Zwischen Feudaljoch und Marktdiktat – Die Frage nach dem historischen Sinn der Arbeit und der Freiheit
Screenshot youtube.comDie Auseinandersetzung um die richtige Wirtschaftsordnung und um den Platz des arbeitenden Menschen in der Gesellschaft durchzieht die gesamte neuere Geistesgeschichte wie ein roter Faden, der sich von den mittelalterlichen Werkstätten über die frühneuzeitlichen Manufakturen bis hin zu den globalen Finanzmärkten der Gegenwart spannt. Wer heute verstehen will, warum die Frage nach der Befreiung der Arbeit zugleich eine Frage nach der Befreiung von der Herrschaft des Kapitals ist, muss den Blick zurückwenden auf jene Epoche, in der die kleinen freien Bauern und Handwerker ihre Werkzeuge noch selbst besaßen und in der die Arbeit noch nicht zur bloßen Ware auf einem anonymen Markt geworden war. Der folgende Text unternimmt den Versuch, die geschichtliche Entwicklung von der mittelalterlichen Kleinproduktion über die kapitalistische Umwälzung bis hin zur gegenwärtigen Herrschaft der Marktmechanismen nachzuzeichnen und dabei die Frage zu stellen, ob der Weg in die Moderne zwangsläufig über die Verknechtung der zuvor befreiten Arbeitenden führen musste oder ob es einen anderen Pfad gegeben hätte, auf dem sich technische Schöpferkraft und soziale Freiheit miteinander verbinden ließen. Es geht dabei nicht um eine nostalgische Verklärung vergangener Zeiten, sondern um die Präzisierung eines historischen Sinns der Idee, der in der gegenwärtigen Ordnung nahezu vollständig verschüttet zu sein scheint.
Das progressistische Urteil über die mittelalterliche Produktion
Wer bei der industriellen Revolution des Mittelalters stehen bleibt und in ihr mehr sieht als eine bloße Vorstufe der eigentlichen großen Umwälzung, setzt sich dem scharfen fortschrittsgläubigen Urteil der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus aus. Es ging jedoch in der hier verfolgten Betrachtung nicht darum, einen Ausweg aus dem zeitgenössischen Widerspruch zwischen politischer Gleichheit und wirtschaftlicher Knechtschaft zu bahnen, sondern darum, soweit möglich einen historischen Sinn der Idee zu präzisieren. Dies vorausgeschickt, kehren wir zu den Ausführungen Friedrich Engels über die vorindustrielle Welt zurück. Engels beschreibt die Zeit vor der kapitalistischen Herstellung, also das Mittelalter, als eine Epoche des allgemeinen Kleinbetriebs auf der Grundlage des Privateigentums der Arbeiter an ihren Herstellungsmitteln. Dazu gehörten der Ackerbau der kleinen, freien oder hörigen Bauern ebenso wie das Handwerk der Städte.
Die Arbeitsmittel, also Land, Ackergerät, Werkstatt und Handwerkszeug, waren Arbeitsmittel des Einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet und daher notwendig kleinlich, zwerghaft und beschränkt. Aber sie gehörten eben deshalb auch in der Regel dem Hersteller selbst. Diese zersplitterten, engen Herstellungsmittel zu bündeln, auszuweiten und sie in die mächtig wirkenden Hebel der gegenwärtigen Produktion umzuwandeln, war nach Engels die geschichtliche Rolle der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Trägerin, des Bürgertums. Wie das Bürgertum dies seit dem Ausgang des Mittelalters auf den drei Stufen der einfachen Zusammenarbeit, der Manufaktur und der großen Industrie geschichtlich durchgeführt hat, sei von Karl Marx in seinem ökonomischen Hauptwerk ausführlich geschildert worden. Die geschichtliche Rolle der kapitalistischen Produktionsweise hätte also vom Zeitalter der frühen Neuzeit an darin bestanden, die handwerkliche Produktionsweise zu revolutionieren.
Der Preis der Revolutionierung: die Verknechtung der Pflüger
Das Problem ist nur, dass der Preis für diese Revolutionierung die massive Verknechtung der Pflüger war, jener Bauern und Handwerker, die sich zuvor unter großen Mühen vom Feudaljoch befreit hatten. Daher stellt sich nun folgende Frage: War die kapitalistische Verknechtung der Bauern und Handwerker eine geschichtliche Notwendigkeit in dem Sinne, in dem die Entwicklung der umwandelnden Erkenntnis eine Modernisierung des Produktionsapparats erforderte, die ihrerseits die Proletarisierung der Pflüger verlangt hätte? Wenn Engels in Bezug auf das antike Griechenland schreibt, dass bei den geschichtlichen Voraussetzungen der alten, speziell der griechischen Welt der Fortschritt zu einer auf Klassengegensätzen gegründeten Gesellschaft sich nur in der Form der Sklaverei habe vollziehen können, dann drängt sich eine beunruhigende Weiterführung dieses Gedankens auf. Muss man dann darunter verstehen, dass sich der Marsch in Richtung einer klassenlosen Gesellschaft ebenfalls in Form der Sklaverei hätte vollziehen müssen?
Oder bedeutet es ganz im Gegenteil, dass das unterscheidende Merkmal einer auf dem Klassengegensatz beruhenden Gesellschaft eben darin besteht, dass sich die Produktivkräfte in ihr in einer mehr oder weniger verhüllten Form von Sklaverei entwickeln? Diese Frage ist keineswegs bloß akademischer Natur, denn sie berührt den Kern dessen, was jede Wirtschaftsordnung im Innersten zusammenhält und was sie im Innersten zerstört. Die Antwort, die man auf diese Frage gibt, bestimmt maßgeblich, ob man die gegenwärtige Ordnung als unvermeidliches Schicksal hinnimmt oder ob man in ihr eine veränderbare, von Menschen gemachte Einrichtung erkennt, die auch von Menschen wieder umgestaltet werden kann.
Der Weg zur Knechtschaft und die zwei Arten der Koordination
Als der österreichisch-britische Wirtschaftsdenker Friedrich August Hayek während des großen Krieges in London seine viel beachtete Streitschrift über den Weg zur Knechtschaft verfasste, glaubte er, die Antwort bereits zu kennen: Nur der Weg in den Kommunismus würde ganz gewiss in eine Form der Sklaverei münden. Zwei Jahrzehnte später brauchte der amerikanische Wirtschaftsdenker Milton Friedman nur noch in seine Fußstapfen zu treten, um eine ähnliche These zu formulieren. Friedman zufolge gibt es dem Grundsatz nach nur zwei Arten, die wirtschaftlichen Tätigkeiten von Millionen von Menschen aufeinander abzustimmen. Die eine Art ist die zentral gelenkte, wobei mit Hilfe von Zwangsmaßnahmen gearbeitet wird, also mit Techniken, wie sie Heere und totalitäre Staaten anwenden. Die zweite Art ist die freiwillig gesteuerte, also das Zusammenwirken einzelner Menschen, wie man es auf jedem Marktplatz erleben kann.
Die Möglichkeit der Abstimmung durch freiwilliges Zusammenwirken beruht nach Friedman auf der grundlegenden, freilich häufig verneinten Voraussetzung, dass beide Seiten einer wirtschaftlichen Transaktion von ihr profitieren, vorausgesetzt, die Transaktion geschieht auf beiden Seiten freiwillig und in vollem Wissen darüber, was geschieht. Friedman beschreibt auf diese Weise eine Spielart des Austauschs, die auf Wechselseitigkeit und gegenseitigem Verständnis gründet, einen Austausch, dessen Triebkraft technische und gesellschaftliche Neuerungen begünstigt. Im Gegensatz dazu würde das Streben nach einer zentralen Lenkung auf den Feudalherrn zurückverweisen, der sich sämtlicher Herstellungsmittel bemächtigt und sich alle Mittel des Austauschs vorbehält, wobei er bestrebt ist, eine lebendige, vom Volk getragene Marktwirtschaft abzuwürgen. Diese Gegenüberstellung scheint auf den ersten Blick einleuchtend und bestechend in ihrer Einfachheit.
Die historische Wirklichkeit hinter der liberalen Theorie
Wenn man jedoch weiß, dass die Entstehung eines auf dem Warenaustausch beruhenden modernen internationalen Marktes geschichtlich gesehen vor allem die Form des transatlantischen Sklavenhandels angenommen hatte, der eine freiwillige und für beide Seiten, für Sklavenkäufer und Sklavenverkäufer, vorteilhafte Transaktion gewährleistete, dann ahnt man, dass es zur Prosa des liberalen Wirtschaftsdenkers kritischer Distanz bedarf. Diese Distanz sollten wir aber am besten nicht dadurch gewinnen, dass wir seinen Darlegungen jede theoretische Stichhaltigkeit absprechen. Vielmehr gilt es, im Kielwasser des französischen Forschers Grégoire Chamayou die Formen der geschichtlichen Praxis des Friedmanschen Kapitalismus zu untersuchen und so eine Herkunftsgeschichte des autoritären Liberalismus zutage zu fördern. In diesem Lichte betrachtet, kommt in der kapitalistischen Kritik an Heer und Staat nichts anderes zum Ausdruck als ein ziemlich natürlicher Anspruch, den die besitzenden Klassen erheben: der Anspruch auf das Gewaltmonopol.
Der Fortschrittsgläubige wird sich also weniger auf die Schriften Milton Friedmans beziehen, sondern eher auf die Äußerungen des ecuadorianischen Staatsmannes Rafael Correa, der die wichtigste Herausforderung der Menschheit am Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts darin sah, sich vom Joch des Kapitals und seiner wichtigsten Erweiterung zu befreien, von der Trugerscheinung des Marktes. Mit anderen Worten müsse es gelingen, die Menschen über das Kapital und die Gesellschaften über die Märkte zu stellen und den Märkten endlich den Status des Knechts und nicht den des Herren zuzuweisen. Diese Forderung nach einer Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse zwischen Markt und Mensch steht in einem scharfen Kontrast zur liberalen Vorstellung eines sich selbst regulierenden Austauschs, der angeblich zum Wohle aller Beteiligten wirkt.
Der Degen auf dem Weltmarkt und die Trägheit der Strukturen
Aber hatte nicht Engels bereits gewarnt und gefragt, wo denn der Degen sei, der auf dem Weltmarkt das Kommando führe? Diese Frage enthält eine bittere Erkenntnis, denn sie deutet an, dass der Weltmarkt keineswegs ein friedlicher Ort des freiwilligen Austauschs ist, sondern ein Schlachtfeld, auf dem die stärkste Macht die Regeln bestimmt. Und wenn wir dem französischen Denker Serge Latouche folgen wollen, so wäre unsere Zeit bereits abgelaufen, denn die neuen Strukturen pflanzen sich von nun an von selbst fort, allein durch das Wirken des Trägheitsgesetzes und der Marktmechanismen, wodurch die Beteiligten einem beinahe unausweichlichen Schicksal ausgeliefert sind. Die einzigen Veränderungen, die von diesem Zeitpunkt an noch möglich erscheinen, sind diejenigen, welche die Maschine selbst erzwingt.
Bedeutet das, dass auf die Trägheit der feudalen und imperialen Strukturen eine noch schrecklichere Trägheit folgt, nämlich die der namenlosen Mechanismen des Marktes, gleichsam Urteile der Götter, die dem Zugriff fortschrittlicher gesellschaftlicher Kräfte völlig entzogen sind? Oder heißt das, dass man auf den Degen, der auf dem Weltmarkt das Kommando führt, verzichten sollte, nicht um sich den Urteilen der Götter zu unterwerfen, sondern um sich von einem schöpferischen Prozess zu befreien, der in zwei Teile auseinanderfällt? Dieser Prozess besteht darin, dass zunächst das Vorbild oder die Gestalt des herzustellenden Dinges wahrgenommen und erkannt wird, damit dann die Mittel bereitgestellt werden können, um das Wahrgenommene zu verwirklichen. Die Frage nach dem Degen auf dem Weltmarkt ist somit zugleich eine Frage nach der Gestalt der Arbeit selbst und danach, wer über diese Gestalt bestimmt.
Die erträumte Befreiung und die Rückeroberung des schöpferischen Aktes
Anders ausgedrückt steht man vor der Wahl, ob man den Zeiten nachtrauern soll, in denen ein Feudalherr die Produktion beherrschte, indem er die liberalen Kräfte des Marktes zügelte, oder ob man im Gegenteil Zeiten anstreben soll, in denen die umwandelnde Vernunft nicht mehr dem Degen auf dem Weltmarkt untergeordnet wäre. Dieser Degen mag nun einem Feudalherrn, einem Fürsten oder einem Handelsmechanismus gehören, der eher auf dem Kräfteverhältnis als auf dem Austausch gründet. Der französische Dichter Rimbaud hat in seinem poetischen Vermächtnis von der erträumten Befreiung gesprochen, wie um nahezulegen, dass die furchtbar rasche Vollkommenheit der Gestalten und der Tat weder vom Weltmarkt noch vom Industriekapitalismus herrührt. Diese beiden Mächte stumpfen die Menschheit vielmehr ab und hinterlassen jene traurigen, starrenden, reglosen Räder, die auf zutiefst verwunderliche Art und Weise aus dem Schutt emporragen, jenes Bild der Verwüstung, das der amerikanische Romancier Faulkner so eindringlich beschrieben hat.
Die erträumte Befreiung rührt vielmehr davon her, dass der schöpferische technische Akt gesellschaftlich und sozial zurückerobert wird. Rimbaud ruft gleichsam die Fruchtbarkeit des Geistes und die Unermesslichkeit des Alls an, um eine Welt zu beschwören, in der die Arbeit nicht länger dem Diktat eines anonymen Marktes oder der Willkür eines einzelnen Herrn unterworfen ist. In dieser Vision verschmelzen die schöpferische Kraft des Geistes und die unendliche Weite des Möglichen zu einer Einheit, die weder durch feudale Knechtschaft noch durch kapitalistische Verwertung zerstört werden kann. Die Aufgabe besteht demnach darin, jene Fruchtbarkeit zurückzugewinnen, die im Mittelalter den großen Strom menschlicher und wirtschaftlicher Kreativität gespeist hat, und sie gegen jede Form der Tyrannei zu verteidigen, sei sie feudal, staatlich oder marktlich verfasst.















