Die globale Geschichte der Versklavung und das Ringen um die historische Wahrnehmung

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Die globale Geschichte der Versklavung stellt ein überaus komplexes und oft intensiv debattiertes Thema dar, insbesondere wenn es um den Vergleich der verschiedenen Ausbeutungssysteme über Kulturen und Epochen hinweg geht. Über lange Zeit konzentrierte sich der Fokus der geschichtswissenschaftlichen Forschung vorwiegend auf den transatlantischen Sklavenhandel, während andere massive Systeme des Menschenhandels in den Hintergrund gedrängt wurden. Eine kritische Prüfung der historischen Quellen offenbart jedoch ein weitaus umfassenderes und unbequemeres Bild der menschlichen Ausbeutung, das sich über Kontinente, Religionen und Jahrtausende erstreckt. Der Vergleich zwischen dem orientalischen und dem abendländischen Sklavenhandel zwingt dazu, etablierte Erzählungen zu hinterfragen und die brutalen Realitäten der Vergangenheit ohne ideologische Filter zu betrachten. Letztlich geht es darum, die universellen Mechanismen von Macht, Unterdrückung und der Kommodifizierung menschlicher Wesen zu begreifen, die ganze Zivilisationen geprägt haben.

Die Relativierung historischer Verantwortung

In der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung wird bisweilen das Narrativ bemüht, dass die Beteiligung einheimischer afrikanischer Akteure am Sklavenhandel dazu diene, die eigene historische Verantwortung zu relativieren. Diese Sichtweise zielt darauf ab, die dunklen Kapitel der eigenen Vergangenheit zu beschönigen und die Schuld auf andere Gruppen abzuwälzen. Es drängt sich jedoch die zwingende Frage auf, wie der jeweilige Anteil der verschiedenen Kulturkreise und Religionen an der Verschleppung und Versklavung von Millionen Menschen tatsächlich zu bewerten ist. Bei der Betrachtung dieser historischen Dimensionen greift man zunächst zu den verfügbaren statistischen Schätzungen, die jedoch oft stark voneinander abweichen.

Die statistischen Dimensionen des orientalischen Handels

Verschiedene Forschungen beziffern die Anzahl der verschleppten Afrikaner im Rahmen des orientalischen Sklavenhandels zwischen dem 7. und dem 20. Jahrhundert auf rund 17 Millionen Menschen. Diese gewaltige Zahl verteilt sich auf die Routen durch die Sahara mit etwa 9 Millionen, über den Indischen Ozean mit rund 4 Millionen und über das Rote Meer mit über 4 Millionen Opfern. Im Kontrast dazu steht der transatlantische Sklavenhandel zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert, bei dem Schätzungen von 11 bis 15 Millionen verschleppten Menschen ausgehen. Andere Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass allein über die Sahara 5 bis 10 Millionen und über den Indischen Ozean weitere 5 bis 6 Millionen Menschen transportiert wurden. Innerhalb des afrikanischen Kontinents selbst sollen zudem bis zu 14 Millionen Menschen in Sklaverei geraten sein, wobei Umfang und Dauer dieses innerafrikanischen Handels bis heute kaum exakt beziffert werden können.

Die Unschärfe der historischen Überlieferung

Trotz dieser gewaltigen Dimensionen betonen Experten immer wieder das Fehlen exakter und lückenloser Aufzeichnungen für den orientalischen Sklavenhandel. Zwischen dem 7. und dem 19. Jahrhundert sollen allein im Zuge des transsaharischen Handels, organisiert von nordafrikanischen Kaufleuten und ihren Verbündeten, mehr als 9 Millionen Menschen nach Norden verschleppt worden sein. Als europäische Händler an die Küsten Afrikas gelangten, traten sie in vielen Regionen schlicht in bereits bestehende Tauschkreisläufe ein, ohne diese zunächst grundlegend zu verändern. Die mangelnde Dokumentationsdichte zeigt sich besonders deutlich an historischen Beispielen, wie etwa einem der aktivsten Häfen am Persischen Golf, der keinerlei Register über den Import von Sklaven führte. Diese lückenhafte Quellenlage macht präzise Zahlenspekulationen über das wahre Ausmaß der menschlichen Tragödien im orientalischen Raum nahezu unmöglich.

Die zeitliche Ausdehnung der verschiedenen Sklavereisysteme

Ein objektiver Vergleich der historischen Zeiträume offenbart massive Unterschiede in der Dauer der jeweiligen Sklavereisysteme. Während der transatlantische Sklavenhandel der europäischen Nationen über ungefähr 150 Jahre hinweg stattfand, erstreckten sich die diversen Formen des muslimischen und transsaharischen Handels über circa 1200 Jahre und noch länger. Diese enorme zeitliche Spanne verdeutlicht, wie tief verwurzelt und beständig die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft in bestimmten Kulturkreisen war. Die großen Baumwollplantagen in Ägypten verdankten ihren enormen Reichtum vollständig der Ausbeutung versklavter Menschen aus Schwarzafrika. Als der Sultan von Oman im Jahr 1840 auf Sansibar Fuß fasste, führte dies zu einer außerordentlichen Expansion des Sklavenhandels, bei dem jährlich bis zu 20000 Menschen auf die Insel gebracht wurden.

Die grausame Realität auf den Inseln des Indischen Ozeans

Die verschleppten Menschen wurden zumeist bei grausamen Razzien tief im Landesinneren gefangen genommen und auf Schiffen weitertransportiert. Ein Teil der Opfer wurde in die Häfen Arabiens, des Persischen Golfs und der Maskareneninseln verschifft, doch die überwiegende Mehrheit verblieb direkt vor Ort. Diese Menschen mussten unter der brutalen Aufsicht skrupelloser Aufseher die Gewürznelkenfelder bebauen, welche den enormen Reichtum der Inseln begründeten. Im Jahr 1849 zählte man auf Sansibar bereits ungefähr 100000 Sklaven, und im Jahr 1860 stieg diese Zahl auf 200000 an. Bei einer damaligen Gesamtbevölkerung von lediglich 300000 Einwohnern bedeutet dies, dass der überwältigende Großteil der Bevölkerung aus entrechteten und versklavten Menschen bestand.

Die universelle Natur der Sklavenhaltergesellschaften

Diese historischen Fakten führen zu der unweigerlichen Erkenntnis, dass sowohl die islamische als auch die abendländische Welt als klassische Sklavenhaltergesellschaften zu betrachten sind. Sowohl die griechisch-römische Antike als auch das mittelalterliche und das neuzeitliche Abendland sowie die muslimischen Reiche basierten in weiten Teilen auf der Institution der Sklaverei. Die römische Sklavenherrschaft forderte ebenfalls unzählige Menschenleben, und die Leidensgeschichte der Verschleppten aus Vorderasien steht der späteren Ausbeutung Afrikas in nichts nach. Der Wechsel der Versorgungsquellen für versklavte Arbeitskräfte war das Ergebnis einer zufälligen Verkettung historischer Ereignisse, technischer Fortschritte in der Seefahrt und geopolitischer Verschiebungen. Dieser Wandel hatte nichts mit einem modernen Rassismus zu tun, sondern folgte uralten Mustern, bei denen Fremden die gleichberechtigte Zugehörigkeit zur Menschheit aberkannt wurde.

Die Bewertung historischen Leids und der Unmenschlichkeit

Die Lebensbedingungen der Sklaven in der Antike unterscheiden sich grundlegend von denen auf den Plantagen der Neuen Welt, welche wie kapitalistische Großbetriebe geführt wurden. Es stellt sich die schwierige Frage, wie man die jeweilige Unmenschlichkeit dieser Systeme einschätzen und bewerten kann, ohne in die Falle einer rechtfertigenden Verharmlosung zu verfallen. Will man die Geschichte der Unterdrückung in einem groben Überblick zusammenfassen, muss man unterschiedliche Formen massiver Gewalt und Demütigung miteinander vergleichen. Die symbolische Unterwerfung durch das traditionelle Binden der Füße von Frauen steht dabei in keiner Relation zur physischen Vernichtung und Verschleppung von Millionen Menschen über 2 Jahrtausende. Ohne die eine oder die andere Form der Unterdrückung rechtfertigen zu wollen, muss man feststellen, dass den historischen Akteuren der Sklaverei jener ästhetische und kulturelle Sinn für Grenzen fehlte, der andere Gesellschaften in ihren eigenen Formen der Grausamkeit noch leitete.