Die Illusion der reinen Fakten und die Macht der übermenschlichen Gesetze
Screenshot youtube.comMenschliche Gemeinschaften basieren seit jeher auf gemeinsamen Erzählungen, die das Zusammenleben ordnen und Sinn stiften. Im Laufe der Jahrhunderte gewannen diese Geschichten über göttliche Wesen, nationale Schicksalsgemeinschaften und wirtschaftliche Unternehmungen eine derartige Macht, dass sie die objektive Wirklichkeit maßgeblich prägten. Der feste Glaube an überlieferte Lehren ermöglichte es den Menschen, gewaltige Bauwerke wie den See von Fajum oder die Kathedrale von Chartres zu errichten. Leider führte dieser blinde Glaube jedoch auch dazu, dass die menschlichen Bemühungen oft darauf abzielten, den Ruhm fiktiver Konstrukte zu mehren, anstatt das Leben realer und fühlender Wesen zu verbessern.
Der scheinbare Triumph der modernen Wissenschaft
Angesichts dieser historischen Tatsachen drängt sich die Frage auf, ob diese Einschätzung auch in der heutigen Zeit noch ihre Gültigkeit besitzt. Auf den ersten Blick scheint sich die moderne Gesellschaft deutlich von den alten Königreichen am Nil oder im Reich der Mitte zu unterscheiden. Das Aufkommen der modernen Wissenschaft hat die Regeln des menschlichen Miteinanders zweifellos grundlegend verändert. Moderne Gesellschaftssysteme vertrauen trotz der anhaltenden Bedeutung traditioneller Mythen zunehmend auf objektive wissenschaftliche Theorien, die in vergangenen Epochen schlicht unbekannt waren.
Der wahre Nutzen objektiver Erkenntnisse
Man könnte nun versucht sein zu behaupten, wissenschaftliche Theorien seien lediglich eine neue Art von Mythos. Der moderne Glaube an die Wissenschaft würde sich demnach nicht wirklich vom alten Glauben an den Krokodilgott Sobek unterscheiden. Jene Gottheit existierte ausschließlich in der kollektiven Fantasie ihrer Gläubigen und festigte durch Gebete das ägyptische Gesellschaftssystem. Doch während die Gebete den Wasserstand des Flusses nicht beeinflussten, bieten wissenschaftliche Erkenntnisse einen echten Mehrwert, der über den reinen sozialen Zusammenhalt hinausgeht.
Die Überwindung uralter Menschheitsprobleme
Anders als fiktive Götter helfen medizinische Errungenschaften wie Antibiotika nämlich auch jenen Personen, die nicht an sie glauben. Folglich unterscheidet sich die moderne Welt deutlich von den vormodernen Epochen, in denen Herrscher Hunger, Krankheit und Krieg nicht überwinden konnten. Moderne Gesellschaften haben diese gewaltigen Herausforderungen innerhalb weniger Jahrhunderte bewältigt, was als Triumph der objektiven Erkenntnis über intersubjektive Mythen gefeiert wird. Viele erwarten, dass sich dieser Prozess in den kommenden Jahrzehnten noch beschleunigen wird, je mehr die Technik den Menschen optimiert.
Die Verstärkung der Mythen durch die Technik
Die Wahrheit ist jedoch weitaus komplizierter, als diese optimistische Sichtweise vermuten lässt. Die moderne Wissenschaft hat die Spielregeln zwar verändert, aber sie hat die Mythen nicht einfach durch nackte Fakten ersetzt. Vielmehr beherrschen diese Erzählungen die Menschheit weiterhin, und die Wissenschaft verstärkt diese Mythen sogar noch. Anstatt die intersubjektive Realität zu zerstören, versetzt die Wissenschaft sie in die Lage, die objektive und die subjektive Wirklichkeit noch umfassender zu kontrollieren.
Die Auflösung der Grenzen zwischen Fiktion und Realität
Dank moderner Rechner und biotechnologischer Verfahren wird sich der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit zunehmend auflösen. Die Menschen werden die Realität so ummodeln, dass sie ihren Lieblingsfiktionen entspricht. Die alten Priester stellten sich göttliche Krokodile vor, während Herrscher von der Unsterblichkeit träumten, was in der Realität nur leere Hüllen und gewöhnliche Tiere waren. Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts könnten hingegen tatsächlich Superkrokodile entwickeln und der menschlichen Elite ewige Jugend verschaffen.
Das ewige Missverständnis zwischen Glaube und Forschung
Der Aufstieg der Wissenschaft wird folglich zumindest einige Mythen und Glaubensrichtungen mächtiger machen als je zuvor. Um diese Entwicklung zu verstehen, muss man sich der quälenden Frage zuwenden, wie die moderne Wissenschaft zur Religion steht. In der Praxis sind Wissenschaft und Glaube wie dieses alte Paar, das sich nach 500 Jahren Eheberatung immer noch nicht wirklich kennt. Beide Seiten träumen von eigenen Idealen, während sie sich im Alltag über banale Dinge streiten.
Die falsche Gleichsetzung mit Aberglauben
Die meisten Missverständnisse in dieser Debatte resultieren aus völlig falschen Definitionen von Religion. Allzu oft verwechseln Menschen ihren Glauben mit Aberglauben, Spiritualität oder dem Glauben an übernatürliche Mächte. Niemand bezeichnet jedoch die eigenen lieb gewonnenen Überzeugungen gerne als Aberglauben, denn man glaubt immer an die eigene Wahrheit. Abergläubisch sind aus dieser Sicht immer nur die anderen, was eine objektive Betrachtung von vornherein verhindert.
Die natürliche Ordnung der unsichtbaren Kräfte
Auch an übernatürliche Mächte glauben heute nur noch wenige Personen. Für diejenigen, die an Dämonen glauben, sind diese Wesen nichts Übernatürliches, sondern ein integraler Bestandteil der Natur. Moderne Mediziner machen unsichtbare Keime für Krankheiten verantwortlich, während traditionelle Heiler die Schuld unsichtbaren Dämonen geben. Für den, der nicht an Dämonen glaubt, stehen diese außerhalb der natürlichen Ordnung, was jedoch nur ein Problem der Perspektive ist.
Die fundamentale Voraussetzung für das Weltverständnis
Setzt man Religion mit dem Glauben an übernatürliche Mächte gleich, impliziert dies, dass alle bekannten natürlichen Phänomene ohne Religion zu verstehen seien. Die meisten Religionen behaupten jedoch das genaue Gegenteil, nämlich dass die Welt ohne ihre Glaubenssätze schlicht nicht zu verstehen sei. Den wahren Grund für Krankheit, Dürre oder Erdbeben werde man nie erkennen, wenn man diese Glaubenssätze ignoriere. Religion ist somit kein optionaler Zusatz, sondern eine fundamentale Voraussetzung für das Verständnis der Welt.
Die soziale Funktion der allumfassenden Geschichten
Religion auch als reinen Götterglaube zu definieren, ist ebenfalls höchst problematisch und führt in die Irre. Man spricht oft davon, dieser gläubige Christ sei religiös, weil er an Gott glaubt, während dieser überzeugte Kommunist nicht religiös sei. Religion wird jedoch von Menschen geschaffen und definiert sich eher über ihre soziale Funktion als über die Existenz von Gottheiten. Sie ist jede allumfassende Geschichte, die menschlichen Gesetzen, Normen und Werten eine übermenschliche Legitimation verschafft.
Die Legitimation durch übermenschliche Gesetze
Diese Systeme legitimieren menschliche Gesellschaftsstrukturen, indem sie behaupten, in ihnen würden sich übermenschliche Gesetze widerspiegeln. Die Menschheit sei einem System moralischer Gesetze unterworfen, das weder erfunden noch verändert werden könne. Dieser gläubige Jude würde sagen, dieses System sei von Gott geschaffen und in heiligen Schriften offenbart worden. Dieser Hindu würde behaupten, die Götter hätten die Gesetze geschaffen, die den Menschen in den Veden verkündet wurden.
Die Entdeckung der natürlichen Moralgesetze
Andere Glaubensrichtungen, vom Buddhismus bis zum Nationalsozialismus, behaupten, die übermenschlichen Gesetze seien Naturgesetze. Dabei glaubt natürlich jede Richtung an ein anderes Gefüge von Naturgesetzen, die von unterschiedlichen Sehern entdeckt wurden. Die moderne Wissenschaft hat daran nichts geändert, sondern lediglich die Art und Weise, wie diese Gesetze begründet werden.
Die Weitergabe der unantastbaren Regeln
Wenn dieses Kind seinen Vater nach den Gründen für Speiseverbote fragt, wird ihm oft erklärt, dass dies der Wille des Schöpfers sei. Der Vater würde betonen, dass er die Welt nicht geschaffen habe und die Regeln daher nicht ändern könne. Wer gegen diese übermenschlichen Gesetze verstoße, müsse mit schlimmen Konsequenzen rechnen.
Die grausame Logik der historischen Auslese
Im Jahr 1943 fragte dieser deutsche Junge seinen Vater, dieser hohe Offizier, nach den Gründen für die Verfolgung von Minderheiten. Der Vater erklärte ihm, dass das Überleben der Menschheit auf den natürlichen Gesetzen der Auslese beruhe. Diese Gesetze habe der Führer lediglich entschlüsselt, und wer sie missachte, werde ein schlimmes Ende nehmen.
Die universellen Rechte der Neuzeit
Im Jahr 2016 fragte dieses britische Kind seinen Vater, dieser liberale Politiker, nach den Rechten von Menschen in fernen Ländern. Der Vater antwortete, dass alle Menschen von Natur aus gleich seien und deshalb die gleichen natürlichen Rechte genössen. Das Parlament habe die Welt nicht geschaffen, sondern versuche nur, ihr einen Sinn zu geben, weshalb man diese Rechte respektieren müsse.
Die Abwehr der religiösen Kategorisierung
Anhänger moderner Glaubensrichtungen mögen es nicht, wenn man ihr System als Religion bezeichnet. Sie setzen Religionen fälschlicherweise mit Aberglauben gleich und fühlen sich beleidigt, wenn man ihnen blinde Hirngespinste unterstellt. Tatsächlich bedeutet es lediglich, dass sie an ein System moralischer Gesetze glauben, das nicht von Menschen erfunden wurde. Soweit bekannt, glauben alle menschlichen Gesellschaften an solche übermenschlichen moralischen Gesetze.
Die Androhung irdischer und jenseitiger Strafen
Jede Gesellschaft erklärt ihren Mitgliedern, sie müssten sich an diese Gesetze halten, da ein Verstoß in eine Katastrophe münden würde. Natürlich unterscheiden sich die Religionen in den Details ihrer Geschichten und in den versprochenen Belohnungen oder Bestrafungen. Die katholische Kirche drohte im mittelalterlichen Europa den Reichen mit der Hölle, wenn sie keinen Almosen gaben. Der moderne Kommunismus mag ebenfalls keine Reichen, droht ihnen aber mit dem Klassenkampf im Hier und Jetzt.
Die Unveränderlichkeit der historischen Abläufe
Die historischen Gesetze des Kommunismus ähneln den göttlichen Geboten insofern, als es sich um übermenschliche Kräfte handelt. Die Menschen können zwar die Regeln eines Spiels ändern, aber die Gesetze der Geschichte lassen sich laut der Lehre nicht verändern. Ganz gleich, was die Reichen auch tun, sie sorgen unweigerlich für Klassenkämpfe und werden vom Proletariat besiegt.
Die Gewissheit der einzigen wahren Lehre
Anhänger dieser Lehre könnten behaupten, ihr System unterscheide sich vom Christentum, weil es im Recht sei. Selbst wenn das stimmen sollte, bedeutet das nicht, dass es sich nicht um eine Religion handelt. Es bedeutet vielmehr, dass die Anhänger überzeugt sind, ihre Lehre sei die einzig wahre Religion. Möglicherweise haben die Anhänger dieser Religion recht damit, was die Debatte jedoch nicht beendet.


















