Der Wandel der menschlichen Erkenntnis und die Entdeckung des inneren Erlebens
Screenshot youtube.comDie Geschichte der menschlichen Zivilisation ist geprägt von einem tiefgreifenden Wandel im Verständnis von Autorität und Wahrheit. Lange Zeit orientierten sich die Menschen an überlieferten Schriften und göttlichen Offenbarungen, um ihren Platz in der Welt zu bestimmen. Erst in der neueren Geschichte rückte das individuelle Erleben und die persönliche Empfindung in den Mittelpunkt des menschlichen Strebens. Diese Entwicklung veränderte nicht nur die Philosophie und die Wissenschaft, sondern auch die Kunst und die Wahrnehmung von historischen Ereignissen wie dem Krieg.
Die Suche nach der inneren Wahrheit
Jede Form von Autorität besitzt ihre eigenen Grenzen und Schwächen. Der Humanismus geht von der Annahme aus, dass jeder Mensch über ein einziges und authentisches inneres Ich verfügt. Wenn man jedoch versucht, auf diese innere Stimme zu hören, trifft man dort oft nur auf Stille oder ein widersprüchliches Durcheinander verschiedener Gedanken. Um dieses Problem zu überwinden, installierte der Humanismus nicht nur eine neue Quelle der Autorität, sondern entwickelte auch eine frische Methode, um mit dieser Autorität in Kontakt zu treten und wahre Erkenntnis zu erlangen.
Die mittelalterliche Formel des Wissens
Im mittelalterlichen Europa lautete die Hauptformel für Erkenntnis, dass Wissen aus Schriften und Logik entsteht. Wenn man die Antwort auf eine wichtige Frage finden wollte, musste man die alten Texte lesen und den Verstand benutzen, um die genaue Bedeutung zu verstehen. Gelehrte suchten in heiligen Büchern nach Hinweisen auf die Gestalt der Erde. Der eine Verfechter einer flachen Erde verwies auf eine Stelle, die von den Ecken der Erde spricht, während ein anderer auf eine Passage über den Kreis der Erde pochte.
Der Aufschwung der empirischen Forschung
Die wissenschaftliche Revolution schlug eine völlig andere Wissensformel vor, die auf empirischen Daten und Mathematik basierte. Um die wahre Gestalt der Erde zu ermitteln, beobachteten Forscher die Himmelskörper von verschiedenen Orten aus. Sobald sie genügend solcher Beobachtungen durchgeführt hatten, konnten sie mit mathematischen Instrumenten den Aufbau des gesamten Sonnensystems berechnen. Wissenschaftler streben seitdem nach Erkenntnis, indem sie Jahre in Observatorien und Laboren verbringen, um Daten zu sammeln und korrekt zu interpretieren.
Die Grenzen der reinen Wissenschaft
Diese neue Formel führte zu bahnbrechenden Erkenntnissen in der Astronomie, der Physik und der Medizin. Sie hatte allerdings den riesigen Nachteil, dass sie mit Fragen nach Wert und Sinn nicht zurechtkam. Mittelalterliche Gelehrte konnten mit absoluter Sicherheit feststellen, dass Mord verwerflich ist, weil die heiligen Schriften dies vorgaben. Wissenschaftler konnten mit solchen moralischen Urteilen nicht dienen, da noch so viele Daten und mathematische Berechnungen nicht beweisen können, dass ein Verbrechen verwerflich ist.
Die humanistische Lösung für moralische Fragen
Diese Schwierigkeit lässt sich überwinden, indem man neben der wissenschaftlichen Methode auch die alte Formel der Textauslegung weiter verwendet. Der Humanismus hielt jedoch noch eine andere Alternative bereit, die auf Erfahrungen und Sensibilität beruhte. Wenn man die Antwort auf eine moralische Frage wissen will, muss man mit den inneren Erlebnissen in Verbindung treten und sie mit äußerster Achtsamkeit beobachten. In der Praxis streben die Menschen nach Wissen, indem sie jahrelang Erlebnisse sammeln und ihre Empfindsamkeit schärfen.
Das Wesen der subjektiven Wahrnehmung
Eine Erfahrung besteht nicht aus Atomen, Molekülen oder Zahlen, sondern ist ein rein subjektives Phänomen. Sie beinhaltet Sinneswahrnehmungen, Emotionen und Gedanken, die in jedem spezifischen Augenblick das gesamte Erleben umfassen. Sensibilität bedeutet zum einen, auf diese Empfindungen zu achten, und zum anderen, zuzulassen, dass sie das eigene Verhalten beeinflussen. Man sollte für neue Eindrücke offen sein und zulassen, dass sie die eigene Persönlichkeit verändern.
Die Verfeinerung der persönlichen Empfindsamkeit
Erfahrungen und Sensibilität bauen in einem endlosen Kreislauf aufeinander auf, denn man kann nichts erleben, wenn man nicht empfindsam ist. Nehmen wir das Beispiel eines Teetrinkers, der anfänglich nur einen zuckerhaltigen Aufguss zu sich nimmt, um wach zu bleiben. Eines Tages reduziert er den Zucker, schließt die Augen und konzentriert sich allein auf das einzigartige Aroma des Getränks. Schon bald beginnt er, verschiedene Sorten aus fernen Bergen zu vergleichen und kauft seinen Tee nur noch in exklusiven Kaufhäusern.
Der Fokus auf das innere Erleben in der Kunst
Was für den Teegenuss gilt, gilt für jede andere ästhetische und moralische Erkenntnis, da wir nicht mit einem fertigen Bewusstsein auf die Welt kommen. Während wir durch das Leben gehen, verletzen wir andere Menschen und werden selbst verletzt, was bei Aufmerksamkeit die moralische Empfindsamkeit schärft. Der Humanismus betrachtet das Leben als einen allmählichen inneren Wandlungsprozess, der von einem Zustand des Nichtwissens in die Aufklärung führt. Das oberste Ziel ist es, das eigene Wissen durch eine enorme Vielzahl an geistigen und körperlichen Erlebnissen voll zu entwickeln.
Das Zusammenspiel von Wissenschaft und Gefühl
Die moderne Welt ist aus einem Pakt zwischen Wissenschaft und Humanismus entstanden, wobei jedes wissenschaftliche Element ein humanistisches Gegenstück enthält. Die Wissenschaft verschafft uns Macht, während der Humanismus uns mit Sinn und moralischen Urteilen versorgt. Die Menschen sehen oft nur die nüchterne und logische Seite der Moderne, übersehen aber, dass keine Kultur menschlichen Gefühlen je so viel Bedeutung beigemessen hat. Die humanistische Sicht des Lebens als Kette von Erlebnissen ist zum Gründungsmythos zahlreicher moderner Branchen geworden.
Der Verkauf von neuen Erlebnissen
Reisebüros und Restaurants verkaufen uns keine einfachen Dienstleistungen, sondern neue Erfahrungen und Erlebnisse. Ganz ähnlich konzentrierten sich die meisten vormodernen Erzählungen auf äußere Ereignisse, während es in modernen Romanen und Filmen oftmals um Gefühle geht. In den Vereinigten Staaten löste eine bestimmte Fernsehsendung, in der Teilnehmer auf einer Tropeninsel ums Überleben kämpfen, ein wahres Fieber aus. Die Teilnehmer müssen dort Prüfungen bestehen, verbringen die meiste Zeit aber damit, über ihre persönlichen Gefühle und zwischenmenschlichen Spannungen zu sprechen.
Der Unterschied zu den alten Heldengeschichten
Im antiken Griechenland oder im mittelalterlichen Europa wäre diese Idee der reinen Gefühlsschau dem Publikum völlig fremd gewesen. Die alten Helden waren furchtlose Krieger, die gegen Ungeheuer kämpften und Prinzessinnen retteten, ohne dabei einen wirklichen inneren Wandel zu durchlaufen. All die Taten bestärkten ihren Mut, brachten ihnen aber letztlich wenig neues Wissen über sich selbst. Dass der Humanismus sein Augenmerk auf Gefühle statt auf Taten richtete, veränderte die Kunst grundlegend, da nun das Innenleben gewöhnlicher Menschen im Mittelpunkt stand.
Die Reise zur eigenen Innerlichkeit
In vielen modernen Geschichten verlassen die Protagonisten ihre Heimat, um in einem alten Fahrzeug auf Reisen zu gehen. Sie machen verschiedene lebensverändernde Erfahrungen, kommen mit sich selbst in Berührung und sprechen über ihre tiefsten Gefühle. Am Ende dieser Reise erreichen sie ihr Ziel als bessere und klügere Individuen, da sie gelernt haben, sich allen Erfahrungen zu öffnen. Man braucht keinen gottgleichen Zauberer, um Empfindsamkeit oder Klugheit zu erlangen, sondern muss sich einfach nur auf den Weg begeben.
Der Wandel in der Wahrnehmung des Krieges
Die Formel der Erkenntnis durch Erfahrung hat auch die Wahrnehmung gewichtiger Dinge wie des Krieges verändert. In der Vergangenheit befragten die Menschen Gott oder die Schriften, um zu wissen, ob ein Krieg gerecht war, während die Meinungen gewöhnlicher Soldaten kaum jemanden interessierten. Alte Kriegserzählungen konzentrierten sich auf die Handlungen von Kaisern und Generälen, wobei das Elend durch Ruhm kompensiert wurde. Gewöhnliche Soldaten tauchten dort nur als gesichtslose Masse auf, die von Helden abgeschlachtet oder als jubelnde Menge dargestellt wurde.
Die Schlacht bei Breitenfeld aus der Vogelperspektive
Ein bekanntes Gemälde von der Schlacht bei Breitenfeld, die am 17. September des Jahres 1631 stattfand, glorifiziert den schwedischen König. Der Maler lässt den König das Schlachtfeld wie eine Art Kriegsgott überragen, der seine Truppen zu einem entscheidenden Sieg führt. Man hat den Eindruck, als würde der Herrscher die Schlacht wie ein Schachspieler lenken, während die einfachen Kämpfer nur winzige Punkte im Hintergrund sind. Der Künstler interessierte sich nicht dafür, was die Soldaten fühlten, als sie angriffen, flohen oder starben.
Die Schlacht am Weißen Berg als Schachspiel
Auch ein anderes berühmtes Gemälde zeigt die Schlacht am Weißen Berg im November 1620 aus der Vogelperspektive. Der Maler wollte an diesen katholischen Sieg erinnern, indem er die verschiedenen Formationen und Truppenbewegungen akribisch darstellte. Den Erlebnissen und Gefühlen des gemeinen Soldaten widmete er weit weniger Aufmerksamkeit, sondern ließ uns das Geschehen von oben beobachten. Schaut man sich das Bild genauer an, erweist sich die scheinbare Geometrie bei näherer Betrachtung als Szenen eines blutigen Gemetzels.
Der Sinn des Leidens in früheren Zeiten
Hier und da erkennt man sogar die Gesichter einzelner Soldaten, die rennen, schießen oder einen Feind mit ihrer Lanze aufspießen. Ihre Bedeutung bekommen diese Szenen jedoch durch ihren Ort innerhalb des Gesamtbilds und die göttliche Botschaft. Über dem Schlachtfeld schweben Engel, die auf einer Tafel erklären, dass Gott dem Kaiser half, seine Feinde zu besiegen. Jahrtausendelang sahen die Menschen bei solchen Darstellungen Götter und große Helden, während das individuelle Leid in einen allgemeinen Kontext eingebettet wurde.
Der moderne Fokus auf den einfachen Soldaten
In den vergangenen zwei Jahrhunderten wurden die Könige und Generäle zunehmend an den Rand gedrängt, und ins Scheinwerferlicht rückte das Erlebnis des einfachen Soldaten. Moderne Kriegsromane und Filme beginnen oft mit einem naiven Rekruten, der wenig über sich und die Welt weiß. Ein paar Wochen echter Krieg voller Dreck und Blut lassen seine Illusionen zerplatzen, und er verlässt das Schlachtfeld als ein deutlich klügerer Mensch. Paradoxerweise ist diese Erzählweise so einflussreich geworden, dass sie heute von Politikern und Lehrern immer wieder aufgegriffen wird.
Die emotionale Wahrheit in der modernen Kunst
Auch die Maler haben das Interesse an Generälen zu Pferd verloren und stellen lieber dar, wie sich der einfache Soldat fühlt. Zwei Meisterwerke der Kriegskunst aus den Jahren 1929 bis 1932 und aus dem Jahr 1944 zeigen den Krieg als rein emotionales Phänomen. Die Genialität von Generälen oder die taktischen Details sind den Künstlern völlig egal, da der Krieg überall die Hölle ist. Der leere Blick eines traumatisierten Soldaten öffnet ein Fenster zur schrecklichen Wahrheit, die oft hinter einer Gasmaske verborgen werden muss.
Die Umkehrung der traditionellen Hierarchie
Künstler dieser Epoche kehrten die traditionelle Hierarchie des Krieges um, indem sie die persönliche Erfahrung als den Quell allen Sinns betrachteten. Früher konnten Kriege genauso schrecklich sein, doch noch die grauenhaftesten Erlebnisse wurden als Tor zum Himmel gedeutet. Ein Soldat konnte sich sagen, dass sein Leiden einen Sinn hat, weil die Obrigkeit für eine gute Sache kämpft. Heute lautet die entgegengesetzte Logik, dass das individuelle Leiden beweist, wie schlimm der Krieg ist, und jede Unterstützung durch die Obrigkeit als Irrtum entlarvt.













