Der lange Weg zur moralischen Verurteilung der Sklaverei
Screenshot youtube.comDie historische Entwicklung des transatlantischen Handels mit versklavten Menschen offenbart ein tiefes Spannungsfeld zwischen religiöser Moral, ökonomischen Interessen und geopolitischen Machtspielen. Über viele Jahrhunderte hinweg rang die kirchliche Führung mit der Frage der Rechtmäßigkeit von Versklavung und Menschenhandel. Dabei prallten theologische Lehren auf die harte Realität des Kolonialismus und des globalen Kapitalismus. Ein genauer Blick auf die päpstlichen Erlasse und die politischen Debatten der Neuzeit zeigt, wie sich moralische Verurteilungen oft erst unter massivem äußerem Druck durchsetzten.
Papst Gregor 16. war im Jahr 1839 über die gesamte Geschichte des kirchlichen Rechts und die theologischen Streitfragen seiner Vorgänger umfassend informiert. Die Zeit war nun reif, den Menschenhandel als schändlich zu verurteilen, wobei die Kirche ihr bisheriges Schweigen möglichst unkenntlich machen wollte. Der Papst berief sich auf frühere Päpste, um eine scheinbar durchgehende Tradition der Ablehnung von Versklavung zu konstruieren. Er präzisierte jedoch, dass sich frühere Verbote oft nur auf neu getaufte Afrikaner bezogen hätten, während der Handel mit anderen weiterhin geduldet worden sei.
Die Unterscheidung zwischen Handel und Gefangennahme
Einige Theologen hatten versucht, eine rechtliche Trennung zwischen dem friedlichen Handelsaustausch und der gewaltsamen Gefangennahme vorzunehmen. Sie argumentierten, dass der Kauf legal sei, da weder der König noch der Händler die Herkunft der versklavten Menschen prüfen müssten. Gregor 16. kannte diese Argumente und verurteilte dennoch alle Formen der Versklavung von Indianern und Afrikanern. Er betonte, dass es später unter den Christen Männer gab, die von schmutziger Gewinnsucht verblendet waren. Diese Menschen schreckten nicht davor zurück, andere zu versklaven oder diesen unmenschlichen Handel aktiv zu unterstützen und auszubauen.
Das päpstliche Schreiben gegen den unmenschlichen Handel
Im Jahr 1839 verurteilte das Oberhaupt der Kirche den transatlantischen Menschenhandel in einem offiziellen Schreiben. Er warnte alle Christen davor, andere Menschen zu unterdrücken, ihrer Güter zu berauben oder zu versklaven. Der Papst beschrieb die Versklavung als unmenschlich, da die Betroffenen wie Tiere behandelt und ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit verkauft würden. Er wies auch darauf hin, dass dieser Handel in den afrikanischen Regionen ständig Streitigkeiten und Kämpfe auslöse. Damit griff er die Mechanismen des Handels an, bei denen europäische Händler die Gefangennahme an lokale Kriegsherren delegierten.
Die geopolitischen Hintergründe der französischen Revolution
Die moralischen Verurteilungen standen immer auch im Kontext weltpolitischer Entwicklungen. Bereits im Jahr 1794 forderte ein Abgeordneter vor dem französischen Konvent die Abschaffung der Sklaverei. Ein bekannter Revolutionär unterstützte diese Forderung und betonte, dass die Freiheit in die Kolonien gebracht werden müsse. Er verwies auf die Prinzipien der Aufklärung und nutzte die Abschaffung vor allem als Mittel, um das britische Empire zu schwächen. Die Entscheidung der Revolutionäre war also stark von geopolitischen Überlegungen und dem Kampf gegen den englischen Einfluss geleitet.
Das Scheitern der universellen Prinzipien und die Rückkehr der Sklaverei
Die universellen Prinzipien der Menschenrechte blieben zunächst unvollständig, da sie nicht auf die versklavten Menschen in den Kolonien angewendet wurden. Der geopolitische Realismus setzte sich bald wieder durch, als Napoleon im Jahr 1802 die Sklaverei in den französischen Kolonien wieder einführte. Erst die Aufständischen in Haiti konnten im Jahr 1804 die universellen Prinzipien gewaltsam durchsetzen. Anschließend schafften die Briten im Jahr 1807 und andere europäische Mächte auf dem Wiener Kongress den Handel ab. Der Papst sprang im Jahr 1839 auf diesen fahrenden Zug auf, verbot aber weiterhin nicht den Besitz von Sklaven.
Die rechtliche Lücke zwischen Handel und Besitz
Das päpstliche Schreiben des Jahres 1839 verurteilte das Versklaven und den Handel, ließ aber die Frage des reinen Besitzes offen. Ein Sklavenhalter war durch diesen Erlass nicht gezwungen, seine Sklaven freizulassen, sondern durfte lediglich keine neuen kaufen oder verkaufen. Dieser neue rechtliche Rahmen zwang die Besitzer lediglich zu einem minimalen Schutz ihrer Sklaven, damit diese sich fortpflanzen konnten. Der ökonomische Wert des Eigentums sollte durch das Verbot des Handels sogar steigen. Erst im Jahr 1848 verbot ein französisches Gesetz den Besitz von Sklaven endgültig.
Der amerikanische Bürgerkrieg und die Haltung des Nordens
In den Vereinigten Staaten von Amerika führte der Bürgerkrieg zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865. Die 1. Internationale sandte ein Glückwunschschreiben an den Präsidenten Lincoln, obwohl dieser selbst keineswegs ein Heiliger war. Die Sympathie für die schwarze Bevölkerung war im Norden keineswegs weit verbreitet, und die Rassendiskriminierung grassierte. Man konnte die Institution der Sklaverei hassen, ohne die versklavten Menschen zu lieben. Die Sklaverei wurde im Norden vor allem als Instrument der Degradierung der freien Arbeit und als Quelle der Macht einer arroganten Oligarchie abgelehnt.
Die ideologische Verteidigung der Sklaverei im Süden
Im Süden der Vereinigten Staaten entwickelte sich eine extreme politische Ideologie, die die Sklaverei als sicherste Grundlage freier Institutionen feierte. Autoren und Soziologen argumentierten, dass die Versklavung sogar weiße Arbeiter vor den Übeln der kapitalistischen Ausbeutung bewahren könne. Diese Position war in sich schlüssig, wenn man die Gleichheit der Rassen als Prämisse nahm, da dann alle Menschen gleichermaßen dem Sklavenstatus unterworfen wären. Der Rassismus überlebte die Abschaffung der Sklaverei, und die Institution der Sklaverei überlebte den Rassismus in den Köpfen ihrer Gegner. Die Sklaverei wurde in vielen Ländern erst in den folgenden Jahrzehnten abgeschafft.
Die späte Verurteilung durch Papst Leo 13.
Im Jahr 1888 verurteilte Papst Leo 13. endlich die Versklavung von Afrikanern als solche. Er beglückwünschte Brasilien zur Aufhebung des Sklavenstatus und stellte dies als Werk der christlichen Barmherzigkeit dar. Der Papst lobte seine Vorgänger und versuchte, das jahrhundertelange Schweigen der Kirche über den transatlantischen Handel zu übergehen. Er schämte sich seiner eigenen Geschichte und vergaß bei der Erwähnung früherer Päpste sogar die Einschränkungen auf neu getaufte Menschen. Bei seiner Verurteilung der Sklaverei attackierte der Papst scharf den weiterhin bestehenden muslimischen Menschenhandel.
Der Angriff auf den islamischen Handel und das historische Kreisdenken
Er nannte Zahlen und behauptete, dass jährlich 400.000 Menschen in Afrika wie Tiere verkauft würden. Die Kirche nutzte diese Gelegenheit, um den Islam als sklavenhaltende Zivilisation anzugreifen und gleichzeitig die eigene Kolonialisierung zu rechtfertigen. Geht man jedoch an die Wurzeln dieses Problems, so zeigt sich, dass der ursprüngliche Kontext der kirchlichen Legitimierung des Handels ein Kreuzzug gegen den Islam war. Beim Lesen der späten päpstlichen Verurteilungen entsteht daher nicht der Eindruck eines moralischen Fortschritts, sondern vielmehr das Gefühl, sich im historischen Kreis zu drehen.












