Die dunklen Ursprünge und die paradoxe Integrationskraft der römischen Gründungsmythen
Screenshot youtube.comDie antiken Erzählungen über die Entstehung Roms offenbaren weit mehr als nur einfache Mythen über eine einstige Siedlung am Tiber. Sie spiegeln die tiefsten Ängste, die moralischen Widersprüche und die zentralen Wertvorstellungen einer Kultur wider, die später die bekannte Welt dominieren sollte. Besonders die intellektuelle Elite, die über ausreichenden Wohlstand und Muße verfügte, projizierte ihre gesellschaftlichen Befürchtungen in diese Gründungsgeschichten. Kulturelle Ängste waren in der Antike oft ein Privileg der Reichen, und so dienten die Legenden von Gewalt, Brudermord und der Aufnahme von Gesindel als Projektionsfläche für die eigenen politischen und moralischen Dämonen.
Das Rätsel der doppelten Stadtgründer und der fatale Brudermord
In diesen Überlieferungen schimmern zwischen den Zeilen einige der wichtigsten Themen der späteren römischen Geschichte durch. Ein zentrales Thema war das Wesen der römischen Ehe und ihre brutale Natur angesichts ihrer gewaltsamen Ursprünge. Ein weiteres Motiv deutet sich bereits im Einschreiten der geraubten Frauen an, die ihre gegeneinander kämpfenden Väter und Ehemänner zu versöhnen suchten. Dieses Motiv des Bürgerkriegs sollte die römische Geschichte über Jahrhunderte hinweg begleiten und immer wieder aufs Neue ausbrechen.
Der Versuch der Geschichtsschreiber, den Mord zu vertuschen
Zu den großen Rätseln dieser Gründungslegende gehört die Behauptung, es habe zwei Gründer gegeben. Moderne Historiker haben den offenbar überflüssigen Zwilling auf alle erdenklichen Arten zu erklären versucht. Vielleicht weist er auf eine grundlegende Dualität in der römischen Kultur hin, die zwischen verschiedenen Klassen von Bürgern oder ethnischen Gruppen bestand. Möglicherweise spiegelt er auch die spätere politische Realität wider, dass es in Rom stets zwei Konsuln gab. Es könnte sich aber auch um grundlegende mythische Strukturen handeln, denn göttliche Zwillinge kommen weltweit in den verschiedensten Mythen vor.
Die unausweichliche Vorbestimmung innerer Konflikte
Ganz gleich, für welche Erklärung man sich entscheidet, stellt uns der Umstand, dass einer der Gründungszwillinge tatsächlich überflüssig war, vor ein noch größeres Rätsel. Remus wurde bereits am Tag der Stadtgründung von Romulus oder einem seiner Gefolgsleute getötet. Für viele Römer, die diese Erzählung nicht einfach als harmlose Legende abtaten, war dies der am schwersten verdauliche Aspekt der Gründungsgeschichte. Ein bekannter Redner und Staatsmann war davon so offensichtlich peinlich berührt, dass er ihn in seiner Schilderung der Anfänge Roms komplett verschwieg. Der Zwilling taucht bei ihm nur am Anfang auf, als er ausgesetzt wird, und verschwindet dann sang- und klanglos.
Die heldenhafte Verklärung und die allgegenwärtige Symbolik
Ein anderer Geschichtsschreiber, der im 1. Jahrhundert vor Christus in Rom lebte, stellte den Mörder dagegen als untröstlich dar und behauptete, er habe aus Kummer und Reue beinahe Selbstmord begangen. Wieder ein anderer Autor fand eine noch gewagtere Lösung für dieses Problem und stellte die Mordgeschichte völlig auf den Kopf, indem er behauptete, das Opfer sei uralt geworden und habe seinen Zwillingsbruder überlebt. Diese Versuche waren verzweifelt und sicher wenig überzeugend, um dem trostlosen Kern dieser Geschichte zu entrinnen. Dieser Kern besagte, dass Brudermord in der römischen Politik fest verankert war und die furchtbaren inneren Kämpfe, die ab dem 6. Jahrhundert vor Christus immer wieder ausbrachen, unausweichlich vorbestimmt waren. Denn welche Stadt, die mit einem Brudermord begründet wurde, hätte dem Mord unter ihren Bürgern entgehen können?
Die Ausdehnung der Symbole bis an die Grenzen der Welt
Die Antwort auf diese Frage lag für viele antike Dichter und Denker auf der Hand. Ein berühmter Lyriker beklagte nach den erbitterten 10-jährigen Kämpfen, die auf die Ermordung eines bekannten Diktators folgten, das bittere Schicksal der Römer. Er führte die ewigen inneren Unruhen direkt auf das unheilvolle Blut zurück, das einst in die Erde des schuldlosen Bruders geflossen war. Man könnte daher sagen, dass der Bürgerkrieg den Römern sprichwörtlich in den Genen steckte. Selbstverständlich konnte man den Mörder auch stolz als heldenhaften Gründungsvater präsentieren, was in der Antike tatsächlich häufig geschah.
Die einzigartige Integrationspolitik eines Weltreichs
Das offensichtliche Unbehagen mancher Intellektueller hinderte sie keineswegs daran, sich in politischen Auseinandersetzungen den Mantel des Gründers umzuhängen. Und trotz des dunklen Schattens, den der Brudermord warf, waren Bilder der von einer Wölfin gesäugten Zwillinge überall in der antiken römischen Welt zu finden. Von der Hauptstadt, wo solche Statuengruppen auf dem Forum und auf dem Kapitol standen, bis in die entferntesten Teile des Reiches verbreitete sich dieses Symbol. Als die Einwohner einer griechischen Insel im 2. Jahrhundert vor Christus ihre Treue zu Rom demonstrieren wollten, beschlossen sie, ein Denkmal zu errichten, das die Geburt der beiden Brüder darstellte. Das Monument selbst ist nicht erhalten geblieben, wohl aber eine Marmortafel, auf der die Inselbewohner ihren Entschluss festhielten.
Der Kontrast zur griechischen Exklusivität
Dennoch herrschte durchgängig eine deutliche moralische und politische Anspannung in Hinblick auf den Charakter des alleinig überlebenden Gründers. Auf andere Art beunruhigend war auch die Vorstellung, dass der Gründer auf der Suche nach Einwohnern für seine neugegründete Stadt allen Ankömmlingen Asyl bot. Er hieß Ausländer, Kriminelle und entlaufene Sklaven willkommen und integrierte sie in die junge Gesellschaft. Diese Haltung hatte positive Aspekte, insbesondere spiegelte sie die außerordentliche Offenheit und Bereitschaft zur Eingliederung Außenstehender wider. Dadurch unterschied sich die politische Kultur Roms von allen anderen uns bekannten westlichen Gesellschaften der Antike.
Die provinzielle Herkunft der späteren Herrscher
In keiner antiken griechischen Stadt war die Einbürgerung auch nur annähernd so einfach wie in der Siedlung am Tiber. Besonders rigide schränkte Athen den Zugang zu den Bürgerrechten ein und bewachte das eigene Privileg eifersüchtig. Das ist jedoch kein Beleg für eine im modernen Wortsinn liberale Einstellung der Römer. Sie eroberten in Europa und darüber hinaus große Gebiete, bisweilen mit furchtbarer Brutalität, und legten häufig eine fremdenfeindliche Haltung gegenüber Völkern an den Tag, die sie als Barbaren bezeichneten. Aber in einem für vorindustrielle Reiche einzigartigen Vorgehen erhielten die Einwohner dieser eroberten Territorien nach und nach die volle römische Staatsbürgerschaft.
Die demografischen Auswirkungen der Freilassungspraxis
Diese Entwicklung gipfelte im Jahr 212 n. Chr. darin, dass ein Kaiser jeden freien Einwohner des Reiches zu einem römischen Bürger machte. Doch schon vor dieser Zeit hatten viele aus der Elite der Provinzen Zugang zur politischen Hierarchie der Hauptstadt erhalten. Allmählich hatte sich der Senat zu einem Gremium entwickelt, das man heute wohl als ausgesprochen multikulturell bezeichnen würde. In der Liste römischer Kaiser finden sich manche, die außerhalb Italiens geboren wurden. Der Vater eines späteren Herrschers war der erste Kaiser, der aus dem römischen Teil Afrikas stammte, und zwei weitere Regenten kamen aus der Provinz Spanien.
Der Aufstieg ehemaliger Sklaven in die Bürgerschaft
Als ein anderer Kaiser im Jahr 48 n. Chr. vor dem widerstrebenden Senat vertrat, man solle Bürger aus Gallien zum Senatorenamt zulassen, erinnerte er die Versammelten ausgiebig daran, dass Rom von Anfang an Fremden offen gestanden habe. Der Text seiner Rede, einschließlich einiger Zwischenrufe, wurde auf Bronzetafeln verewigt und in der Provinz Gallien aufgestellt, wo er bis heute erhalten geblieben ist. Ganz ähnlich sah es bei der Sklaverei aus, die in mancherlei Hinsicht im Römischen Reich ebenso brutal war wie die militärischen Eroberungsmethoden. Viele römische Sklaven, besonders solche, die in städtischen Häusern arbeiteten, blieben nicht ihr Leben lang versklavt. Es kam regelmäßig vor, dass man ihnen die Freiheit schenkte oder sie sich mit ihren Ersparnissen freikauften.
Der Spott über den adeligen Standesdünkel
Wenn ihr Besitzer römischer Bürger war, erhielten diese Freigelassenen ebenfalls das volle römische Bürgerrecht und waren dann gegenüber frei Geborenen kaum benachteiligt. Auch hier ist der Gegensatz zu Athen in der klassischen Antike auffallend, denn dort erhielten nur sehr wenige Sklaven die Freiheit und die Freigelassenen bekamen dadurch keinesfalls das Bürgerrecht. Die Praxis der Freilassung war ein so charakteristisches Merkmal der römischen Kultur, dass Außenstehende Kommentare dazu abgaben. Ein König von Makedonien stellte im 3. Jahrhundert vor Christus fest, dass die Römer auf diese Weise ihr Land vergrößert hätten. Dieser Bevölkerungszuwachs hatte solche Ausmaße, dass nach Schätzung mancher Historiker im 2. Jahrhundert vor Christus die Mehrzahl der freien Bürger Roms Sklaven unter ihren Vorfahren hatten.
Die politische Instrumentalisierung der Gründungsgeschichte
Die Erzählung vom Asyl, das der Gründer gewährte, verweist eindeutig auf diese Offenheit und lässt vermuten, dass die gesellschaftliche Vielfalt Roms ein Merkmal war, das auf die Anfänge der Stadt zurückging. Es gab durchaus Römer, die der Ansicht des makedonischen Königs anschlossen und die Eingliederungspolitik als wesentlich für den Erfolg der Stadt erachteten. Es gab jedoch auch die Gegenmeinung, die eine weitaus weniger schmeichelhafte Seite der Geschichte hervorhob. Nicht nur Gegner Roms, sondern auch manche Römer sahen eine gewisse Ironie darin, dass ein Reich seine Abstammung auf Italiens Kriminelle und Gesindel zurückführte. Ein bekannter Satiriker, der gern Hohn und Spott über römische Anmaßung ausgoss, prangerte den Standesdünkel an, der das Leben in Rom prägte.
Zufluchtsort für Sklaven und Ausreißer
Er machte sich über die Patrizier lustig, die sich ihres jahrhundertealten Stammbaums rühmten, und beendete eines seiner Gedichte mit einem Seitenhieb auf die Anfänge der Stadt. Er fragte spöttisch, worauf sich diese Überheblichkeit gründe, da die Stadt von Anfang an ein Zufluchtsort für Sklaven und Ausreißer gewesen sei. Er unterstellte, dass die Vorfahren der angeblich so edlen Geschlechter entweder einfache Hirten oder noch Schlimmeres gewesen seien. Um eine ähnliche Anspielung ging es einem anderen berühmten Redner, der sich in einem Brief über den Abschaum der frühen Siedlung lustig machte. Er verglich die politischen Zustände seiner Zeit mit einem Schweinestall und machte sich über einen Zeitgenossen lustig, der Anträge stellte, als befände er sich in einem philosophischen Idealstaat. So oder so konnten sich die Römer also immer in der Nachfolge des Gründers sehen. Wenn dieser Redner in seinen Schmähreden auf den Stadtgründer verwies, war es mehr als eine selbstherrliche Berufung auf die Vergangenheit. Es war die Berufung auf eine Geschichte, die unter seinen Zeitgenossen alle möglichen Diskussionen und Debatten darüber auslöste, wer die Römer eigentlich waren und wo die gesellschaftlichen Trennlinien verliefen.













