Die Antoninische Pest und der tiefe Einschnitt in der Geschichte des Römischen Reiches
Screenshot youtube.comDie Geschichte der Menschheit ist eng mit den Auswirkungen von verheerenden Krankheiten verknüpft, die ganze Zivilisationen in ihren Grundfesten erschüttern konnten. Im Römischen Reich des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts traf eine solche biologische Katastrophe auf eine hochentwickelte, aber verwundbare Gesellschaft. Die sogenannte Antoninische Pest markiert einen historischen Wendepunkt, der die demografischen, wirtschaftlichen und sozialen Gefüge der antiken Welt nachhaltig veränderte. Dieses Seuchengeschehen warf die Menschen in eine tiefe Krise und offenbarte die Grenzen der damaligen medizinischen und administrativen Möglichkeiten.
Die Natur der Seuche und ihre Ausbreitung
Obwohl historische Einwände gegen solche Vergleiche grundsätzlich möglich sind, deutet die überwältigende Quellenlage darauf hin, dass das Seuchengeschehen in der 2. Hälfte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts alle bisherigen Erfahrungen in den Schatten stellte. Die verantwortlichen Pockenviren erwiesen sich als hochgradig ansteckend, und der Krankheitsverlauf war fast immer schwer und nicht selten tödlich, selbst wenn die Erkrankten zuvor gesund und wohlgenährt waren. Vermutlich handelte es sich bei der Antoninischen Pest um den 1. Ausbruch dieser spezifischen Krankheit, weshalb der Erreger das Immunsystem der Bevölkerung völlig unvorbereitet traf. Um das Jahr 150 hatte zudem eine Zeit globaler Abkühlung eingesetzt, die möglicherweise durch Vulkanausbrüche ausgelöst wurde. Damit verschlechterte sich die Ertragslage der Landwirtschaft und unter den Verhältnissen des vormodernen Ackerbaus nahezu sicher auch die Ernährungssituation vieler Menschen.
Die idealen Bedingungen für das Virus
Das Virus fand also ideale Bedingungen vor, um unter der Bevölkerung längst nicht nur des Mittelmeerraums zu wüten. Dort kamen aber noch 2 weitere Faktoren hinzu, die seine Ausbreitung zusätzlich begünstigt haben dürften. Erstens lebten viele Menschen auf engstem Raum in einer für antike Verhältnisse stark urbanisierten Gesellschaft zusammen. Zweitens existierte eine für die Vormoderne beachtliche geographische Mobilität der Römer. Kaufleute, Beamte, Soldaten, Handwerker, Künstler, Philosophen, Studenten, Pilger und selbst Bildungsreisende kamen in der Kaiserzeit weit herum.
Die rasante Verbreitung entlang der Handelsrouten
Das Virus fand nicht nur offene Türen vor, es herrschte auch kein Mangel an Spediteuren. Mit geradezu zwingender Logik breitete es sich entlang der gut ausgebauten Verkehrsadern des Imperiums und seiner Handelswege aus. Entsprechend gravierend waren die reichsweiten Folgen der Pandemie für Wirtschaft, Gesellschaft und Bevölkerung. Den Zeitgenossen war sehr wohl bewusst, dass sie Zeugen eines einschneidenden Geschehens waren. Ein namentlich nicht bekannter Senator sprach in den Jahren 176 oder 177 in einer Sitzung des Hohen Hauses von einer gewaltigen Seuche, die durch keine Medizin geheilt werden konnte.
Das Leid der Bevölkerung und die Trauer des Kaisers
Auch vom Kaiser Mark Aurel wird berichtet, dass er auf dem Totenbett die Trauernden fragte, warum sie um ihn weinten, wo man doch viel eher die vielen Opfer der Krankheit beklagen solle. Vereinzelt finden sich Hinweise auf eine deutlich erhöhte Sterblichkeitsrate, die allerdings nicht mit letzter Sicherheit der Antoninischen Pest zugeordnet werden können. In dem Ort Bedaium im heutigen Chiemgau verlor ein gewisser Victorinus seine gesamte Familie, bestehend aus Eltern, Ehefrau und Tochter, an eine Seuche, die im Konsulat des Mamertinus und des Rufus im Jahr 182 wütete. Im Januar 183 stellten Mitglieder einer Mithras-Kultgemeinde in Virunum eine Bronzetafel auf, die an die Einweihung eines neuen Heiligtums erinnerte. Am 26. Juni 184 kamen die Männer in ihrem Heiligtum zusammen, wie ein von anderer Hand hinzugefügter Zusatz zur Inschrift notierte, und dies geschah aufgrund der hohen Sterblichkeit.
Die Dokumentation des Todes in den Inschriften
Fünf Namen stehen unter diesem Text, versehen mit dem griechischen Buchstaben für den Tod. Auch hier ist ein Zusammenhang mit der Epidemie nicht sicher nachzuweisen, aber immerhin denkbar. Einfache Menschen mussten in der Antike sowieso ständig das Gefühl haben, dass ihnen die Kontrolle über ihr Leben entglitt. Für sie war die Verbreitung der Seuche logischerweise ein Verhängnis, das nur überirdische Mächte über sie gebracht haben konnten. Daher suchten sie Hilfe bei den Göttern und bei magischen Praktiken.
Der Glaube an magische Abwehrkräfte
Der Schriftsteller Lukian von Samosata machte sich lustig über seinen Gegner, einen gewissen Propheten, der sich als Retter vor der Seuche inszenieren wollte. Dieser hatte einen Vers gedichtet und darin den Gott Apollon angerufen, damit die Pest fliehe, da der Heiler eingetroffen sei. Dieser Vers erwies sich jedoch als völlig unwirksam. Aus der Stadt Londinium stammt ein Amulett mit einer magischen, auf Griechisch verfassten und teilweise schlecht zu entziffernden Inschrift, die mit viel Beschwörungsformeln Apollon anruft, damit er die Seuche vertreibt. Der Text fleht verschiedene göttliche Gestalten an, das widerspenstige Geklirre der wütenden Pest abzuwehren, welche eindringende Schmerzen, schwere Beklemmung, Fleischverzehrung und Auflösung in den Adern hervorruft.
Die Anrufung der Götter auf Bleilamellen
Große Götter wie Iao und Sabaoth werden beschworen, den Träger zu beschützen, und der Bogenschütze Apollon soll die Wolke der Pest vertreiben. Schließlich wird der Gott gebeten, über einen gewissen Demetrios zu wachen und ihm zu gebieten, sich von bestimmten Dingen zu enthalten. Die Bleilamelle lässt sich nicht präzise datieren, sie könnte in der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts vergraben worden sein. Die Seuche hinterließ tiefe Spuren im Gemüt der Menschen, sie hatte aber auch gravierende gesellschaftliche Folgen. In besonderer Dichte sind die Schäden für Ägypten dokumentiert, das unter allen römischen Provinzen eine Sonderstellung einnimmt.
Der wirtschaftliche Einbruch in der Provinz Ägypten
Nur im trockenen Klima Ägyptens haben sich Papyri in nennenswerter Zahl erhalten und geben Aufschluss über ökonomische, fiskalische und demographische Entwicklungen. In der gesamten Provinz wurde ab dem Jahr 166 deutlich weniger Ackerfläche bestellt. Auch die künstliche Bewässerung, die dem Nilland stets extrem hohe Erträge beschert hatte, war zu dieser Zeit vernachlässigt worden. Bereits ab dem Jahr 164 häuften sich Meldungen über das Ausbleiben von Wasser. Ursache war vermutlich, dass die Bewässerungssysteme nicht in Schuss gehalten worden waren, über die das Nilwasser in der Überschwemmungszeit auf die Felder geleitet wurde.
Der Rückgang der Bevölkerung und der Steuerzahler
Pachtverträge, die bis dahin jährlich erneuert worden waren, wurden jetzt auf vier Jahre abgeschlossen, galten allerdings für Parzellen, die im Durchschnitt weniger als halb so groß waren wie zuvor. Die Bevölkerungszahlen im Fayyum, der fruchtbaren Senke in Westägypten, und im Nildelta scheinen regelrecht eingebrochen zu sein. Der Zensus der Steuerbürger verzeichnete Rückgänge von einem Drittel bis zu 50 Prozent, örtlich auch noch mehr. Nicht alle diese Menschen müssen an der Seuche gestorben sein. Denkbar ist auch, dass ganze Dörfer vor der Epidemie Reißaus nahmen.
Die Lähmung der römischen Verwaltung
Dennoch dürfte der drastische Bevölkerungsrückgang die Kornkammer des Reiches und damit die Getreideversorgung von Großstädten wie Rom schwer getroffen haben. Selbst die sonst notorisch effiziente römische Verwaltung litt unter den Verhältnissen. Bis es sich in ganz Ägypten herumgesprochen hatte, dass in Rom ein neuer Kaiser die Amtsgeschäfte führte, verging unter normalen Umständen ungefähr eine Woche. Als Mark Aurel stirbt, dauert es sage und schreibe 46 Tage, bis Commodus überall als sein Nachfolger anerkannt ist. Die durch die Pandemie ausgelöste demographische Krise beschränkte sich nicht auf Ägypten.
Die steigenden Sterbeziffern in den Provinzen
Grabinschriften aus verschiedenen Provinzen lassen ab dem Jahr 165 mit deutlich höheren Sterbeziffern rechnen. In der kleinasiatischen Landschaft Lydien sind zwischen den Jahren 160 und 164 durchschnittlich zwei Grabsteine pro Jahr dokumentiert, in drei Zeiträumen ab 165 war die Zahl deutlich höher, mit Werten zwischen fünf und acht. Möglicherweise korrespondierten diese Daten mit drei Wellen der Seuche, die in den späten 160er Jahren, den frühen 180er Jahren und den frühen 190er Jahren zuschlugen und die Mortalitätsrate in die Höhe schießen ließen. Auch die Armee war von der hohen Sterblichkeit betroffen. Die Pandemietoten addierten sich hier zu den Opfern, die die Feldzüge von Mark Aurel gefordert hatten.
Der Mangel an Soldaten und Rekruten
Entlassungsurkunden, die Soldaten nach Ableistung ihres Militärdienstes ausgehändigt wurden, legen nahe, dass die Legionen in den 160er Jahren ungewöhnlich viele Rekruten anwarben. Offenbar ging der Armee langsam, aber sicher das Personal aus. Schließlich geriet das Imperium auch ökonomisch in eine Schieflage. Eine dendrochronologische Studie, also die Analyse der Jahresringe von Bäumen, hat ergeben, dass der Holzverbrauch im Imperium zu Beginn des 2. Jahrhunderts einen Höhepunkt erreichte, bevor er in den 120er Jahren deutlich abfiel. Die Talsohle wurde, nach einem Zwischenhoch um das Jahr 160, zwischen den späten 160er und 180er Jahren erreicht.
Der Rückgang der industriellen Produktion
Der Rückgang dürfte nicht nur durch die Pandemie zu erklären sein und er ist örtlich auch schon vor ihrem Auftreten zu beobachten, aber sie dürfte doch ihren Beitrag dazu geleistet haben. Derselbe Befund deutet sich in den Grönland-Bohrkernen an, die einen deutlichen Rückgang der weltweiten Bleibelastung zeigen. Hier wird der Gipfel ebenfalls kurz nach dem Jahr 100 erreicht, in den 160er Jahren sinkt die Verschmutzung auf weniger als ein Drittel des Höchstwertes. Bei aller Vorsicht, mit der diese Daten zu interpretieren sind, fügt sich das Bild zusammen. Anscheinend fügten Sterblichkeit und Fluchtbewegung infolge der Pandemie auch dem Gewerbe, dem Bergwerk- und Hüttenwesen schweren Schaden zu.
Das Abrutschen in die wirtschaftliche Rezession
Das Imperium und womöglich mit ihm weite Teile Afro-Eurasiens rutschten in die Rezession. Das war freilich nur ein Vorgeschmack auf das Krisenszenario, das die römische Welt im 3. Jahrhundert fest im Griff halten sollte. Ab etwa dem Jahr 230 schaukelten sich Niederlagen gegen die Perser im Osten und germanische Stämme im Westen, drastische Mehrausgaben für die Legionen, die daraus resultierende fiskalische Überforderung und Bürgerkriege zu einer Bedrohungslage auf, die die Herrschaft Roms zeitweise an den Rand des Zusammenbruchs führte. Welche Rolle die Antoninische Pest beim Zustandekommen dieser Krise spielte, ist nicht sicher zu bestimmen, aber der demographische Aderlass könnte die Rekrutierungsbasis für das Militär verschlechtert und so die Kaiser gezwungen haben, ihre Soldaten besser zu bezahlen. Schließlich mussten die Legionen in Zeiten allgemeinen Fachkräftemangels auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig bleiben.
Der soziale Aufstieg des Pertinax
Für Einzelne eröffneten sich unter solchen Umständen allerdings auch ganz neue Perspektiven. Als Commodus in der Neujahrsnacht des Jahres 193 ermordet wurde, trat seine Nachfolge, wenn auch nur für drei Monate, ein älterer Senator namens Pertinax an, der als Stadtpräfekt so etwas wie der Oberbürgermeister von Rom war. Zuvor hatte er als Statthalter in verschiedenen Provinzen gedient, davor wiederum auf hohen militärischen Kommandoposten. Doch der Mann, der zum engsten politischen Führungskreis um Commodus zählte und schließlich selbst Kaiser wurde, war ein sozialer Aufsteiger. Pertinax, geboren im Jahr 126, war der Sohn eines Freigelassenen aus Ligurien und hatte seine Laufbahn als Lehrer begonnen, bevor er im Militär Karriere gemacht hatte.
Die Gewinner der großen Katastrophe
Ohne das große Sterben, das auch die Oberschicht dezimierte, wäre der doppelte Spurwechsel erst von einer rein militärischen in eine ritterständische und dann in eine senatorische Laufbahn kaum denkbar gewesen. Die Seuche produzierte auch Gewinner.














