Wie äußere Feindbilder die innere Ordnung eines Staates verändern
Screenshot youtube.comDie Außenpolitik eines Staates bleibt niemals ohne Folgen für seine eigene Gesellschaft. Kriege, militärische Bedrohungen und internationale Konflikte verändern nicht nur Grenzen und Machtverhältnisse, sondern auch den Umgang mit politischen Gegnern, Minderheiten und abweichenden Meinungen im Inneren. Sobald eine Regierung ein äußeres Feindbild zum Mittelpunkt ihrer politischen Ordnung macht, wächst die Gefahr, dass dieses Feindbild auf die eigene Bevölkerung übertragen wird. Die Geschichte der USA, Deutschlands und anderer Staaten zeigt, wie schnell äußere Bedrohungen zur Begründung innerer Überwachung, Ausgrenzung und Gewalt dienen können.
Außenpolitische Konflikte und innere Repression
Der Zusammenhang zwischen äußerem Machtstreben und innerer Unterdrückung ist seit Langem bekannt. Bereits während des Vietnamkriegs wurde auf Protestplakaten darauf hingewiesen, dass Gewalt im Ausland Gewalt im eigenen Land hervorbringen könne. Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer formulierte später eine verwandte Einsicht, als er darauf aufmerksam machte, dass eine liberale Außenpolitik im Inneren zu einer illiberalen politischen Ordnung führen könne.
Für die Vereinigten Staaten stellt sich dabei eine besonders grundsätzliche Frage. Das Land ist in erheblichem Maß durch Kriege, militärische Expansion und internationale Machtpolitik geprägt worden. Deshalb ist zu prüfen, ob die amerikanische Bevölkerung und das politische System auf Dauer an den Folgen dieser Kriege scheitern könnten.
Das Außenverhalten eines Staates wirkt auf seine inneren Verhältnisse zurück. Es beeinflusst die Gesetzgebung, die Arbeit der Sicherheitsbehörden, die Stellung von Minderheiten und die Bereitschaft der Gesellschaft, Einschränkungen von Freiheitsrechten zu akzeptieren.
Die jüngere Geschichte der USA liefert dafür mehrere Beispiele. Während des Zweiten Weltkriegs wurden nicht nur japanischstämmige Bürger überwacht und interniert. Auch Menschen deutscher und italienischer Herkunft gerieten unter Generalverdacht.
Die Internierung während des Zweiten Weltkriegs
Die Internierung japanischstämmiger Menschen in den USA ist weithin bekannt. Weniger beachtet wird, dass die Maßnahmen nicht auf das amerikanische Staatsgebiet begrenzt blieben. Die Regierung dehnte ihre Sicherheitsvorstellungen auf große Teile der westlichen Hemisphäre aus und nahm dabei auch deutsche und italienische Einwohner ins Visier.
Schon vor dem amerikanischen Kriegseintritt im Dezember 1941 warnten Politiker und Wissenschaftler vor einer angeblichen deutschen oder japanischen Unterwanderung verschiedener Staaten Mittel- und Südamerikas. Befürchtet wurde, dass feindliche Kräfte zunächst in Ländern wie Peru oder Guatemala Einfluss gewinnen und von dort aus später einen Angriff auf die USA vorbereiten könnten.
Die angenommene Gefahr beruhte häufig nicht auf belastbaren Beweisen, sondern auf politischen Vermutungen, geheimdienstlichen Befürchtungen und einer aufgeheizten öffentlichen Stimmung. Die Roosevelt-Regierung erwog zeitweise sogar militärische Maßnahmen, um eine vermeintliche Infiltration abzuwehren.
Statt eines offenen militärischen Vorgehens wurde schließlich das Emergency Advisory Committee for Political Defense gegründet. Diesem Ausschuss schlossen sich 21 Staaten an, die sich über die gesamte westliche Hemisphäre erstreckten, von Kanada bis Argentinien und Chile.
Der Ausschuss sollte angebliche Agenten bekämpfen, verdächtige Personen überwachen und Veröffentlichungen kontrollieren. Die Tätigkeit blieb jedoch nicht auf Beobachtung und Informationssammlung beschränkt. Ab dem Winter 1942 wurden in mehreren lateinamerikanischen Staaten Wohnungen und Häuser durchsucht und Menschen vorsorglich festgenommen.
Betroffen waren Tausende Zivilisten japanischer, deutscher oder italienischer Herkunft. Viele von ihnen waren unbescholten und stellten keinerlei tatsächliche Gefahr dar. Unter den Festgenommenen befanden sich sogar deutsche Juden, die erst kurz zuvor vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Lateinamerika geflohen waren.
Im Jahr 1943 wurden etwa 8 000 Gefangene in die USA gebracht. Dort hielt man sie ohne Anklage und ohne ausreichende rechtliche Möglichkeiten in Lagern fest. Nach dem Ende des Krieges wurden viele dieser Menschen nach Europa oder Japan abgeschoben, obwohl sie zuvor in Mittel- oder Südamerika gelebt hatten. Zahlreiche Betroffene kehrten nie wieder in ihre früheren Heimatländer zurück.
Der erste Kalte Krieg und die Ausweitung des Verdachts
Auch der erste Kalte Krieg führte in den USA zu erheblichen Eingriffen in die inneren Verhältnisse. Der Senator Joseph McCarthy und seine politischen Helfer setzten tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten sowie deren Unterstützer massiv unter Druck.
Die politische Verfolgung richtete sich jedoch nicht nur gegen Kommunisten und politische Gegner. In großem Umfang wurden auch homosexuelle Menschen ins Visier genommen. Der Verdacht, eine Person könne wegen ihrer privaten Lebensweise unzuverlässig oder erpressbar sein, genügte häufig, um berufliche Nachteile, Überwachung oder den Verlust der gesellschaftlichen Stellung auszulösen.
Damit wurde ein außenpolitischer Konflikt in das Privatleben der Bürger übertragen. Der Kampf gegen den Kommunismus diente als Begründung, um Menschen zu kontrollieren, die mit einer kommunistischen Organisation nie etwas zu tun gehabt hatten.
Das Muster ist in beiden Fällen ähnlich. Eine Regierung beschreibt eine äußere Bedrohung als existenzielle Gefahr und erweitert anschließend den Kreis der Verdächtigen. Aus tatsächlichen Gegnern werden vermeintliche Sympathisanten, aus Sympathisanten mögliche Helfer und aus bloßen Abweichlern schließlich Sicherheitsrisiken.
Der Übergang von äußerer Bedrohung zu innerer Repression erfolgt dabei selten plötzlich. Er entwickelt sich durch politische Reden, Zeitungsberichte, Gerüchte, Geheimdienstinformationen und gesetzliche Ausnahmen, die zunächst als vorübergehende Maßnahmen gerechtfertigt werden.
Deutschland nach dem Ende des Kaiserreichs
Die Wirkung äußerer Feindbilder lässt sich auch an den deutschen Revolutionsmonaten von November 1918 bis zur Jahresmitte 1919 untersuchen. Der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Novemberrevolution verliefen zunächst weitgehend unblutig. Ab Dezember 1918 nahm die politische Gewalt jedoch stetig zu.
In dieser Übergangszeit vermischten sich politische Unsicherheit, soziale Not, militärische Niederlage und die Angst vor einer bolschewistischen Revolution. Der Staat war geschwächt, die Gesellschaft tief gespalten und die politische Führung nicht in der Lage, das Vertrauen breiter Bevölkerungsschichten zurückzugewinnen.
Politik wurde zunehmend mit Gewalt durchgesetzt, während Gewalt zugleich als angeblich unvermeidbare Antwort auf politische Gefahren dargestellt wurde. Die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen sozialistischen und bürgerlichen Lagern entwickelten sich dadurch immer stärker zu einem Kampf um die vollständige Ausschaltung des Gegners.
Eine zentrale Rolle spielten dabei die Medien. Historische Untersuchungen haben mehr als 60 deutsche Zeitungen aus dieser Zeit ausgewertet und zeigen, dass viele Blätter kaum dazu beitrugen, Gerüchte zu überprüfen oder die politische Stimmung zu beruhigen.
Statt Fakten zu klären, verstärkten zahlreiche Zeitungen die Ängste, die im Land kursierten. Unbewiesene Behauptungen wurden als glaubwürdige Nachrichten dargestellt. Übertreibungen, Vermutungen und politische Fantasien erhielten dadurch den Anschein gesicherter Erkenntnisse.
Die Presse als Verstärker der politischen Angst
Die meisten Zeitungen stellten sich einseitig auf die Seite der sogenannten Ordnungsmächte. Damit waren vor allem die regierenden Mehrheitssozialdemokraten, Teile der militärischen Führung und rechtsnationale Freikorpsverbände gemeint.
Die weiter links stehenden Unabhängigen Sozialdemokraten und der kommunistische Spartakusbund wollten die Revolution in eine sozialistische Richtung weiterführen. Sie verfügten jedoch nur über die eigenen Parteizeitungen und konnten die allgemeine öffentliche Wahrnehmung kaum gegen die großen bürgerlichen und regierungsnahen Blätter beeinflussen.
Die Medien stellten den politischen Gegner nicht nur als innerdeutschen Konkurrenten dar. Sie bezeichneten ihn zunehmend als Werkzeug einer ausländischen Macht. Die linke Opposition erschien dadurch nicht mehr als Teil des deutschen politischen Konflikts, sondern als angebliche Hilfstruppe Russlands.
Diese Darstellung erfüllte eine wichtige politische Funktion. Wer den Gegner als fremdgesteuerten Feind bezeichnet, muss sich nicht mehr mit dessen Forderungen auseinandersetzen. Der politische Streit wird in eine Sicherheitsfrage verwandelt, und gegen eine Sicherheitsbedrohung scheint beinahe jedes Mittel gerechtfertigt.
Der Vorwurf der ausländischen Steuerung konnte zudem an bereits vorhandene Ängste anknüpfen. Die russische Revolution war in Deutschland mit Berichten über Bürgerkrieg, Hunger, Plünderungen und politische Morde verbunden. Viele Menschen betrachteten Russland deshalb als Synonym für Chaos und gesellschaftlichen Zusammenbruch.
Die Angst vor den russischen Verhältnissen
Ein Jahr vor der deutschen Novemberrevolution hatten Lenins Bolschewiki in Russland die Macht übernommen. Danach folgten ein mehrjähriger Bürgerkrieg und militärische Eingriffe ausländischer Staaten.
Das deutsche Kaiserreich hatte der schwachen russischen Regierung in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag aufgezwungen. Zugleich blieben etwa eine Million deutsche Soldaten in den östlichen Gebieten Europas, um die deutschen Gebietsgewinne abzusichern.
Viele dieser Soldaten konnten die russischen Umwälzungen und den Bürgerkrieg aus unmittelbarer Nähe beobachten. Einige waren an Kampfhandlungen beteiligt oder gerieten selbst unter Beschuss. An der Schwarzmeerküste wurden im Juni 1918 deutsche Truppen angegriffen, wobei 39 Soldaten starben. Als Vergeltung ließen deutsche Einheiten etwa 2 000 bolschewistische Gefangene erschießen.
Die deutschen Zeitungen berichteten ausführlich über die Vorgänge in Moskau und Sankt Petersburg. In der öffentlichen Wahrnehmung verschmolzen Revolution, Bürgerkrieg und Bolschewismus zu einem einzigen Schreckensbild.
Die Bevölkerung erfuhr, Russland stehe für Mord, Hunger, Plünderung und den völligen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung. Bald wurde der Ausdruck russische Zustände zu einem politischen Schlagwort, mit dem jede revolutionäre Forderung in Deutschland abgewertet werden konnte.
Besondere Angst richtete sich gegen mindestens 1,4 Millionen russische Kriegsgefangene, die sich auf deutschem Boden befanden. In ihnen sahen viele Menschen eine unkontrollierte Masse, die sich jederzeit in eine revolutionäre Armee verwandeln und Deutschland in eine kommunistische Diktatur stürzen könnte.
Diese Vorstellung beruhte weniger auf konkreten Belegen als auf der allgemeinen Furcht vor dem Zusammenbruch der bisherigen Ordnung. Die Kriegsgefangenen wurden nicht als einzelne Menschen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen wahrgenommen, sondern als geschlossene und angeblich jederzeit mobilisierbare Gefahr.
Karl Liebknecht als politischer Schreckensheld
Kein einzelner deutscher Politiker wurde in dieser Zeit so stark dämonisiert wie Karl Liebknecht. Nach seiner Entlassung aus der Haft im Oktober 1918 versuchte er, dem Spartakusbund eine breite gesellschaftliche Grundlage zu verschaffen.
Obwohl ihm dies zu keiner Zeit gelang, galt er in großen Teilen der Bevölkerung als gefährlicher Umstürzler. Zeitungen machten aus ihm einen überlebensgroßen politischen Gegner, dem außergewöhnliche Machtmittel zugeschrieben wurden.
Es wurde behauptet, Liebknecht befehlige eine Geheimarmee von 30 000 Menschen. Später stieg die angebliche Stärke dieser Armee in den Gerüchten sogar auf 100 000 Kämpfer. Tatsächlich verfügte Liebknecht weder über eine solche Streitmacht noch über die politische Macht, die ihm zugeschrieben wurde.
Die Deutsche Zeitung, das Organ des Alldeutschen Verbandes, stellte ihn als Dämon der Revolution und als fanatischen Hetzer dar. Seine Reden wurden nicht sachlich analysiert, sondern sprachlich verspottet und mit religiösen oder exotischen Bildern verbunden.
Auch der ansonsten häufig besonnene Harry Graf Kessler verglich die Ausbreitung des Bolschewismus aus dem Osten mit der religiösen Eroberung durch Mohammed im siebten Jahrhundert. Dadurch wurde der politische Konflikt in ein kulturgeschichtliches Bedrohungsszenario verwandelt.
Liebknecht erschien nun als Verkörperung einer russischen Einmischung in deutsche Angelegenheiten. Angeblich liefen die Fäden in der russischen Botschaft in Berlin zusammen. Über den diplomatischen Postverkehr sollten bolschewistische Flugschriften und Waffen nach Deutschland gelangen.
Die angebliche russische Verschwörung
Als am Bahnhof Friedrichstraße aus Russland stammende Kisten verladen wurden und eine dieser Kisten aufbrach, schien sich der Verdacht für deutsche Beobachter zu bestätigen. In der Kiste befanden sich angeblich gefährliche bolschewistische Schriften.
Die Nachricht löste politische Konsequenzen aus. Der deutsche Botschafter wurde aus Moskau abberufen, die russische Botschaft in Berlin geschlossen und ihr Personal ausgewiesen. Eine konkrete Beweislage für eine umfassende russische Steuerung der deutschen Revolution existierte jedoch nicht.
Der Vorgang erinnert an spätere politische Kampagnen, bei denen eine angebliche Verbindung zwischen einer inneren Opposition und einer ausländischen Macht zum zentralen Erklärungsmodell wird. Die politische Auseinandersetzung wird dadurch von der Frage nach den tatsächlichen Ursachen auf die Suche nach einem äußeren Drahtzieher verschoben.
Der preußische Major Gustav Böhm behauptete, Liebknecht, der Spartakusbund und mehrere russische Bolschewisten arbeiteten fieberhaft an einem Umsturz. Unter Liebknechts Führung, so seine Darstellung, sammelten sich Verbrecher und Fahnenflüchtige, die angeblich mit russischem Geld bezahlt würden.
Böhm behauptete außerdem, es gebe eine Organisation zur Beseitigung der Offiziere. Das Bürgertum werde planmäßig entwaffnet, während das gesamte Reich mit Spartakuszellen überzogen werde. Diese Behauptungen verbanden reale politische Spannungen mit frei erfundenen oder stark übertriebenen Einzelheiten.
Auch Theodor Wolff, der Chefredakteur des Berliner Tageblatts, stellte Liebknecht und Georg Ledebour als Verbündete einer gefährlichen Mischung aus gestohlenen Waffen, russischem Geld, Teilen der Sicherheitsbehörden und unzufriedenen Soldaten dar.
Gerüchte über Geld, Waffen und verkleidete Bolschewisten
Böhm und Wolff waren nicht die einzigen Personen, die eine Massenpanik unterstützten. Viele Menschen glaubten, große Mengen russischen Geldes strömten nach Berlin und finanzierten den Aufstand.
Auf Plakaten wurde behauptet, die Spartakisten wollten nach russischem Vorbild handeln. Ein weiteres Gerücht besagte, in Berlin hielten sich bis zu 1 000 russische Bolschewisten auf, die als deutsche Soldaten verkleidet seien. Eine konservative Zeitung vermutete sogar, die Spartakisten verfügten über mehr als 20 000 Gewehre.
So entstand ein Bündel verschiedener Feindbilder. Antirussische und antibolschewistische Vorstellungen verbanden sich mit antisemitischen und antimuslimischen Vorurteilen. Die politische Opposition wurde dadurch nicht nur als gefährlich, sondern als fremd, entmenschlicht und moralisch minderwertig dargestellt.
Feindbilder senken die Hemmschwelle zur Gewalt. Wer dem Gegner jede legitime politische Motivation abspricht und ihn als Werkzeug eines äußeren Feindes beschreibt, macht Gewalt gegen ihn leichter akzeptierbar.
Diese Entwicklung zeigte sich bei der Niederschlagung des Berliner Januaraufstands 1919. Regierungstruppen gingen mit großer Härte gegen die Aufständischen vor. Unter den Ermordeten befanden sich Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.
Auch in der Garde-Dragoner-Kaserne wurden Gefangene getötet. Obwohl sich unter den Opfern kein einziger Russe befand, beschimpften Soldaten die Gefangenen als Russenschweine und verwendeten ähnliche Entmenschlichungen.
Der Berliner Januaraufstand
Auslöser des Januaraufstands war eine Solidaritätsdemonstration für den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn. Eichhorn gehörte zum linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei und war der regierenden Mehrheit ein politisches Hindernis.
Seine Gegner behaupteten, er unterhalte Verbindungen nach Moskau und zur deutschen Unterwelt. Es wurde sogar unterstellt, er erhalte Geld aus kriminellen Beutezügen und arbeite mit bolschewistischen Agenten zusammen.
Darüber hinaus wurde ihm vorgeworfen, in Berlin geheime Waffenlager zu unterhalten und die vorübergehende Besetzung des Vorwärts-Verlagsgebäudes im Dezember 1918 nicht verhindert zu haben. Die Anschuldigungen verbanden politische Gegnerschaft, Kriminalität und ausländische Einflussnahme zu einem einzigen Bedrohungsbild.
Die tatsächliche Bedeutung des Januaraufstands war deutlich geringer, als es die zeitgenössische Propaganda nahelegte. Die Aktionen gingen nicht wesentlich über die Besetzung einiger Verlagsgebäude und die Störung des Zugverkehrs hinaus.
Historische Untersuchungen der preußischen Justizakten geben einen genaueren Einblick in die Herkunft der Beteiligten. Dabei wurden die Daten von 400 Personen ausgewertet, die wegen ihrer Rolle im Januaraufstand angeklagt worden waren. Die meisten von ihnen waren Spartakisten, die während oder nach der Aufgabe des Vorwärts-Gebäudes festgenommen wurden.
Die Auswertung zeigt, dass es sich bei den Besetzern fast ausschließlich um Deutsche handelte. Nur 20 der Festgenommenen, also 5 Prozent, besaßen eine andere Staatsangehörigkeit. Unter ihnen befanden sich Italiener, Schweizer und nur sehr wenige Russen.
Karl Radek und die Frage der Steuerung
Lange Zeit galt Karl Radek als Drahtzieher des Januaraufstands. Der bolschewistische Gesandte hielt sich illegal in Deutschland auf und war tatsächlich mit den revolutionären Kräften verbunden.
Die historische Untersuchung kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis. Radek missbilligte den Aufstand ausdrücklich und konnte sich mit seiner Haltung nicht durchsetzen. Er war somit nicht der lenkende Organisator, als der er später dargestellt wurde.
Die Behauptung einer russischen Steuerung erfüllte dennoch ihren politischen Zweck. Sie erlaubte es den regierenden Kräften, die Ursachen der Unruhen außerhalb der deutschen Gesellschaft zu suchen. So konnte die Unzufriedenheit mit Krieg, Hunger, sozialer Ungleichheit und politischer Enttäuschung als Ergebnis ausländischer Einmischung erscheinen.
Die Vorstellung einer russischen Verschwörung verdeckte zudem die Verantwortung deutscher Akteure. Die politischen Spannungen waren nicht von außen in ein ansonsten stabiles Land getragen worden. Sie entstanden aus den Folgen des Weltkriegs, dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und dem Kampf um die zukünftige Staatsordnung.
Die Berliner Märzkämpfe
Nur wenige Wochen nach dem Januaraufstand kam es zu den Berliner Märzkämpfen. Innerhalb von etwa 10 Tagen wurden rund 1 200 Menschen getötet.
Die Kämpfe konzentrierten sich vor allem auf den Osten Berlins. Die Regierung setzte Maschinengewehre, Artillerie, Mörser und Handgranaten ein. Auch Flugzeuge wurden gegen die Gegner eingesetzt.
Die militärische Gewalt richtete sich nicht nur gegen bewaffnete Kämpfer. In einem Bürgerkrieg verschwimmen die Grenzen zwischen Aufständischen, Unterstützern, zufällig anwesenden Zivilisten und bloß Verdächtigen besonders schnell.
Eine ähnlich hohe Zahl von Opfern forderte die Niederschlagung der zweiten Münchner Räterepublik. Auch dort kam es zu schweren Verbrechen durch militärische Verbände, die sich zunehmend der Kontrolle entzogen.
Besonders brutal gingen Regierungstruppen am 2. Mai 1919 in Gräfelfing bei München vor. Bei Tagesanbruch wurden 53 russische Kriegsgefangene erschossen. Ihnen wurde vorgeworfen, auf der Seite der Aufständischen gekämpft zu haben.
Vielfach wurde zusätzlich behauptet, die russischen Gefangenen hätten deutsche Uniformen getragen. Damit wurde das Bild des gefährlichen und verschlagenen Feindes weiter verstärkt.
Die Morde in München und die Macht der Gerüchte
Die Münchner Neuesten Nachrichten berichteten über ein Polizeirevier, das von Regierungstruppen vorübergehend als Stützpunkt genutzt wurde. Dort seien zahlreiche Gefangene eingeliefert worden, darunter angeblich besonders brutale Verbrecher.
Die Zeitung behauptete, einigen Gefangenen seien selbst hergestellte Dumdumgeschosse aus den Hosentaschen gezogen worden. Einer der Beschuldigten sei unmittelbar danach erschossen worden, was als gerechte Strafe dargestellt wurde.
Auch die revolutionären Kräfte trugen Schuld an der Eskalation. Im Luitpold-Gymnasium in München kam es Ende April während der Kämpfe zu einem Geiselmord an Gegnern der Räterepublik. Unter den Opfern befand sich Haila Gräfin von Westarp.
Über ihren Tod wurden besonders grausame Behauptungen verbreitet. Es hieß, sie sei vor ihrer Ermordung sexuell missbraucht worden. Die Betriebs- und Soldatenräte verurteilten das Massaker, konnten die Tat jedoch nicht rückgängig machen.
Bemerkenswert ist, dass auch dieses Verbrechen wahrheitswidrig den Russen zugeschrieben wurde. Es wurde behauptet, russische Kämpfer hätten die Geiseln mit Gewehrkolben und Bajonetten getötet.
Der Lehrer, Essayist und Nietzsche-Forscher Josef Hofmiller übernahm diese Darstellung in seinem Tagebuch. Er schrieb, die Geiseln seien im Keller des Gymnasiums besonders bestialisch ermordet worden. Russen seien betrunken gemacht und anschließend auf die Gefangenen losgelassen worden.
Diese Behauptungen waren frei erfunden. Dennoch prägten sie über Jahrzehnte die Erinnerung an den Geiselmord und beeinflussten die Darstellung des Geschehens in historischen Berichten.
Wie Gerüchte historische Erinnerungen formen
Gerüchte wirken nicht nur während einer Krise. Sie können auch die spätere Erinnerung an ein Ereignis bestimmen. Eine falsche Behauptung, die oft genug wiederholt wird, kann den Charakter einer scheinbaren Tatsache annehmen.
Besonders wirkungsvoll sind Gerüchte, wenn sie an vorhandene Vorurteile anschließen. Die Vorstellung von russischer Grausamkeit, bolschewistischer Rücksichtslosigkeit und fremder Unterwanderung war in Deutschland bereits weit verbreitet. Deshalb fanden entsprechende Erzählungen ein aufnahmebereites Publikum.
Die Behauptung, Russen hätten deutsche Geiseln abgeschlachtet, ersparte vielen Beobachtern eine unangenehme Erkenntnis. Sie mussten sich nicht damit auseinandersetzen, dass Deutsche selbst für die Gewalt verantwortlich waren. Das Verbrechen konnte einem äußeren Feind zugeschrieben werden.
Auf diese Weise wird politische Gewalt entlastet. Wer die Opfer als Angehörige einer fremden Verschwörung darstellt und die Täter als Verteidiger der Ordnung präsentiert, kann selbst schwere Verbrechen als notwendige Gegenwehr rechtfertigen.
Die Verfälschung der Ereignisse zeigt, wie eng Propaganda, Feindbild und Gewalt miteinander verbunden sind. Nicht nur die politischen Entscheidungen, sondern auch die spätere Erinnerung werden durch die Frage geprägt, wer als Feind und wer als Opfer gelten soll.
Die widersprüchliche Rolle des Kaiserreichs
Die russophobe Hysterie der deutschen Revolutionsmonate enthielt eine bittere historische Ironie. Viele Deutsche empörten sich über die angebliche Einmischung Russlands in die deutschen Angelegenheiten, obwohl das Kaiserreich während des Weltkriegs selbst zahlreiche Agenten hinter den feindlichen Linien eingesetzt hatte.
Diese Agenten sollten in Frankreich, Großbritannien und Russland Unruhe stiften und die Bevölkerung zum Widerstand gegen die eigenen Regierungen bewegen. Das Ziel bestand darin, die Kriegsgegner von innen zu schwächen.
Besonders erfolgreich war diese Strategie in Russland. Deutschland hatte Lenin und mehrere seiner politischen Mitstreiter in einer geheim gehaltenen Aktion an den Ort des revolutionären Geschehens gebracht.
Die deutsche Führung folgte damit dem kurzsichtigen Grundsatz, dass der Feind des eigenen Feindes vorübergehend als Verbündeter betrachtet werden könne. Die Unterstützung der bolschewistischen Kräfte sollte Russland destabilisieren und den deutschen Kriegszielen dienen.
Später wurden ähnliche politische Methoden gegen die deutsche Linke verwendet. Was das Kaiserreich selbst als strategisches Mittel eingesetzt hatte, wurde nun bei den eigenen Gegnern als Beweis einer ausländischen Verschwörung angeprangert.










