Die Frage nach dem Bewusstsein im Tierreich

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Die Erforschung des tierischen Geistes stellt die Wissenschaft vor grundlegende Fragen, die weit über die Biologie hinausreichen. Während wir beim eigenen Bewusstsein zumindest von dessen Existenz ausgehen können, bleibt die innere Welt anderer Lebewesen verborgen. Dieser Beitrag beleuchtet den aktuellen Stand der Forschung zur Frage, ob und wie Tiere empfinden, und zeigt auf, welche ethischen und wissenschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Die Debatte hat in den vergangenen Jahren zu einem bemerkenswerten Wandel in der gesellschaftlichen und rechtlichen Behandlung von Tieren geführt.

Emotionale Bindungen als Hinweis auf Bewusstsein

Nachdem wir die Grenzen unseres Wissens über den menschlichen Geist erkannt haben, stellt sich die Frage nach dem Bewusstsein anderer Lebewesen mit neuer Dringlichkeit. Manche Tiere wie Hunde bestehen mit Sicherheit eine abgewandelte Form jenes Prüfverfahrens, das ursprünglich zur Unterscheidung maschineller und menschlicher Intelligenz entwickelt wurde. Bei der Beurteilung, ob ein Wesen über Bewusstsein verfügt, achten Menschen üblicherweise nicht auf Rechenleistung oder Gedächtniskapazität, sondern auf die Fähigkeit, emotionale Bindungen einzugehen. Zwar entwickeln Menschen mitunter tiefe Gefühle für Gegenstände wie Waffen, Fahrzeuge oder Kleidungsstücke, doch bleiben diese Verbindungen einseitig und wachsen nie zu echten Beziehungen heran.

Die Herausforderung des Beweises

Dass Hunde aktiv an emotionalen Beziehungen zu Menschen teilnehmen können, überzeugt die meisten Hundehalter davon, dass es sich bei ihnen nicht um geistlose Automaten handelt. Skeptiker bleiben hiervon jedoch unberührt, da sie darauf verweisen, dass Gefühle ebenfalls Rechenverfahren darstellen und kein bekanntes Verfahren Bewusstsein benötigt, um zu funktionieren. Wenn ein Tier komplexes emotionales Verhalten zeigt, lässt sich nicht beweisen, dass dieses nicht das Ergebnis eines ausgeklügelten, aber unbewussten Verfahrens ist. Dieses Argument ließe sich selbstverständlich auch auf Menschen anwenden, denn alles, was ein Mensch tut, könnte theoretisch das Werk unbewusster Abläufe sein.

Die Suche nach neuronalen Signaturen

Beim Menschen gehen wir dennoch davon aus, jemandem glauben zu können, der behauptet, bei Bewusstsein zu sein. Auf dieser Grundannahme aufbauend, vermögen wir heute die Gehirnmuster des Bewusstseins zu erkennen und systematisch bewusste von unbewussten Zuständen zu unterscheiden. Da tierische Gehirne zahlreiche Merkmale mit menschlichen Gehirnen teilen, könnten wir mit wachsendem Verständnis dieser Muster möglicherweise bestimmen, ob und wann andere Tiere über Bewusstsein verfügen. Zeigt ein Hundegehirn ähnliche Muster wie ein bewusstes menschliches Gehirn, spricht vieles dafür, dass auch Hunde über Bewusstsein verfügen.

Erste Erkenntnisse aus der Forschung

Erste Untersuchungen mit Affen und Mäusen deuten darauf hin, dass zumindest deren Gehirne Anzeichen von Bewusstsein zeigen. Angesichts der Unterschiede zwischen tierischem und menschlichem Gehirn und der Tatsache, dass wir noch weit davon entfernt sind, sämtliche Geheimnisse des Bewusstseins entschlüsselt zu haben, dürften jedoch noch Jahrzehnte vergehen, bis wir Prüfverfahren entwickeln, die auch die Skeptiker zufriedenstellen. Bis dahin stellt sich die Frage, wer die Beweislast tragen sollte. Sollten wir Hunde als geistlose Maschinen betrachten, bis das Gegenteil bewiesen ist, oder behandeln wir sie wie bewusste Wesen, solange niemand einen überzeugenden Gegenbeweis vorlegt?

Die Erklärung von Cambridge

Am siebten Juli des Jahres zweitausendzwölf versammelten sich führende Fachleute aus den Bereichen der Hirnforschung und der Erkenntniswissenschaft an der Universität Cambridge und unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung. Darin heißt es, dass zusammenlaufende Beweise darauf hindeuten, dass nicht-menschliche Tiere über die anatomischen, chemischen und physiologischen Grundlagen bewusster Zustände ebenso verfügen wie über die Fähigkeit, absichtsvolles Verhalten zu zeigen. Das Gewicht dieser Belege lasse folglich darauf schließen, dass Menschen nicht als Einzige über die neurologischen Grundlagen verfügen, die Bewusstsein erzeugen. Nicht-menschliche Tiere, darunter alle Säugetiere und Vögel und viele andere Geschöpfe, einschließlich Tintenfische, verfügten ebenfalls über diese neurologischen Grundlagen.

Rechtliche Anerkennung des Tierwohls

Diese Erklärung spricht noch nicht davon, dass andere Tiere über Bewusstsein verfügen, weil es uns immer noch am endgültigen Beleg dafür fehlt. Sie schiebt die Beweislast nun jedoch denen zu, die anderer Ansicht sind. Als Reaktion auf diesen Gesinnungswandel in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verabschiedete das neuseeländische Parlament im Mai des Jahres zweitausendfünfzehn ein Gesetz zum Tierschutz, womit Neuseeland als erstes Land dieser Welt rechtlich anerkannte, dass Tiere fühlende Lebewesen sind. Das Gesetz verpflichtet dazu, Tiere fortan als fühlend anzuerkennen und deshalb in Bereichen wie der Tierhaltung auf angemessene Weise auf ihr Wohlergehen zu achten. In einem Land, in dem weit mehr Schafe als Menschen leben, nämlich dreißig Millionen im Vergleich zu viereinhalb Millionen, ist das eine ausgesprochen bedeutsame Feststellung.

Die Ausweitung gesetzlicher Regelungen

Die kanadische Provinz Québec hat seither ein ähnliches Gesetz verabschiedet, und andere Länder werden vermutlich bald folgen. Auch viele Unternehmen erkennen Tiere als fühlende Wesen an, obwohl das die Tiere paradoxerweise oftmals recht unangenehmen Laborversuchen unterwirft. So verwenden beispielsweise Arzneimittelhersteller häufig Ratten als Versuchsobjekte bei der Entwicklung stimmungshebender Mittel. Laut einer weitverbreiteten Versuchsanordnung nimmt man einhundert Ratten aus Gründen der statistischen Zuverlässigkeit und setzt jede in ein Glasgefäß voller Wasser. Die Ratten versuchen immer wieder, aus dem Gefäß zu klettern, doch ohne Erfolg. Nach fünfzehn Minuten geben die meisten auf und bewegen sich nicht mehr.

Das Experiment der Hoffnung

Sie treiben einfach teilnahmslos gegenüber ihrer Umwelt in dem Gefäß. Nun nimmt man noch einmal einhundert Ratten, wirft sie in die Glasgefäße, fischt sie nun aber nach vierzehn Minuten heraus, also kurz bevor sie verzagen. Man trocknet sie ab, füttert sie, lässt sie ein wenig ausruhen und wirft sie dann wieder hinein. Beim zweiten Mal strampeln sich die meisten Ratten zwanzig Minuten lang ab, bevor sie aufgeben. Die Frage stellt sich, warum diese zusätzlichen sechs Minuten entstehen. Weil die Erinnerung an den vergangenen Erfolg die Freisetzung irgendeiner biochemischen Substanz im Gehirn auslöst, die den Ratten Hoffnung gibt und das Eintreten der Verzweiflung hinauszögert.

Die Suche nach der richtigen Substanz

Wenn wir diese eine biochemische Substanz isolieren könnten, könnten wir sie als stimmungshebendes Mittel für Menschen verwenden. Doch in jedem Moment fließen zahllose Chemikalien durch das Gehirn einer Ratte. Wie also finden wir genau die richtige Substanz? Um das herauszufinden, nimmt man eine weitere Gruppe von Ratten, die nicht am vorherigen Versuch beteiligt waren. Man injiziert jeder Gruppe nun eine spezielle Chemikalie, von der man glaubt, es könnte sich um das erhoffte Mittel handeln. Dann wirft man die Ratten ins Wasser. Wenn Ratten, denen Chemikalie A gespritzt wurde, nur fünfzehn Minuten strampeln, bevor sie in Schwermut verfallen, kann Substanz A aus der Liste gestrichen werden.

Die Vermenschlichung der Tiere

Wenn Ratten, denen Chemikalie B injiziert wurde, sich zwanzig Minuten lang abmühen, kann der Versuchsleiter dem Vorstandsvorsitzenden und den Anteilseignern mitteilen, dass er möglicherweise gerade den Jackpot geknackt hat. Skeptiker könnten einwenden, dass diese gesamte Beschreibung Ratten unnötig vermenschlicht. Ratten erleben weder Hoffnung noch Verzweiflung. Ratten bewegen sich manchmal schnell, manchmal halten sie inne, aber dabei fühlen sie nie etwas. Sie werden lediglich von unbewussten Rechenverfahren getrieben. Wenn das aber so ist, was sollen dann all diese Experimente?

Der Zweck der Tierversuche

Mittel für die Psyche sind darauf ausgerichtet, nicht nur menschliches Verhalten zu verändern, sondern in erster Linie menschliches Empfinden. Wenn Patienten einen Seelenarzt aufsuchen und sagen, sie möchten etwas, das sie aus ihrer Schwermut herausholt, dann wollen sie keine mechanische Anregung, die sie mit den Armen rudern lässt, während sie weiter große Traurigkeit empfinden. Sie wollen sich heiter fühlen. Versuche mit Ratten können Unternehmen nur dann dabei helfen, eine solche Zauberpille zu entwickeln, wenn sie davon ausgehen, dass das Verhalten der Ratten von menschenähnlichen Emotionen begleitet ist. Und tatsächlich ist diese Annahme in psychiatrischen Laboren fast immer zu finden.

 

How to whitelist website on AdBlocker?

How to whitelist website on AdBlocker?

  1. 1 Click on the AdBlock Plus icon on the top right corner of your browser
  2. 2 Click on "Enabled on this site" from the AdBlock Plus option
  3. 3 Refresh the page and start browsing the site