Der Verlust der menschlichen Tiefe im Zeitalter der technologischen Optimierung

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Die moderne Gesellschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der das Wesen des menschlichen Geistes und unsere Wahrnehmung der Welt fundamental verändert. Während frühere Epochen sich darauf konzentrierten, Leiden zu lindern und psychische Erkrankungen zu heilen, verschiebt sich der Fokus heute auf die ständige Verbesserung und Optimierung des gesunden Zustands. Dieser Übergang bringt nicht nur medizinische und technische Neuerungen mit sich, sondern wirft auch die Frage auf, welche menschlichen Eigenschaften dabei unwiederbringlich verloren gehen könnten.

Der Wandel von der Heilung zur ständigen Optimierung

Solange sich Mediziner und Ingenieure darauf konzentrierten, psychische Leiden zu kurieren und ein angenehmes Leben in westlichen Wohlstandsgesellschaften zu führen, reichte die Untersuchung von abweichenden mentalen Zuständen für unsere Bedürfnisse völlig aus. Zwar wird der normativen Wissenschaft oft vorgeworfen, jede Abweichung von der Norm fälschlicherweise als Krankheit zu behandeln, doch sie hat im vergangenen Jahrhundert unzähligen Menschen Erleichterung verschafft und millionenfach Leben gerettet. Doch zu Beginn des neuen Jahrtausends stehen wir vor einer völlig neuen Herausforderung, da der klassische Humanismus dem technologischen Humanismus Platz macht. Die Medizin ist nun zunehmend darauf ausgerichtet, nicht mehr die Kranken zu heilen, sondern die Gesunden zu optimieren.

Die Erforschung unbekannter mentaler Territorien

Die Menschen eignen sich gerade die technischen Fähigkeiten an, um völlig neue Bewusstseinszustände zu erzeugen, doch über eine Karte dieser potenziell neuen Territorien verfügen wir nicht. Da wir vor allem mit dem normalen und dem krankhaften mentalen Spektrum der modernen Gesellschaften vertraut sind, wissen wir nicht einmal, welche Ziele wir anpeilen sollen. Insofern überrascht es nicht, dass die Erforschung positiver psychologischer Zustände zu einem der beliebtesten Teilbereiche des Faches geworden ist. Führende Experten forderten bereits vor einigen Jahrzehnten, dass sich die Wissenschaft nicht nur mit mentalen Krankheiten, sondern auch mit mentalen Stärken beschäftigen müsse.

Die weiße Landkarte des kerngesunden Geistes

Wie kann es sein, dass wir über einen bemerkenswert detaillierten Atlas des kranken Geistes verfügen, aber keine wissenschaftliche Landkarte des kerngesunden Geistes besitzen? In den letzten beiden Jahrzehnten hat die positive Psychologie bei der Untersuchung übernormaler mentaler Zustände wichtige erste Schritte unternommen. Dennoch bleibt die supernormale Zone für die Forschung weitgehend ein unentdecktes Gebiet. Unter diesen Umständen könnten wir einfach ohne Karte weitermarschieren und uns darauf konzentrieren, die geistigen Fähigkeiten zu optimieren, die das gegenwärtige wirtschaftliche und politische System benötigt.

Die Formung des Geistes durch gesellschaftliche Systeme

Andere Fähigkeiten würden dabei vernachlässigt oder gar zurückgefahren, was allerdings kein völlig neues Phänomen darstellt. Seit Jahrtausenden formt sich das System unseren Geist immer wieder neu entsprechend seinen eigenen Bedürfnissen. Ursprünglich entwickelten sich die Menschen als Angehörige kleiner und intimer Gemeinschaften, wobei ihre geistigen Fähigkeiten nicht darauf ausgerichtet waren, als Zahnrädchen in einer riesigen Maschine zu leben. Mit der Entstehung von Städten und Imperien förderte das System jedoch Fähigkeiten, die für eine Kooperation im großen Maßstab erforderlich sind, während andere Fertigkeiten unter den Tisch fielen.

Der Verlust des Geruchssinns in großen Gruppen

So nutzten archaische Menschen ausgiebig ihren Geruchssinn, um in der Natur zu überleben. Jäger und Sammler sind in der Lage, aus der Ferne den Unterschied zwischen verschiedenen Tierarten und sogar verschiedenen Emotionen zu riechen. Wenn ein Mensch Angst hat, sondert er andere Stoffe ab, als wenn er voller Mut ist. In einer archaischen Gruppe konnte man die öffentliche Meinung bei wichtigen Entscheidungen im Wortsinne riechen.

Die Verdrängung der Sinne durch abstraktes Denken

Als die Menschen sich zu größeren Gruppen zusammenschlossen, verlor unsere Nase ihre Bedeutung, denn sie ist nur von Nutzen, wenn es um eine kleine Zahl von Individuen geht. Man kann beispielsweise die kollektive Angst einer Nation vor einem fremden Land nicht riechen. In der Folge wurden die olfaktorischen Fähigkeiten der Menschen vernachlässigt und zurückgebildet. Gehirnregionen, die vor 10000 Jahren vermutlich mit der Verarbeitung von Gerüchen beschäftigt waren, mussten nun dringlichere Aufgaben wie das Lesen und das abstrakte Denken erledigen.

Das Schwinden der natürlichen Achtsamkeit

Das System will, dass unsere Nervenzellen lieber komplexe Gleichungen lösen als die Umgebung wahrzunehmen. Das Gleiche geschah mit unseren anderen Sinnen und mit der grundlegenden Fähigkeit, auf unsere Sinnesempfindungen zu achten. Urzeitliche Jäger waren immer im Wortsinne scharfsinnig und aufmerksam, wenn sie in den Wäldern auf Nahrungssuche waren. Sie verspeisten ihre Beute mit äußerster Aufmerksamkeit und achteten auf jede noch so kleine Nuance, um Essbares von Giftigem unterscheiden zu können.

Die Gleichgültigkeit im Zeitalter des Überflusses

In den heutigen Wohlstandsgesellschaften brauchen die Menschen eine derart gespannte Aufmerksamkeit nicht mehr. Wir können in den Supermarkt gehen und 1000 verschiedene Lebensmittel kaufen, die alle von den Gesundheitsbehörden kontrolliert werden. Doch ganz gleich, wofür wir uns auch entscheiden, werden wir die Nahrung wahrscheinlich vor dem Bildschirm hastig in uns hineinstopfen und kaum auf den Geschmack achten. Deshalb erfinden Lebensmittelhersteller ständig neue aufregende Geschmacksrichtungen, die den Vorhang der Gleichgültigkeit durchstoßen sollen.

Die Zerstreuung durch mobile Endgeräte

Ähnlich können wir dank guter Verkehrsverbindungen einen Freund am anderen Ende der Stadt problemlos besuchen. Aber diesem Freund schenken wir dann nur selten unsere volle Aufmerksamkeit, denn wir überprüfen ständig unser Mobiltelefon und unsere sozialen Netzwerke. Wir sind immer in dem Glauben, anderswo geschähen viel interessantere Dinge. Die moderne Menschheit leidet an der ständigen Angst, etwas zu verpassen, und obwohl wir über mehr Wahlmöglichkeiten als je zuvor verfügen, haben wir die Fähigkeit verloren, der Sache wirklich unsere Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Abwertung der Traumwelt

Neben dem Geruchssinn und der Achtsamkeit haben wir auch unsere Fähigkeit zu träumen verloren. Viele Kulturen sind der Überzeugung, dass das, was Menschen in ihren Träumen sehen und tun, keinen Deut weniger wichtig ist als das Wachleben. Deshalb arbeiteten die Menschen aktiv an ihrer Fähigkeit zu träumen, sich an Träume zu erinnern und sogar ihre Handlungen in der Traumwelt zu steuern. Wer diese Kunst beherrschte, konnte willentlich durch die Traumwelt wandeln und angeblich sogar auf höhere Daseinsebenen vordringen.

Träume als geistiger Müll der Moderne

Die moderne Welt dagegen tut Träume bestenfalls als unbewusste Botschaften und schlimmstenfalls als geistigen Müll ab. Folglich spielen Träume in unserem Leben immer weniger eine Rolle, kaum jemand arbeitet aktiv an seinen Traumfertigkeiten. Viele Menschen behaupten sogar, sie würden überhaupt nicht träumen oder könnten sich an keinen ihrer Träume erinnern. Hat unsere nachlassende Fähigkeit zu riechen, aufmerksam zu sein und zu träumen, unser Leben ärmer und eintöniger gemacht?

Die Diktatur der wirtschaftlichen Effizienz

Selbst wenn es so war, hat es sich für die Wirtschaft und das politische System dennoch gelohnt. Der Arbeitgeber möchte lieber, dass die Beschäftigten ständig ihre Nachrichten prüfen und nicht an Blumen riechen oder von Feen träumen. Insofern kann man davon ausgehen, dass künftige Aufrüstungen des menschlichen Geistes politische Bedürfnisse und Marktkräfte widerspiegeln werden. So soll beispielsweise ein Aufmerksamkeitshelm des Militärs dazu beitragen, dass Menschen sich auf genau definierte Aufgaben konzentrieren und ihre Entscheidungsprozesse beschleunigen.

Der Verlust von Empathie und inneren Konflikten

Darunter leidet jedoch womöglich ihre Fähigkeit, Empathie zu zeigen und Zweifel sowie innere Konflikte zuzulassen. Humanistische Psychologen haben darauf hingewiesen, dass Menschen in Not oft kein rasches Gegenmittel wollen, sondern jemanden, der ihnen zuhört und für ihre Ängste Verständnis zeigt. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine anhaltende Krise an Ihrem Arbeitsplatz, weil Ihr neuer Chef Ihre Ansichten nicht schätzt. Nach einem besonders unglücklichen Tag greifen Sie zum Telefon und rufen einen Freund an, der wenig Zeit hat und Ihr Problem schnell lösen will.

Die Ungeduld der schnellen Lösungen

Ein solcher ungeduldiger Freund wird versuchen, Ihnen nur zwei Optionen aufzuzeigen, von denen Sie eine sofort umsetzen sollen. Das dürfte in den meisten Fällen keine große Hilfe sein und ignoriert die komplexen Gefühle vollständig. Ein wirklich guter Freund wird dagegen Geduld haben und nicht möglichst schnell eine Lösung finden wollen. Er wird Ihren Nöten zuhören und sich Zeit nehmen, damit all ihre widersprüchlichen Gefühle und nagenden Ängste an die Oberfläche kommen.

Die Gefahr der emotionalen Verflachung

Der Aufmerksamkeitshelm funktioniert ein wenig so wie der ungeduldige Freund und drängt die Emotionen beiseite. Natürlich müssen Menschen manchmal auf dem Schlachtfeld rasch harte Entscheidungen treffen, aber das ist nicht alles im Leben. Wenn wir anfangen, solche Helme in immer mehr Situationen zu verwenden, verlieren wir am Ende vielleicht unsere Fähigkeit, Verwirrung und Zweifel zuzulassen. Das System drängt uns womöglich in diese Richtung, weil es uns in der Regel für die Entscheidungen belohnt und nicht für unsere Zweifel.

Die drohende Herabstufung der Menschheit

Doch ein Leben voll resoluter Entscheidungen und schneller Lösungen dürfte ärmer und oberflächlicher sein als eines voller Zweifel. Kombiniert man die praktische Fähigkeit, den Geist zu manipulieren, mit unserer Unkenntnis des mentalen Spektrums und den eng gefassten Interessen von Regierungen, sind Probleme vorprogrammiert. Es könnte gut sein, dass wir unsere Körper und unsere Gehirne erfolgreich optimieren, dabei aber unseren Geist verlieren. Tatsächlich könnte der technologische Humanismus die Menschen am Ende herabstufen, anstatt sie zu erhöhen.

Die Züchtung gefügiger Arbeitskräfte

Das System dürfte zurückgestufte Menschen bevorzugen, nicht weil sie über irgendeinen übermenschlichen Knacks verfügen, sondern weil es ihnen an einigen wirklich störenden menschlichen Eigenschaften fehlen würde. Wie jeder Bauer weiß, sorgt üblicherweise die schlauste Ziege für die größten Probleme, weshalb zur landwirtschaftlichen Revolution auch gehörte, die mentalen Fähigkeiten der Tiere zu beschneiden. Die zweite kognitive Revolution, von der Technologen träumen, könnte das Gleiche mit uns machen. Sie produziert menschliche Verwandte, die effektiver als je zuvor kommunizieren und Daten verarbeiten, aber nicht wirklich achtsam sein oder träumen können.

Der Übergang vom Schimpansen zur Ameise

Über sehr lange Zeiträume waren wir Schimpansen in verbesserter Ausführung, die die Welt mit allen Sinnen und tiefen Emotionen erlebten. In Zukunft könnten wir durch die ständige Optimierung zu Ameisen in Übergröße werden, die nur noch funktionieren. Wir verlieren die Tiefe unserer Existenz zugunsten einer oberflächlichen Effizienz, die dem System dient, aber dem einzelnen Menschen seine wahre Menschlichkeit nimmt. Dieser Prozess schreitet unbemerkt voran, während wir glauben, uns ständig zu verbessern.