Galen und die Medizin der Antike zwischen Seuche und Humoralpathologie

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Die Antike Medizin war geprägt von bahnbrechenden anatomischen Erkenntnissen, die jedoch gleichzeitig von grundlegenden Irrtümern und dogmatischen Lehrmeinungen überschattet wurden. Im Zentrum dieser widersprüchlichen Entwicklung stand eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Medizingeschichte, deren Theorien das ärztliche Denken über viele Jahrhunderte hinweg bestimmen sollten. Sein Wirken fiel in eine Zeit, in der verheerende Seuchen die Bevölkerung dezimierten und die Grenzen des medizinischen Wissens schonungslos aufzeigten. Die Verbindung aus praktischer Heilkunde, philosophischen Naturvorstellungen und der Bekämpfung von Epidemien formte ein Weltbild, das bis in die frühe Neuzeit hinein als unantastbar galt.

Die berufsbedingte Reise in das Hauptquartier der Kaiser

Der berühmte Arzt verbrachte längere Zeit in seiner Heimatstadt, wo er Kranke behandelte und seine wissenschaftlichen Untersuchungen intensiv vorantrieb. Eines Tages überbrachte man ihm ein offizielles Schreiben der beiden herrschenden Kaiser, die ihn dringend zu sich riefen. Mark Aurel und Lucius Verus hatten ihr militärisches Hauptquartier in einer großen norditalienischen Stadt aufgeschlagen. Von dort aus koordinierten sie die Abwehrkämpfe gegen germanische Stämme, die kurz zuvor die Donau überschritten und in die römische Provinz Pannonien eingefallen waren.

Der beschwerliche Weg in den Norden und der Ausbruch der Seuche

Der kaiserliche Auftrag lautete, das römische Heer als oberster Leibarzt in das Kriegsgebiet zu begleiten. Daraufhin bestieg er ein Schiff, das ihn zunächst in westliche Gefilde bringen sollte. Während eines Zwischenstopps auf einer griechischen Insel versuchte er, die dort berühmte Heilerde zu erwerben, doch der Kapitän des Schiffes weigerte sich beharrlich, auf seinen wichtigen Passagier zu warten. Von der Hafenstadt Thessaloniki aus machte er sich schließlich zu Fuß auf den weiten Weg in den Norden. Erst im Winter des Jahres 168 und 169 erreichte er endlich das Ziel seiner Reise.

Die verheerende Epidemie und das Versagen der antiken Heilkunst

Kurz nach seiner Ankunft brach in der norditalienischen Stadt eine tödliche Seuche aus, die alles in ihren Bann zog. Die beiden Kaiser ergriffen sofort die Flucht und verließen den verseuchten Ort so schnell wie möglich. Für einen der beiden Herrscher kam jede Rettung zu spät, denn er hatte sich bereits angesteckt und starb noch auf der beschwerlichen Rückreise in die Hauptstadt. Die zurückgebliebenen Mediziner versuchten verzweifelt, den zahlreichen Erkrankten nach besten Kräften zu helfen. Die kühlen Witterungsbedingungen jenes Winters beschleunigten die rasante Ausbreitung der Pandemie auf dramatische Weise.

Die Ausbreitung des Virus und die Grenzen des medizinischen Wissens

Aus moderner Sicht spricht die bevorzugte Ausbreitung bei kaltem Klima stark dafür, dass es sich bei der damaligen Plage um die Pocken handelte. Die Anwesenheit zahlreicher Soldaten auf engem Raum tat ihr Übriges, um die Infektionskette rasant anzutreiben. Den antiken Heilkundigen standen keinerlei vorbeugende Impfungen zur Verfügung, um der Krankheit Einhalt zu gebieten. Ihre therapeutischen Möglichkeiten beschränkten sich fast ausschließlich auf die Linderung der sichtbaren Symptome. Dass kranke Personen gesunde Menschen anstecken konnten, gehörte zwar zum praktischen Erfahrungswissen der Doktoren.

Die Miasmen-Theorie und die Unkenntnis über echte Krankheitserreger

Die genauen biologischen Abläufe bei einer Infektion blieben den Gelehrten jener Epoche jedoch völlig verborgen. Die Existenz von Viren oder Bakterien als tatsächliche Auslöser von Infektionen war ihnen gänzlich unbekannt. Zwar sprach der berühmte Pergamener im Zusammenhang mit der Seuche von unsichtbaren Krankheitssamen, die in den Körper eindringen. Dennoch herrschte allgemein der feste Glaube vor, dass ansteckende Krankheiten durch giftige Ausdünstungen in der Luft verursacht werden. Diese als Miasmen bezeichneten schädlichen Dämpfe galten als die wahre Ursache für das massenhafte Sterben.

Die Vier-Säfte-Lehre als dogmatisches Fundament der Medizin

Das anatomische und medizinische Wissen des berühmten Pergameners überragte das seiner Zeitgenossen bei weitem. Dennoch war auch dieser herausragende Gelehrte nicht vor grundlegenden Irrtümern gefeit. Er hatte das alte Schema der vier Körpersäfte von seinen Vorgängern übernommen und zu einer universellen Lehre ausgebaut. Diese Säfte umfassten das Blut, den Schleim, die gelbe Galle und die schwarze Galle. Durch ihn wurde diese Humoralpathologie zum unantastbaren Glaubenssatz der Medizin, der bis weit in die Neuzeit hinein kaum angezweifelt wurde.

Die Elementelehre und das Streben nach körperlicher Harmonie

Selbst heute noch orientieren sich Anhänger diverser alternativer Heilmethoden an diesen überholten Konzepten. Die vier Körpersäfte entsprachen in ihrer Systematik den vier grundlegenden Elementen der Natur. Das Blut stand für die Luft, die gelbe Galle für das Feuer, die schwarze Galle für die Erde und der Schleim für das Wasser. Bei einem gesunden Menschen befanden sich diese Säfte in einem perfekt ausbalancierten Verhältnis zueinander. Jegliche Krankheitsbilder entstanden durch eine qualitative oder quantitative Veränderung und Verschiebung dieser Säfte.

Falsche Vorstellungen vom Blutkreislauf und der Funktion der Organe

Die Aufgabe der ärztlichen Therapie bestand einzig darin, die gestörte Harmonie zwischen den Säften wiederherzustellen. Trotz seiner gründlichen anatomischen Studien an Tieren hatte der Gelehrte völlig falsche Vorstellungen vom Blutkreislauf. Die Vivisektion am Menschen war mit einem strengen Tabu belegt, weshalb er auf Versuche an Affen und Schweinen angewiesen war. Erst viele Jahrhunderte später begriff ein britischer Arzt im 17. Jahrhundert, wie der Blutkreislauf tatsächlich funktionierte. Der antike Mediziner glaubte hingegen fest daran, dass die Blutbildung in der Leber stattfand.

Das Herz als vermeintliches Zentrum und das Gehirn als Kühler

Dass das Blut nur in eine einzige Richtung fließt, war ihm ebenso wenig bewusst wie die Tatsache, dass die Herzscheidewand völlig undurchlässig ist. Er hielt das Herz für den Sitz aller zentralen Körperfunktionen und maß ihm die höchste Bedeutung bei. Das Gehirn hingegen bewertete er als ein Organ, das lediglich der Kühlung des Blutes diente. Dieses dogmatische Festhalten an überlieferten Schulweisheiten führte zwangsläufig zu massiven Fehldiagnosen und fragwürdigen Behandlungen. Die medizinische Praxis war stark von diesen theoretischen Konstrukten geprägt, die der Realität des menschlichen Körpers oft widersprachen.

Die Behandlung der Fallsucht durch Diät und Lebenswandel

Gegen Ende des Jahres 190 wurde der berühmte Arzt von einem besorgten Vater um Rat gefragt. Der Sohn dieses Mannes litt an der Fallsucht, die wegen ihrer rätselhaften Symptome als heilige Krankheit bezeichnet wurde. Der Mediziner ging davon aus, dass diese Krankheit durch eine ungesunde Konzentration von kaltem Schleim im Gehirn ausgelöst wird. Dieser Schleim lasse das Blut erstarren und die Krämpfe verursachen. Er empfahl dem Patienten, extreme Temperaturen, starke Winde, übermäßiges Baden und schwer verdauliches Essen strikt zu meiden.

Die Regulation der Säfte durch leichte Kost und Bewegung

Auch Schlaflosigkeit und starke emotionale Erregungen sollten nach dieser Lehre tunlichst vermieden werden. Um den Körper von den schädlichen Säften zu reinigen, riet der Arzt zu einer leichten Diät mit Gemüse und Obst. Scharfe Zutaten waren streng verboten, da sie den Kopf überhitzen und ungesunde Säfte freisetzen würden. Zusätzlich wurden Spaziergänge und regelmäßig ausgeübter, aber leichter Sport im Gymnasion verschrieben. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zeigte sich auch bei einem jungen Grammatiklehrer, der unter ähnlichen Krämpfen litt.

Die Magen-Theorie und die Verschreibung von Wein und Aloe

Die Anfälle dieses Lehrers traten besonders dann auf, wenn er energisch unterrichtete, längere Zeit nichts gegessen hatte oder sich geärgert hatte. Der Mediziner vermutete, dass die Öffnung des Magens krank und empfindlich sei, was das Gehirn in Mitleidenschaft zog. Er verordnete dem Patienten sorgfältig zubereitetes Brot zu einer bestimmten Tageszeit, begleitet von einem gemischten, lieblichen Weißwein. Diese speziellen Weine erhöhten die Spannung des Magens, ohne den Kopf wie stärkere Getränke zu belasten. Dazu verschrieb er ein bitteres Medikament aus Aloe, um den Bauch von schädlichen Exkrementen zu reinigen.

Die Heilung durch die Wiederherstellung der Verdauung

Nach der Anwendung dieser speziellen Therapiemethoden soll der junge Mann noch über 20 Jahre gelebt haben. Er erfreute sich in dieser langen Zeit einer tadellosen Gesundheit und blieb von weiteren Anfällen verschont. Die Wiederherstellung der Verdauung und die Regulierung der Säfte galten somit als Schlüssel zum Erfolg. Immer wieder beschäftigte sich der Gelehrte auch intensiv mit den spezifischen Leiden von Frauen. Antike Ärzte vermuteten, dass eine große Zahl von Erkrankungen des weiblichen Körpers direkt von der Gebärmutter ausging.

Die Hysterie und die vermeintliche Wanderung der Gebärmutter

Aus diesem Zusammenhang leiteten sie den Begriff der Hysterie ab, der sich sprachlich von der Gebärmutter ableitet. Die typischen Symptome umfassten Bewusstlosigkeit, einen extrem dumpfen oder völlig fehlenden Puls sowie eine schwache Atmung. Hinzu kamen schmerzhafte Verkrampfungen der Gliedmaßen und ein oft tödlich endendes hysterisches Ersticken. In einem detailliert überlieferten Fall wurde eine Frau behandelt, die seit langer Zeit verwitwet war. Sie litt unter lästigen Spannungen, die die Nerven betrafen, während eine Hebamme eine Rückziehung der Gebärmutter diagnostiziert hatte.

Die kontroverse Behandlung und die Theorie des zurückgehaltenen Samens

Daraufhin beschlossen die Helferinnen, die üblichen Hilfsmittel für derartige Leiden anzuwenden. Durch die Wärme und die Berührung der weiblichen Körperteile bei der Behandlung kam es zu Kontraktionen, die sowohl Schmerz als auch Lust hervorriefen. In der Folge wurde eine große Menge dickflüssiger Samen ausgeschieden, woraufhin die Frau von ihren lästigen Symptomen befreit wurde. Die Hebamme nahm an, das Krankheitsbild sei durch eine physische Verschiebung der Gebärmutter ausgelöst worden. Der berühmte Mediziner hingegen hielt zurückgehaltenes Menstruationsblut und Samen für die wahre Ursache des Leidens.

 

How to whitelist website on AdBlocker?

How to whitelist website on AdBlocker?

  1. 1 Click on the AdBlock Plus icon on the top right corner of your browser
  2. 2 Click on "Enabled on this site" from the AdBlock Plus option
  3. 3 Refresh the page and start browsing the site