Die Ökonomie der Versklavung im frühen kolonialen Amerika
Screenshot youtube.comDie Eroberung und Besiedlung Amerikas durch europäische Mächte im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert war untrennbar mit der systematischen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft verbunden. Während die Geschichtsschreibung den transatlantischen Sklavenhandel mit afrikanischen Gefangenen oft als alleinige Quelle dieser Zwangsarbeit betrachtet, offenbart eine genauere Betrachtung der damaligen Märkte ein weitaus komplexeres Bild. In den ersten Jahrzehnten der Kolonialisierung existierten parallel zwei massive Systeme der Versklavung, die sowohl die einheimische Bevölkerung als auch verschleppte Afrikaner betrafen. Die Entscheidung, welche Gruppe ausgebeutet wurde, hing weniger von starren rassistischen Ideologien ab, sondern vielmehr von wirtschaftlichen Zwängen, marktwirtschaftlichen Schwankungen und dem ständigen Ringen zwischen kolonialen Profitinteressen und theologisch-politischen Schutzbestrebungen.
Marktpreise und Verfügbarkeit
Die Entwicklung der Preise für versklavte Menschen in Neuspanien während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts belegt die massenhafte Versklavung der einheimischen Bevölkerung durch die Eroberer. Die Marktwerte täuschen nicht, denn ein indianischer Sklave kostete damals lediglich zwischen fünf und zehn Pesos. Im krassen Gegensatz dazu belief sich der Wert eines afrikanischen Sklaven auf etwa 200 Pesos. Ein Jahrhundert später, im Jahr 1645, amortisierte sich der Kaufpreis eines afrikanischen Sklaven auf Barbados bereits innerhalb von 1,5 Jahren durch dessen Arbeitsleistung. In dem Maße, wie die Quelle für indianische Sklaven allmählich versiegte, wurde der Import afrikanischer Gefangener zunehmend konkurrenzfähig und sollte von da an dauerhaft anwachsen.
Die These des demografischen Niedergangs
Eine naheliegende Erklärung für diesen Wandel wäre, dass die Verschleppung afrikanischer Sklaven direkt mit der abnehmenden Verfügbarkeit versklavter Arbeitskräfte in Amerika zusammenhing. Zwar waren zu Beginn des transatlantischen Sklavenhandels eine sehr große Anzahl von Einheimischen in Reichweite, doch fürchteten die Kolonialherren angesichts des demografischen Niedergangs die vollständige Auslöschung dieser Bevölkerung. Allerdings erheben historische Untersuchungen zum Fall Brasilien ernsthafte Einwände gegen diese vereinfachte Erklärung. Forschungen zeigen, dass im Laufe des zweiten Viertels des 17. Jahrhunderts der kontinentale Handel mit indianischen Sklaven vermutlich denselben Umfang erreichte wie der transatlantische Handel mit Schwarzafrikanern. Dies beweist, dass die potenziellen Möglichkeiten des amerikanischen Sklavenhandels zu jener Zeit noch immer bedeutend waren und die zunehmende Versklavung von Afrikanern nicht die direkte Folge eines Mangels an einheimischer Bevölkerung war.
Parallele Systeme der Versklavung
Bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich der transatlantische Sklavenhandel in Verbindung und in gewisser Weise auch in Konkurrenz zur Versklavung von Indianern. Es existierten also zwei parallele Systeme, wobei bis etwa 1650 zwei Arten der Versklavung miteinander verflochten waren. Die Entscheidung, ob man sich auf den kontinentalen Handel mit indianischen Sklaven oder den transatlantischen Handel konzentrierte, fiel oft nach situativem Ermessen. Diese Wahl hing davon ab, was rentabler oder sicherer erschien, aber auch von den Kräfteverhältnissen gegenüber den theologisch-politischen Autoritäten, die als Beschützer der Indianer auftraten. So kam es im Jahr 1570 zum Gesetz über die Freiheit der Indianer Brasiliens, das ihre Versklavung verbot, was jedoch sofort auf massiven Widerstand der Kolonisten stieß.
Der Widerstand der Kolonisten und die Jesuiten
Das Gesetz von 1570, das nur die Gefangennahme von in einem gerechten Krieg ergriffenen Indianern sowie von Menschenfressern erlaubte, rief unter den Kolonisten einen Sturm von Protesten hervor. Mit einem Brief des Königs von 1573 erreichten sie Maßnahmen, die das Gesetz von 1570 großenteils seines Sinns entleerten. Der Gegenstoß der Jesuiten, die bei Hofe sehr einflussreich waren, mündete in die Übereinkunft von 1574, auf die zahlreiche weitere folgten, die den Schutz der den Jesuiten anvertrauten Indianer stärkten. Die sogenannten Sklavenfangtrupps scherten sich jedoch kaum darum, sodass diese Raubzüge zwischen 1590 und 1641 ihren Höhepunkt erreichten. Der Krieg gegen die Holländer, der von 1624 bis 1654 die Route von Afrika zu den Portugiesen unterbrach, verursachte in der Tat einen regelrechten Mangel an afrikanischen Arbeitskräften.
Die Zerstörung der Jesuitenmissionen
So gelang es einer berühmten Raubexpedition, die im Jahr 1628 zusammengestellt worden war, zahlreiche Dörfer völlig zu zerstören. Diese Truppe umfasste 900 Kolonisten und Mischlinge, verstärkt durch 2000 einheimische Krieger. Es gelang ihnen, 13 von 15 jesuitischen Siedlungen in Guaira völlig zu zerstören. Dem Historiker Manuel Monteiro zufolge wurden dabei 60000 Guaranis gefangen genommen und auf die Landgüter von São Paulo oder im Nordosten verschleppt. Erst nach 1650, mit der Wiederaufnahme eines kontinuierlich fließenden transatlantischen Sklavenhandels, verlor die Versklavung von Indianern stark an Bedeutung.
Marktfluktuationen und politische Zwänge
Von 1519 bis mindestens 1650 gab es also zwei Quellen zur Versorgung mit Sklaven, eine indianische und eine afrikanische. Die Entscheidung für die eine oder die andere hing hauptsächlich von den Fluktuationen des Marktes und den von den theologisch-politischen Autoritäten auferlegten Zwängen ab. Ein Beispiel für die Marktfluktuationen ist der erwähnte Mangel an afrikanischen Arbeitskräften, als die Holländer die Portugiesen in Afrika überflügelten. Aber auch im Kräfteverhältnis zwischen den Eroberern und den theologisch-politischen Autoritäten fand eine Entwicklung statt. Nach der Verkündung der Neuen Gesetze im Jahr 1542, einem Arsenal an Gesetzgebungen, das die Einheimischen schützt und ihre Ausbeutung reglementiert, kam es in Mexiko und Peru zu heftigen Konflikten.
Bürgerkrieg und die Legalisierung der Versklavung
In Peru schlugen diese Spannungen in einen Bürgerkrieg um, als sich Männer gegen die königliche Autorität erhoben. Die Krone schlug die Rebellion zwar nieder, musste aber mit den Interessen der Kolonisten Kompromisse schließen. Unter dem Druck der Kolonisten und einiger Kirchenmänner wurde die Versklavung von Indianern mit einer Verfügung vom 25. Mai 1608 erneut legalisiert. Die Rechtfertigung des Souveräns war dieselbe, die bereits in früheren Dokumenten theoretisch formuliert wurde. Der König erklärte, der Hauptgrund für die Versklavung dieser Indianer sei ihre Weigerung, der Kirche zu gehorchen, und solange sie sich beharrlich weigerten, sollten sie der Sklaverei ausgeliefert werden.
Der Teufelskreis des gerechten Krieges
Auf dieser Grundlage verfasste der Königliche Rat den Erlass von 1608, der die Sklaverei legalisierte. Dies lief darauf hinaus, einen faktischen Zustand zu bestätigen, da die Kolonisten in ihrer Praxis fortfuhren, Einheimische gefangen zu nehmen. Um den offensichtlichen Widerspruch aufzuheben, musste man erneut auf den Begriff des gerechten Krieges zurückgreifen. Die Rebellion der Einheimischen gegen die Eroberer, die ein Mandat der Krone besaßen, machte den Krieg gerecht und die Versklavung der Gefangenen folglich legitim. Wie ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte, war einer der Gründe, der diesen Krieg in Chile verlängerte, die Gier nach Sklaven, denn um den Profit aus deren Verkauf nicht zu verlieren, setzten die spanischen Kolonisten den Krieg fort.
Die Sklavenjagd als Kriegsmotivation
Wir haben es also mit einem Teufelskreis zu tun, bei dem trotz aller Erlasse und Gesetze eine Expedition zum Einfangen von Sklaven auf die andere folgte. Dies trieb die Indianer schließlich in den Aufstand, der dann zum Krieg mit der durch die Eroberer verkörperten Autorität führte. Dieser Krieg legitimierte wiederum die Versklavung der Einheimischen. Dieser Mechanismus war bereits um 1570 herum im Krieg gegen die Stämme im Norden Mexikos bestimmend. Die Silberminen erforderten eine Vielzahl an Arbeitskräften, und es war bequem, diese Stämme gefangen zu nehmen, um sie zu versklaven.
Der Krieg als profitables Geschäft
Diese Arbeitskräfte konnte man in den Landgütern verwenden, nicht nur in denen des Nordens, sondern auch in denen im zentralen Hochland. Ein Teil der Gefangenen wurde in den Süden gebracht, um dort weiterverkauft zu werden. Die Grenzzone des Bergbaus wurde also zu einem Jagdgebiet nach Sklaven für ganz Mexiko. Um sich diese Beute zu sichern, zögerten die Spanier nicht, Stämme anzugreifen, die bislang friedlich geblieben waren. So hielt sich der Konflikt selbst am Leben und setzte sich das gesamte 17. Jahrhundert hindurch fort, da die Spanier daraus Profit zogen, indem er für sie mit der Sklavenjagd in eins fiel.
Die Mutation des Krieges zur Sklavenjagd
Der amerikanische Soziologe stützt sich bei der Betrachtung des Krieges gegen die Stämme in Chile vor allem auf die erwähnte Untersuchung und zieht daraus den Schluss. Auf diese Weise mutierte der Krieg gegen diese Stämme derart zu einer regelrechten Sklavenjagd, dass diese nicht nur seinen Stil prägte, sondern ihm auch seinen Namen gab. Von 1519 bis 1650 schöpften die Eroberer also aus zwei Quellen zur Versorgung mit Sklaven. Schließlich wird der eine Kreislauf aber endgültig über den anderen siegen und der transatlantische Sklavenhandel wird vollends an die Stelle der Raubzüge zur Gefangennahme Einheimischer treten. Der Grund für diese Entwicklung läge vor allem in der Organisation und Entfaltung der Märkte.
Ökonomische Gründe für den afrikanischen Handel
Ein brasilianischer Historiker analysiert das Ganze unter ökonomischen Aspekten und stellt fest, dass Gründe, die mit der Organisation der Märkte zusammenhängen, den Handel mit versklavten Afrikanern begünstigten. In Ermangelung eines regulären Geldkreislaufs kauften die Plantagenbesitzer für ihre Ernteerzeugnisse großenteils Gefangene. Doch ohne Einfluss auf den transatlantischen Handel mit tropischen Früchten konnten die Händler indianischer Sklaven die Produktion der Plantagen kaum in Umlauf bringen. Dazu mussten sie Zwischenhändler aus dem Mutterland einschalten, die auch afrikanische Sklaven verkauften. Auch die Goldwirtschaft ließ innerhalb der Kolonie einen Markt entstehen, auf dem die Goldverkäufer dominant waren.
Die Auflösung der indigenen Handelsnetzwerke
Dieser Markt eröffnete neue Möglichkeiten für Viehzucht und Ackerbau. Ihr Aufschwung begünstigte die Sesshaftwerdung der Raubexpeditionen und die Auflösung der Netzwerke des Handels mit versklavten Indianern, die sich in der Mitte und im Süden des Landes herausgebildet hatten. Der Handel mit versklavten Afrikanern Richtung Brasilien hatte sich also aufgrund bereits etablierter Verbindungen zwischen den transatlantischen Netzwerken und bestimmten lokalen Eliten entwickelt. Die Größe des afrikanischen Markts ermöglichte es auch, dass die Versorgung mit schwarzafrikanischen Gefangenen regelmäßiger und flexibler erfolgen konnte als die mit Indianern. Es bleibt jedoch fraglich, ob diese Mechanismen den Vorrang des transatlantischen Sklavenhandels tatsächlich vollständig begründen können.
Das Verhältnis von Investitionen und Profiten
Festzustehen scheint hingegen, wenn man sich an ein strikt ökonomisches Analyseraster hält, dass das Verhältnis zwischen Investitionen, Risiken und Profiten attraktiv gewesen sein musste. Damit sich die Kolonisten der Neuen Welt eher mit Sklaven aus Afrika versorgten als mit solchen, die vor Ort vorhanden waren, musste der Gewinn die Risiken überwiegen. Die Tatsache, dass in den ersten Jahrzehnten der Eroberung ein umfangreicher Handel mit indianischen Sklaven existierte, zwingt uns dazu, die Eingangsfrage noch einmal neu zu formulieren. Manche Autoren schreiben, dass der in die Kolonien verschleppte Sklave immer Afrikaner sei. Aus dieser Tatsache schließen sie auf eine Rassifizierung des Sklavenhandels.
Die Widerlegung der reinen Rassifizierungsthese
Man braucht aber nur ein wenig zu präzisieren und Kolonien durch Minen oder Plantagen zu ersetzen, schon wird die Behauptung falsch. Die in die Minen oder auf die Plantagen verschleppten Sklaven waren nicht nur Afrikaner, sondern auch Indianer. Ein Beispiel sind die Bewohner von Dörfern im Westen von Nicaragua und Honduras, die im 16. Jahrhundert gefangen genommen und zur Zwangsarbeit in die Minen Perus geschickt wurden. Zwar trifft es in Bezug auf den transatlantischen Sklavenhandel zu, dass seine Opfer ausschließlich Schwarzafrikaner waren. Das Los, als in Ketten gelegte Arbeitskräfte in die Minen oder auf die Plantagen verschleppt zu werden, wurde jedoch auch von Indianern geteilt.
Die Intensität des kontinentalen Handels
Was die Intensität des kontinentalen Sklavenhandels im 16. Jahrhundert betrifft, so könnte sie durchaus der des transatlantischen Sklavenhandels auf seinem Höhepunkt entsprochen haben. Schätzungen gehen davon aus, dass bis 1550 etwa drei Millionen Indianer versklavt wurden. Zwischen 1776 und 1800 sind zwei Millionen Afrikaner verschleppt worden. Diese Epoche in der Geschichte der auf Sklaverei beruhenden Ausbeutung weist also keinerlei rassifizierten Charakter auf, zumindest wenn man Indianer und Afrikaner entschlossen derselben Kategorie zuordnet. Dies wäre jedoch unmöglich, wenn man sich an ein biologisches Rassenkriterium halten möchte.
Das Problem der unterschiedlichen Behandlung
Sollte man nun die Kategorie des Indigenen einführen, was erlauben würde, nicht an eine angeblich biologische, sondern an eine historische und politische Konstruktion anzuknüpfen? Problematisch wäre jedoch, dass eben dadurch das Problem eines merklichen Unterschieds in der Behandlung ausgeblendet würde. Zumindest in gesetzlicher Hinsicht bestand ein Unterschied zwischen diesem einen Indigenen, dem Indianer, und jenem anderen Indigenen, dem Afrikaner. Und schließlich bliebe eine Frage weiterhin offen. Wie soll man erklären, dass Eroberer und Plantagen- oder Minenbesitzer in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts 200 Pesos für einen afrikanischen Sklaven zahlten?
Das Preisrätsel der Versklavten
Zur selben Zeit wurden indianische Sklaven für zwischen fünf und zehn Pesos verkauft. Ihre körperliche Konstitution war nicht weniger robust als die der aus Afrika Verschleppten. Zumindest wenn wir den frühen Entdeckern Glauben schenken wollen, die hervorhoben, dass die Einheimischen wohlgestaltet und kräftig waren. Dieses enorme Preisgefälle wirft ein Licht auf die komplexen ökonomischen und politischen Abwägungen der damaligen Zeit. Es zeigt, dass die Wahl der Opfer weniger von ihrer angeblichen Eignung als von den etablierten Marktstrukturen und der Verfügbarkeit von Kapital abhing.












