Die Ökonomie der Versklavung: Der transatlantische Handel und die Grundlagen des Kapitalismus
Screenshot youtube.comDer Beginn der frühen Neuzeit brachte tiefgreifende globale Transformationen mit sich, die durch die rücksichtslose Expansion europäischer Mächte über die Ozeane geprägt waren. Diese Ära legte das brutale Fundament für eine globalisierte Wirtschaft, in der menschliche Leben im Streben nach endlosem Profit zu bloßen Waren reduziert wurden. Die während dieser Zeit entwickelten Mechanismen der Ausbeutung formten nicht nur ganze Kontinente neu, sondern etablierten auch die strukturellen Ungleichheiten, die das aufkommende kapitalistische Weltsystem für die kommenden Jahrhunderte definieren sollten.
Die anfängliche Ausbeutung der neuen Territorien
Die ersten europäischen Eroberer betrachteten die neu entdeckten Gebiete jenseits des Ozeans ausschließlich als lukrative Beute. Nach der anfänglichen Plünderung und der gewaltsamen Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung begann die Ära der systematischen und dauerhaften Ausbeutung der neuen Territorien. Der Fokus lag dabei auf der Förderung von wertvollen Metallen und dem Aufbau einer umfangreichen Plantagenwirtschaft. Sowohl in den tiefen Bergwerken als auch auf den endlosen Plantagen war ein unermesslicher Bedarf an menschlichen Arbeitskräften entstanden. Da niemand unter solch extremen Bedingungen freiwillig arbeiten wollte, mussten die Arbeitskräfte mit roher Gewalt zum Dienst gezwungen werden.
Die drei Quellen der Zwangsarbeit
Den Verantwortlichen standen damals im Wesentlichen drei verschiedene Quellen zur Versorgung mit Zwangsarbeitern zur Verfügung. Diese rekrutierten sich aus verarmten Bauern in Europa, aus der indigenen Bevölkerung der neu entdeckten Kontinente oder aus den Bewohnern des afrikanischen Kontinents. Alle drei Versorgungswege existierten parallel und wurden in der Anfangsphase der Kolonisierung auch tatsächlich gleichzeitig genutzt. Zunächst weckte das glänzende Gold die Begierde der Ankömmlinge, gefolgt von der massenhaften Förderung von Silber und dem Anbau von Zuckerrohr.
Die Ausbeutung europäischer Zwangsarbeiter
Bezüglich der europäischen Quelle für Zwangsarbeiter handelte es sich meist um verarmte Menschen, die sich in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für einen begrenzten Zeitraum von drei bis sieben Jahren als Knechte verkauften. Die Lebensbedingungen dieser weißen Vertragsarbeiter waren oft kaum besser als die der später verschleppten Menschen aus Afrika oder der indigenen Bevölkerung. Historische Auswertungen zeigen, dass Mitte des 17. Jahrhunderts fast die Hälfte dieser europäischen Arbeiter noch vor dem Ende ihrer Vertragslaufzeit verstarb. Vor der massenhaften Ankunft afrikanischer Sklaven spielten diese Europäer eine bedeutende Rolle bei der Urbarmachung und Bewirtschaftung des neuen Landes. Die Wirtschaft dieser frühen Kolonien beruhte in ihrer ursprünglichen Form maßgeblich auf der Ausbeutung dieser weißen Arbeiter.
Die Grenzen der europäischen Arbeitskräfte
Dennoch stellt sich die Frage, warum man später auf importierte Arbeitskräfte aus Afrika zurückgriff. Der Mangel an freien Arbeitskräften und die Tatsache, dass viele Europäer die harten Bedingungen auf den Plantagen nicht ertragen wollten, ließen nur den Schluss auf Sklaverei zu. Zudem hätte ein massenhafter und auf Zwang beruhender Export europäischer Arbeitskräfte auf den massiven Widerstand der dortigen Feudalherren gestoßen. In Mittel- und Osteuropa entwickelte sich eine neue Form der Leibeigenschaft, da die Aristokratie die Bauern für die eigene Wertschöpfung dringend vor Ort benötigte. Es wurde zunehmend notwendig, dass die benötigten Arbeitskräfte aus einer Region außerhalb der eigenen europäischen Wirtschaft kamen.
Die Verlagerung auf den afrikanischen Kontinent
Dadurch sollte sich Europa von den wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen isolieren, die der massenweise Abtransport von Menschen für die Herkunftsregionen mit sich brachte. Somit blieb als europäische Quelle lediglich der Markt der weißen Vertragsarbeiter, der jedoch allmählich zu versiegen drohte. Es verblieben folglich nur noch die indigene Bevölkerung der neuen Welt und die Menschen aus Afrika als potenzielle Arbeitskräfte. Sowohl im englischen als auch im iberischen Amerika griffen die Kolonisten bevorzugt auf afrikanische Arbeitskräfte zurück, insbesondere wenn es um den lukrativen Zuckerrohranbau ging.
Die Dimensionen des transatlantischen Handels
In der ersten englischen Kolonie in der neuen Welt, die im Jahr 1607 gegründet wurde, trafen das Zuckerrohr und die ersten afrikanischen Sklaven im Jahr 1619 ein. Ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts spielten die Portugiesen eine entscheidende Rolle bei der Einrichtung eines organisierten Sklavenhandels im transatlantischen Maßstab. Für den Zeitraum zwischen 1501 und 1640 wird die Zahl der aus Afrika nach Amerika transportierten Menschen auf etwa 475000 geschätzt. Angesichts des massiven Bevölkerungsrückgangs in der Karibik drängte sich die Entscheidung auf, Menschen aus Afrika zu holen. Zwischen 1501 und 1510 wurden etwas mehr als 1000 Menschen in die Karibik verschifft, im darauffolgenden Jahrzehnt waren es bereits über 8800.
Die exponentielle Zunahme der Verschleppungen
Anschließend stieg die Zahl der Verschleppten rapide an, wobei die Schwelle von 10000 Personen pro Jahrzehnt mit Ausnahme der Jahre 1551 bis 1560 stets überschritten wurde. In den Jahren 1521 bis 1530 waren es 10900, im folgenden Jahrzehnt 14379 und zwischen 1541 und 1550 bereits 27373 Personen. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts kletterten die Zahlen weiter nach oben und sanken nie mehr unter 50000 Verschleppte pro Jahrzehnt. Bis in die 1570er Jahre hinein stammten zwei Drittel der transportierten Menschen aus Senegambia. Später wurden das Kongogebiet und Angola zur Hauptquelle, was einem Anteil von nie weniger als 80 Prozent entsprach.
Die Ökonomie des Menschenhandels
Bei der Suche nach den Gründen, warum man afrikanische Menschen verschleppte, stößt man auf die Tatsache, dass in der neuen Welt noch Millionen von Ureinwohnern verblieben waren. Im Jahr 1570 zählte man in den spanischen Gebieten noch 96 Prozent Indianer, drei Prozent Mestizen sowie Schwarze und Mulatten und nur ein Prozent Weiße. Die Indianer wurden von den Eroberern zwar ausgebeutet, jedoch eher als Leibeigene und nicht als klassische Sklaven. Der entscheidende Faktor für die Wahl der Afrikaner war vielmehr die Tatsache, dass sie käuflich erworben werden konnten, während die Indianer mühsam gefangen genommen werden mussten. Das portugiesische Beispiel zeigt deutlich, dass es weitaus rentabler war, sich einem bereits existierenden Handelssystem anzuschließen, als selbst riskante Raubzüge zu organisieren.
Der Übergang zum friedlichen Handel
In Afrika profitierten die Europäer von einem viel älteren Binnenhandel, der zuvor von arabischen Händlern eingeführt worden war. Sie klinkten sich in diese Strukturen ein, um später eigene Handelskreisläufe zu organisieren und dem bis dahin relativ statischen Geschäft eine neue Dynamik zu verleihen. Als geschickte Kaufleute intervenierten die Portugiesen fortan unmittelbar an der Quelle, wodurch sie die muslimischen Zwischenhändler gewinnbringend ausschalten konnten. Aus der Sicht der ersten portugiesischen Händler erwies sich der friedliche Handel als weitaus produktiver und vorziehenswert gegenüber weniger effizienten bewaffneten Kommandoaktionen. Ab dem Jahr 1460 behielten die friedlichen Methoden zum Erwerb von Menschen aus Schwarzafrika endgültig die Oberhand.
Die technologische Überlegenheit und ihre Folgen
Nachdem die afrikanischen Routen des transsaharischen Handels von den Europäern in Beschlag genommen worden waren, intensivierte sich der transatlantische Handel massiv. Begann dieser zwischen 1501 und 1520 noch mit 10000 Verschleppten, erreichte er zwischen 1776 und 1800 mit fast zwei Millionen Menschen seinen traurigen Höhepunkt. Diese quasi exponentielle Zunahme war die Folge einer neuen Wirtschaftsmacht, die auf revolutionären Handels- und Seefahrtstechniken basierte. Der ungleiche Austausch mit Afrika nahm völlig neue Dimensionen an, da die Region für die Kontrolle der mineralischen Reichtümer durch nördliche Nachbarn einen hohen Preis bezahlen musste. Die iberischen Mächte hatten in Nordafrika gelernt und mithilfe ihrer überlegenen Seefahrtstechniken aus dem 13. Jahrhundert ihre früheren Meister rasch übertrumpft.
Die menschenverachtende Plantagenökonomie
Die exogene Nachfrage nach Zwangsarbeitern zwang die afrikanischen Händler dazu, Sklaven zu liefern, die sie sich ihrerseits in Raubzügen aneigneten. Dieser Prozess spaltete die afrikanischen Gesellschaften in Räuber und Geraubte, wobei die erbeuteten Menschen dazu dienten, den Händlern Pferde abzukaufen. Als sich später weitere europäische Mächte in diesen Handel einklinkten, veränderte die industrielle Revolution das Paradigma so weit, dass auf Inseln wie Hispaniola Systeme entstanden, die Konzentrationslagern ähnelten. Im Jahr 1788 gab es dort an die 405000 Sklaven bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 454000 Einwohnern. Die Lebenserwartung der Verschleppten bestätigte den extremen Charakter dieser Arbeitslager, da ein Drittel der Menschen üblicherweise innerhalb der ersten drei Jahre verstarb.
Der Zucker als Treiber der Ausbeutung
Obwohl seit 1680 mehr als 800000 Menschen in die Kolonie gebracht worden waren, gab es im Jahr 1776 nur noch 290000 Überlebende, da das Arbeitsleben selten 15 Jahre überdauerte. Der kontinuierliche Zustrom an Arbeitskräften ermöglichte es, die Plantagen zu füttern, deren Zuckerproduktion intensiviert wurde. Diese Intensivierung diente dazu, die europäische Arbeiterklasse mit billigen Kalorien zu versorgen, damit diese den Rhythmus der neuen Maschinen ertragen konnte. Zwischen dem Beginn der industriellen Revolution und der Einführung von Stimulantien bestand eine enge Verbindung, wobei die tendenzielle Absenkung des Zuckerpreises die Verbreitung in der Arbeiterschicht förderte. Der Zucker wäre schlichtweg zu teuer gewesen, wenn man die Pflanze nicht durch Sklaven hätte bearbeiten lassen.
Die kapitalistische Logik der Versklavung
Der eigentliche Grund für den transatlantischen Sklavenhandel und die Verschleppung afrikanischer statt indianischer Arbeitskräfte war das Aufkommen eines wirklich modernen Kapitalismus. Diese neue Wirtschaftsform orientierte sich strikt an den Chancen des Gütermarktes und nicht mehr an gewaltpolitischen oder irrationalen Spekulationschancen. Die Logik, die für die Portugiesen an den Küsten Afrikas bestimmend war, sollte anschließend auch für die Eroberer der neuen Welt richtungsweisend sein. An die Stelle der reinen Eroberung mit den Nebenfolgen des Raubs trat zunehmend der organisierte und friedliche Sklavenhandel. Wenn die Eroberer diesen Handelsaustausch dem Abenteurertum von Raubzug und Krieg vorzogen, dann genau aus diesem wirtschaftlichen Kalkül.
Der Widerspruch der Eroberer
Der Geist des aufkommenden Kapitalismus hat diese Entwicklung unweigerlich erzwungen, da er eine berechenbare und marktorientierte Zufuhr von Arbeitskräften verlangte. Diese Erklärung wirft jedoch die Frage auf, inwieweit sie nicht widersprüchlich ist, da die fraglichen Sklavenhalter eben auch Eroberer waren. Folglich mussten sie in der Praxis sowohl den gewaltsamen Raub und die Gefangennahme als auch den scheinbar friedlichen Sklavenhandel parallel praktizieren, um ihre wirtschaftlichen Ziele zu erreichen.











