Das widersprüchliche Vermächtnis von Thomas Jefferson und die Formung der frühen Republik

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Thomas Jefferson nimmt in der historischen Bewertung der amerikanischen Präsidenten einen herausragenden Platz ein und wird oft direkt hinter den ersten Präsidenten und dem großen Befreier gereiht. Sein historisches Bild ist jedoch nicht nur von seinen politischen Ämtern geprägt, sondern stark von seinen früheren intellektuellen Leistungen als Hauptverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und des Gesetzes zur religiösen Freiheit. Sein Name steht bis heute für eine politische Strömung, die die Rechte der Einzelstaaten, die lokale Selbstverwaltung und ein großes Vertrauen in die Urteilskraft der einfachen Bürger betont. Dennoch klaffen seine theoretischen Ideale und sein tatsächliches politisches Handeln in der Praxis oft weit auseinander.

Die frühen Jahre und die intellektuelle Prägung

Die Übernahme öffentlicher Ämter gehörte seit Generationen zu den selbstauferlegten Pflichten der großen Grundbesitzerfamilien in Virginia. Im Alter von nur 26 Jahren wurde Thomas Jefferson von den lokalen Pflanzenbauern in das Kolonialparlament entsandt. Er wurde im Jahr 1743 auf einer Plantage geboren, wobei sein Vater durch kluge Landspekulationen den sozialen Aufstieg geschafft hatte. Die Unterstützung seiner Mutter aus einer einflussreichen Familie öffnete ihm die Türen zur dominierenden Oberschicht der Kolonie.

Studium und der Weg in die Politik

Ein mehrjähriger Besuch einer renommierten Hochschule vermittelte dem wissbegierigen jungen Mann die politischen Ideen der griechischen und römischen Klassiker. Ein schottischer Professor weckte seine lebenslange Begeisterung für das unvoreingenommene Sammeln von Fakten und analytisches Denken. Nach dem Studium des Rechts und seiner Zulassung als Anwalt gab er diesen Beruf auf, als der Kampf um die Unabhängigkeit ihn zum Berufspolitiker machte. Er verwaltete seine ererbten Ländereien oft aus der Ferne, während seine Ehefrau, die er im Jahr 1772 heiratete, den Haushalt führte.

Der Bau von Monticello und die Sklaverei

Ab dem Jahr 1769 ließ er seinen Landsitz auf dem höchsten Hügel der Umgebung errichten, der zeitlebens sein persönlicher Rückzugsort blieb. Der anmutige Bau symbolisierte die Spannung zwischen seiner Idealvorstellung vom freien Individuum und der Realität der durch materielle Zwänge eingeschränkten Lebens der meisten Menschen. Jefferson versuchte diese Spannung zu mindern, indem er den Erwerb von Landbesitz für möglichst viele Siedler erleichterte. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1782 verdoppelte sich sein Landbesitz, doch er musste auch hohe Schulden übernehmen, die ihn bis an sein Lebensende finanziell belasteten.

Die theoretische Fundierung der Unabhängigkeit

Im Jahr 1774 begründete er in einer aufsehenerregenden Flugschrift die originären Selbstregierungsrechte der englischen Kolonisten. Als einer der wortgewaltigsten Führer des Widerstands erhielt er die Aufgabe, einen Entwurf zur Begründung der Unabhängigkeit zu verfassen. Der Kongress akzeptierte seinen Text im Juli 1776 mit wenigen Änderungen, wobei eine Passage zur Sklaverei gestrichen wurde. Der Kern seines politischen Glaubensbekenntnisses blieb die Souveränität des Volkes als alleinige Quelle legitimer Regierungsgewalt.

Die Rechte des Einzelnen und der Widerstand

Die Regierung hatte die Aufgabe, die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu schützen. Gegen Regierungen, die diese Rechte nachhaltig verletzten, war ein kollektiver Widerstand ausdrücklich erlaubt. Diese Prinzipien mussten nicht als radikale Gegenideologie entwickelt werden, sondern basierten auf den Vorstellungen englischer Denker vom Sozialvertrag. Jefferson wandte diese Ideen der Regierungsgewalt zum Wohle aller konsequent auf die Siedler in Amerika an.

Reformen in Virginia und die Zeit in Europa

Im Geist der Aufklärung betrieb er als Mitglied der Legislative die gesetzliche Abschaffung alter Erbschaftsregeln, die die Aufteilung von Plantagen behinderten. Zusammen mit seinem engsten Vertrauten bereitete er die Trennung von Staat und Kirchen vor, die im Jahr 1786 in Kraft trat. Mit seinen detaillierten Aufzeichnungen über seinen Heimatstaat lieferte er einen von europäischen Gelehrten beachteten Beitrag zur Erfassung der Neuen Welt. Darin verurteilte er die Sklaverei scharf als ein widernatürliches System, das Herren und Sklaven gleichermaßen moralisch schädige.

Die Gouverneurszeit und die diplomatische Mission

Weniger erfolgreich war seine Amtsführung als Gouverneur in den Kriegsjahren, die von der Invasion britischer Truppen überschattet wurde. Er weigerte sich beispielsweise, der Kontinentalarmee beschlagnahmte Pferde und Sklaven für Befestigungsbauten zur Verfügung zu stellen. Seine Abneigung gegen eine zupackende Exekutive war grundsätzlicher Art, weshalb er eine starke Armee nur bei akuter Kriegsgefahr befürwortete. Nach dem Krieg vertrat er seinen Staat erneut im Kongress, bevor er im Jahr 1784 als Sonderbotschafter nach Paris geschickt wurde.

Der europäische Einfluss und die Rückkehr

In dieser Rolle sammelte er wertvolle Erfahrung für seine späteren Aufgaben als Außenminister und Präsident. In diesen Jahren verfestigte sich sein negatives Bild von Europa, das stark vom Elend in den Großstädten und der sozialen Ungleichheit geprägt war. Er bereiste verschiedene Länder und beobachtete bis zu seiner Heimkehr im Oktober 1789 die Anfänge der französischen Revolution. Dabei beriet er einen befreundeten französischen Aristokraten bei der Ausarbeitung der Menschenrechtserklärung.

Der Konflikt mit der Finanzpolitik

Der erste Präsident berief ihn im Jahr 1790 als ersten Außenminister in sein Kabinett. Ein erster politischer Gegensatz zum Finanzminister entwickelte sich bei dem Versuch, die britische Regierung zur Räumung letzter Forts zu zwingen. Jefferson plädierte für einen Importboykott, während der Finanzminister nicht auf die Einnahmen aus den Einfuhrzöllen verzichten wollte. Nachdem er den Präsidenten nicht von der Gefahr einer zentralen Bank überzeugen konnte, schied er im Jahr 1793 im Streit aus dem Kabinett aus.

Der Aufbau der Opposition

Seit dem Jahr 1792 organisierte er zusammen mit seinem Vertrauten im Abgeordnetenhaus die erste Oppositionspartei in der Geschichte des Landes. Um vor der Gefahr eines Rückfalls in die Monarchie zu warnen, nannten sich seine Anhänger bald Republikaner. Das Wahlergebnis von 1796 machte ihn zum Vizepräsidenten, da die Verfassung nur einen Wahlgang der Wahlmänner vorsah. Der Kandidat mit der zweithöchsten Stimmenzahl wurde automatisch Vizepräsident, was ihm die Rolle des Oppositionsführers im Senat einbrachte.

Die Verteidigung der Einzelstaatsrechte

Gegen die im Jahr 1798 verabschiedeten Gesetze zur Einschüchterung der oppositionellen Presse entwarf er im Geheimen Resolutionen. Diese Erklärungen bezeichneten die Bundesverfassung als einen Staatsvertrag mit einem jederzeitigen Austrittsrecht. Die Einzelstaaten reklamierten das Recht, selbst zu beurteilen, ob ein Bundesgesetz verfassungswidrig und damit nicht bindend sei. Unmittelbare Konsequenzen hatte diese rhetorische Auflösung der Union nicht, doch spätere Verfechter der Einzelstaatsrechte beriefen sich darauf.

Die Präsidentschaftswahl und der Machtwechsel

Die Wahl im Jahr 1800 wurde erstmals von zwei politischen Parteien im modernen Sinne organisiert und publizistisch vorbereitet. Seine Anhänger forderten die Aufhebung der Knebelung der Meinungsfreiheit und die Senkung der direkten Steuern. Im Konflikt zwischen der Oberschicht und der breiten Mittelschicht bot sich der Großgrundbesitzer als Sprecher der Mehrheit an. Die gegnerischen Zeitungen warnten im Gegenzug vor ihm als einem gottlosen Dulder von Terrorherrschaft, dessen Wahl zur Anarchie führen würde.

Die Entscheidung im Abgeordnetenhaus

Seine Partei errang die Mehrheit im Kongress, doch im Wahlmännergremium erhielten er und sein Vizepräsidentschaftskandidat die gleiche Stimmenzahl. Für diesen Fall sah die Verfassung die Entscheidung durch das bestehende Abgeordnetenhaus vor, das nach Staaten abstimmen musste. Er erhielt die erforderliche Mehrheit erst im 36. Wahlgang aufgrund der Intervention seines Erzrivalen. Dieser befürchtete weniger Schaden von dem arrivierten Kandidaten als von dem als unberechenbar eingeschätzten Konkurrenten.

Die friedliche Revolution der Macht

Die Wahlen hat er gerne als Revolution bezeichnet, weil er den Föderalisten im Weißen Haus ablöste. Richtig ist, dass er als erster Parteiführer fast im modernen Sinne auf friedlichem Weg einen Machtwechsel auf Bundesebene herbeiführte. Dabei wurden die Verfahrensregeln der neuen Bundesverfassung eingehalten, und es bedurfte keines gewaltsamen Umsturzes mehr. Das Regierungssystem der neuartigen Bundesrepublik erwies sich auch unter einem Präsidenten seiner Prägung als voll funktionsfähig.

Die Antrittsrede und die innenpolitischen Ziele

Seine Amtsantrittsrede im März 1801 ist zum Archetypus der Versöhnungsgeste nach einem verletzenden Wahlkampf geworden. Er behauptete, die Meinungsverschiedenheiten seien nicht grundsätzlicher Natur gewesen, denn die republikanische Regierungsform sei nicht gefährdet. Zur Beschwichtigung der Unterlegenen schränkte er das Mehrheitsprinzip ein, indem er betonte, dass auch die Minderheit ihre geschützten Rechte habe. Im außenpolitischen Teil dankte er für die Breite des Ozeans, die das Land vor den Wirren Europas schütze.

Die außenpolitische Isolation und die Wirtschaft

Sein Ziel sei Frieden, Handel und ehrliche Freundschaft mit allen Nationen, aber keine verwickelnden Bündnisse. Diese Ablehnung von europäischen Allianzen wurde zum Schlachtruf amerikanischer Isolationisten für die kommenden Jahrhunderte. In der Wirtschaftspolitik kündigte er allgemeine Sparsamkeit und die Abzahlung der öffentlichen Schulden an. Die Landwirtschaft werde gefördert und der Handel untergeordnet, was das Ende der Förderung der Kapitalbesitzer bedeutete.

Der unkonventionelle Regierungsstil

Als Zeichen seiner Volksverbundenheit ging er zu Fuß zur Amtseinführung und verzichtete auf prunkvolle Kutschen. Er trug auch bei festlichen Anlässen keine Perücke mehr und ritt lieber allein mit einer Wache durch die Stadt. Seine Jahresbotschaften an den Kongress ließ er nicht mehr selbst vorlesen, um die Analogie zur Thronrede des Königs zu vermeiden. Die häufigen Essen mit Politikern wurden wegen seiner Ungezwungenheit und der anregenden Unterhaltung über alle Wissensgebiete gerühmt.

Die Besetzung der Ämter und die Presse

Zur Leitung der Ministerien holte er sich kompetente Aktivisten seiner Partei, wobei er eng mit dem Außen- und dem Finanzminister zusammenarbeitete. Der regionale Proporz war fortan nicht mehr aus der Verteilung der höchsten Bundesämter wegzudenken. Er nutzte die ihm zur Verfügung stehende Ämterpatronage gezielt über die Jahre zur Belohnung seiner Parteigänger. Sein Bild in der öffentlichen Meinung steuerte er durch die Unterstützung einer Vielzahl kleiner Parteizeitungen auch in ländlichen Gebieten.

Der Kauf von Louisiana

Seine folgenreichste außenpolitische Entscheidung führte im Jahr 1803 zur Verdoppelung des Staatsgebiets und zeigte seine Entschlossenheit in Krisensituationen. Als er von der Rückübertragung des riesigen Gebiets durch Spanien an Frankreich erfuhr, formulierte er das nationale Interesse kompromisslos. Er sah in der Kontrolle der Mündung des großen Flusses eine existenzielle Bedrohung für die heimische Landwirtschaft. Nicht seine Drohgebärden führten zum Erfolg, sondern eine Seuche, die die französischen Streitkräfte in der Karibik vernichtete.

Die Expansion und die Erforschung des Westens

Der französische Herrscher gab die Hoffnung auf ein nordamerikanisches Kolonialreich auf und bot den kompletten Verkauf des Territoriums an. Die amerikanischen Unterhändler griffen ohne Rückfrage in der Hauptstadt sofort zu, obwohl der Präsident verfassungsrechtliche Skrupel hatte. Er begründete die Erweiterung des Staatsgebiets mit der Außerordentlichkeit der Situation, und der Senat billigte den Vertrag. Um das unbekannte Land erforschen zu lassen, hatte er schon vor dem Kauf eine naturwissenschaftliche Expedition vorbereiten lassen.

Die Vertreibung der Ureinwohner

Die Öffnung des Westens war für seine Vision wichtig, weil er auf eine friedliche räumliche Trennung der Rassen hoffte. Ein dauerhaftes enges Zusammenleben freier Menschen unterschiedlicher Hautfarbe konnte er sich nicht vorstellen. Für die lebenden Gemeinschaften der Ureinwohner äußerte er zwar Sympathie, sah aber keine Zukunft für sie im Osten. Er setzte durch, dass die Stämme Land abtraten, welches die Bundesregierung günstig an die Siedler weiterverkaufte.

Der Konflikt mit den Piraten und die Justiz

Eine außenpolitische Verwicklung löste er mit Waffengewalt, als ein nordafrikanischer Herrscher wieder Schutzgeld erpressen wollte. Er setzte als Oberbefehlshaber mit Erfolg die Kriegsmarine ein, um die Handelsrechte zu verteidigen. Eine historisch bedeutsame Machtverlagerung ergab sich, als der Oberste Bundesrichter die letzte Entscheidung über die Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen beanspruchte. Der Präsident konnte es sich leisten, die Bedeutung dieser Entscheidung zu ignorieren, da er die Richterschaft ohnehin ablehnte.

Der Verratsprozess und die wirtschaftlichen Folgen

Einen positiveren Präzedenzfall schuf er, als er sich weigerte, in einem Verratsprozess gegen seinen ehemaligen Vizepräsidenten bestimmte Dokumente vorzulegen. Der Preis für diese Verweigerung war der Freispruch des Angeklagten aufgrund der engen Definition von Verrat durch den Richter. In der zweiten Amtszeit unternahm er nichts explizit gegen den Ausbau der Manufakturen, obwohl er diese eigentlich ablehnte. Ironischerweise bewirkte eine von ihm verhängte Handelssperre sogar eine Beschleunigung der Frühindustrialisierung.

Das Scheitern der Handelssperre

Die wieder aufflammenden Kriege in Europa behinderten die amerikanische Handelsflotte derart, dass die Verteidigung der Handelsrechte zur vordringlichen Aufgabe wurde. Die überlegene britische Kriegsmarine begann, amerikanische Handelsschiffe zu beschlagnahmen und Matrosen in ihre Dienste zu pressen. Aus Frustration schlug er dem Kongress ein totales Aus- und Einfuhrverbot vor, das gegen den Widerstand der Hafenstädte verabschiedet wurde. Der selbstauferlegte Handelsboykott erwies sich als seine größte Fehlentscheidung, da die europäischen Mächte unbeeindruckt blieben.

Das Verbot des Sklavenhandels und der Rücktritt

Das Scheitern der Handelssperre gestand er am Ende seiner Amtszeit ein, als er den totalen Boykott durch eine gezieltere Sperrung ersetzte. Aktiv wurde er jedoch bei der Vorbereitung des Gesetzes zur Beendigung der legalen Sklaveneinfuhr, das pünktlich in Kraft trat. Er hatte vorsorglich bekanntgegeben, dass er für eine dritte Amtszeit nicht kandidieren werde, was bis weit in das nächste Jahrhundert hinein Tradition werden sollte. Trotz der gescheiterten Außenpolitik hinterließ er das Präsidentenamt nicht als geschwächte Institution.

Der Wandel der Präsidentschaft und der Lebensabend

Eine Oppositionspartei musste nicht in Subversion enden, sondern konnte nach einem friedlichen Machtwechsel zum soliden Träger des Systems werden. Er hat diesen Rollenwandel vom Oppositionsführer zum Regierungschef als erster Präsident vollzogen und sich auf seine Parteibasis gestützt. Seinen Lebensabend verbrachte er auf seinem Landsitz, ausgefüllt mit Korrespondenz, der Gründung einer Universität und den Pflichten eines verschuldeten Pflanzenbauers. Er starb im Alter von 83 Jahren am vierten Juli 1826, am gleichen Tag wie sein Rivale und 50 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung.

 

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