Die globale Vertrauenskrise und die Folgen der Finanzpolitik
Screenshot youtube.comDie weltweite Finanzkrise, die ihren Ursprung im Platzen der amerikanischen Immobilienblase hatte, markierte einen tiefen Einschnitt in die moderne Wirtschaftsgeschichte. Sie entlarvte die Anfälligkeit des globalen Finanzsystems und führte zu einem massiven Vertrauensverlust zwischen den großen Banken sowie zwischen den Bürgern und ihren politischen Vertretern. Die darauffolgenden Jahre waren geprägt von staatlichen Rettungsaktionen, einer schleichenden Entglobalisierung und einem wachsenden Unmut der Bevölkerung gegenüber den herrschenden Eliten. Diese Entwicklung zwang die Gesellschaft dazu, die Grundlagen des freien Marktes und der europäischen Integration grundlegend zu hinterfragen.
Der Beginn der Bankenkrise und die Folgen der Spekulation
Im Sommer des Jahres 2007 begann die Krise, als die amerikanischen Immobilienpreise einbrachen und die Banken sich gegenseitig nicht mehr trauten. Jedes Institut fürchtete, dass die anderen aufgrund fauler Kredite insolvent sein könnten, da die Schulden in Form komplexer Finanztermingeschäfte weltweit gehandelt wurden. Die kuriose Annahme der Märkte lautete, dass die Immobilienwerte stetig steigen würden, um damit weitere Schulden zu finanzieren. Einige eigenständig denkende Ökonomen hatten diese Entwicklung jedoch vorhergesehen, da die Termingeschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkt fällig wurden.
Die massive Geldspritze der Zentralbanken
Zu viele Forderungen wurden fällig, die nicht mehr gedeckt werden konnten, weshalb amerikanische Hypothekenbanken verstaatlicht werden mussten. Die Zentralbanken injizierten daraufhin massiv Geld in die Finanzmärkte, um das Interbankengeschäft liquide zu halten. Die Zinsen für diese Kredite stiegen sprunghaft an, weil niemand mehr dem anderen traute und weitere wertlose Anleihen auftauchen könnten. Große Finanzinstitute wie die Deutsche Bank hatten zuvor 128 Milliarden US-Dollar auf eine positive Entwicklung des Immobilienmarktes gesetzt.
Der Kollaps der Investmentbanken
Diese riskanten Geschäfte waren zwar abgesichert, doch die große Zeche bezahlten am Ende die privaten Schuldner, die Anleger und der Staat. Im darauffolgenden Jahr erfasste der Zusammenbruch einer großen amerikanischen Investmentbank die Finanzwelt aufs Neue. Untersuchungen ergaben später, dass das Institut bereits vor dem offiziellen Kollaps zahlungsunfähig war, doch Bilanztricks ermöglichten die weitere Kreditaufnahme. Letztlich brach die Bank unter einem Schuldenberg von über 600 Milliarden US-Dollar zusammen, was die größte Unternehmenspleite in der Geschichte des Landes bedeutete.
Die Ausweitung auf die Realwirtschaft
Mit diesem Tag der Insolvenz begann die massive Verschärfung der Vertrauenskrise, die nun auch die reale Wirtschaft erfasste. Die Banken trauten ihren Kunden nicht mehr, wodurch das Kreditgeschäft für die Unternehmen einbrach und eine massive Kreditklemme entstand. Regierungen begannen umfassende Rettungspakete zu schnüren, da die Überzeugung vorherrschte, dass andernfalls die gesamte Wirtschaft bankrottgehen würde. So verschuldeten sich mehrere europäische Staaten gewaltig, während nur ein nordisches Land es ablehnte, seine Banken zu retten und stattdessen die Verantwortlichen strafrechtlich verfolgte.
Das Versagen der Markttheorie und die Konjunkturpakete
Ein ehemaliger Chef der amerikanischen Notenbank räumte später ein, dass er zu viel Vertrauen in die selbstreinigenden Kräfte des freien Marktes gesetzt habe. Dieser Mann war der Vater der Niedrigzinspolitik und damit des billigen Geldes, was einer monetären Massenvernichtungswaffe gleichkam. Es folgte eine weitere Serie von konzertierten Aktionen der Zentralbanken, um die Leitzinsen niedrig und die Liquidität aufrechtzuerhalten. Zugleich starteten viele Regierungen weltweit mit Konjunkturpaketen, um den Wirtschaftsmotor wieder zu beleben, etwa durch Prämien für den Autokauf.
Die anhaltende Schwäche und der Vertrauensverlust
Mit dem Auslaufen dieser Stimulationen erholte sich die Weltwirtschaft jedoch nicht, und auch die großen Schwellenländer verzeichneten wirtschaftliche Einbrüche. Alle Maßnahmen konnten das Vertrauen zwischen den Banken sowie das Vertrauen der Banken in die Unternehmen nicht wiederherstellen. Besonders heftig erschüttert ist das Vertrauen der Wähler in die Politiker, wodurch sich die Kluft zwischen den Politikern und den Bürgern merklich vertiefte. Protestbewegungen gegen die Finanzelite und zahlreiche Streiks illustrierten dieses wachsende gesellschaftliche Dilemma.
Die Zerrüttung des politischen Klimas in Europa
Ein hoher europäischer Politiker äußerte sich damals dahingehend, dass man in ernsthaften Zeiten zur Unwahrheit greifen müsse, was die tiefe Vertrauenskrise der Politik illustrierte. Das Gefühl, verkauft und getäuscht zu werden, provozierte letztlich das neue Phänomen des wütenden Bürgers. Ein bekannter Ökonom beschrieb die Situation damit, dass aus einstigen Nachbarn nun Schuldner und Gläubiger geworden seien. Der Ton zwischen den Mitgliedsstaaten verschärfte sich zusehends, und eine Sprache der Bevormundung gegenüber den verschuldeten Staaten machte die Runde.
Die Angst vor einer deutschen Dominanz
Kommentatoren der südeuropäischen Presse warnten vor einem Brandstifterklima und wehrten sich gegen deutsche Vorschriften zur Gestaltung ihrer Verwaltung. Ein Europa von deutscher Gnaden wurde bereits feindselig beäugt, und die Ängste vor einem deutschen Europa wurden spürbar. Ein früherer deutscher Bundeskanzler hatte einst konsequent von einem europäischen Deutschland gesprochen, doch nun kehrten sich die Verhältnisse scheinbar um. Die Verunsicherung in der Wirtschaft nahm allerorts zu, und die Krise in Südeuropa schlug auf die reale Entwicklung der deutschen Industrie durch.
Die steigende Arbeitslosigkeit und soziale Unruhen
Die Unternehmen stellten Investitionen zurück und zögerten beim Aufbau von Beschäftigung, denn letztlich ist alles eine Frage des Vertrauens. Wenn es gelingt, Vertrauen in die Institutionen und Finanzmärkte zu erhalten, kann das fragile System noch weiter bestehen. Der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit wurde von den Entscheidungsträgern fahrlässig unterschätzt, und die Jugend in den Krisenstaaten litt besonders. In einigen Ländern überstieg die Arbeitslosenquote unter jungen Menschen bereits 61 Prozent, weshalb viele in das wohlhabendere Ausland abwanderten.
Die Instrumentalisierung der Zentralbank und die Inflationsangst
Von einem solchen massiven Stellenabbau wären nicht nur die Staaten des Mittelmeerraums, sondern auch die nördlichen Länder betroffen. Soziale Unruhen sind die logische Folge einer solchen Entwicklung, und der Exportweltmeister spürt nun den Konjunktureinbruch bei seinen Kunden. Deutschland kommt zusehends in die unangenehme Lage, sowohl politischer Buhmann des Kontinents zu sein als auch seine eigenen Grundsätze nicht mehr einzuhalten. Hierzu zählt vor allem die Instrumentalisierung der Europäischen Zentralbank, die nach dem Vorbild der deutschen Notenbank als unabhängige Institution geschaffen worden war.
Die Rückbesinnung auf die nationale Währung
Die Europäische Zentralbank scheint jedoch auf den Spuren der amerikanischen Notenbank zu sein, von der die Politik des billigen Geldes ausging. Der Rest der Welt scheint sich über die deutsche Angst vor Geldentwertung lustig zu machen, da man meint, die Deutschen würden mit Sparpolitik die Krisen verschlimmern. Die Sorge um Inflation ist aber gut begründet, denn seitdem die Notenbanken die eigenen Staatsanleihen kaufen, wurde der Geist aus der Flasche gelassen. Es verhält sich mit der Inflation wie mit der Zahnpaste, die man nicht mehr zurück in die Tube bekommt, wenn sie einmal herausgedrückt wurde.
Die Ablehnung des Euro und der Rettungsschirm
Mitte des Jahres 2012 sprachen sich in einer Umfrage in Deutschland 58 Prozent der Teilnehmer für die Rückkehr zur alten bundesdeutschen Währung aus. Demgegenüber plädierte nur eine Minderheit für die Beibehaltung der europäischen Gemeinschaftswährung. Bei der vorangegangenen Umfrage zwei Jahre zuvor hatten sich 39 Prozent der Teilnehmer die alte Währung zurückgewünscht. Als Hilfe für die in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Staaten spannte die Union den sogenannten Euro-Schutzschirm auf, der durch einen Stabilisierungsmechanismus mit einem Stammkapital von 700 Milliarden Euro ersetzt werden sollte.
Die Kritik an der Transferunion und der Entglobalisierung
In Deutschland ist die Kritik gegen diesen Mechanismus besonders heftig, und einige Bürgerinitiativen klagten gegen den Vertrag. Zu den wesentlichen Argumenten der Gegner gehören die Übertragung faktisch unbegrenzter Macht auf die neue Bank und die Einführung von Gemeinschaftsanleihen. Die Eurozone wurde somit zur Transferunion, was die Gründungsverträge nicht vorsahen, und die fortgesetzte Verletzung der Normen zerstört das Vertrauen. Parallel dazu entstand der Begriff der Entglobalisierung, und ein französischer Minister forderte das Ende der Globalisierung, um die eigene Industrie zu schützen.
Der wachsende Protektionismus in Europa
Eine Tendenz in Richtung Schutz der nationalen Industrie zeichnet sich seit bald zehn Jahren deutlich ab, und frühere Regierungen machten sich bereits für Staatshilfen nur für einheimische Produkte stark. Der freie Warenverkehr im europäischen Binnenmarkt wird von all diesen populistisch handelnden Politikern geflissentlich beiseitegeschoben. Die sich abzeichnenden Auswüchse nationalistischer Industriepolitik in fast allen Bereichen können letztlich alle zu Verlierern machen. Sollte sich die Krise weiter verschärfen, drohe ein großer Knall, fürchten viele Marktbeobachter insbesondere in der Autoindustrie.
Die Überkapazitäten in der Automobilbranche
Diese Branche schuf in den letzten Jahrzehnten in Erwartung eines dauernden Wachstums gewaltige Produktionskapazitäten, die nun nicht mehr benötigt werden. Dieser Einbruch fußt zum einen auf hoher Arbeitslosigkeit gerade in jenen Ländern, wo in den letzten Jahren der Autoverbrauch sehr hoch war. Zum anderen fehlen die nachkommenden jungen Menschen, die sich ein Auto leisten können oder wollen, denn auch hier lassen sich neue Trends erkennen. Jeder der Konzerne muss Milliarden zusätzlich investieren, um Innovationen zu erforschen, und wegen der Absatzschwäche lasten Überkapazitäten auf den Unternehmen.
Die historische Lehre aus dem Protektionismus
Die Automobilindustrie ist mit über 700 Milliarden Euro Umsatz einer der größten Industriezweige in Europa und sorgt für über zwölf Millionen direkte und indirekte Arbeitsplätze. Im Zuge der großen Depression in den USA trat 1930 ein Gesetz in Kraft, das zum Schutz des nationalen Marktes die Importzölle nochmals stark in die Höhe trieb. Die Handelspartner vergolten im Sinne der Reziprozität Gleiches mit Gleichem, und binnen kurzem kollabierte die Weltwirtschaft. Eine der ersten Maßnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg war daher, einen Mechanismus zu schaffen, der einen solchen Protektionismus fortan verhindern sollte.
Die Rolle der Welthandelsorganisation
Man versuchte zunächst mittels eines allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens den Welthandel zu sichern, und 1994 wurde schließlich die Welthandelsorganisation gegründet. Sie soll die Wirtschaftspolitik zwischen ihren aktuell 155 Mitgliedern koordinieren und über ein ausgeklügeltes Streitbeilegungsverfahren Dispute schlichten. Tatsächlich verzerren jedoch zahlreiche Subventionen die Warenpreise, etwa die vielen Unterstützungszahlungen an die Landwirte. Hinzu kommen nun auch vermehrt Versuche, unter dem Titel der Sicherheit von Lebensmitteln wieder Importzölle zu ermöglichen.
Das Mittelmaß in den Führungsetagen
Das Schlagwort, einheimische Produkte zu kaufen, wurde erst nachträglich aus einem Gesetzesentwurf gestrichen, und die Förderungen an die Industrie sind unlautere Mittel des Wettbewerbs. Der Gegenwind im Wirtschaftsleben bläst heftiger, und der Ruf nach Schutz der noch verbliebenen heimischen Industrie wächst mit steigender Arbeitslosigkeit. Was mir seit Ausbruch der Krise Sorgen bereitet, ist das intellektuelle und charakterliche Mittelmaß in den sogenannten Führungsetagen. Entscheidungsträgern zu begegnen, die über den Tellerrand hinaus denken, ist hier von hohem Seltenheitswert.
Die Hoffnung auf einen humanistischen Neubeginn
Solide Ideen und Kraft für den Neubeginn nach den Turbulenzen können an vielen Stellen der Welt wieder aufkeimen, will man sich die Zuversicht erhalten. Menschen, die nicht ihre Seele verkauften, könnten dann eventuell aufgrund ihrer Vorschläge und Leistung die dringend erforderlichen neuen Köpfe bilden. Die globalisierte Welt in Gestalt der permanenten Kommunikation wird sich voraussichtlich nicht so rasch wieder rückgängig machen lassen. Anstelle einer amerikanischen Vorherrschaft oder eines asiatischen Zeitalters könnte vielleicht ein Versuch unternommen werden, die Ideale des Humanismus zu verwirklichen.
Die philosophische Suche nach der goldenen Mitte
Von einem alten chinesischen Philosophen können wir lernen, die goldene Mitte zu suchen, und mit den westlichen Denkern lässt sich die Bedeutung des Individuums für die Gesellschaft neu entdecken. Aber Illusionen, dass alles rasch gut wird, sollten wir uns nicht hingeben. Eine skeptische Beobachterin beschrieb die Lage mit dem englischen Sprichwort, dass die Dinge noch deutlich schlimmer werden müssten, bevor eine Besserung eintreten könne.














