Die Erforschung des unendlichen Bewusstseins und der Aufstieg technologischer Glaubenssysteme

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Die Menschheit befindet sich an der Schwelle zu einer neuen Ära, in der technologische Innovationen nicht nur unsere äußere Lebensrealität verändern, sondern tief in das Wesen unseres Bewusstseins eingreifen. Während traditionelle Glaubenssysteme ihre Wurzeln oft in der Vergangenheit und in mystischen Offenbarungen haben, verlagert sich der Ursprung neuer weltanschaulicher Strömungen zunehmend in die hochtechnisierten Forschungszentren der modernen Welt. Dieser Wandel markiert einen fundamentalen Paradigmenwechsel, bei dem wissenschaftliche Erkenntnisse und biologische Manipulationen die Rolle einstiger göttlicher Eingriffe übernehmen. Es entsteht eine Vision der Zukunft, in der der Mensch seine eigenen biologischen Grenzen überwindet und sich auf die Erforschung völlig neuer Dimensionen des Geistes begibt.

Die Entstehung neuer technologischer Glaubenssysteme

Dass zukünftige Religionen in abgelegenen Höhlen oder traditionellen Gebetshäusern entstehen, erscheint zunehmend unwahrscheinlich. Vielmehr werden sie aus den hochmodernen Forschungslaboren der kalifornischen Innovationszentren hervorgehen. So wie frühere gesellschaftliche Bewegungen die Welt eroberten, weil sie Erlösung durch Dampfmaschinen und Elektrizität versprachen, werden in den kommenden Jahrzehnten neue technologische Glaubensrichtungen die Menschheit faszinieren. Diese versprechen Heil durch Algorithmen und die gezielte Veränderung von Erbanlagen.

Die Versprechen der digitalen Erlösung

Trotz aller Diskussionen über radikale religiöse Strömungen ist der faszinierendste Ort für die Entstehung neuer Glaubenssätze das Tal der Silizium-Chips. Dort entwerfen visionäre Technologieexperten völlig neue Weltbilder, die wenig mit traditionellen Gottheiten und alles mit moderner Technik zu tun haben. Sie versprechen all die alten Gewinne wie Glück, Frieden, Wohlstand und sogar ewiges Leben. Diese Ziele sollen jedoch hier auf Erden mit Hilfe der Technik und nicht erst nach dem Tod erreicht werden.

Die Einteilung in technologische Glaubensrichtungen

Diese neuen Strömungen lassen sich in zwei Haupttypen unterteilen. Der eine Typ behauptet, die Menschen hätten ihre kosmische Aufgabe vollendet und sollten die Fackel nun an völlig neuartige Wesenheiten weitergeben. Dieser Text widmet sich jedoch dem konservativeren Glauben des technologischen Humanismus. Dieser betrachtet die Menschen noch immer als Krone der Schöpfung und hält an vielen traditionellen Werten fest. Er ist zwar ebenfalls der Auffassung, dass der bekannte Mensch seinen historischen Lauf absolviert hat und in Zukunft nicht mehr relevant sein wird.

Die Erschaffung des überlegenen Menschen

Die Schlussfolgerung lautet, dass wir mit Hilfe der Technik einen viel höherwertigen Menschen erschaffen sollen. Dieser neue Typ wird einige wesentliche menschliche Merkmale behalten, aber auch über optimierte körperliche und geistige Fähigkeiten verfügen. Diese Fähigkeiten werden ihn in die Lage versetzen, sich sogar gegen die ausgeklügeltsten nicht-bewussten Algorithmen zu behaupten. Da Intelligenz sich vom Bewusstsein abkoppelt und nicht-bewusste Intelligenz sich in halsbrecherischem Tempo entwickelt, müssen Menschen ihren Geist aktiv optimieren. Nur so können sie im Spiel bleiben und ihre Existenz sichern.

Die historische Entwicklung des menschlichen Geistes

Vor 70000 Jahren veränderte eine kognitive Revolution den Geist und machte damit aus einem unbedeutenden afrikanischen Affen den Herrscher der Welt. Der verbesserte Geist hatte plötzlich Zugang zum riesigen Bereich des Gemeinsamen, was uns in die Lage versetzte, Götter und Unternehmen zu schaffen. Wir konnten Städte und Imperien errichten, die Schrift und das Geld erfinden und schließlich das Atom spalten. Soweit wir wissen, resultierte diese weltbewegende Revolution aus wenigen kleinen Veränderungen in der Erbsubstanz und einer geringfügigen Neuverdrahtung im Gehirn. Wenn das so ist, reichen wenige weitere Veränderungen in unserem Erbgut aus, um eine weitere kognitive Revolution ins Werk zu setzen.

Die Vision einer weiteren geistigen Evolution

Die geistigen Neuerungen der ursprünglichen Revolution verschafften uns Zugang zum Bereich des Gemeinsamen und machten uns zu Herrschern über den Planeten. Eine weitere kognitive Revolution könnte dem neuen Typ Zugang zu unvorstellbaren neuen Sphären verschaffen. Dies würde uns zu Herren der Galaxie erheben. Diese Idee ist eine aktualisierte Variante der alten Träume des evolutionären Humanismus, der schon vor 100 Jahren die Schaffung von Übermenschen forderte. Während frühere Diktatoren solche Übermenschen mit Hilfe von Zuchtwahl und ethnischer Säuberung produzieren wollten, hofft der moderne technologische Humanismus, dieses Ziel weitaus friedlicher zu erreichen.

Die friedlichen Methoden der biologischen Optimierung

Die angestrebte Optimierung soll mit Hilfe von Gentechnik, Nanotechnologie und Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer erfolgen. Ziel ist es, den menschlichen Geist zu optimieren und uns Zugang zu unbekannten Erfahrungen und neuen Bewusstseinszuständen zu ermöglichen. Das Aufrüsten des menschlichen Geistes ist jedoch ein extrem kompliziertes und gefährliches Unterfangen. Wir wissen über den Geist nicht wirklich Bescheid und verstehen nicht, wie er entsteht oder was seine Funktion ist. Mittels Versuch und Irrtum lernen wir, wie man mentale Zustände erzeugt, aber welche Implikationen solche Manipulationen haben können, begreifen wir nur selten.

Die Unwissenheit über das Bewusstsein

Schlimmer noch ist die Tatsache, dass wir nicht das gesamte Spektrum mentaler Zustände kennen. Wir wissen folglich nicht, welche mentalen Ziele wir uns setzen sollen. Wir ähneln den Bewohnern einer kleinen isolierten Insel, die gerade das erste Boot erfunden haben und sich daranmachen, ohne Karte oder überhaupt nur ein Ziel in See zu stechen. Tatsächlich befinden wir uns sogar in einer schlechteren Lage, denn die Bewohner unserer imaginären Insel wissen zumindest, dass sie nur einen kleinen Raum in einem riesigen Meer bewohnen. Wir können nicht einmal wahrnehmen, dass wir auf einer winzigen Insel des Bewusstseins inmitten eines riesigen Ozeans fremder Geisteszustände leben.

Die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung

So wie die Spektren von Licht und Klang weit größer sind als das, was wir Menschen sehen und hören können, so ist auch das Spektrum mentaler Zustände weitaus größer. Wir können Licht nur in Wellenlängen zwischen 400 und 700 Nanometern sehen. Oberhalb dieses kleinen Bereichs menschlichen Sehens erstrecken sich die unsichtbaren Weiten der Infrarotstrahlung, der Mikrowellen und der Radiowellen. Darunter liegen die dunklen Königreiche der Ultraviolett-, Röntgen- und Gammastrahlen. Das Spektrum möglicher Geisteszustände dürfte ähnlich unbegrenzt sein, doch die Wissenschaft hat bislang nur zwei winzige Bereiche davon näher untersucht.

Die Verzerrung der psychologischen Forschung

Seit mehr als 100 Jahren führen Psychologen und Biologen umfassende Forschungen an Menschen durch, die unter verschiedenen psychischen Störungen leiden. Deshalb verfügen wir heute über eine sehr detaillierte Karte des subnormativen mentalen Spektrums. Gleichzeitig haben sich Wissenschaftler auch mit den Geisteszuständen von Menschen befasst, die als gesund und normal gelten. Allerdings wurde der menschliche Geist überwiegend anhand von Menschen aus westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen Gesellschaften erforscht. Diese Gruppen sind für die Menschheit insgesamt nicht repräsentativ.

Die Dominanz amerikanischer Studenten

Die Erforschung des menschlichen Geistes ging bislang fälschlicherweise davon aus, dass der Durchschnittsmensch einem simplen Zeichentrickcharakter entspricht. In einer bahnbrechenden Studie untersuchten Forscher systematisch sämtliche Aufsätze, die zwischen 2003 und 2007 in führenden wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Erkenntnisse überwiegend ausschließlich auf den genannten westlichen Gruppen beruhten. In den wichtigsten Zeitschriften im Bereich der Sozialpsychologie waren 96 Prozent der untersuchten Personen westlich und gebildet. Überdies waren 68 Prozent dieser Testpersonen Amerikaner und 67 Prozent davon Psychologiestudenten.

Die Ursachen der einseitigen Probandenauswahl

Mit anderen Worten waren mehr als 66 Prozent der untersuchten Personen Psychologiestudenten an westlichen Universitäten. Psychologiestudenten tauchen vor allem deshalb in vielen Untersuchungen auf, weil ihre Professoren sie verpflichten, an Experimenten teilzunehmen. Für einen Professor an einer elitären Universität ist es viel leichter, Versuche mit den eigenen Studenten durchzuführen. Eine Reise in die Wüste, um dort Jäger und Sammler zu erforschen, ist hingegen extrem aufwendig. Es ist jedoch gut möglich, dass die Bewohner abgelegener Regionen Geisteszustände erleben, auf die wir niemals stoßen werden.

Der Verlust alter Bewusstseinszustände

Selbst wenn wir die ganze Erde bereisen und jede Gemeinschaft untersuchen, werden wir immer nur einen begrenzten Teil des geistigen Spektrums abdecken. Heutzutage sind alle Menschen mit der Moderne in Berührung gekommen und wir gehören alle zu einem einzigen globalen Dorf. Zwar sind die Wildbeuter in der Wüste etwas weniger modern als Studenten an einer Eliteuniversität, aber sie sind keine Zeitkapsel aus unserer fernen Vergangenheit. Auch sie wurden von Missionaren, Händlern, reichen Ökotouristen und neugierigen Anthropologen beeinflusst. Vor der Entstehung des globalen Dorfes war der Planet eine Galaxie isolierter menschlicher Kulturen.

Die vergessenen Geisteswelten der Vergangenheit

Diese isolierten Kulturen erzeugten möglicherweise Geisteszustände, welche heute ausgestorben sind. Unterschiedliche sozioökonomische Wirklichkeiten und Alltagsroutinen zogen unterschiedliche Bewusstseinszustände nach sich. Wer könnte den Geist von steinzeitlichen Mammutjägern, neolithischen Bauern oder historischen Kriegern ermessen? Überdies glaubten viele vormoderne Kulturen an höhere Bewusstseinszustände, zu denen die Menschen mit Hilfe von Meditation, Rauschmitteln oder Ritualen Zugang fanden. Schamanen, Mönche und Asketen erkundeten systematisch die geheimnisvollen Territorien des Geistes und kamen vollbeladen mit atemberaubenden Geschichten zurück.

Die Abkehr von der spirituellen Erforschung

Sie berichteten von unbekannten Zuständen höchster Ruhe, extremer Sinnesschärfe und beispielloser Sensibilität. Sie erzählten davon, wie der Geist sich ins Unendliche weitete oder in die völlige Leere auflöste. Die humanistische Revolution sorgte jedoch dafür, dass die moderne westliche Kultur den Glauben und das Interesse an höheren Geisteszuständen verlor. Stattdessen wurde die profane Erfahrung des Allerweltsmenschen heiliggesprochen. Der modernen westlichen Kultur fehlt es somit bemerkenswerterweise an einer besonderen Klasse von Menschen, die außergewöhnliche mentale Zustände erleben wollen.

Die blinden Flecken der menschlichen Empathie

Jeder, der das tut, gilt in den Augen der modernen Gesellschaft als Drogensüchtiger, Geisteskranker oder Scharlatan. Insofern verfügen wir zwar über eine detaillierte Karte der mentalen Landschaft von Studenten, wissen aber weit weniger über die Landschaften indianischer Schamanen oder buddhistischer Mönche. Und das ist nur der Geist des modernen Menschen. Vor 50000 Jahren teilten wir uns diesen Planeten mit unseren Verwandten, den Neandertalern. Sie schossen keine Raumschiffe ins All und erbauten keine Pyramiden.

Die fremdartige Wahrnehmung der Tierwelt

Sie verfügten ganz offenkundig über ganz andere geistige Fähigkeiten, während ihnen gleichzeitig viele unserer Talente fehlten. Trotzdem hatten sie größere Gehirne als wir und wir haben absolut keine Ahnung, was sie mit all diesen Neuronen anstellten. Vermutlich verfügten sie über viele Geisteszustände, die kein moderner Mensch je erlebt hat. Doch selbst wenn wir alle menschlichen Arten berücksichtigen, würde das noch immer nicht das gesamte mentale Spektrum abdecken. Andere Tiere haben vermutlich Erlebnisse, die wir Menschen uns kaum vorstellen können.

Die Welt der Echoortung

Fledermäuse beispielsweise erleben die Welt mittels Echoortung. Sie stoßen einen sehr schnellen Strom von hochfrequenten Schreien aus, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind. Anschließend nehmen sie die zurückkommenden Echos auf und interpretieren sie, um sich daraus ein Bild von der Welt zu basteln. Dieses Bild ist so detailliert und genau, dass die Fledermäuse rasant zwischen Bäumen hindurchfliegen und Insekten jagen können. Die Fledermäuse leben in einer Welt der Echos, in der jedes Objekt sein eigenes Echomuster hat.

Die Unmöglichkeit des Nachvollziehens

Die Fledermaus kann aufgrund der unterschiedlichen Echos zwischen einer schmackhaften und einer giftigen Nachtfalterart unterscheiden. Die Welt der Echoortung ist so komplex und bewegt wie unsere vertraute Welt des Hörens und Sehens, aber wir sind ihr gegenüber völlig blind. Ein berühmter philosophischer Text aus dem Jahr 1974 verweist darauf, dass der Geist eines Menschen sich die subjektive Welt einer Fledermaus nicht vorstellen kann. Wir können noch so viele Algorithmen über den Körper der Fledermaus schreiben, aber das wird uns nichts darüber verraten, wie es sich anfühlt. Einem Menschen zu erklären, wie es sich anfühlt, mittels Echo einen Schmetterling zu orten, ist vermutlich genauso aussichtslos wie die Beschreibung eines Gemäldes für einen Blinden.

Die komplexen Gefühle der Meeresbewohner

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Emotionen einer Fledermaus stark von der zentralen Rolle beeinflusst sind, die ihr Echoortungssinn spielt. Für den Menschen ist Liebe rot, Neid grün und Depression blau, aber die Farben der Echoortung kennen wir nicht. Fledermäuse sind natürlich kein Sonderfall, sondern nur eines von unzähligen möglichen Beispielen. Sowenig wir wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, so wenig verstehen wir, wie es sich anfühlt, ein Wal oder ein Tiger zu sein. Es fühlt sich ohne Zweifel nach etwas an, aber wir wissen nicht wonach.

Die musikalische Kultur der Wale

Sowohl Wale als auch Menschen verarbeiten Emotionen in einer bestimmten Gehirnregion, die man als limbisches System bezeichnet. Doch beim Wal enthält diese Funktionseinheit einen ganzen zusätzlichen Teil, der beim Menschen fehlt. Sorgt dieser Teil möglicherweise dafür, dass Wale extrem tiefe und komplexe Gefühle erleben, die uns fremd sind? Wale könnten überdies erstaunliche musikalische Erlebnisse haben, die nicht einmal großen menschlichen Komponisten zuteilwurden. Sie können sich über Hunderte von Kilometern hören und jeder Wal verfügt über ein Repertoire an charakteristischen Gesängen.

Die unerreichte Tiefe tierischer Erfahrungen

Diese Gesänge dauern Stunden und weisen sehr komplexe Strukturen auf. Gelegentlich komponiert ein Wal einen neuen Erfolg, den andere Wale überall im Ozean übernehmen. Wissenschaftler nehmen diese Erfolge regelmäßig auf und analysieren sie mit Hilfe von Computern. Aber kann sich irgendein Mensch diese musikalischen Erfahrungen vorstellen und den Unterschied zwischen verschiedenen Wal-Komponisten feststellen? Das alles sollte uns nicht überraschen, denn wir herrschen nicht deshalb über die Welt, weil wir tiefere Emotionen haben.

Die unendlichen Weiten des Bewusstseins

In manchen Gefühls- und Erfahrungsbereichen könnten wir Walen, Fledermäusen und Tigern womöglich sogar unterlegen sein. Jenseits des mentalen Spektrums von Menschen und allen anderen Tieren könnten noch größere und fremdere Kontinente lauern. Aller Wahrscheinlichkeit nach gibt es eine unendliche Vielfalt von Geisteszuständen, die kein Lebewesen in 4.000.000.000 Jahren irdischer Evolution je erlebt hat. Künftig jedoch könnten wirkungsvolle Medikamente, die Gentechnik und direkte Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer Zugänge zu diesen Orten eröffnen. So wie frühere Entdecker über den Horizont hinaussegelten, um neue Inseln zu entdecken, könnten wir uns eines Tages zu den Antipoden des Geistes aufmachen.