Die ideologischen und wirtschaftlichen Wurzeln der transatlantischen Versklavung
Die historische Entwicklung des transatlantischen Sklavenhandels wirft bis heute tiefgreifende Fragen nach den wirtschaftlichen und ideologischen Triebkräften der europäischen Expansion auf. Um die Beweggründe für die Verschleppung afrikanischer Menschen zu verstehen, muss man die komplexen Wechselwirkungen zwischen demografischen Veränderungen, religiösen Rechtfertigungen und den Anfängen des globalen Handels betrachten. Dabei zeigt sich, dass die Behandlung der indigenen Bevölkerung Amerikas und der versklavten Afrikaner keineswegs willkürlich war, sondern festen juristischen und theologischen Mustern folgte. Diese Muster dienten dazu, die wirtschaftliche Ausbeutung zu legitimieren und die Grundlagen für eine neue Form der kapitalistischen Arbeitsorganisation zu schaffen.
Die Suche nach den Ursachen für den Wechsel der Arbeitskräfte
Bei der Analyse der Gründe für die Verschleppung afrikanischer Menschen stößt man auf verschiedene Erklärungsansätze. Ein Ansatz verweist auf die demografische Erschöpfung der einheimischen Arbeitskräfte in den überseeischen Gebieten. Ein anderer Ansatz argumentiert mit einer angeblichen körperlichen oder kulturellen Ungeeignetheit der indigenen Bevölkerung für die harte Arbeit auf den Plantagen. Ein dritter Ansatz sieht das Zusammentreffen eines afrikanischen Angebots an Arbeitskräften mit einer europäischen Nachfrage, die durch eine leistungsfähige Handelslogistik bedient wurde.
Die Konzentration von Reichtum und die Rolle der Kirche
Eine vielversprechendere Erklärung liefert die Beobachtung, dass die koloniale Wirtschaft eine beispiellose Konzentration von Arbeitskraft und Reichtum ermöglichte. Der demografische Zusammenbruch der indigenen Bevölkerung und der kämpferische Einsatz bestimmter Geistlicher gegen deren Versklavung trugen maßgeblich zur Implementierung des Handels mit afrikanischen Gefangenen bei. Hinzu kam der wachsende Bedarf an Arbeitskräften in den Minen und auf den Plantagen, der durch die Herrschaft der spanischen Krone über Portugal noch verstärkt wurde. Dadurch konnten umfangreiche Kontingente an Gefangenen direkt von den afrikanischen Küsten in die neuen Gebiete gebracht werden.
Der Schutz der Einheimischen und der Vorrang des Handels
Es lassen sich zwei wesentliche Punkte hervorheben, die diesen Wandel charakterisieren. Zum einen entstand ein umfangreiches Regelwerk, das die Einheimischen schützte und ihre rücksichtslose Ausbeutung durch die Siedler eindämmte. Zum anderen trat der friedliche Handelsaustausch an die Stelle der gewaltsamen Gefangennahme. Diese erste Form des Erwerbs beruhte auf dem modernen Geist des Kapitalismus, der sich an den Chancen des Gütermarktes orientierte.
Das Handelsystem als Deckmantel für die Gefangennahme
Man darf sich jedoch keiner Täuschung hingeben, denn für einen Austausch auf dem Gütermarkt müssen die Menschen zuvor gefangen genommen worden sein. Der Handelsaustausch diente somit in vielerlei Hinsicht als Deckmantel für die gewaltsame Gefangennahme. Oft wurde dieser Vorgang in ein falsches Menschlichkeitsideal gekleidet, indem man behauptete, die gekauften Menschen wären sonst getötet worden. Der transatlantische Handel verband also die Begriffe der Gefangennahme, des Handelsaustauschs und der Fremdheit.
Die päpstliche Erlaubnis zur Gefangennahme im 15. Jahrhundert
Um diese Praktiken zu verstehen, muss man die normativen und philosophischen Texte jener Epoche sorgfältig prüfen. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine päpstliche Bulle aus dem Jahre 1455, welche die Gefangennahme von Männern, Frauen und Kindern an der Küste Guineas für erlaubt erklärte. Dies wirft die Frage auf, ob die Unterscheidung zwischen friedlichem Handel und kriegerischer Gefangennahme damals überhaupt eine Rolle spielte. Die ersten afrikanischen Gefangenen wurden bei Raubzügen gemacht, und der Handel mit ihnen wurde wenige Jahre später durch den Papst offiziell erlaubt.
Die religiöse Rechtfertigung des Monopols
Eine spätere Verordnung bestätigte das Recht des portugiesischen Königs, Ungläubige anzugreifen und in Knechtschaft zu halten. Der Papst billigte den Handel mit den schwarzen Einwohnern Guineas in einer beiläufigen Bemerkung. Im Hauptfokus stand das Vordringen der Portugiesen in Afrika, da dies der römischen Kirche als Gegenoffensive gegen den Islam diente. Gegen den Kauf von Sklaven hatte der Papst nichts einzuwenden, da dies den Menschen den Einfluss des Islams oder des Heidentums entzog.
Die Ausweitung des Handelsmonopols und die Bekehrung
Der lateinische Text der Bulle bestätigt, dass viele Menschen aus Guinea gewaltsam gefangen oder durch rechtmäßige Kaufverträge erworben wurden. Eine große Anzahl von ihnen konnte zum katholischen Glauben bekehrt werden, was die göttliche Gnade unterstrich. Der aufkommende Handel mit afrikanischen Sklaven galt somit als segensreich und legal, da er der Verbreitung des christlichen Glaubens diente. Da Afrika nur zum Teil islamisiert war, stärkte man durch diesen Handel nicht den muslimischen Feind.
Der Übergang vom Raubzug zum friedlichen Handel
Das Mandat des Papstes beruhte auf dem Gebot, die imperiale Expansion des Islams zu durchkreuzen. Der portugiesische Handel mit versklavten Afrikanern wurde erlaubt, unabhängig davon, ob die Menschen gewaltsam ergriffen oder gekauft wurden. Kurz darauf begann der friedliche Sklavenhandel, den Raubzug abzulösen, und die portugiesische Krone errichtete feste Handelsposten. An die Stelle der Eroberung trat der ausgehandelte Tausch, und der Papst erlaubte beide Formen des Erwerbs im Rahmen des portugiesischen Monopols.
Die rechtliche Unterscheidung zwischen Einheimischen und Fremden
Entscheidend war nicht der Unterschied zwischen Gefangennahme und Handel, sondern der Status der betroffenen Menschen. Der einheimische Indianer galt als natürlicher Bewohner eines Landes, das nun der Souveränität der Krone unterstand. Der fremde Afrikaner hingegen wurde in Form einer legal erworbenen Ware von seinem Besitzer in das Land eingeführt. Dies galt völlig unabhängig davon, ob der Besitzer ihn einem vorherigen Händler abgekauft oder eigenhändig gefangen genommen hatte.
Die frühen Expeditionen und der Beginn des öffentlichen Verkaufs
Historische Aufzeichnungen zeigen, dass die ersten schwarzen Gefangenen bereits in den 40er Jahren des 15. Jahrhunderts von der Westküste Afrikas geholt wurden. Wenige Jahre später erreichten die Expeditionen die Insel Arguim, und in der Stadt Lagos fand der erste öffentliche Verkauf von Sklaven statt. Die besten Gefangenen wurden dabei vorab der Kirche angeboten, was die enge Verflechtung von Wirtschaft und Religion verdeutlicht. Die Kirche ignorierte die Unterscheidung zwischen Handel und Gefangennahme jedoch nicht auf Dauer.
Die theologische Debatte um den legitimen Erwerb
Als der Papst im Jahre 1537 die Versklavung der Indios der Neuen Welt verbot, versuchten Theologen, die Grenze zwischen legitimen und illegitimen Praktiken zu präzisieren. Manche Geistliche stellten Fragen, aber nicht bezüglich der Wohlbegründetheit der Sklaverei, sondern ausschließlich hinsichtlich des legitimen Erwerbs. Ein berühmter Theologe jener Zeit argumentierte, dass der König von Portugal keine Nachforschungen über die Herkunft der Sklaven anstellen müsse. Seiner Ansicht nach war es für die Gefangenen ohnehin das Beste, den christlichen Glauben anzunehmen.
Die Delegierung der Gefangennahme an afrikanische Herrscher
Dieser Theologe hielt sich strikt an die Bedingungen der päpstlichen Bulle, da der Handel als gut galt, wenn er zu Bekehrungen führte. Die wachsende Beunruhigung einiger Beobachter über die gewaltsamen Bedingungen der Gefangennahme in Afrika wies er zurück. Es wurde festgelegt, dass der König von Portugal keinen Einfluss auf die inneren Angelegenheiten der souveränen afrikanischen Königreiche hatte. Die Produktion von Sklaven wurde somit an die afrikanischen Herrscher delegiert, was dazu führte, dass in Afrika Hass und Zwietracht gesät wurden.
Die europäische Mitschuld an den afrikanischen Konflikten
Kritiker merkten schon früh an, dass diese Rechtfertigung höchst fragwürdig sei. Das schändliche Gewerbe der europäischen Händler ließ zwischen den Afrikanern ununterbrochene Kriege ausbrechen, deren einziger Zweck die Gefangennahme für den Verkauf war. Oft schürten die Europäer diese Kriege selbst durch ihr Geld und ihre Intrigen. Sie waren somit nicht nur des Verbrechens der Versklavung schuldig, sondern auch aller Mordtaten, die in Afrika begangen wurden.
Die theologische Legitimation bis in das 19. Jahrhundert
Diese Argumentationsweise blieb bis zur Abschaffung der Sklaverei die vorherrschende Lehre. Noch im Jahre 1834 publizierte ein Theologieprofessor und Bischof ein Handbuch, das den transatlantischen Handel unter bestimmten Bedingungen für legitim erklärte. Die Bedingungen waren, dass die Afrikaner auf rechte Weise ihrer Freiheit beraubt würden, dass es seitens der Händler keinen Betrug gebe und dass sie menschlich behandelt würden. Die erste Bedingung hing dabei von den afrikanischen Herrschern ab, während der christliche Käufer keine Nachforschungen anstellen musste.
Der Wandel hin zum rationalen Kapitalismus
Der Übergang vom Abenteurer-Kapitalismus zu einem modernen Kapitalismus vollzog sich innerhalb der römischen Kirche in jenem Zeitraum, als die Gefangennahme zugunsten des friedlichen Handels disqualifiziert wurde. Dies lief darauf hinaus, die Produktion von Sklaven an die afrikanischen Herren zu delegieren. Der Philosoph Max Weber unterschied später zwischen diesem kolonialen Unternehmertum und der rationalkapitalistischen Organisation von formell freier Arbeit. Diese beiden Arten des Kapitalismus waren historisch jedoch derart verflochten, dass sie sich nur schwer isolieren lassen.
Die philosophische Rechtfertigung durch das Konzept des gerechten Krieges
Die Erklärungen des Philosophen John Locke zeigen das Nebeneinanderbestehen von freier Arbeit und Sklavenarbeit auf. Er unterschied zwischen dem freien Menschen, der seine Dienste gegen Lohn für eine gewisse Zeit verkauft, und dem Sklaven. Der Sklave war ein Mensch, der in einem gerechten Krieg gefangen genommen wurde und somit unter der absoluten Herrschaft seines Herrn stand. Solche Menschen hatten ihr Leben und ihre Freiheit verwirkt und besaßen keinerlei Eigentum mehr.
Der Zusammenhang zwischen Eigentum und bürgerlicher Gesellschaft
Locke präzisierte sein Denken, indem er den Endzweck der bürgerlichen Gesellschaft in der Erhaltung des Eigentums sah. Die bürgerliche Gesellschaft beginnt also mit dem Eigentum, und wer kein Eigentümer ist, besitzt keine Staatsbürgerschaft. Ein solcher Mensch wird entweder als Nichtstuer betrachtet oder als Sklave behandelt. Der Nichtstuer wurde in Europa zum Zielobjekt von polizeilichen Jagden und massenhaften Internierungen.
Die Internierung der Armen als Instrument der Klassenherrschaft
Der Gründungsakt der polizeilichen Jagden war die umfassende Jagd auf die Armen, die Faulen und die Vagabunden, die im 17. Jahrhundert in Europa startete. Die Königsmacht wollte das Problem der Armut mittels der massenhaften Einschließung der Betroffenen regeln. Die massive Erscheinung der Internierung war eine Angelegenheit der Polizei, die als Klassen-Instrument diente. Das wichtigste Mittel war es, die Besitzlosen zur Arbeit zu zwingen und sie in den Arbeitsmarkt einzufügen.
Die Verdrängung der indigenen Bevölkerung in Nordamerika
Bei den sogenannten Wilden ging es hingegen nicht vornehmlich um die Gefangennahme, sondern um deren Zurückdrängung. Die koloniale Eroberung in Nordamerika wurde mit dem Argument des Nomadentums der Indianer legitimiert. Der europäische Bauer, der den Wald rodet, drängte den nomadischen Jäger in immer engere Randzonen und schließlich in Reservate zurück. Es wurde als natürlich angesehen, dass der Indianer untergeht, wenn er sich der Berührung mit der Zivilisation aussetzt.
Die Assimilierungspolitik und das Scheitern der Integration
Die indigene Bevölkerung wurde vor die Alternative gestellt, die Oberhoheit der Regierung anzuerkennen und ihre Lebensweise aufzugeben. Sie sollten ihr Land verkaufen, Landwirtschaft betreiben und ihre Stammesbräuche ablegen, um amerikanische Staatsbürger zu werden. Angesichts der Weigerung der Mehrheit der Indianer, die Agrarökonomie der Kolonisten zu übernehmen, verzichteten diese auf eine systematische Versklavung. Es ging vielmehr darum, die indigene Bevölkerung an den Rand der Gesellschaft zu drängen.
Der Verlust der Freiheit durch den Zustand der Sklaverei
Der Sklave war ein Mensch, der anlässlich eines gerechten Krieges gefangen genommen wurde. Sobald ein Mensch bei einer solchen Gelegenheit gefangen wurde, verlor er sein Recht auf Eigentum und seine Stellung als freier Bürger. Ein Mensch ist nur dann frei, wenn er Eigentümer ist, entweder von Gütern oder seiner Arbeitskraft. Durch die Gefangennahme im Krieg macht sich der Mensch im Austausch gegen das unversehrte Leben zum Sklaven eines anderen.
Die Delegierung des gerechten Krieges an die afrikanischen Herrscher
Die legalen Formen des gerechten Krieges wurden von der Philosophie vorausgesetzt, ohne sie näher zu erläutern. Wenn der Krieg erst einmal gesetzt war, folgte daraus die Sklaverei aufgrund des Prinzips des Lebenserhalts. Die Diskretion des Philosophen hinsichtlich der Definition des gerechten Krieges zeigt, dass der transatlantische Handel diese Praxis an die afrikanischen Herren delegierte. Das Schweigen über die genaue Definition lässt jedoch noch viel mehr erahnen.
Die Kehrseite der freien Arbeit unter der Bedingung des Kapitals
Man muss den Grundsatz vielleicht nur umkehren, um die Kehrseite der freien Arbeit zum Vorschein zu bringen. Weil der Mensch kein Eigentümer ist, wird er legitimerweise gefangen genommen oder in Abhängigkeit gedrängt. Der gerechte Krieg ist in letzter Konsequenz derjenige, den das Kapital führt. Das Akkumulationsregime des Kapitals wird nur um den Preis eines beträchtlichen Anwachsens der staatlichen und privaten Schulden aufrechterhalten.
Die moderne Schuldenfalle und der Zwang zum Frondienst
Dieses System stellt letztendlich eine Wette auf künftige Reichtümer dar, die es nicht mehr zu produzieren vermag. Aus den Pleiten in den verallgemeinerten Finanzkrisen weiß der Kapitalismus in seinem aktuellen Entwicklungsstadium keinen anderen Ausweg. Er verpflichtet die Bevölkerungen willkürlich zum Frondienst, mit dem einzigen Ziel, die kontinuierlich angehäuften Schulden zurückzuzahlen. Dies dient ausschließlich dazu, das Wachstum und folglich die Rentabilität des Kapitals aufrechtzuerhalten.












