Geldsysteme im Wandel der Zeit: Von Goldbindung bis Bargeld

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Die Geschichte des Geldes ist geprägt von ständigen Veränderungen und Anpassungen an wirtschaftliche Erfordernisse. Immer wieder haben Gesellschaften versucht, durch verschiedene Geldsysteme Stabilität und Wohlstand zu schaffen. Dabei zeigten sich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen theoretischen Erwartungen und der praktischen Realität. Die Betrachtung historischer Entwicklungen offenbart, dass kein Geldsystem perfekt ist und jedes seine eigenen Vor- und Nachteile mit sich bringt. Besonders die Frage nach Preisstabilität und der Rolle des Geldes als Wertmaßstab beschäftigt Ökonomen seit Jahrhunderten.

Extreme Zinsschwankungen in der amerikanischen Geschichte

Der reale Zinssatz in den Vereinigten Staaten fiel von März bis April 1917 unter minus siebzig Prozent. Anschließend wurden die Preise plötzlich deflationiert und der reale Zinssatz sprang auf plus einhundert Prozent. Diese extremen Schwankungen zeigen die Instabilität von Geldsystemen in Krisenzeiten. Irving Fisher beschrieb diese Phänomene bereits im Jahr 1930 in seiner Zinstheorie. Solche drastischen Bewegungen verdeutlichen, wie schnell sich die Kaufkraft von Geld verändern kann und welche Auswirkungen dies auf die Wirtschaft hat.

Die Versprechen des Knappheitsgeldes

Anhänger des Knappheitsgeldes vertreten oft die These, ein solcher Standard führe zu Preisstabilität weil die Geldmenge weitgehend fixiert ist. Sie erwarten eine Geldaufwertung durch Deflation etwa in Höhe des Wirtschaftswachstums weil die konstante Geldmenge einer immer größer werdenden Gütermenge gegenübersteht. Diese Aussagen lassen sich empirisch überprüfen denn es wurden die Preissteigerungsraten für vergangene Zeitperioden rekonstruiert. Man kann somit sehen wie sich die Preise bei einem real existierenden Goldstandard entwickelt haben. Es sollen hier die Entwicklungen für Amerika und England seit dem Jahr 1700 betrachtet werden.

Amerika und England als historische Beispiele

Diese Auswahl ist relevant weil Amerika historisch eher ein Entwicklungsland war und England die am weitesten entwickelte Volkswirtschaft der Welt war von der auch die Industrielle Revolution ausging. In beiden Fällen waren die Preise während einer Goldbindung nicht etwa stabil sondern hatten starke Schwankungen auch wenn sie im Durchschnitt über die Zeit hinweg leicht gesunken sind. Die Preisentwicklung in Amerika seit dem Jahr 1700 zeigt mehrere interessante Aspekte die das Verständnis für Geldsysteme vertiefen.

Die wilde Geldgeschichte vor der Unabhängigkeit

Vor dem Jahr 1776 gab es einen Wildwuchs an Geldsystemen mit teilweiser Verwendung vorhandener Sachgeldsysteme. Ausländische Münzen wurden genutzt ebenso wie lokales Papiergeld das meist schnell an Kaufkraft verloren hat oder auch das Kaurigeld der amerikanischen Ureinwohner. Es kam immer wieder zu erheblichen Preissteigerungsraten aber auch abwechselnd zu Perioden der Deflation. Die Schwankungen des Preisniveaus waren erheblich und machten wirtschaftliches Planen schwierig.

Der Bimetallstandard und seine Probleme

Im Jahr 1792 wurde der Dollar auf Bimetallstandard mit Gold und Silber eingeführt. Die Hoffnung die Preissteigerungen durch eine Metallbindung in den Griff zu bekommen erfüllte sich allerdings nicht. Dies lag auch daran dass die Bindung in den entscheidenden Situationen nicht durchzusetzen war und deshalb faktisch einfach aufgehoben wurde. Die Folge waren stark schwankende Preisänderungsraten die oft sogar zwischen Inflation und Deflation wechselten.

Die Phase der moderaten Deflation

Die Zeit von etwa 1863 bis 1900 ist die Phase die am ehesten so aussieht wie das von den Anhängern des Knappheitsgeldes propagierte Ideal der moderat schwankenden Deflation. Im Jahr 1863 gab es den National Banking Act der die Zeit des Free Bankings beendete unionsweit regulierte Banken einführte und die einzelstaatlich ausgegebenen Banknoten nach und nach ablöste. Es ist aber zugleich die Zeit die von der betroffenen Bevölkerung als derart verarmend erlebt wurde dass die zugrundeliegende Gesetzesänderung als das Verbrechen von 1873 bekannt wurde.

Die Demonetisierung des Silbers

Dieses Gesetz nahm dem Silber den Status als offizielles Zahlungsmittel und führte somit zu einer Deflation weil die exogen gegebene Geldmenge schlagartig verkleinert wurde. Die Folge war eine gewaltige Umverteilung der Vermögen weg von den freien Farmern die oft Schuldner waren um die Zeit zwischen Saat und Ernte zu überbrücken zu den Kreditgebern. Diese erhielten nun ihre Rückzahlungen jeweils in wertvollerem Geld als sie es vergeben hatten. Es zeigt sich hier dass eine Umstellung des Geldwesens innerhalb eines bestehenden Rechts- und Erfahrungsrahmens zu erheblichen Umverteilungseffekten führen kann.

Das Bretton-Woods-System und seine Folgen

Ab etwa 1945 gab es das Bretton-Woods-System das den Anschein einer Goldbindung erweckte faktisch aber nur eine sehr lose Ankoppelung enthielt. Im Jahr 1971 beendete der Nixon-Schock den letzten Anschein einer Goldbindung des Dollars und damit des Gesamtsystems. Als Folge des Ölpreisschocks Ende der 1970er Jahre und der Kreditkrise der Entwicklungsländer Anfang der 1980er Jahre entstand eine damals ungewohnt hohe Inflation. Diese wurde durch eine konsequente Notenbankpolitik unter Paul Volcker gegen den Widerstand der Politik eingedämmt.

Die große Mäßigung der Preisentwicklung

Ab etwa 1985 beginnt eine der längsten ruhigen Phasen in der Geldgeschichte der letzten Jahrhunderte und hat sogar den Namen die große Mäßigung bekommen. Selbst in der Zeit der Krisen seit dem Jahr 2000 sind die Preissteigerungsraten zwar durchweg positiv aber verhältnismäßig stabil. Allerdings haben sich in dieser Zeit starke Verschiebungen zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen ergeben die oft so gedeutet werden dass eine Vermögenspreisinflation an Stelle einer Konsumentenpreisinflation getreten ist. Auch ist es denkbar dass die Krisen durch die Geldpolitik überhaupt erst entstanden sind.

Die Preisentwicklung im britischen Pfund

Ein fast analoges Bild ergibt sich beim britischen Pfund also in der Währung der damals modernsten und leistungsfähigsten Volkswirtschaft der Welt. Zu Beginn der Industriellen Revolution fanden erhebliche Schwankungen des Preisniveaus statt obwohl es eine Metallbindung des britischen Pfunds gab. Zwar war die durchschnittliche Inflation in der Zeit von 1800 bis 1850 tatsächlich leicht negativ im Mittel etwa minus ein Prozent pro Jahr aber die jährliche Rate schwankte erheblich. Dagegen ist die Zeit des Fiatgeldes wesentlich ruhiger. Insbesondere sind in dieser Zeit die Sprünge von Jahr zu Jahr viel geringer was die Zukunft wesentlich berechenbarer macht als die erratischen Sprünge der Zeit davor.

Der gescheiterte Versuch der Goldstandard-Rückkehr

Statt des Verbrechens von 1873 gibt es in England nach dem Ersten Weltkrieg den unsinnigen Versuch wieder zum Goldstandard mit der vor dem Krieg gültigen Denominierung zurückzukehren. Da das Pfund im Krieg über die ursprüngliche Bindung hinaus emittiert worden war führte der Versuch zum ursprünglichen Wert zurückzukehren zu einer Geldmengenverringerung und dadurch zu einer Preisdeflation denn es handelte sich um eine exogene Geldmenge. Die Deflation war für die meisten Beteiligten wiederum äußerst negativ.

Probleme der Selbstbindung in Krisenzeiten

Ein Problem aller Selbstbindungsmechanismen ist das damit verbundene Verhalten der Beteiligten und der Politik. Ein von der Realwirtschaft losgelöstes Knappheitsgeld mag zwar theoretisch zur Haushaltsdisziplin führen hat dann aber kurzzeitig erhebliche Verwerfungen zur Folge. Selbst wenn die Theorie stimmen sollte dass sich durch ein solches Geld mittelfristig ein erstrebenswertes Gleichgewicht einstellt besteht ein extrem starker Anreiz in der Übergangsphase die disziplinierende Wirkung dieser Geldform auszusetzen und es damit faktisch abzuschaffen.

Die Aufhebung von Bindungen in Kriegszeiten

Dieser Vorgang wiederholte sich immer wieder in Krisen- und besonders in Kriegszeiten. Formal bestand in den USA zu Zeiten des Bürgerkriegs eine Metallbindung aber immer wieder wurde die Armee mit reinen Zetteln bezahlt die ein Versprechen der Zahlung in echtem Geld darstellen sollten aber natürlich oftmals nicht eingelöst werden konnten. Auch England löste während des Weltkriegs einfach die Bindung des Britischen Pfunds zu Gold und versuchte danach wie beschrieben erfolglos wieder zu der Bindung mit dem ursprünglichen Austauschverhältnis zurückzukehren.

Das Konzept des Schwundgeldes

Silvio Gesell forderte im Jahr 1931 dass das Geld als Ware für niemand besser sein soll als der Inhalt der Märkte. Das Geld solle wenn es den Waren gegenüber keine Vorrechte haben darf wie die Waren verrosten verschimmeln und verfaulen. Es solle zerfressen werden erkranken davonlaufen und wenn es verendet soll der Besitzer noch den Lohn des Abdeckers bezahlen. Dann erst würden Geld und Ware auf gleicher Rangstufe stehen und vollkommen gleichwertige Dinge sein.

Unterschiedliche Begriffsverwendungen der Inflation

Der Begriff Inflation wird je nach Kontext sehr unterschiedlich verwendet. Meist steht Inflation für Preisinflation was eine Änderung des Preisniveaus nach oben ist. Oft wird es aber erst dann Inflation genannt wenn die Änderung nicht nur einmalig sondern dauerhaft stattfindet. Einige Autoren verwenden den Begriff Inflation auch nur für eine Änderung des Angebots der Geldmenge was dann die Mengeninflation des Geldes ist. Diese Auslegung geht auf die Zeit des exogenen Geldes zurück also zum Beispiel Gold oder Fürstengeld bei dem die Quantitätstheorie des Geldes annähernd zutrifft. Bei Fiatgeld gilt dieser Zusammenhang aber nicht weshalb sich hier Inflation immer auf das Preisniveau bezieht.

Die verschiedenen Dimensionen der Inflation

In einer weiteren Dimension kann sich Inflation auch auf verschiedene Preisindizes beziehen also zum Beispiel auf Konsumentenpreise Produzentenpreise oder spezielle Gruppen von Waren. Dies ist wichtig da Inflation von zwei Effekten ausgelöst werden kann von realen oder monetären. Eine reale Ursache der Inflation ist zum Beispiel ein gestörtes Lieferkettensystem das das reale Warenangebot verknappt und damit die Preise steigen lässt. Eine monetäre Ursache hingegen ist eine die sich aus dem Geldsystem heraus ergibt zum Beispiel durch Geldmengenausweitung bei Fürstengeld oder durch zu laxe Kreditvergabe bei Fiatgeld.

Geld als unzuverlässiger Wertmaßstab

Eine der Standardaufgaben von Geld besteht darin ein Wertmaßstab zu sein mit dem andere Güter bewertet werden. Im Gegensatz zu physikalischen Einheiten ist der Tauschwert des Geldes aber nicht konstant. Es wirkt so wie wenn man mit einem Zentimetermaß messen wollte dessen Länge sich andauernd ändert oder mit einer Uhr die Zeiten messen wollte die eine hohe Gangungenauigkeit hat.

Der Vergleich zweier ungenauer Uhren

Bleiben wir bei dem anschaulichen Beispiel der Uhr. Wir haben aus technischen Gründen nur zwei Uhren zur Auswahl. Die erste Uhr schwankt wenig in ihrem Gang geht aber dauerhaft fünf Minuten am Tag vor. Wenn sich ihr Gang verändert dann nicht sprunghaft sondern über mehrere Tage verteilt also zum Beispiel erst vier Minuten Vorlauf dann fünf dann sechs dann wieder vier. Technisch gesagt gibt es eine geringe Varianz und eine hohe serielle Korrelation des Falschlaufs. Die zweite Uhr geht im Mittel eine Minute am Tag nach schwankt aber von einem Tag zum anderen zwischen minus fünfzehn Minuten und plus zwanzig Minuten. Der Gang eines Tages ist völlig unabhängig vom vorangegangenen und lässt sich nicht vorhersagen. Technisch gibt es eine hohe Varianz und eine niedrige serielle Korrelation des Gangfehlers.

Die überlegene berechenbare Uhr

Welche der beiden Uhren ist nützlicher für die Zeitmessung? Es dürfte offensichtlich sein dass die erste Uhr nützlicher ist als die zweite. Das Verhalten der ersten Uhr ist zwar lästig weil man sie ständig stellen muss aber man kann sich einigermaßen auf die angezeigte Zeit verlassen. Die zweite Uhr hingegen macht einen unvorhersehbaren Fehler den man viel schwieriger einbeziehen kann.

Die Übertragung auf das Geldsystem

Wechseln wir von Uhren zu Geld dann fällt auf dass unser heutiges Geld zwar die lästige Eigenschaft der ersten Uhr aufweist dass aber in den Zeiten der Metallbindung viel eher der Zustand der zweiten Uhr vorlag. Es mag unangenehm sein sich dauernd an die geänderte Zeitanzeige anzupassen aber wenn der Gang der Uhr oder die Kaufkraft des Geldes wenig schwankt ist konstante Inflation lediglich ein kleines Problem. Sowohl die persönliche Erfahrung als auch der Rechtsrahmen passen sich einer solchen Situation an sodass sie kaum ein Problem darstellt. Nicht eine moderate konstante Inflation ist ein Problem sondern eine Inflation die stark schwankt.

Geld als kurzfristiges Tauschmittel

Weiterhin gibt es oft die Vorstellung Geld werde langfristig gehalten um Werte zu speichern. Das wäre aber eine unsinnige Vorgehensweise in einem System der konstanten Inflation. Die Aufgabe von Geld ist die kurzfristige Liquidität nicht die langfristige Aufbewahrung von Werten. Vielmehr würde man für die langfristige Verwahrung einen Schuldtitel wählen der Zinsen bringt. In den Zinsen ist generell die erwartete Inflation eingepreist was der bereits behandelte Fisher-Effekt ist. Problematisch daran ist nicht dass es eine Inflation gibt sondern dass der Zins so versteuert wird als wäre er nicht zum Großteil ein reiner Ausgleich für die Inflation.

Die ethische Frage der Geldverzinsung

Zudem ist es fraglich ob man aus einer ethischen Perspektive heraus für das Halten von Geld eine Entlohnung erwarten kann. Denn für eine solche Entlohnung gibt es letztlich zwei ethische Begründungen. Die erste ist die Entlohnung der Wartezeit weil man seinen Konsum verschiebt und jemand anders erlaubt dessen Konsum vorzuziehen. Die zweite ist die Entlohnung für die Übernahme unternehmerischer Risiken. Wieso sollte man verlangen können dass das Geld zu einer Tauschwertsteigerung führt ohne Risiko zu übernehmen und ohne jemand anders in der Zwischenzeit Konsum zu ermöglichen? Wieso sollte das Horten von Geld belohnt werden mit dem man nicht ermöglicht die Produktivität zu steigern?

Die Idee des umlaufgesicherten Geldes

Dies sind nicht rein rhetorische Fragen sondern es kann gute Gründe dafür geben. Aber ob sich ein rein von der Wirtschaft entkoppeltes Knappheitsgeld für eine derartige Kaufkraftsteigerung qualifiziert darf bezweifelt werden. Im Zusammenhang mit Inflation muss das Konzept des Freigelds genannt werden dessen besser verständliche Bezeichnung Schwundgeld ist. Die Idee wurde von Silvio Gesell im Jahr 1914 erstmalig formuliert und sie besteht darin dass ein Geld verwendet werden soll das mit der Zeit an Kaufkraft verliert. Diese Geldkonstruktion richtete sich gegen die Nachteile des Knappheitsgeldes das dazu verleitet gehortet zu werden.

Der Anreiz zum Geldumlauf

Die Vorstellung von Gesell war dass es einen Anreiz geben muss das Geld im Umlauf zu halten woraus die weitere Bezeichnung Umlaufgeld oder umlaufgedecktes Geld entstanden ist. Deshalb schlug er vor dass es eine Gebühr oder eben einen Schwund beim Lagern von Geld geben solle was gleichbedeutend damit ist dass die Kaufkraft beim Lagern schwindet. Interessanterweise wurde dieses Konzept inzwischen weitgehend unbemerkt umgesetzt weil das derzeit übliche Fiatgeld einer ständigen Inflation unterliegt. Um diesem Schwund durch Preisinflation entgegenzuwirken ist es aber nicht zwingend notwendig den Gegenwert des Geldes zu verkonsumieren sondern man kann es zur Wertaufbewahrung produktiven Investitionsprojekten zuführen. Dafür dienen Bankeinlagen Bonds und Aktien.

Die primäre Funktion des Geldes

Das führt zu der Einsicht dass Geld in erster Linie der Abwicklung von Transaktionen dienen soll und allenfalls zur kurzzeitigen Speicherung von Werten. Für die langfristige Wertaufbewahrung sind wie bereits geschildert Zinsprodukte zuständig die für die Wartezeit entschädigen oder unternehmerische Investitionsprojekte die zusätzlich für die Übernahme von Risiko entschädigen.

Die scheinbare Neutralität des Geldes

Betrachten wir noch einmal das Beispiel in dem drei Waren im Ring getauscht werden sollen und dafür jeweils Geldstücke oder Geldsurrogate als Zwischenschritt eingeführt wurden um die Abwicklung zu vereinfachen. Die Waren sind die reale Ebene die Geldelemente wie immer sie im Detail ausgestaltet werden sind die monetäre Ebene. Der Wohlstand der beteiligten Personen geht ausschließlich von der realen Ebene aus. Den Nutzen der Teilnehmer beeinflusst die Geldebene zunächst einmal nicht. Aus dieser Sicht ist es so wie wenn man ein Haus in unterschiedlichen Längeneinheiten misst. Egal ob man die Größe in Zoll oder Zentimetern angibt das Haus bleibt gleich und der mit ihm verbundene Nutzen auch.

Das Sicherheitsgefühl durch Geldbesitz

Man findet an dieser Stelle gelegentlich das Argument dass das Vorhandensein von Geld ein Sicherheitsgefühl gibt und deshalb von der monetären Ebene des Geldes ebenfalls ein eigener subjektiver Nutzen ausgeht. Das ist sicherlich korrekt aber auch hier gilt dass das Sicherheitsgefühl nicht von dem nominalen Zahlenwert des Geldes ausgelöst wird sondern von der Sicherheit reale Güter davon erwerben zu können. Dass das so ist lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen.

Der betrügerische Vermögensverwalter

Stellen Sie sich vor Sie hätten einen Großteil Ihres Vermögens bei einem Broker angelegt der es in ein Portfolio mit hoher Rendite investiert hat. Sie hatten es bisher nie nötig auf diese Werte zuzugreifen und haben auch nicht vor dies jemals zu tun weil es Ihnen finanzielle Freiheit geben soll falls sich die wirtschaftlichen Verhältnisse ändern. Die davon ausgehende Sicherheit gibt Ihnen ein gutes Gefühl also einen Nutzen der höher ist als wenn Sie das Geld für ein prestigeträchtiges Haus und andere Statussymbole ausgegeben hätten. Nach einiger Zeit erfahren Sie dass der Broker ein Betrüger war. Er hat das Geld gar nicht angelegt sondern Ihnen lediglich gefälschte Depotauszüge zugestellt. Nichts davon hat gestimmt und er war es der sich von Ihrem Geld ein großes Haus und andere Statussymbole gekauft hat. An den Kontoauszügen hat sich nichts geändert an Ihrem Lebensstil ebenfalls nicht. Aber die Kontoauszüge vermitteln nicht mehr das wohlige Gefühl der Sicherheit. Denn es ist nicht der Kontostand der den Nutzen spendet sondern die Vorstellung dass man die abstrakten Zahlen in reale Werte umtauschen kann vom Haus bis zur Luxusuhren.

Die Abhängigkeit von realen Gütern

Es ist daher unbestreitbar dass es letztlich nicht auf die Verrechnungseinheit ankommt sondern auf die potenziellen realen Güter die damit beschaffbar sind. Das gilt auch dann wenn Sie nicht die Absicht haben das nominale Geld jemals auszugeben. So gesehen ist die monetäre Ebene völlig neutral und es kommt nur auf die reale Ebene an.

Die dynamische Betrachtung des Geldes

Allerdings ist diese Sichtweise statisch. Sie stellt wie in der Walras-Welt eine reale Gütermenge einer exogenen Geldmenge gegenüber und tut gedanklich so als gebe es nach diesem Zeitpunkt keine Zukunft mehr. Aber außer bei dem biblischen Motiv der letzten Generation ist das nicht so. In der echten Welt gibt es zahlreiche Rückwirkungen der monetären auf die reale Ebene. Das Geldsystem bestimmt welche Arten von realen Geschäften überhaupt möglich sind. Ein umständliches System bei dem physische Güter wie Gold transportiert werden müssen macht den Handel viel teurer als ein System in dem das Geld auf Knopfdruck von der Smartwatch aus übertragen werden kann. Mikrozahlungen zu einem Preis von fast null ermöglichen andere Geschäftsmodelle als wenn es hohe Fixkosten pro Transaktion gibt. Geld ist ein wesentlicher Schmierstoff der Wirtschaft und von daher alles andere als neutral.

Die Verteilungswirkungen des Geldsystems

Ebenso können Änderungen im Geldsystem zu erheblichen Änderungen der Reichtumsverteilung führen. Wird eine Deflation hervorgerufen macht dies die Kreditgeber reicher und die Kreditnehmer ärmer bei einer Inflation ist es andersherum. Seit Cantillon wissen wir dass sich die Wirkung einer exogenen Geldmengeninflation langsam ausbreitet und wesentliche Verteilungseffekte zur Folge hat. Erhebliche Schwankungen der Inflationsraten machen das Wirtschaften riskanter weil man nie genau weiß welche realen Preise man in einem Vertrag vereinbart hat.

Die gesellschaftliche Dimension des Geldes

Geld hat immer auch eine gesellschaftliche Komponente. So stellt sich ein Rechtssystem ebenfalls auf ein Geldsystem ein und passt nicht mehr wenn sich dieses ändert. Man kann deshalb über die Manipulation des Geldsystems bestehende Verträge und soziale Vereinbarungen rückwirkend ändern. Wenn man den Maßstab ändert auf den sich Verträge beziehen ist es so wie wenn man bei einem Plan des Katasteramts rückwirkend behaupten könnte die vereinbarten Pläne bezögen sich auf Fuß obwohl Meter vereinbart waren. Mit einem Schlag verändern sich Eigentumsverhältnisse und irgendwer eignet sich die Werte eines anderen an.

Die bedingte Neutralität des Geldes

Daher hängt die Neutralität des Geldes von der Fragestellung ab. Bei der Beurteilung eines bestehenden Zustands gilt die Neutralität des Geldes und es kommt primär auf die reale Ebene an. Bei der Betrachtung einer Entwicklung hat die monetäre Sphäre hingegen eine erhebliche Rückwirkung auf die reale Ebene.

Die Besonderheiten des Bargeldes

Auf den einhundert Dollar Scheinen aus dem Jahr 1934 stand der Text dass die Vereinigten Staaten von Amerika dem Inhaber auf Verlangen einhundert Dollar zahlen werden. Im Fiatgeldsystem ist Bargeld nichts weiter als eine physische Erscheinungsform des Geldes das auf genau die gleiche Weise in Umlauf kommt wie alles andere Fiatgeld auch. Aber es hat einige Eigenschaften die es zu etwas Besonderem machen.

Der direkte Zugang zu Zentralbankgeld

Bargeld ist die einzige Form von Zentralbankgeld mit der wir direkt in Berührung kommen. Es ist allerdings kein Fürstengeld sondern es kommt genauso in Umlauf wie alles andere Fiatgeld auch über die Geschäftsbanken. Nur dass diese es nicht selbst herstellen können sondern es sich von der Zentralbank beschaffen müssen. Das führt dazu dass ein Bankrun möglich wird bei dem die Kunden scharenweise Geld von den Konten abheben und es sich in bar auszahlen lassen so geschehen bei der Hypothekenbank Northern Rock Ende 2007 bei der nach Gerüchten über eine bevorstehende Insolvenz Tausende Kunden in einer langen Schlange standen um ihre Einlagen als Bargeld abzuheben. Ein solcher Vorgang kann zwar einerseits eine völlig gesunde Bank in den Ruin treiben kann aber andererseits vorab disziplinierend wirken weil jede Bank einen solchen Zustand vermeiden möchte.

Der subjektive Sicherheitseindruck

Bargeld erweckt bei den Geldnutzern oft den Eindruck es sei sicherer als das Buchgeld bei den Geschäftsbanken. Das stimmt zwar insofern als es nicht dem Insolvenzrisiko einer einzelnen Geschäftsbank unterliegt aber grundsätzlich ist Bargeld nichts anderes als eine andere Erscheinungsform des Fiatgelds. Es ist werthaltig solange ihm reale gesamtwirtschaftliche Vermögenspositionen gegenüberstehen. Der subjektive Eindruck der Sicherheit wird verstärkt weil Geldscheine früher oft in irgendeiner Form an die Möglichkeit zur Lieferung von Edelmetallen gekoppelt waren sie wurden zeitweise als eine Art Geldsurrogat angesehen. Dadurch war eine unbegrenzte Vermehrung zumindest stark erschwert was eine Methode ist das Moral-Hazard-Problem des Geldemittenten in den Griff zu bekommen. Aber auch ohne eine solche Goldbindung wirkt Bargeld bis heute wie eine externe Bindung der Geschäftsbanken weil sie es im Gegensatz zu Buchgeld nicht selbst herstellen können. Es wirkt insofern disziplinierend auf die Banken.

Der Schutz vor negativen Zinsen

Bargeld hat eine weitere Funktion im Geldsystem an die man nicht sofort denkt es verhindert finanzielle Repression durch negative Zinsen. In einer Welt ohne Bargeld in der Sie verpflichtet sind ihr Geld auf irgendeinem Konto zu halten können Sie immer mit Gebühren belegt werden die über die Inflation hinausgehen. Das geht bei Bargeld nicht ohne Weiteres weil man bei Gebühren oder negativen Zinsen das Geld einfach abheben und zu Hause aufbewahren kann. Dadurch wird eine Zinsuntergrenze von Null garantiert. Viele Bestrebungen Bargeld abzuschaffen oder seine Verwendung einzuschränken zielen in Wahrheit darauf ab diese Form der finanziellen Repression zu ermöglichen.

Die Entwertung des Geldes

Ohne Bargeld kann deshalb Geld teilweise verrufen werden ohne dass dieser Vorgang vollständig sichtbar gemacht werden muss. Es bringt das Geld noch näher an die Funktionsweise von Schwundgeld als es die Inflation ohnehin schon macht. Zwar kann auch Bargeld verrufen werden erinnern Sie sich an die Abschaffung alter Geldscheine in den verschiedensten Ländern einschließlich der Schweiz aber dies ist ein sichtbarer und aufwendiger Prozess. Außerdem kann Bargeld nicht individuell verrufen werden sondern nur kollektiv. Dies ist ein wichtiges Element denn dadurch kann sich eine Repression nicht gegen einzelne Personen richten sondern nur gegen ganze Gruppen und die können sich besser zur Wehr setzen.

Anonymität und Privatsphäre

Eine weitere wichtige Eigenschaft von Bargeld ist seine Anonymität diese sichert Freiheit und Privatsphäre. Bargeld ist eine der wenigen fast vollständig anonymen Formen der Bezahlung selbst digitale Währungen sind nur pseudonym. Aber besonders gegen die Anonymität gibt es immer mehr Vorstöße. Dazu gehören Dinge die vor Kurzem noch undenkbar gewesen wären Meldepflichten Bargeldobergrenzen oder sogar ein Bargeldverbot.

Die Kriminalisierung normaler Zahlungen

Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich Bargeld in beliebiger Höhe über Banken zu transferieren. Heute wird dieser normale Vorgang kriminalisiert. Um internationale Bargeld-Zahlungen abzuwickeln ist deshalb ein Untergrund-Zahlungssystem entstanden das Hawala-Finanzsystem. Es ist ein informelles Geldtransfersystem das außerhalb des regulären Bankwesens operiert. Es wird vor allem in Süd- und Zentralasien dem Nahen Osten und Nordafrika genutzt es ist aber auch bei uns verbreitet um Geld in die genannten Regionen zu transferieren. Es wird dabei kein Geld physisch oder digital über Grenzen verbracht sondern die Übertragung erfolgt durch den Kontakt von Vermittlern die zum Teil auf Basis eines parallelen Untergrund-Rechtssystems arbeiten. Ist es wirklich sinnvoll anonyme Zahlungen nicht mehr dem Normalbürger zugänglich zu machen sondern nur noch einer Untergrund-Organisation?

Der Verlust erkämpfter Freiheitsrechte

Es hat Jahrhunderte gedauert in denen sich die Bürger Freiheitsrechte gegenüber den Fürsten und dem Staat mühsam erkämpft haben. Dazu gehört das Recht auf freie Meinungsäußerung die Unverletzlichkeit der Wohnung das Briefgeheimnis und ehemals das Bankgeheimnis. Es ist erschreckend in welcher Geschwindigkeit diese Schutzfunktionen gegen einen übergriffigen Staat aufgegeben werden nur weil neue Technologien entstanden sind. Der beste Schutz besteht immer noch darin dass bestimmte Möglichkeiten technisch gar nicht erst existieren. Bargeld bietet diesen Schutz und rechtfertigt die Kosten eines solchen Systems zweifellos.

Die Kosten des Bargeldsystems

Denn derartige Kosten existieren natürlich. Die Behauptung Bargeld sei unhygienisch ist zwar eher als Marketing-Konzept gegen Bargeld einzuordnen aber die Produktionskosten für Geldscheine und Münzen sind nicht zu vernachlässigen. Die Hauptkosten entstehen allerdings durch die Infrastruktur für den sicheren Transport und für die Verwahrung des Bargelds. Dieses System sollten wir allerdings aus einem anderen Grund unbedingt aufrechterhalten Resilienz.

Die Widerstandsfähigkeit des Systems

Resilienz ist der Fachausdruck für Abwehrbereitschaft gegenüber unvorhergesehenen Ereignissen. Wir leben seit einigen Jahrzehnten in derartig sicheren Verhältnissen dass wir uns Ausnahmezustände kaum noch vorstellen können. Dazu gehören ein flächendeckender Stromausfall ebenso wie eine anhaltende Störung des Internets zum Beispiel als Folge eines Cyberangriffs oder eines Kriegs. In einer solchen Situation muss es weiterhin möglich sein Einkäufe zu tätigen und die Arbeitsteilung aufrechtzuerhalten. Das gelingt nur mit Bargeld. Die Vorbereitung auf einen solchen Fall muss dauerhaft erfolgen. Es ist deshalb unabdingbar dass wir weiterhin Bargeld regelmäßig einsetzen um das System im Betrieb zu halten. Gerade weil solche Extremereignisse selten sind verleiten sie dazu unvorsichtig zu werden. Das macht sie so gefährlich. Denn ohne Vorbereitung wird ein eigentlich handhabbares Problem schnell zur Katastrophe.