlosen Massen

Nun könnten zumindest einige Eliten zu dem Schluss kommen, dass es nichts bringt, die Gesundheitsversorgung für Massen nutzloser Armer zu verbessern, sondern dass man sich auf die Optimierung einer Handvoll Übermenschen konzentrieren sollte. Schon heute sinkt in technisch fortgeschrittenen Ländern die Geburtenrate, sodass gewaltige Anstrengungen in die Erziehung und Ausbildung von immer weniger Kindern investiert werden. Riesige Entwicklungsländer erinnern an einen langen Zug, bei dem die Eliten in der ersten Klasse in den Genuss erstklassiger Versorgung kommen, während die Abermillionen gewöhnlicher Bürger in der dritten Klasse leiden. Was würden die Eliten im kommenden Jahrhundert lieber tun, als die nutzlosen Waggons der dritten Klasse abzukoppeln und nur mit der ersten Klasse weiterzufahren?

Der unvermeidliche Zusammenbruch des Liberalismus

Wie können liberale Überzeugungen angesichts von Übermenschen mit außergewöhnlichen körperlichen, emotionalen und geistigen Fähigkeiten überhaupt noch überleben? Die großen menschlichen Projekte des 20. Jahrhunderts zielten darauf ab, für alle Menschen ohne jede Ausnahme eine universelle Norm von Wohlstand, Gesundheit und Frieden zu garantieren. Die neuen Projekte des 21. Jahrhunderts hoffen ebenfalls darauf, der gesamten Menschheit zu dienen, doch weil sie darauf ausgerichtet sind, die Norm zu überwinden, könnten sie eine neue Kaste von Übermenschen hervorbringen. Wenn wissenschaftliche Entdeckungen und technologische Entwicklungen die Menschheit in eine Masse nutzloser Menschen und eine kleine Elite optimierter Übermenschen aufspalten, wird der Liberalismus endgültig zusammenbrechen.

Die Suche nach neuen ideologischen Fundamenten

Angesichts dieses gewaltigen Umbruchs stellt sich die drängende Frage, welche neuen Religionen oder Ideologien das dadurch entstehende Vakuum füllen könnten. Es gilt zu verstehen, wie die anschließende Evolution unserer gottgleichen Nachkommen gesteuert werden soll, wenn die alten moralischen Maßstäbe ihre Gültigkeit verlieren. Die Menschheit steht an einem Scheideweg, der die biologische und technologische Zukunft für alle kommenden Generationen unwiderruflich bestimmen wird.

 

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