Die theoretische Fundierung abstrakter Währungssysteme und die subjektive Wertlehre

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Die historische und theoretische Betrachtung des Geldwesens offenbart eine faszinierende Entwicklung von materiellen Tauschobjekten hin zu rein abstrakten Rechengrößen. Während in frühen Epochen der Handel ausschließlich auf Gütern mit unmittelbarem Gebrauchswert basierte, hat sich das moderne Finanzsystem weit von dieser physischen Grundlage entfernt. Ökonomen untersuchen seit langem, ob eine Währung überhaupt noch einen intrinsischen Wert besitzen muss, um als universelles Tauschmittel zu fungieren. Diese Fragestellung führt tief in die theoretischen Fundamente der Volkswirtschaftslehre und zwingt dazu, das Wesen von Wert und Preis grundlegend neu zu hinterfragen.

Die Abkehr vom materiellen Gebrauchswert

Geldeinheiten oder andere Währungen stellen keineswegs feststehende Objekte mit bekannter Größe, bestimmtem Gewicht oder inhärentem Wert dar. Ebenso wenig hat staatlich emittiertes Geld durchgehend die herausragende Stellung innegehabt, die es gegenwärtig in den meisten Nationen genießt. Im Laufe der theoretischen Diskussion hat man sich immer weiter vom ursprünglichen Gebrauchswert universeller Tauschgüter entfernt. Während Konsumgüter wie Nahrungsmittel oder Alltagsprodukte direkt verbraucht werden können, besitzen Edelmetalle und Edelsteine kaum noch Nutzen, der über die klassischen Geldfunktionen hinausgeht. Dennoch verfügen diese Materialien über bestimmten Primärnutzen, etwa als Schmuck oder in industriellen Produktionsprozessen.

Die theoretische Möglichkeit einer reinen Verrechnungseinheit

Es stellt sich die fundamentale Frage, wie weit man diesen Prozess der Abstraktion fortsetzen kann. Kann es überhaupt Güter geben, die keinerlei eigenen Primärnutzen besitzen und dennoch als universelle Tauschmittel geeignet sind. Gehen wir zunächst spezielleren Fällen dieser Fragestellung nach. Es gilt zu klären, ob es Verrechnungseinheiten geben kann, die völlig ohne Primärnutzen auskommen. Diese Verrechnungseinheit umfasst nicht die Funktion als Tauschmittel oder als Wertaufbewahrungsmittel.

Die subjektive Wertlehre und das abstrakte Geldkonzept

Es geht also zunächst lediglich darum, ob die vielen Tauschverhältnisse zwischen allen realen Gütern in fiktive Tauschverhältnisse zu Gütern ohne eigenen Primärnutzen ausgedrückt werden können. Diese Tauschverhältnisse könnten dann als Preise angesehen werden. Die Antwort darauf liefern klassische Ökonomen aus Frankreich von vor weit über einem Jahrhundert. Léon Walras gehörte zu den frühen Denkern, die verstanden haben, dass der Wert eines Gutes nicht ausschließlich durch die Arbeit entsteht, die man zur Produktion hineinstecken muss. Vielmehr hängt dieser Wert auch davon ab, wie gern die Menschen dieses Gut nutzen wollen.

Das Marktgleichgewichtsmodell als Grundlage der Neoklassik

Ganz im Nebenbei erfand dieser Denker dabei Geldtheorien, die sich von der klassischen Sicht lösen, dass Geld reale Güter sein müssen. Er selbst hat das nicht als Geldtheorie bezeichnet und viele Ökonomen nach ihm haben es auch nicht erkannt. Dennoch prägte er die Sicht, dass Geld rein abstrakt ohne jegliche materielle Basis sein kann. Bei Walras ist das Geld eine immaterielle Schicht über der Welt der realen Güter. Die Preise bilden sich aus den Austauschverhältnissen zwischen den anderen Gütern, und sie sind reine Informationssammlungseinträge, wofür er das mathematische Konzept der Richtungsgröße verwendet hat.

Der fiktive Auktionator und die Preisfindung

Hieraus entsteht das Marktgleichgewichtsmodell, welches den Grundtyp der Sichtweise der Neoklassik bildet und eine neue Sicht auf die ökonomische Welt geworfen hat. Walras geht von Volkswirtschaften aus, in denen es Anfangsausstattungen, Produktionsmöglichkeiten und Präferenzen der Individuen gibt. Die Individuen treten jetzt in organisiert ablaufenden Handel miteinander ein. Es wird von fiktiven zentralen Stellen, den Auktionatoren, ein Preis für jedes Gut ausgerufen. Dieser Preis ist modellexogen, also von außen vorgegeben, und bezieht sich nicht auf bereits vorhandene Güter.

Die Anpassung von Angebot und Nachfrage

Für diesen Preis wird eine Art virtuelles neues Gut kreiert, das aber keinerlei eigenen Nutzen stiftet. Es handelt sich um reine Verrechnungsgrößen, die man sich als Einträge in Informationssammlungen vorstellen kann. Jedes Gut hat genau solche Einträge. Das Geld entsteht also nicht innerhalb der Wirtschaft, sondern wird von außen darüber gelegt. Der Unterschied zwischen von außen kommendem und innerhalb des Systems entstehendem Geld wird im Kontext des staatlichen Zwangsgeldes noch genauer betrachtet.

Die mathematische Fundierung des Marktgleichgewichts

Die fiktiven Auktionatoren variieren die vorgeschlagenen Preise, also die Informationssammlungseinträge, nun so lange, bis bei jedem Gut Angebot und Nachfrage ausgeglichen sind. Dies geschieht, indem bei jedem Gut, das eine Überschussnachfrage hat, der Preis erhöht wird. Gleichzeitig wird bei jedem Gut mit Überschussangebot der Preis gesenkt. Anschließend tauschen alle Teilnehmer zu den vorgeschlagenen Preisen, weil bei diesen alle Nachfrage- und Produktionswünsche in Übereinstimmung gebracht worden sind. Man nennt dies ein Marktgleichgewicht.

Der Bruch mit der klassischen Arbeitswerttheorie

Walras zeigt mathematisch, dass solche Gleichgewichte unter bestimmten Bedingungen existieren, dass sie erreicht werden können und welche Eigenschaften sie haben. Der Ablauf ist ein stilisiertes Marktgeschehen, das zeigt, wie aus individuell nicht vergleichbaren Nutzeneinschätzungen Marktpreise entstehen können. Dies sind die objektiven Tauschwerte, wie Ludwig von Mises sie nennen würde. Man muss sich hier klarmachen, dass für die Entstehung dieser Tauschwerte alle technisch möglichen Produktionsmöglichkeiten einfließen. Andererseits fließen auch alle individuellen Nutzenvorstellungen in diese Bewertung ein.

Die Etablierung der subjektiven Wertlehre

Je beliebter ein Gut ist und je aufwendiger es herzustellen ist, desto höher wird der Preis dafür sein. Solche Modelle wirken auf den ersten Blick völlig weltfremd, aber sie sind gigantische Sprünge gegenüber der Sichtweise der Vorgänger. Autoren wie Karl Marx und auch Adam Smith hatten noch die Vorstellung, dass der Wert eines Gutes ausschließlich durch die Produktion entsteht. Daraus folgen Absurditäten wie die Produktion unbrauchbar großer Nägel, die enorme Mengen wiegen, nur weil große Mengen Nägel produziert werden sollten. Walras und die anderen neoklassischen Denker haben erstmals das subjektive Element eingeführt.

Die Neutralität des Geldes im theoretischen Modell

Sie zeigten, dass der Wert immer auch subjektive Elemente enthält, nämlich den Nutzen, den es bei den Menschen stiftet. Ohne individuellen Nutzen gibt es keinen Wert. Diese Sichtweise der subjektiven Wertlehre hat sich so weit verbreitet, dass es uns heutzutage geradezu absurd vorkommt, der Wert eines Gutes sei eine ihm innewohnende Eigenschaft. Aber irgendwann einmal musste die Methode beschrieben werden, wie die vielen subjektiven Beurteilungen eines Gutes so miteinander verbunden werden, dass Maßzahlen entstehen. Diese Maßzahlen sind intersubjektiv vergleichbar und werden heutzutage als Marktpreise bezeichnet.

Besonderheiten des vereinfachten Modells

Dies ist auch der Grund dafür, dass dem Geld hierfür keine eigene Rolle beigemessen wird. Geld ist in dieser Gedankenwelt eine rein neutrale Schicht über der Ebene der realen Güter. Ob diese Betrachtung sinnvoll ist oder nicht, hängt davon ab, was man untersuchen möchte. Wir kommen auf die Neutralität des Geldes noch zu sprechen. Nehmen wir die Walras-Welt zunächst als idealisierte Extrempunkte für die Frage nach der Natur des Geldes.

Die Ablösung des realen Gutes durch eine fiktive Größe

Es gibt in diesen vereinfachten Welten einige Besonderheiten. Die entstehenden Preisstrukturen sind nicht eindeutig, sondern man kann sie mit beliebigen einfachen Faktoren multiplizieren, ohne dass sich irgendetwas ändert, bis auf das Preisniveau. Wenn also alle Preise einfach höhere Anteile aufweisen oder man von verwendeten Währungen einfach mehrere Nullen wegstreicht, ändert das nichts am Resultat auf der Ebene der realen Güter. Wenn es bestimmte Anzahlen realer Güter gibt, ergeben sich weniger Tauschverhältnisse, die sich frei festlegen lassen. Dieser Punkt wurde bei der Diskussion der Arbitragefreiheit bereits angesprochen.

Fazit zur theoretischen Möglichkeit abstrakten Geldes

Wird nun ein fiktives Tauschverhältnis mit dem Namen Preis eingeführt, gibt es ebenso viele reale Austauschverhältnisse wie Güter. Kein reales Gut bekommt dann eine herausragende Stellung als Universalgut. An dessen Stelle treten rein fiktive Informationssammlungseinträge ohne Primärnutzen und ohne eindeutige materielle Basis. Die Analyse ist komparativ-statisch, das heißt, sie betrachtet, wie Anfangszustände direkt in Endzustände umspringen. Die Anpassungsprozesse dazwischen werden nicht behandelt, obwohl diese in der echten Welt oftmals die wichtigsten Teile der Situation ausmachen.

Ausblick auf reale wirtschaftliche Konsequenzen

Es geht hier also zunächst ausschließlich um die theoretische Möglichkeit rein abstrakter Gelder. Deren Konsequenzen für reale wirtschaftliche Situationen sehen wir uns später an. Die Erkenntnis, dass Geld lediglich eine neutrale Hülle über den realen Tauschvorgängen sein kann, revolutionierte das ökonomische Denken. Sie befreite die Theorie von der Notwendigkeit, Geld immer an physische Rohstoffe zu binden. Damit wurde der Weg für das moderne Finanzsystem geebnet, in dem Vertrauen und mathematische Modelle den Wert einer Währung bestimmen.