Die Quantitätstheorie des Geldes: Warum der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau einfacher erscheint, als er in Wirklichkeit ist

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Die Frage, warum die Preise steigen und was die Kaufkraft des Geldes bestimmt, gehört zu den ältesten und zugleich umstrittensten Fragen der Wirtschaftswissenschaft. Seit Jahrhunderten ringen Denker und Gelehrte um eine schlüssige Erklärung dafür, wie die Menge des vorhandenen Geldes mit dem allgemeinen Preisniveau zusammenhängt und ob sich dieser Zusammenhang in einer einfachen Formel ausdrücken lässt. Eine der bekanntesten Antworten auf diese Frage ist die sogenannte Quantitätstheorie, die einen unmittelbaren und proportionalen Zusammenhang zwischen der Geldmenge und den Preisen behauptet. Doch so einleuchtend diese Theorie auf den ersten Blick erscheinen mag, so vielschichtig und voraussetzungsvoll ist sie bei genauerer Betrachtung. Der folgende Text geht dem Sachverhalt im Detail nach, beleuchtet die historischen Wurzeln der Theorie, prüft ihre empirische Gültigkeit und zeigt auf, unter welchen Bedingungen sie zutrifft und wann sie versagt.

Die theoretische Gültigkeit und ihre Voraussetzungen

Die Quantitätstheorie ist in ihrer reinen Form nur dann theoretisch gültig, wenn man unterstellt, dass alle übrigen Umstände gleich bleiben und sich nichts anderes verändert. Von den Voraussetzungen, die dabei als unveränderlich angenommen werden, gehört jedoch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, auf die sich letztlich alle übrigen Annahmen mehr oder weniger zurückführen lassen, zu den ungreifbarsten und am wenigsten fassbaren Größen der gesamten Volkswirtschaft. Ob die Quantitätstheorie deshalb auch tatsächlich in der Wirklichkeit richtig ist und ob der von ihr geforderte Gleichlauf zwischen Preisen und Geldmengen auch wirklich stattfindet, kann von vornherein nicht mit Sicherheit entschieden werden. Diese Einschränkung wurde bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts von einem schwedischen Ökonomen formuliert, der die Theorie einer grundlegenden Kritik unterzog. Die Frage nach der empirischen Gültigkeit der Theorie bleibt somit bis in die Gegenwart offen und Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung.

Der wahre Kern und die verbreitete Vereinfachung

Es gibt in der öffentlichen Diskussion häufig die Vorstellung, eine Geldentwertung entstehe allein dadurch, dass zu viel Geld gedruckt werde. Diese Vorstellung hat einen wahren Kern, doch die Zusammenhänge sind deutlich vielschichtiger, und in vielen Situationen ist diese vereinfachende Erklärung auch schlichtweg falsch. Die Wirklichkeit des Geldwesens lässt sich nicht auf das bloße Drucken von Scheinen reduzieren, denn zahlreiche weitere Faktoren wirken auf das Preisniveau ein. Aufgabe der folgenden Betrachtung ist es, dem Sachverhalt im Detail nachzugehen und die verschiedenen Ebenen des Zusammenhangs zwischen Geldmenge und Kaufkraft zu entfalten. Dabei wird sich zeigen, dass die einfache Formel, die den Zusammenhang beschreibt, nur unter ganz bestimmten Bedingungen gültig ist.

Die einfachste Formel des Zusammenhangs

Die einfachste mathematische Beschreibung des Zusammenhangs zwischen Geldmenge und Kaufkraft ist durch eine Formel gegeben, die besagt, dass die Geldmenge gleich dem Produkt aus Preisniveau und Gütermenge ist. Diese Überlegung wurde erstmals in einer Schrift eines Bischofs aus dem vierzehnten Jahrhundert formuliert und wird heute gelegentlich als die einfache Quantitätstheorie bezeichnet. Auf der einen Seite der Gleichung steht die preiswirksame Geldmenge, auf der anderen Seite stehen die Gütermenge und das Preisniveau. Die Formel ist in gewisser Weise eine Vereinfachung eines allgemeineren Marktmodells, in dem es für jedes einzelne Gut einen eigenen Preis gibt. Hier wurde die Vielzahl der Einzelpreise gedanklich zu einer Art Durchschnittswert zusammengefasst, damit die Größen messbar werden, und man erkennt bereits daran, dass es sich um eine drastische Vereinfachung handelt.

Die praktische Bedeutung der Formel

Wenn man diese Vereinfachung einmal akzeptiert hat, ergibt sich daraus, dass das Preisniveau auf einfache Weise von der Geldmenge und der Gütermenge abhängt: Das Preisniveau ist gleich der Geldmenge geteilt durch die Gütermenge. Wenn dieser Zusammenhang zutrifft, würde sich bei einer Verdopplung der Geldmenge das Preisniveau ebenfalls verdoppeln, sofern die Gütermenge unverändert bleibt. Schon der erwähnte Bischof des vierzehnten Jahrhunderts verwendete dieses Argument vor etwa 700 Jahren, um einen französischen König von einer Münzverschlechterung abzuraten. Die erste deutsche Schrift, die sich mit diesem Thema beschäftigte, stammt von Nikolaus Kopernikus, der über ein Jahrhundert nach dem Bischof offenbar unabhängig zum gleichen Ergebnis kam. Die Grundidee ist somit seit Jahrhunderten bekannt und wurde von verschiedenen Denkern in verschiedenen Zeiten unabhängig voneinander entdeckt.

Die Notwendigkeit der empirischen Überprüfung

Eine solche theoretische Überlegung verlangt natürlich immer eine empirische Überprüfung, denn die schönste Formel nützt nichts, wenn sie in der Wirklichkeit nicht zutrifft. Das methodisch Idealste wäre es, wenn man ein Experiment ausführen könnte, bei dem man die Geldmenge unbemerkt verändert und beobachtet, wie die Preise darauf reagieren. In der Realität ist ein solches Experiment jedoch kaum durchführbar, da die Geldmenge von unzähligen Faktoren abhängt und sich nicht isoliert verändern lässt. Dennoch gibt es in der Geschichte Fälle, die einem solchen Experiment nahekommen und bei denen sich die Auswirkungen einer veränderten Geldmenge beobachten ließen. Diese historischen Beispiele liefern wertvolle Hinweise darauf, ob und unter welchen Umständen die Quantitätstheorie in der Praxis Bestand hat.

Der portugiesische Falschgeldfall als unfreiwilliges Experiment

Ein aufschlussreicher Fall ereignete sich in Portugal, als große Mengen Falschgeldes in Umlauf kamen, weil es jemandem gelungen war, in der Originaldruckerei für Banknoten nicht genehmigte Scheine drucken zu lassen. Diese Scheine waren naturgemäß nicht von den echten zu unterscheiden und wurden über ein informelles Geldwechselsystem in den Verkehr gebracht. Die Teuerung setzte merklich ein, nachdem der Betrug entdeckt worden war, und nicht bereits in dem Augenblick, in dem das zusätzliche Geld in Umlauf kam. Dies deutet darauf hin, dass es tatsächlich eine Übergangsphase gibt, in der das Preisniveau wenig auf die geänderte Geldmenge reagiert. Sobald sich jedoch die Erwartung einer bleibenden Veränderung verfestigt, nähert sich das System dem Endzustand an, den die Quantitätsgleichung vorhersagt.

Die Einführung des Euro als natürliches Experiment

Aufschlussreich wäre deshalb ein Experiment, bei dem man die Geldmenge von einem Tag zum anderen halbiert und dies vorher deutlich ankündigt, damit sich entsprechende Erwartungen bilden können. Die Übergangsphase sollte dann sehr kurz sein und das von der einfachen Quantitätstheorie vorhergesagte Preisniveau schnell erreicht werden. Es sollten sich also alle Preise etwa halbieren, wenn die Geldmenge halbiert wird. Genau dieses Experiment wurde tatsächlich durchgeführt, und zwar bei der Einführung des Euro, denn eine Deutsche Mark entsprach etwa einem halben Euro. Man nennt einen solchen Vorgang ein natürliches Experiment, weil er nicht im Labor, sondern in der Wirklichkeit stattfand und dennoch die Bedingungen eines kontrollierten Versuchs erfüllt.

Die erstaunliche Genauigkeit der Preisanpassung

Tatsächlich waren am nächsten Tag nach der Umstellung die meisten Preise etwa halbiert, und alles andere war fast wie vorher. Dafür, dass die Anpassungsprozesse von der Psychologie der Menschen, vom Rechtssystem, von Gewohnheiten, von der Risikowahrnehmung und vielem mehr beeinflusst werden, ist es recht erstaunlich, wie genau die Quantitätstheorie die Preisanpassungen vorhergesagt hat. Der Vorgang zeigt, dass die Theorie unter bestimmten Bedingungen eine bemerkenswerte Treffsicherheit besitzt und die Wirklichkeit gut abbildet. Allerdings gilt diese Genauigkeit nur für den Fall, dass die Veränderung der Geldmenge von außen erfolgt und die übrigen Umstände weitgehend unverändert bleiben. In der komplexen Wirklichkeit des Wirtschaftslebens sind diese Voraussetzungen selten in dieser Reinheit gegeben.

Die Formel als Endpunkt, nicht als Identität

Die Quantitätsgleichung ist keine mathematische Identität, sondern beschreibt den Endpunkt eines Anpassungsprozesses, der mehr oder weniger genau und mehr oder weniger schnell erreicht werden kann. Bei einer Identität würde auf beiden Seiten etwas stehen, das begrifflich und definitionsgemäß gleich ist, ohne dass ein zeitlicher Anpassungsprozess stattfindet. Ein Beispiel für eine echte Identität ist die Marktkapitalisierung von Aktiengesellschaften, bei der der Marktpreis des gesamten Unternehmens gleich dem Aktienkurs mal der Anzahl der Aktien ist. Verdoppelt man dort die Anzahl der Aktien, halbiert sich der Kurs einer einzelnen Aktie nicht verzögert und nicht ungefähr, sondern sofort und exakt, weil es sich um eine rechtliche Definition handelt. Bei der Quantitätsgleichung ist dies nicht der Fall, obwohl die beiden Zusammenhänge manchmal verwechselt werden.

Die Abweichungen in der Wirklichkeit

Im Allgemeinen ist der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau bei systematischeren Untersuchungen keineswegs so stabil, wie in einem so klar definierten Beispiel wie der Euroeinführung. Die Wirklichkeit des Wirtschaftslebens ist zu vielschichtig, als dass eine einzige Formel alle Einflussfaktoren erfassen könnte. Abweichungen von der theoretischen Vorhersage wurden schon frühzeitig bemerkt und gaben Anlass zu einer Erweiterung der ursprünglichen Gleichung. Die einfache Formel, die einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau behauptet, musste um eine zusätzliche Größe ergänzt werden, um die beobachteten Abweichungen erklären zu können. Diese Erweiterung führte zur Einführung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes als zusätzlichem Faktor.

Die Umlaufgeschwindigkeit als Erklärungsversuch

Es kann schließlich passieren, dass die Geldmenge erhöht wird, gleichzeitig aber die Menschen das Geld lieber horten als auszugeben, sodass die Preise konstant bleiben. Aber irgendwann wollen sie es vielleicht doch ausgeben, und dann steigen die Preise unerwartet an, obwohl sich an der Geldmenge nichts verändert hat. Alles geschieht nur deshalb, weil sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ändert und das zuvor ruhende Geld plötzlich in Bewegung gerät. Der erweiterte Zusammenhang lautet dann, dass die Geldmenge mal der Umlaufgeschwindigkeit gleich dem Produkt aus Preisniveau und Gütermenge ist. Die statische Geldmenge allein sagt noch nichts über die preiswirksame Nachfrage aus, denn ein Großteil des Geldes kann unangetastet bleiben und wird erst dann preiswirksam, wenn es tatsächlich bewegt und ausgegeben wird.

Das grundlegende Problem der Umlaufgeschwindigkeit

Leider hat diese erweiterte Darstellung ein schwerwiegendes Problem, denn man kann die Umlaufgeschwindigkeit nicht unmittelbar beobachten, sodass die Theorie in dieser Form alles und nichts sagt. Manchmal steigen die Preise durch eine höhere Geldmenge, und manchmal nicht, und man weiß nicht im Voraus, wann das eine und wann das andere gilt. Die Formel versucht letztlich, einen Gedankengang zu kitten, der in dieser Form nicht aufrechtzuerhalten ist, weil die entscheidende Größe nicht messbar ist. Die Umlaufgeschwindigkeit wird zu einer Art Auffangbehälter für alle Abweichungen, die die einfache Formel nicht erklären kann. Damit verliert die Theorie ihre Vorhersagekraft und wird zu einer bloßen Beschreibung dessen, was bereits geschehen ist.

Die Voraussetzung des von außen gegebenen Geldes

Das tiefere Problem liegt darin, dass die Quantitätstheorie für eine Form von Geld gilt, die in der heutigen Wirtschaft nicht mehr verwendet wird. Die zentrale Voraussetzung der Formel ist, dass die Geldmenge von außen gegeben ist und unabhängig von den Vorgängen in der Wirtschaft existiert. Man kann sich dieses Geld wie eine Menge vorstellen, die gleichsam von außen über die Wirtschaft abgeworfen wird und deren Höhe nicht von den Entscheidungen der Wirtschaftsteilnehmer abhängt. Für diesen Fall trifft die Theorie recht genau zu, wie das natürliche Experiment der Euroeinführung gezeigt hat, denn die dortige Umstellung erfolgte tatsächlich von außen. In der heutigen Wirtschaft ist diese Voraussetzung jedoch nicht mehr erfüllt, und damit verliert die Formel ihre unmittelbare Anwendbarkeit.

Die endogene Entstehung des modernen Geldes

In unserem heutigen System des ungedeckten Kreditgeldes ist die Geldmenge nicht von außen gegeben, sondern sie bildet sich von innen heraus, durch die Vergabe von Krediten und die Schöpfung von Buchgeld durch die Geschäftsbanken. Die Quantitätsgleichung ist deshalb eine sowohl empirisch als auch theoretisch unzutreffende Beschreibung der heutigen Geldwirklichkeit. Sie würde bei edelmetallgedecktem Geld oder bei vom Herrscher geprägtem Geld recht gut zutreffen, nicht aber bei dem heutigen Kreditgeld, dessen Menge sich durch die wirtschaftliche Tätigkeit selbst bestimmt. Diese Erkenntnis ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der modernen Geldordnung und erklärt, warum die einfache Formel in der heutigen Zeit oft versagt. Wer die Quantitätstheorie unbesehen auf die Gegenwart anwendet, verkennt die grundlegend andere Natur des heutigen Geldes.

Die begrenzte Steuerbarkeit durch die Zentralbank

Das heißt allerdings nicht, dass die Quantitätstheorie ganz ohne Bedeutung wäre, denn eine Zentralbank kann die von innen heraus erfolgende Entstehung des Kreditgeldes zu einem gewissen Grad steuern. Nicht exakt und nicht vollständig, aber sie hat Einfluss darauf und kann die Bedingungen der Geldschöpfung verändern. Die Deutsche Bundesbank richtete sich bei der Geldpolitik der Deutschen Mark bis zur faktischen Abschaffung dieser Währung im Jahr 1999 an einer mengenmäßigen Steuerung aus. Sie versuchte damit, das Geldangebot zumindest teilweise von außen zu bestimmen und die endogene Entstehung einzuschränken. Die bemerkenswerte Stabilität der Deutschen Mark über Jahrzehnte hinweg spricht für diese Vorgehensweise und zeigt, dass eine gewisse Annäherung an die Voraussetzungen der Quantitätstheorie möglich ist.

Die empirische Gültigkeit im Wandel der Zeit

Insgesamt lassen sich zur empirischen Gültigkeit der Quantitätstheorie einige wichtige Aussagen treffen, die das Bild differenzieren. Der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisniveau war vor den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts recht gut, danach wurde er eher schwach und unzuverlässig. Dies entspricht dem Zeitpunkt, zu dem sich das internationale Währungssystem vollständig vom Gold gelöst hatte und die letzte Sachwertbindung der Währungen entfiel. Die Theorie versagt seitdem weitgehend in Zeiten niedriger Teuerung, erhält aber teilweise Bestätigung in Zeiten höherer Geldentwertung. Bei einer Hyperinflation ist der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen fast perfekt, was zeigt, dass die Theorie unter extremen Bedingungen ihre Gültigkeit zurückgewinnt.

Die Unterscheidung zwischen Ursache und Ausmaß

Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Hyperinflation primär durch eine Erhöhung der Geldmenge entsteht, sondern durch eine Erhöhung über das von der Realwirtschaft gedeckte Maß hinaus. Die Ursache liegt in einer Kreditvergabe und Geldschöpfung, die weit über die tatsächliche Wirtschaftsleistung hinausgeht und dadurch ein Missverhältnis zwischen Geld und Gütern erzeugt. Dieser Zusammenhang ist der eigentliche Kern der Quantitätstheorie, der auch in der modernen Geldordnung seine Gültigkeit behält. Es geht nicht um die absolute Menge des Geldes, sondern um das Verhältnis zwischen der Geldmenge und der verfügbaren Gütermenge. Nur wenn dieses Verhältnis aus dem Gleichgewicht gerät, entsteht eine Teuerung, und nur dann greift die Vorhersage der Quantitätstheorie mit der Genauigkeit, die ihr innewohnt.